Veröffentlicht am 9. November 2019 In Themen - Meinungen, Zeitenstimmen

Die Realität betrachten – für eine persönliche und gemeinschaftliche Bekehrung

CHILE, P. Juan Pablo Rovegno/Redaktion •

„Diese Woche war in Chile von unvorstellbarer Intensität. Jeder sichere, komfortable, gewohnte Raum wurde tief verändert und wir haben verschiedene Emotionen erlebt: Unglauben, Wut, Ohnmacht, Schmerz, Angst, Empathie, Zuhören, Zusammenarbeit, Hoffnung….“. So begann am Sonntag, den 27. Oktober, die Predigt von Pater Juan Pablo Rovegno, die wir hier in deutscher Übersetzung veröffentlichen. Obwohl er sich auf die aktuelle gesellschaftspolitische Krise Chiles bezog, lässt sich diese Reflexion durchaus auf viele der Realitäten anwenden, die wir in der heutigen Welt leben und sehen. Es ist die gleiche Herausforderung, die in den letzten Wochen so oft gestellt wurde: Wir Schönstätter sollten uns verabschieden von der Idee der Oase, des Zufluchtsortes,  müssen aufhören, die reale Welt als etwas zu betrachten, das „draußen“ ist. Wir müssen in der Wirklichkeit ankommen, an die Peripherie gehen und uns die Hände schmutzig machen. Es wird uns gut tun. Es macht uns zu Schönstatt. —

Der Übergang von irrationaler Gewalt zu einer friedlichen, übergreifenden Demonstration war beeindruckend. Es besteht kein Zweifel, dass es die Frucht des Gebets und des bewussten Angebots für den Frieden ist, aber auch, dass man sich eines echten Problems bewusst wird, eines Prozesses, der von uns allen Offenheit und Verfügbarkeit verlangt. Ein Prozess, der, obwohl er schon lange im Entstehen begriffen ist und nach Ausdrucksformen sucht, unsere engagierte Zusammenarbeit braucht, um einen glücklichen Abschluss zu erzielen.

 Reflektieren und unterscheiden

Es gab eine Vielzahl von Aussagen und Meinungen, einige klar, andere opportunistisch; es gab auch Vorwürfe, Abwehr und Beleidigungen; angestammte Ängste und tief verwurzelte Ressentiments, endemische Polarisierungen und noch nicht geheilte Wunden wurden geweckt. Das erste, was wir jedoch tun müssen (sobald sichAufregung, Ängste und Spekulationen gelegt haben), ist zu reflektieren, zu unterscheiden.

Eine persönliche Reflexion, aber auch eine gemeinschaftliche Reflexion, die uns öffnet, diesen Prozess zu durchlaufen, Teil eines Weges zu einem Chile zu sein, das in seinen Möglichkeiten und Grenzen, in seiner Realität und in seiner Zukunftsvision wahrer ist. Von der Idealisierung oder Ideologisierung eines Systems (was auch immer es sein mag) zu einer Realität zu gelangen, die neue Blicke, neue Zeichen, neue Formen und vor allem eine neue Art des Verständnisses von Land, Entwicklung, Redlichkeit, Gemeinwohl, Gerechtigkeit, Gleichheit und Frieden erfordert.

Persönliche und gemeinschaftliche Bekehrung

Unsere erste instinktive Antwort war das Gebet, und das war grundlegend. Unsere spontanen Reaktionen auf so viel Gewalt waren, zu helfen, Trümmer aufzuräumen, Asche zu kehren und zu teilen, und auch diese waren grundlegend. Die eigentliche Herausforderung für uns als Männer und Frauen des Glaubens ist jedoch die Herausforderung der „persönlichen und gemeinschaftlichen Bekehrung mit sozialen Folgen“, und dafür ist von ebenso anspruchsvoller wie grundlegender Bedeutung, die Realität zu betrachten.

Jeder von uns persönlich, aber auch jeder in Gemeinschaft (Familie, Arbeit, Gruppe, Kurs), ist aufgerufen, die Realität zu erkennen, in der wir leben, um einen Gott zu entdecken, der in der Geschichte gegenwärtig und aktiv ist. Ein Gott, der die Geschichte inmitten dieser Ereignisse führt.

Die heutigen Lesungen (27.10.2019, 30. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C), können uns in dieser Übung helfen und uns Hinweise für diese Unterscheidung geben.

Anerkennen, dass es ein reales Problem gibt

  1.  Anerkennen, dass es ein Problem gibt, dass es real ist und nicht fiktiv oder erfunden. Dass wir uns in das zugrunde liegende Problem einfühlen und es verstehen müssen. Wir können nicht in Angst, Schmerz und Wut über die Zerstörung, Plünderung und Gewalt verharren, noch in Qual über die Todesfälle und Exzesse eines Ausnahmezustands, noch in Ablehnung der von der Presse gezeigten Auswüchse. Wir müssen uns für das Gemeinwohl einer Nation öffnen, für Realitäten, die nicht sichtbar gemacht wurden, für Bedürfnisse, die nicht kanalisiert wurden, für Lösungen, die niemand gewagt hat.

 In diesem Sinne bringt die erste Lesung (Sir 35, 15b-17. 20-22) das Problem auf den Punkt: Gott hört nicht auf, dem Ruf der Armen zuzuhören. Die Armen, die Witwe und das Waisenkind stellen Situationen der Marginalität und Not dar, die Gott tief bewegen. Sie zeigen die schmerzhafte Realität des Mangels an Empathie, Würde, Integration und Chancen. Und Gott steht auf der Seite der Marginalisierten. Wir als Nachfolger Jesu sind aufgerufen, auf der Seite derer zu stehen, die unter diesem Mangel an Würde, an Möglichkeiten und Sichtbarkeit leiden, und das ist Teil der notwendigen Konsequenz unserer Nachfolge Jesu.

Ein neues Verstehen der Realität

  1.  Es geht um die Herausforderung, sich einer neuen Weltsicht zu öffnen, einer neuen Art und Weise, Wirtschaft, Staat, Entwicklung, Markt, Arbeit, Wirtschaft, Bildung und Bürgerschaft zu verstehen…. Wir können nicht in Polarisierungen und überkommenen, vererbten oder erworbenen Schreckgespenstern gefangen bleiben, die heute nicht mehr taugen oder nie getaugt haben. Für viele wecken das Wort Gerechtigkeit, Menschen und Gleichheit schmerzhafte Geister der Unidad Popular (Volksfront); diejenigen, die das Drama der Verletzung der Menschenrechte erlitten haben, sind wie gelähmt beim Anblick des Militärs auf den Straßen. Wir haben jedoch die Möglichkeit, die Realität auf eine neue Weise zu betrachten, nicht aus Polarisierung oder Angst, sondern aus Begegnung und Chance.

Der heilige Paulus gibt uns in der zweiten Lesung (2. Tim 4, 6-8. 16-18) ein radikales Beispiel für eine Veränderung in der Art und Weise, wie wir die Realität verstehen: Er war jüdisch nach Religion, römisch nach Staatsbürgerschaft und griechisch nach Ausbildung; er war bereits ein erwachsener Mann, als er Jesus traf, aber diese Begegnung veränderte sein Leben und seine Vision vom Leben. Es verwandelt sein Bild von Gott, von sich selbst und von der Menschheit. Diese Veränderung hatte Kosten und bedeutete Verzichte, aber sie verwandelte ihn in einen Apostel Jesu, der uns mit seinem Leben, seinen Worten und seinem Beispiel ein erfülltes Leben offenbart. Nicht für einige, sondern für alle ohne Ausnahme.

Die Sünde der Selbstbezogenheit

  1. Niemand von uns kann sich „die Lösung“ anmaßen oder sich angesichts dieser sozialen Herausforderung „frei von Sünde“ wähnen. Wir alle haben zu diesem Ausmaß an Unzufriedenheit, Ungleichheit, Distanz, Frustration und Gewalt beigetragen. So eingeschlossen in uns selbst und in unseren Projekten zu leben, sich in unseren vertrauten und sicheren Räumen wohl zu fühlen, unsere sozialen, wirtschaftlichen und politischen Visionen zum Idol zu machen, in unseren angestammten Polarisationen zu bleiben, durch Konsum, Virtualität und Erfolg betäubt zu leben, haben zur Diskrepanz mit der Realität von Menschen, Situationen und Strukturen beigetragen.

Das Evangelium (Lk 18,9-14) ist stark darin, diesen Anspruch von eigener Vollkommenheit und Selbstbezogenheit zu verurteilen. Der Pharisäer fühlt sich tugendhaft und rechtfertigt sich, indem er den Zöllner verachtet. Der Zöllner erkennt seine Grenzen, seine Sünde und Unvollkommenheit, und das macht ihn zum Gegenstand der Erlösung, denn er muss wachsen und lernen. Die Demut des Zöllners muss unsere sein: die Demut, anzuerkennen, dass dieses neue Chile die Aufgabe aller ist und Großzügigkeit und Offenheit von allen erfordern wird, sowie die demütige Anerkennung unserer Fehler, die die Begegnung nicht zugelassen haben.

Es wurde gesagt, dass Chile aus der anonymen Gewalt und Irrationalität eines Freitags der Wut zu Hoffnung und Chance mit konkreten Namen und Gesichtern erwacht ist an einem alle Schichten umgreifenden Freitag großer, friedlich demonstarierender Menge.

Es liegt ausnahmslos an uns allen, dass die kommenden Freitage weder ein Alptraum noch ein Traum sind, sondern der Samen eines brüderlicheren, gerechteren und friedlicheren Chiles als einem Land wie eine Familie.

 

 

Titelfoto: iStock Getty Images,  ID:607985768, MR1805

 

Original: Spanisch. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

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