justicia social

Veröffentlicht am 2020-06-22 In Kolumne - Rafael Mascayano, Neue Gesellschaftsordnung, Themen - Meinungen

Nächstenliebe und soziale Gerechtigkeit beginnen zu Hause

Von Rafael Mascayano, Chile •

In den ersten Umfragen nach dem sozialen Aufruhr vom 18. Oktober letzten Jahres in Chile war eines der Themen der Unzufriedenheit “ Misshandlung am Arbeitsplatz „. Ja, in unserem Land hat sich eine Form von missbräuchlichen Arbeitsbeziehungen etabliert, von mangelnder Achtung der Arbeitsrechte, und was noch stärker ist: von unangemessenen Formen in der Behandlung der Untergebenen durch ihre Chefs. —

“Es bleibt da nur eines übrig, wir müssen uns tief hinabneigen zu den Arbeitermassen, zu den Arbeiterkindern. Wir müssen uns tief hinabneigen und heraushören, was in diesem Erlösungsschrei Gesundes steckt, und diesen Erlösungsschrei dann beantworten.“P. Kentenich, Industriepädagogische Tagung 1930.
Das erste, was uns bestürzt, ist der größte Widerspruch zu dem, was Jesus in seinen Evangelien markiert hat und was wir am Beispiel seiner Mutter Maria sehen. Pater Kentenich spricht ständig zu uns über die Bedeutung der Würde jeder Person und den Respekt, den wir für sie haben sollten. Es ist der Kreuzzug des 31. Mai und sein Bindungsorganismus, der heute in unserer Gesellschaft fehlt. Gleichzeitig hat die Pandemie in einer großen Solidaritätsströmung das Beste in uns zum Vorschein gebracht, hat aber auch soziale Ungerechtigkeiten offenbart, und einige davon innerhalb der eigenenHäuser.

Vor Jahren machte uns P. Rafael Fernández bei einer Familientagung darauf aufmerksam, wie viele Ungerechtigkeiten bereits in unseren Häusern brüteten. Er forderte uns stark heraus in Bezug auf das, was in unseren Familien erlebt wurde: Wie gehen wir mit den Leuten um, die in unseren Häusern arbeiten? Sorgen wir dafür, dass sie nicht nur den legalen Lohn haben, dass sie sozialversichert sind und Steuern bezahlt werden, sondern dass wir über das Legale hinausgehen? Es ist ein Skandal, sagte er,  dass, während das Essen in unseren Häusern weggeworfen wird, die Leute, die bei uns arbeiten, nicht einmal die Grundlagen haben, um sich zu ernähren. Und so weiter mit Kleidung, Kindererziehung, Spielzeug, etc.

In vielen Häusern siehst du schöne Situationen, in denen Eltern, Kinder, Angestellte gemeinsam zu Mittag essen, und wo die Behandlung sehr herzlich ist. Es gibt jedoch andere Fälle, in denen Menschen, die in ihrem Haus arbeiten, von der Familie, mit der sie arbeiten, „unsichtbar“ gemacht werden; die Behandlung ist abwertend und sogar erniedrigend. Und was können wir über die Arbeitszeiten, das Recht auf Erholung, das Recht auf Familienleben sagen!

In einem Gespräch mit einer Schönstätterin, in dem wir unsere Sorge um das soziale Denken Pater Kentenichs teilten, bemerkte sie, dass sie mit großer Sorge die geringe Beziehung sah, die zwischen den Themen unserer Tagungen und der Art und Weise, wie Leute mit denen umgingen, bestand. Dass manche nicht einmal den Mindestlohn zahlten. Und in Gesprächen mit einigen Frauen, die in Privathaushalten arbeiten, gab es (zumindest in dieser Gruppe) nur sehr wenige, die positive Erfahrungen mit der Behandlung in der Arbeit oder persönlich gemacht hatten.

Keiner sollte unsichtbar sein

Das heißt erstens, dass meine ganze Handlungsweise, daß mein Gebaren mehr Achtung und Ehrfurcht vor der Persönlichkeit zeigt, vor dem kleinen Kinde, vor dem Arbeiter. Das ist heute das Allerwichtigste. Achtung und Respekt muß ich zeigen auch vor jeder Ansicht. Wir sollen immer die Persönlichkeit schätzen und werten. Ist es nicht bei uns auch so, wir können es wohl vertragen, wenn man uns weh tut, aber wenn dahinter Verachtung steckt, können wir das nicht aushalten. So auch hier: Achtung und Schätzung der Persönlichkeit, nicht lange Reden halten.“ P. Josef Kentenich, Industriepädagogische Tagung, 1930
Bei mehreren Gelegenheiten haben wir Schwester Angelica Infante zu verschiedenen Häusern begleitet, und jedes Mal, wenn wir ankamen, gingen wir, nachdem wir die Hausbesitzer begrüßt hatten, auch die Person begrüßen, die in diesem Haus arbeitete. Mit einem wunderbaren Gedächtnis, das Gott ihr gegeben hat und das sie pflegte, fragte sie sie nach ihrer Familie, nach jedem einzelnen von ihnen, und sie sagte uns, welche Talente sie entweder in der Küche oder bei anderen Tätigkeiten hatte. Niemand war für sie unsichtbar, jeder Mensch hatte eine Gabe und eine Wirklichkeit, die sie kannte und hervorhob und die in der Tat von Herzen kam. Von jung auf sagte sie uns: „Die Kleider, die eine Zeitlang nicht getragen werden, gehören nicht uns, sie gehören denen, die sie brauchen, und es ist wichtig, dass Sie sich darum kümmern“.

Unser Einsatz für das Heiligtum, das Liebesbündnis, das Hausheiligtum, führt uns zu der Überzeugung, dass die Erziehung unserer Kinder eine organische Realität sein sollte, da sie von zu Hause aus faire oder ungerechte Behandlung, eine liebevolle oder despotische Beziehung lernen. Und das Wichtigste ist die Kohärenz oder Inkohärenz zwischen Glauben und Leben.

Kürzlich sah ich auf Facebook ein Familienfoto eines alten Freundes aus der Mannesjugend, und was mich am meisten freute, war, dass im Zentrum Frau Emilia war, die seit vielen Jahren bei ihnen ist und die wichtigste Person in der porträtierten Gruppe war.

Wir lernen über soziale Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit aus dem täglichen Leben in den inneren Beziehungen eines Hauses und deshalb müssen wir uns unserer Kongruenzen und Ungereimtheiten als Katholiken, als Schönstätter bewusst sein. Es kann nicht sein, dass das Leben derer, die mit uns arbeiten, unbemerkt bleibt, dass wir ihr Leiden, ihre Realität nicht kennen und dass wir nicht einmal die Grundlagen tun, um sie zu respektieren und ihnen in jeder Hinsicht Würde zu verleihen: wirtschaftlich, arbeitsmäßig, beziehungsmäßig, familiar, religiös.

Original: Spanisch. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

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