Veröffentlicht am 29. September 2019 In Kommunikation, Schönstätter vernetzen

Tante Olga, die beiden Zweifler und der einfache Arbeiter

KOMMUNIKATION NACH DEM BEISPIEL VON JOSEF KENTENICH, Maria Fischer •

„Damit du deinem Kind davon erzählen kannst“ (Ex 10,2). Das Leben wird zur Geschichte – so lautet das Thema, das Papst Franziskus für den Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel 2020 gewählt hat. „Das Thema des nächsten Weltkommunikationstages erinnert uns auch daran, dass jede Geschichte aus dem Leben geboren wird, aus der Begegnung mit dem anderen. Kommunikation ist daher aufgerufen, Erinnerung und Leben durch Erzählung zu verbinden. Jesus benutzte Gleichnisse, um die Lebenskraft des Reiches Gottes zu vermitteln, und ließ den Zuhörern die Freiheit, sie aufzunehmen und mit sich selbst in Verbindung zu bringen. Die Stärke einer Geschichte drückt sich in ihrer Fähigkeit aus, Veränderungen zu bewirken. Eine exemplarische Geschichte hat eine transformierende Kraft…“ – so heißt es in der Erklärung dazu. Einer hat das schon vor über 100 Jahren gemacht und ein Modell von narrativer Kommunikation geschaffen, lange bevor das Wort „Storytelling“ erfunden war. Davon handelt dieser Artikel, der ursprünglich in der Zeitschrift Basis veröffentlicht wurde. —

MTA 1917

Drei Fragen stellt Prof. Dr. Westerbarkey, Dekan der kommunikationswissenschaftlichen Fakultät Münster, nachdem er den Entwurf der wissenschaftlichen Arbeit einer Studentin gelesen hat, die über einen Stoß vergilbter Zeitschriften vom Anfang des 20. Jahrhunderts handeln soll. Die zweite schlägt ein: Was hat die Kirche gemacht mit diesem Josef Kentenich, der mit diesem Modell die hierarchische Abwärtskommunikation der katholischen Kirche radikal hinterfragt? Ignoriert? Mundtot gemacht? Ins Exil geschickt?

Dieser Stoß vergilbter Zeitschriften, sagt er, birgt Sprengstoff. Dabei ist das, was P. Josef Kentenich von 1916 bis 1922 mit eben jener Zeitschrift MTA macht, so einfach. Geschichten. Reale, ehrlich und spannend erzählte Geschichten. Aus dem realen Leben.

Reale Geschichten

MTA 1916

Kopie der ersten Ausgabe, März 1916

Seit Studs Terkels „The Good War. An Oral History of World War II“ (Der Zweite Weltkrieg in persönlichen Geschichten, 1984) und einem neuen Journalismus, in dem niemand mehr am „Storytelling“ vorbeikommt, klingt das gar nicht mehr so revolutionär, was Zeitgenossen Kentenichs damals als „zu psychologisch“ und intellektuell hochstehenden Menschen unangemessen brandmarkten. Regenbogenpresse, so das vernichtende Urteil, allerdings nicht nur damals.

Dabei knüpft das Geschichtenerzählen in der Zeitschrift MTA an die Erzähltraditionen der Völker und aller großen Religionen vor deren Verschulungsprozess an. Diese Erzähltradition ist jedoch in den christlichen Kirchen und Gemeinschaften weitgehend auf der Strecke geblieben.

„Weil die Grundvoraussetzungen dieser (biblischen) Er­zäh­lun­gen durch die Religionskritik und das wissen­schaft­lich-technische Weltbild infrage gestellt wurden, zer­fiel die Ba­sis der religiösen Erzähltradition.

Als Antwort auf die Bedrohung der Tradierung des Glaubens griffen die Kir­chen selbst zu den Mitteln der Aufklärung. Sie vertrauten nicht mehr den eigenen Erzähl­traditionen, sondern den Methoden des Unterrichts. (…) Aus einer Erzählgemeinschaft wurde ein Schulungsunterneh­men“, schreibt der Jesuit Dr. Eckehardt Bieger.

Mit Schulung, so Kentenichs Überzeugung und Erfahrung, lässt sich der Alltag in den Schützengräben nicht meistern.

„In den Erzählungen der Religionen wird von Menschen be­richtet, die Erstaunliches erleben, die in Krisen geraten, die in eine neue Richtung gehen, für die andere Werte Vorrang erhalten. – Das alles wird erzählt im Bezug auf einen trans­zendenten Partner des Menschen, der in den Lebensge­schichten handelt, der für die Helden der religiösen Ge­schichten von größter Bedeutung ist“, so Bieger.

Genau das ist die Lektüre der MTA. Da erzählen junge Menschen einander von ihren Erfahrungen mit Gott und mit diesem Neuen, das sie mit diesem „Kongregationskapellchen“ und der Erneuerung der Welt von Schönstatt aus erleben.

1915 werden die ersten  Schönstätter zum Militär­dienst eingezogen. Bis dahin waren sie alle versammelt gewesen an einem Ort, hatten Versammlungen gehalten und untereinander und mit Pater Kentenich intensiven Austausch gepflegt.

Und jetzt? Pater Kentenich schreibt unzählige Briefe und regt die in Schönstatt verbliebenen Schüler an, sich für den Kontakt mit den „Auswärtigen“ verantwortlich zu halten. Was fehlt, ist das, was vorher die Versammlungen waren. Keine Predigten und Vorträge; was diese mit ihren Überzeugungen und Idealen auf sich allein gestellten jungen Menschen jetzt brauchen, ist gegenseitiges Erzählen. So entschließt sich Pater Ken­tenich Anfang 1916 zur Herausgabe einer eigenen Zeitschrift, die „Mater ter admirabilis“, MTA, hieß.

Die  erste Nummer hatte eine Auflage von 100 Stück. 100 Exemplare einer maschinengeschriebenen, im Steindruckverfahren vervielfältigten, 8 Seiten starken Zeitschrift, in deren erster Nummer es um „Mariens mächtigen Beistand“, um eine Sodalenversammlung in einem Berliner Bierlokal, gestohlene Socken, zufallende Augen beim Abendgebet, um den „Dienst an unserer Königin“ und „Schätze vom Gnadenort Schönstatt, die an alle Kampfplätze herausfließen sollen“, geht.

Mehr als 75% aller Beiträge der MTA sind unmittelbare Lebensvorgänge, sind Erfahrungen. Pater Kentenich schöpft, wie er 1919 schreibt, aus ei­nem Schatz von ungefähr 15.000 Briefen.  Von ihm selbst steht kaum einmal ein Beitrag in der MTA, und wenn, dann besteht der überwiegend aus Briefausschnitten.

Die Jungen sind mitteilsam – spontan, unbekümmert, selbstverständlich.

Er wählt aus, ordnet, stellt die Ausschnitte so zusammen, dass einer den andern beantwortet, dass sie sich ergänzen und zusammen ein volles, rundes Bild ergeben, ohne jeden einzelnen Beitrag zu harmonisieren und auf Linie zu bringen.

Er stellt Anregungen zur Diskussion und fügt die Fäden der auseinanderlaufenden Meinungen behutsam zusammen.

Er  ermutigt, indem er geglückte Lebensvorgänge veröffentlicht. Nicht, dass keine Probleme vorkommen – die Realität des Krieges und eigener Schwächen kommt brutal ehrlich vor: aber kein Beitrag findet sich in der MTA, in dem sich nicht eine ansatzweise Überwindung der Schwierigkeit andeutet. Selbst dann, wenn ein Junge, der Priester werden möchte, sich unsterblich in die Krankenschwester im Lazarett verliebt hat.

Wenn ein Brief nicht schon in sich selbst einen solchen geglückten Lebensvorgang enthält, nutzt er das Mittel der dialogischen Zusammenstellung und setzt einen  Brief eines anderen Sodalen dahinter, der  – wieder aus eigener Erfahrung, also echt und überzeugend – Antwort gibt auf das angeschnittene Problem.

Da will ein Albert Eise in der vollen jugendlichen Begeisterung das viel zu kleine Kapellchen nach dem Krieg abreißen und durch eine anständige, der großen Mutter des Herrn würdige Kirche ersetzen. Und seine Werbeaktion, verbunden mit der vermutlich ersten Fundraisingkampagne Schönstatts, läuft weit über ein Jahr…

Kein Eingriff, kein Stoppen, kein entsetzter Aufschrei.

Nur ein paar Seiten davor oder danach Geschichten vom Besuch im Kapellchen und vom Heimweh danach.

Wie die Geschichte ausging, ist bekannt. Von dem gesammelten Geld wurde die Gedenktafel angefertigt, die noch heute rechts an der Wand des Urheiligtums daran erinnert, dass Leben auch einmal über die Ufer schießen kann.

Unerschütterlich ist Kentenichs Überzeugung, dass Leben, das aus dem Saatkorn des Liebesbündnisses wächst, gut wachsen wird.

MTA Nachdruck 1924

Rund um den Tisch

Es bleibt nicht beim bloßen Erzählen von Geschichten. Kentenich öffnet einen Raum des freien, gleichberechtigten Dialogs.  Geschichten also nicht zum Konsumieren, sondern zur Stellungnahme. Was wächst in mir, wenn ich aufnehme, was dort in Berlin, in Hagenau, in Vallendar bei dem und dem wächst? Gegenseitige Anregungen, so nennt Kentenich das, „rund um den Tisch“.

Rund um den Tisch: das ist das Gegenteil von passivem Konsum und betreuender Abwärts-Kommunikation. Mindestens jeder zweite Artikel in der Zeitschrift MTA enthält eine Aufforderung zur Stel­lungnahme oder eine Stellungnahme zu einem vorherigen Artikel, wodurch ein Raum echten Meinungs- und Erfahrungsaustausches un­tereinander im Sinne gegenseitiger Anregungen und demokratischer Willens- und Meinungsbildungsprozesse geschaffen und – und das ist entscheidend –   dieser auch als solcher angenommen wird.

Horizonterweiterung

Und das nicht in einem Binnenraum. Schon die erste Ausgabe der MTA hat 100 Exemplare, auch wenn bloß 50 junge Schönstätter beim Militär sind. Der Rest ist zum Weitergeben. Und sie geben sie an andere Soldaten weiter. Und an Geschwi­ster, Eltern, Geistliche, Schüler, Sanitäter und Pfle­gerinnen in Laza­retten.

Da schreibt ein Schönstätter Soldat im Juli 1916 an  Pater Kentenich:

„Ein Hiltruper Theologe (Gefreiter) bittet um Zusendung der MTA. Er möchte sie auch einem Bonner Theologen (Unteroffizier) zugänglich machen.“

Dabei sind diese beiden Theologen in größeren Zweifeln, klagen über die „Gefahr geistig-geistlicher Versumpfung“. Und gerade diese beiden hat er auf die MTA aufmerksam gemacht;  logische Begründung:

„Gewiss ist das alles – gemeint: das Zweifeln und Klagen der beiden Theologen – ein Be­weis mehr für die Notwendigkeit unserer marianischen Bestrebungen.“

Am 14.11.1916 schreibt ein Sodale:   „Mein lieber Vater, damit Du Dich umso besser von dem guten Geiste, der meine Mitstudenten draußen im Felde beseelt, überzeugen kannst, will ich Dir gern von heute ab regelmäßig unser Zeitschriftchen – Mater ter admirabilis – zusenden. Du wirst vielleicht auch für Dich einigen Nutzen daraus ziehen. Also um mich brauchst Du Dich nicht gar so ängstigen …“ – Antwort des Vaters: „Mein lieber Walter. Dein Brief und Euer Zeitschriftchen hat mich sehr erfreut. Da Tante Olga dieselben Zweifel und Sorgen hat wie ich, so habe ich ihr (beides) zur Einsicht gegeben. Ich glaube ganz sicher, dass auch sie und Onkel sich darüber freuen …“

25.3. 1917, Wilhelm Waldbröl: „Ich habe zwei Kameraden gefunden, die wünschen, in das Buch Mariens eingetragen zu werden. Gleichzeitig wollen sie mit einem dritten die MTA beziehen.“ –  1.5. 1917, einer dieser beiden: „Ich bin ja nur ein einfacher Arbeiter. Aber wenn es heißt, etwas für meine himmlische Mutter zu tun, so möchte ich doch auch gerne dabei sein.“

Die Geschichten in der MTA faszinierten. Zogen an.

Und was und wer auch immer dadurch in das Blickfeld der Schönstätter geriet, weitete den Blick im Sinne eines Aha-Erlebnisses:  Maria möchte vom Heiligtum aus wirken: auch „hier“; auch diese „jugendlichen Herzen“ möchte sie an sich ziehen.

Also, Schönstatt, öffne dich für diese Realitäten.

Und lass dir erzählen…

IStockphoto Getty Images N° 1137596813, We-Ge. Licensed for schoenstatt.org

Ursprünglich veröffentlicht in Basis Juli/August 2019. Mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers

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