dolor

Veröffentlicht am 2021-08-17 In Fratelli Tutti, Themen - Meinungen, Zeitenstimmen

Bewegt uns der Schmerz der anderen?

Von Dr. Eduardo Jurado Bejar, Ecuador •

Wir sehen heute, was in Venezuela, Haiti, Afghanistan und in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara geschieht, und ich frage mich, ob wir davon berührt sind. —

Dass etwas uns bewegt, bedeutet, dass es uns stört, uns verunsichert, uns verändert, dass es uns effektiv zu jemandem oder etwas bewegt; es bedeutet, dass es unsere Gefühle aufwühlt.

Erich Fromm hat darauf hingewiesen, dass Liebe und Solidarität, wenn sie echt sind, auch universell sind. Er sagte, wenn man einen Menschen liebt, liebt man auch die Menschheit.

Solidarität ist Teil unseres genetischen Gepäcks als Garantie für das Überleben unserer Art. Und in unserer christlichen Realität wird sie als moralische Kategorie und als Tugend vorausgesetzt. Es handelt sich also nicht um ein oberflächliches Gespür für die Nöte der Menschen, ob nah oder fern. Im Gegenteil, es ist die feste und beharrliche Entschlossenheit, für das Gemeinwohl zu arbeiten, d.h. für das Wohl eines jeden, so dass wir alle wirklich füreinander verantwortlich sind.

Man kann unempfindlich sein für das Leid der Vielen und gleichzeitig sehr empfindlich für den Schmerz der Wenigen in einem bestimmten Moment. Es gibt empirische Belege für das Vorhandensein einer gewissen emotionalen Distanz, die mit einem Verhalten einhergeht, das eindeutig unempfänglich für das Unglück anderer ist.

„Wie oft sagen wir: Das ist nicht mein Problem. Wie oft schauen wir weg und tun so, als würden wir es nicht sehen. Nur ein Samariter, ein Fremder, sieht ihn, bleibt stehen, hebt ihn auf, reicht ihm die Hand und heilt ihn“ (Papst Franziskus, Ansprache am 24. Juli 2013).

Die Unempfindlichkeit gegenüber dem Leiden anderer, die „weit weg“ sind, ist ein versteckter Abwehrmechanismus von uns, der sich auf verschiedene Weise äußert: Gleichgültigkeit gegenüber der Notlage oder der Bitte um Hilfe oder Distanzierung von der Aufforderung, etwas zu tun.

“ Da wir alle zudem sehr auf unsere eigenen Bedürfnisse bezogen sind, ist es uns lästig, jemanden leiden zu sehen; es stört uns, weil wir keine Zeit wegen der Probleme anderer verlieren wollen. Dies sind Symptome einer kranken Gesellschaft, die versucht, in ihrem Leben dem Schmerz den Rücken zuzukehren.“ (Papst Franziskus, Fratelli Tutti, 65).

Ich folge Franziskus und frage mich: Bewegt uns das menschliche Leid?

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Original: Spanisch, 15.08.2021. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

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