lado oscuro

Veröffentlicht am 2021-05-25 In Kolumne - Carlos Barrio y Lipperheide

Führung von der Rückseite des Mondes

Carlos Barrio y Lipperheide, Argentinien •

Wir leben in einer Welt, die sich zu sehr auf die Suche nach einer Führungspersönlichkeit konzentriert, die glänzt, und dabei teilweise die Bedeutung der Teamarbeit überschattet. Vielleicht, weil es in der heutigen Gesellschaft eine „exitistisch-ergebnisorientierte“ und narzisstische Tendenz gibt, in der wir versuchen (und es vielleicht auch brauchen), immer im Blickfeld der anderen zu sein, im Mittelpunkt zu stehen, herauszustechen, zu sprechen und aufzufallen. Es scheint, dass wir ein „Like“ von anderen als Nahrung brauchen, um voranzukommen und uns zu „retten“. —

Möglicherweise ist diese Tendenz auch darauf zurückzuführen, dass wir zu einem großen Teil zu „menschlicher Ware“ geworden sind, die permanent in sozialen Netzwerken „notiert“ wird. Hinter diesen Zitaten steht eine Kommerzialisierung der Person und eine gewisse Angst, abgewertet zu werden. Diejenigen, die keine „brillante“ Führung haben, scheinen Gefahr zu laufen, nach und nach in den Schatten gestellt zu werden und zu „verschwimmen“.

Der dritte Astronaut

Am 28. April ist der Astronaut Michael Collins, eines der drei Mitglieder der Apollo XI-Mission, die im Juli 1969 zum ersten Mal einen Menschen auf den Mond brachte, im Alter von 90 Jahren gestorben.

Collins war das einzige der drei Mitglieder der Mission, das keinen Fuß auf den Mondboden gesetzt hat.

Wahrscheinlich wegen dieser Tatsache war Collins der am wenigsten sichtbare der Mission oder zumindest der Einzige, der, obwohl er so nah war, nicht die kostbare Trophäe errang, seinen Boden zu betreten. Ein einziges Bild genügt, um zu verstehen, wie Collins als Team an dem Ort arbeitete, der nicht leuchtet: Während die Menschheit fasziniert im Fernsehen verfolgte, wie Armstrong den Mond betrat und dann zusammen mit Aldrin per Telefon mit dem amerikanischen Präsidenten Nixon kommunizierte, begann Collins, sich 47 Minuten lang mit dem Raumschiff „Columbia“ auf der Rückseite des Mondes zu verstecken, weg von seinen Begleitern und isoliert von jeglicher Kommunikation und jeglichem Sichtkontakt mit der Welt. Die absoluteste Einsamkeit!

Sicher ist, dass ein „Collins“ notwendig war, damit Armstrong und Aldrin am 20. Juli 1969 den Mondboden erreichen konnten. Ohne Collins gibt es keinen Armstrong und keinen Aldrin!

Retrato de la tripulación principal de la misión de alunizaje Apolo 11. De izquierda a derecha son: El comandante, Neil A. Armstrong; el piloto del módulo de mando, Michael Collins; y el piloto del módulo lunar, Edwin E. Aldrin Jr.

Porträt der Besatzung der Apollo 11-Mondlandungsmission. Von links nach rechts sind dies: Der Kommandant, Neil A. Armstrong; Pilot des Kommandomoduls, Michael Collins; und Pilot der Mondlandefähre, Edwin E. Aldrin Jr. – Quelle: Wikimedia

Teamarbeit

Nur durch großartige Teamarbeit konnte dieses Meisterwerk der Menschheit gelingen. Eine Koordination, die weit über das hinausging, was von diesen drei Astronauten geleistet wurde, denn dahinter standen mehr als 400.000 Menschen, die für die NASA und andere Agenturen arbeiteten und ihre Intelligenz und ihr Können einbrachten, um diese Leistung zu erreichen. Außerdem würde ich sagen, dass die gesamte Menschheit – bewusst oder unbewusst – ihren Beitrag zur Erreichung der Mondlandung geleistet hat.

Bei jeder Teamarbeit müssen wir verstehen, dass es für uns notwendig ist, ein bisschen von allen drei Astronauten zu sein: Manchmal sind wir dazu aufgerufen, Collins zu sein, der die Rückseite, die verborgene Seite einer Aktivität durchläuft, ein anderes Mal werden wir Aldrin ähneln, der nahe an der Helligkeit ist, aber die Augen auf jemand anderen richten lässt, und vielleicht die wenigsten Male werden wir Armstrong sein, der das Rampenlicht einnimmt und das Zentrum aller Lichter ist.

Aber keiner der drei Astronauten hätte das Ziel erreichen können, wenn es nicht eine koordinierte und motivierte Teamarbeit gegeben hätte. Und darin lag der Erfolg!

Wir wissen nicht wirklich, wer der Leiter der Mondmission war. Vielleicht war der sogar auf der Erde. Aber wir wissen, dass die drei Astronauten sich gegenseitig ergänzten und ein großartiges Team bildeten, das den Erfolg der Mission ermöglichte, und dass dieser Erfolg nur möglich war, weil sie sich als Teil eines Projekts fühlten, das sie motivierte und sie dazu anspornte, das Beste eines jeden von ihnen zu geben. Mit anderen Worten: Es war eine Aufgabe, die bei den Teilnehmern große Begeisterung und Vitalität geweckt haben muss. Und es ist diese Vitalität, die sich gegenseitig durch die Beiträge verschiedener Menschen nährt, die eine Synergie der Rückkopplung erzeugt, in der 1+1 nicht gleich 2, sondern 3 ist.

Die wahre Führungspersönlichkeit ist diejenige, die sich anderen gegenüber öffnet, um zuzuhören

Heute, inmitten der COVID-19-Pandemie, müssen wir mehr denn je den Glauben und die Hoffnung auf unsere Stärken zurückgewinnen und eine neue „Apollo XI-Mission“ starten, die uns vereint, um die erlittenen Verluste wieder auszugleichen. Wir müssen ein gemeinsames Ideal finden, das unseren Enthusiasmus vervielfacht, um voranzukommen.

In diesem Zusammenhang erleben wir einen tiefgreifenden Wandel in der Bedeutung von Führung. Nach und nach entdecken wir, dass eine gute Führungskraft nicht jemand ist, der das Sagen hat, der sich ein vermeintliches Wissen aneignet und anderen sagt, wohin sie gehen und was sie tun sollen. Diese Führung ist nicht mehr zeitgemäß. Das Bild der einsamen, einzigartigen, außergewöhnlichen Führungspersönlichkeit, die sich durch ihr exklusives Wissen von anderen unterscheidet, hat durch die Wucht der Realität seine Relevanz verloren.

Jedes Mal wird es besser verstanden, dass die wahre Führungspersönlichkeit diejenige ist, der sich den anderen öffnet, um zuzuhören und die lebenswichtige Wahrheit zu entdecken, die jeder in sich trägt, und der sich gleichzeitig mit seinem eigenen Leben anbietet; der die Entdeckung des Weges erleichtert, dem er folgen soll, indem er die Wahrheiten und Werte der anderen befeuert und seine eigenen ebenso; der in seinem eigenen Fleisch die kollektiven Probleme und Schwierigkeiten teilt und von diesem Ort aus hilft, zu wachsen, indem er das gesamte Team motiviert und versucht, die Höhe zu erreichen.

Josef Kentenich erklärt diesen Prozess der Führung mit großer Weisheit, wenn er sagt: „… das Leben, das in mir ist, soll durch das Leben all derer gehen, mit denen ich zu tun habe, für die ich arbeiten soll. Aber dieser Strom des Lebens wird wiederum durch das Leben in meiner Gemeinschaft gespeist. Der Strom, der von mir ausgeht, nimmt den Strom auf, der in jedem einzelnen ist. Und der Strom setzt seinen Lauf von Mensch zu Mensch fort, kehrt wieder zu mir zurück und fließt immer weiter … Ich erzeuge im anderen das Leben, das in mir am Werk ist … meine Untergebenen, sie übertragen diesen Lebensstrom. Auch ich empfange Leben von ihnen, sie sind Miterzeuger des Lebens.“ [1]

Führung besteht nicht in intellektuellem Wissen, sondern vor allem darin, die Brücke zu sein, die es ermöglicht, den Lebensstrom aller Teammitglieder gemeinsam zu teilen und eine kollektive Begeisterung zu erzeugen, die zum Erreichen der Ziele führt.

Die neue Führung

Aber zusätzlich zu dem, was gesagt wurde, ist die Führungsperson diejenige, die es ermöglicht, dass jeder mit seinem eigenen inneren Selbst in Kontakt kommen kann, mit seiner Originalität und seiner Mission, mit seinem „ursprünglichen Seelenatem“[2], mit den Gaben, die jeder in das Team einzubringen hat. Von diesem Ort aus wird sich jedes Teammitglied erfüllt fühlen und sich wie Collins, Aldrin oder Armstrong verhalten. Sie werden in der Lage sein, durch die dunkle Seite des Mondes oder die Helligkeit des Erfolgs zu gehen, mit dem Gefühl, dass es ein Teil ihrer Mission ist.

Der argentinische Geschäftsmann Enrique Shaw[3], war ein Beispiel für die neue Führung, auf die ich mich beziehe. Domingo Evangelista, ein Angestellter der Fabrik in Rigolleau, wo Enrique Shaw Generaldirektor wurde, erinnert sich, dass er eines Tages „… anhielt, um mit uns zu sprechen, er stellte sich neben uns und begann freundlich zu fragen: Wie geht es Ihnen, wie geht es Ihnen? Es hat mir gefallen, und ich war beeindruckt, dass er sich erkundigen wollte, wie es uns geht, ich war überrascht, weil er einen gelben Overall trug und dass er kam, um zu fragen. Die Direktoren kamen immer in Anzug und Krawatte.“[4]

Zweifellos ist Shaws Haltung eine, die Leben spendet, indem er empathisch zur Seite geht und fragt, wie es den anderen geht, zuhört und weiß, dass es in einem Team notwendig ist, dass jeder seine Bedürfnisse und Wünsche äußern kann und dass es nicht möglich ist, eine Führung losgelöst vom Leben ihrer Mitglieder und ihrer Mission aufzubauen. Shaws bescheidenes Einfühlungsvermögen zeigte sich nicht nur in seinen Worten, sondern auch in seiner Haltung, dieselbe Arbeitskleidung zu tragen.

Von diesem Ort aus, in die Ebene hinabzusteigen, einer unter anderen zu sein, offen dafür zu sein, die Wahrheit und das Leben seiner Mitarbeiter zu empfangen und ihnen seinerseits sein Leben anzubieten, ist es möglich, sich rückzukoppeln und eine Atmosphäre gegenseitiger Offenheit und gegenseitigen Vertrauens zu schaffen, in der alle für das Erreichen des Ziels wichtig werden.

In diesen Zeiten, in denen COVID-19 so viele Arbeitsplätze vernichtet hat, viel Angst und Verzweiflung erzeugt und uns zu einer starken sozialen Isolation führt, die die Fähigkeit, vereint und integriert zu arbeiten, ernsthaft beeinträchtigt, ist es mehr denn je notwendig, das Beispiel von Enrique Shaw nachzuahmen und das Gewebe der Einheit unter denen, die das Netzwerk der Arbeit bilden, wieder aufzubauen.

Es ist diese Veranlagung, die zu einem Gefühl von Teamwork und Mission führen wird, in dem jeder spüren kann, dass er für das Erreichen des vorgeschlagenen Ziels unerlässlich ist, und dass dafür die Armstrongs nicht wichtiger sind als die Aldrins oder die Collins.

Earthrise

 

Dieser Text wurde in verschiedenen Medien veröffentlicht. Mit Genehmigung des Autors.

[1] Josef Kentenich. Vorträge 1963, 3, 42-45. Josef Kentenich, Zitiert nach: José Kentenich. “Textos Pedagógicos” (Herbert King), Ed. Nueva Patris (2008 ) S.305 ff. Deutsch nach dem Original.
[2] Josef Kentenich. Vorträge von 1937 (Exerzitien). Zitiert nach: “El Hombre Heroico”. Editorial Patris (2002), S. 124.
[3] Enrique Shaw war ein argentinischer Laie und Geschäftsmann, der am 26. Februar 1921 in Paris geboren wurde. Er hatte ein verdienstvolles Leben als Ehemann, Vater, Freund und Geschäftsmann, und zwar in einem solchen Ausmaß, dass die Kirche den Prozess seiner Heiligsprechung eröffnete. Im Jahr 1952 gründete er zusammen mit anderen Geschäftsleuten die Christliche Vereinigung der Wirtschaftsführer (ACDE). Das Zeugnis seines Lebens, seine Schriften und Konferenzen haben viele Menschen inspiriert und sie ermutigt, in der Arbeits- und Geschäftswelt auf eine heilige Weise zu leben. Er starb am 27. August 1962 in Buenos Aires.
[4] Sara Shaw de Critto “Viviendo con alegría. Testimonios y breve biografía de Enrique Shaw”. Editorial Claretiana (2017), S.105.

Original: Spanisch, 24.05.2021. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

 

 

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