Ukraine

Veröffentlicht am 2022-03-02 In Kirche - Franziskus - Bewegungen, Themen - Meinungen

Ukraine: Es geht um Menschenwürde und Gerechtigkeit

Bischof Dr. Michael Gerber, Fulda, Deutschland •

Die Nachrichten, die wir derzeit stündlich aus dem Osten Europas, insbesondere aus der Ukraine erhalten, bewegen uns zutiefst. Unsere Solidarität gilt denen, die unmittelbar vom Kriegsgeschehen betroffen sind, denen, die Angehörige verloren haben, den Verletzten, Traumatisierten, denen, die auf der Flucht sind und vor den Trümmern ihrer Existenz stehen. —

Auf dem Hintergrund der langjährigen freundschaftlichen Verbundenheit mit der Kirche in der Ukraine, insbesondere mit dem Bistum Iwano-Frankiwsk, erreichen uns in diesen Tagen sehr konkrete Schilderungen der Dramen, die sich derzeit im Land abspielen. Viele aus der Ukraine stammende Menschen hierzulande sind in großer Sorge um ihre Angehörigen. Der Bereich Weltkirche unter der Leitung von Weihbischof Diez und die Caritas im Bistum Fulda haben bereits Maßnahmen ergriffen, um effektiv vor Ort im Land Hilfe leisten zu können.

Zugleich gilt unser Mitgefühl auch den Menschen in Russland, deren Angehörige in einen sinnlosen Krieg geschickt wurden oder die sich unter Inkaufnahme großer persönlicher Nachteile für Frieden und Verständigung einsetzen.

Ein eklatanter Bruch des Völkerrechts

Es ist die Aufgabe von uns Christen, die Solidarität mit den leidenden Menschen auf beiden Seiten der Front zu leben. Die Würde des Menschen gilt unbedingt und unabhängig davon, zu welchem Volk jemand gehört. Jedes Volk hat das Recht, seine Regierung frei zu wählen und selbst zu entscheiden, welche Partnerschaften und Bündnisse es eingeht. Auf diesem Hintergrund ist die russische Invasion, der Überfall auf die Ukraine ein eklatanter Bruch des Völkerrechts und widerspricht zutiefst den Werten des Christentums.

Im christlichen Menschenbild ist Freiheit mit Verantwortung verbunden. Diese Verantwortung zeigt sich besonders in der Art und Weise, wie die Freiheit des Anderen geschützt und gefördert wird.

Zeitenwende

Die aktuelle Situation hinterlässt den Eindruck, dass wir hier an einer Zeitenwende stehen. Welche Kräfte setzen sich auf unserem Globus mittel- und langfristig durch? Sind es diejenigen, die enthemmt ihre Macht und damit ihre Vorstellungen bis zum Äußersten durchsetzen wollen? Kritisch müssen wir wahrnehmen, welche politischen Kräfte in welchen Ländern auf welche Weise derzeit Verständnis für die russische Invasion zeigen. Werden sich hingegen jene politischen Kräfte sich behaupten können, die im Diskurs, in der Achtung vor der Würde des Menschen und den davon ableitbaren Rechtsnormen nach einer Lösung suchen?

Nach christlicher Überzeugung versteht sich Macht in Verantwortung vor Gott und den Menschen. So ermöglicht sie die Chance, Zukunft zu gestalten. Doch zeigt sie ihre wahre Größe in der Selbstbeschränkung der Mächtigen, in der Bereitschaft, die je eigene Position kritisch hinterfragen zu lassen. Daher ist gerade im dynamisierten Geschehen dieser Tage der politische und gesellschaftliche Diskurs notwendig. Gefordert ist die beständige Suche nach alternativen Lösungswegen, die zur Deeskalation und zum Frieden beitragen können.

Entscheidungen

Im Gebet werden wir daher besonders auch unsere Politikerinnen und Politiker begleiten, die sehr schwere Entscheidungen zu treffen haben. Aufgrund der Komplexität sind die Folgen dieser Entscheidungen längst nicht in jeder Hinsicht absehbar. Und dennoch müssen Entscheidungen getroffen werden.

Als Menschheit sind wir neu gefordert im Einsatz für Menschenwürde und Gerechtigkeit. Gleichzeitig dürfen wir darauf vertrauen, dass unser Leben und dass der Weg der Menschheit in der Hand dessen liegt, der sich einst dem Volk Israels als der „Fürst des Friedens“ geoffenbart hat und der in Jesus Christus uns dazu aufruft, Frieden zu stiften.

Quelle: www.bistum-fulda.de., Pressemeldung

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