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Veröffentlicht am 2021-01-31 In Themen - Meinungen

Missbrauch in Schönstatt: Reden wir weiter darüber (3)

BRASILIEN, Luciana Rosas •

Angesichts der Resonanz auf den Artikel „Missbrauch in Schönstatt – darüber müssen wir reden“ ist mir klar geworden, dass es sehr wichtig ist, das Thema und die Diskussion darüber weiterzuführen, um mehr Wissen, Bewusstsein und Empathie zu schaffen.  In diesem dritten Artikel „Geistlichen Missbrauch verstehen„, dem letzten in einer dreiteiligen Serie, werden wir uns mit einigen Merkmalen missbräuchlicher Systeme befassen, damit wir Situationen geistlichen Missbrauchs erkennen und auch den Opfern helfen und mehr Mitgefühl für sie aufbringen können. Ziel ist, durch ein größeres Wissen über das Thema mehr Empathie zu entwickeln und die Opfer besser zu verstehen und aufzunehmen,  sowie als Schönstattfamilie objektiver im Kampf gegen die verschiedenen Formen von Missbrauch, die in unserer Bewegung vorkommen, arbeiten zukönnen. Denn ja, Missbrauch kommt vor. —

Geistlichen Missbrauch verstehen

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Mehr wissen über geistlichen Missbrauch: Wie können wir ein missbräuchliches System erkennen?

An dieser Stelle möchte ich auf das Buch The Subtle Power of Spiritual Abuse von David Johnson und Jeff Van Vonderen (in Deutsch erschienen unter dem Titel: Geistlicher Missbrauch: Die zerstörende Kraft der frommen Gewalt) zurückkommen, das im ersten Artikel über geistlichen Missbrauch zitiert wurde. Durch die Erweiterung der Diskussion über das Thema besteht einer der großen Beiträge darin, den Menschen zu ermöglichen, zu verstehen, dass es einen Namen für das gibt, was sie fühlen und erleiden, und Werkzeuge anzubieten, die ihnen helfen zu erkennen, ob sie in ihrem Umfeld missbräuchlichen Situationen ausgesetzt sind.

Dieses Buch widmet – in der gleichen Linie wie auch das  Herder-Sonderheft „Gefährliche Seelenführer“ – ein ganzes Kapitel den Erkennungsmerkmalen eines Systems geistlichen Missbrauchs, darunter:

  • Einnahme einer Machtposition, was bedeutet, dass die Leiter dieses Systems viel Zeit damit verbringen, sich auf die Autorität, die sie haben, zu konzentrieren und sie anderen gegenüber immer wieder zu betonen. Sie haben den Wunsch, Menschen „unter“ sie zu stellen, unter ihr Wort und ihre Autorität.

„Der Missbrauchstäter lässt bewusst zu, dass das Opfer seine Identität mit der geistigen Autorität, die er repräsentiert, verwechselt.“
Feridos em Nome de Deus, Marília de Camargo César („Verwundet im Namen Gottes“, im Original auf Portugiesisch), S. 46.

  •  Sorge um die Funktion der Mitglieder. In diesen Systemen werden in der Menschenführung häufig die Worte „Gehorsam“ und „Unterwerfung“ verwendet.
  • Vorhandensein von unausgesprochenen oder impliziten Regeln, die Manipulation ermöglichen. In einem spirituell missbrauchenden System werden die Menschen von außen nach innen durch Regeln kontrolliert, viele davon unausgesprochen. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass einem Mitglied eines missbräuchlichen Systems erst dann bewusst wird, dass eine Regel existiert, wenn es sie „verletzt“, weil sie nie laut ausgesprochen wird. Die mächtigste dieser Regeln ist die „Darüber redet man nicht“-Regel (No-talking). Es ist eine Art, sich dem Problem nicht zu stellen, denn nicht darüber zu sprechen, gibt das falsche Gefühl, dass das Problem nicht existiert. Wenn jemand es wagt, seine Meinung zu sagen, wird er zum Problem-Mitglied. Jeder, der versucht, die Hand zu heben, bekommt etwas zu hören wie: „Du bist wütend, du bist emotional, du bist verletzt, du hast das Thema nicht auf eine ‚liebevolle’/nette/reife Art und Weise angesprochen. Das zeigt, dass du mit dem Thema nicht auf eine reife christliche Weise umgehen kannst.“ Und sofort wird derjenige, der auf das Problem hinweist, selbst zum Problem.
  • Übermäßige Subjektivität im Umgang mit Problemen. Ein weiterer Aspekt der No-Talking-Regel besteht darin, dass es „Familiengeheimnisse“ gibt, die, wenn sie mit absoluter Subjektivität behandelt werden, direkte Wege für Manipulation und Missbrauch darstellen. Themen, über die nur wenige so genannte „Auserwählte“ hinter verschlossenen Türen, Fenstern und Vorhängen sprechen können, Fotos, die unter Verschluss gehalten werden, und Geschichten, die schlecht geklärt sind, werden in den Händen von Missbrauchstätern zu einem mächtigen Werkzeug der Manipulation.
  • Abwertungsstrategien, die Menschen peinlichen Situationen aussetzen, sie herabsetzen, sie demütigen und versuchen, negative Punkte hervorzuheben, um das Selbstwertgefühl zu beseitigen.
  • Pflege von Personalismus, der einer Person die ganze Macht und Autorität Gottes überträgt und damit für ein bestimmtes System des geistlichen Missbrauchs die Stimme dieser Person zwingend zur Stimme Gottes macht, die absoluten Gehorsam verlangt.

„Führungskräfte, die Missbrauch begehen, sind in der Regel von einer Vision besessen. Sie sind überzeugt, dass sie eine göttliche Mission haben, und im Namen dieser Mission sind sie bereit, Menschen zu opfern.“
Feridos em Nome de Deus, Marília de Camargo César, S. 72.

Wir müssen auch auf aufmerksam sein für Symptome wie Scham, Schuld, Traurigkeit, Unfreiheit und Angst. Diese Symptome können darauf hinweisen, dass jemand (oder man selbst) Situationen des geistigen Missbrauchs ausgesetzt ist.

Dies sind nur ein paar einführende Punkte zu diesem Thema, das unmöglich in einem einzigen Artikel erschöpft werden kann. Die Einladung ist, dass wir das Wissen und die Diskussion über das Thema für eine immer breitere Öffentlichkeit beginnen können.

 

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Empathie: ein Wort, das eine ganze Welt aufnimmt und verwandelt

Ich habe mich dieser Artikelserie bewusst dafür entschieden, einige persönliche Erfahrungen preiszugeben, damit die Merkmale des spirituellen Missbrauchs und die Art und Weise, wie dieses Thema immer noch behandelt wird, ein Gesicht haben und nicht nur theoretische Worte eines intellektuellen Diskurses sind. Damit hoffe ich auch, helfen zu können, dass andere Menschen nicht die gleichen Situationen durchmachen müssen, dass sie Zugang zu Informationen haben, Kommunikationswege finden und besser unterstützt werden, falls es nötig ist, eine Anzeige zu machen.

Nach der Lektüre all dessen, was geschrieben wurde, bleibt vielleicht die Frage: Was brauchen die Opfer von geistlichem Missbrauch und was können wir für sie tun? Ich zitiere noch einmal Barbara Haslbeck, Autorin von „Erzählen als Widerstand“- Berichte über spirituellen und sexuellen Missbrauch an erwachsenen Frauen in der katholischen Kirche ,  aus ihrem Interview mit einem spanischen Nachrichtensender:

„(Die Opfer) brauchen ein Gegenüber, das das Gehörte ernst nimmt und ihnen hilft, es in Worte zu fassen. Schließlich ist die Wahrnehmung der Betroffenen sehr verwirrt. Die meisten Frauen haben nicht zwei oder drei schlechte Erfahrungen gemacht. Viele Jahre lang „schenkten“ sie buchstäblich ihr Leben einer Gemeinschaft oder Bewegung. Diejenigen, die vortreten, brauchen längere Diskussions- und Bewusstseinsprozesse. Manche Frauen suchen eine Beratung auf, um die toxischen Gedanken, die ihnen auferlegt wurden, zu entgiften. Sie sind mit der Heiligen Schrift zum Thema Demut oder Gehorsam vergiftet worden. Die Missbraucher sagten ihnen, was Gottes Wille für sie war, und sie mussten gehorchen. Manche verlassen deshalb die Kirche. Andere bestehen darauf, dass auch sie ein Recht auf den Satz aus dem Johannesevangelium haben: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ Und wenn sie die Wahrheit sagen, hat das tatsächlich eine befreiende Wirkung auf sie.“

Was Opfer von Missbrauch von jedem von uns brauchen

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Ich wage zusammenzufassen, was Missbrauchsopfer von jedem von uns brauchen:

Aufmerksames Zuhören. Professionelle Anleitung. Klare Anweisungen zu den Schritten, die unternommen werden können. Klarheit darüber, wer für die Bearbeitung der Beschwerde zuständig ist. Transparenz während des gesamten Prozesses. Professionalität im Untersuchungsprozess. Fairness. Offenheit zum Dialog, damit sich Situationen dieser Art nicht wiederholen. Respekt. Weniger Urteile. Weniger Ideologie. Mehr Akzeptanz.

Mögen wir den Weg der Liebe weitergehen, den Jesus uns durch das Herz unserer lieben Gottesmutter gelehrt hat, Liebe, die durch Einfühlungsvermögen und Solidarität mit den Menschen erfahren werden sollte. Alle Menschen. Liebesbündnis, Liebe. Konkret, jetzt.

 

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Original: Portugiesisch, 29.01.2021. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

Falls  Sie Teil 1 und Teil 2 verpasst haben:

Missbrauch in Schönstatt: Reden wir weiter darüber (2)

Missbrauch in Schönstatt: Reden wir weiter darüber (1)

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