Veröffentlicht am 25. November 2019 In Themen - Meinungen, Zeitenstimmen

Chile 2019: Zeiten des Wandels sind Zeiten der Hoffnung

CHILE, P. Juan Pablo Rovegno •

Ich aber will in Gerechtigkeit dein Angesicht schauen,  mich satt sehen an deiner Gestalt, wenn ich erwache„, singt die Antiphon des Psalms an diesem Sonntag. Das Erwachen Chiles stand im Mittelpunkt der Nachrichten, der „Hoffnungen und Ängste, Freuden und Sorgen“ dieser Tage. —

Ein Erwachen, das uns vor (mindestens) drei seelische Dimensionen mit konkreten Folgen stellt:

Erwachen zur Hoffnung auf ein gerechteres, solidarischeres und geschwisterlicheres Chile, ein Wachwerden für legitime Bedürfnisse, immer wieder verschoben und unsichtbar gemacht, für so viele Realitäten, die heute friedliche Ausdrucksformen und Realisierungsmöglichkeiten finden. Wir sehen, dass dieses Erwachen uns und viele soziale Akteure aus Schläfrigkeit, Gleichgültigkeit und Behaglichkeit geweckt hat. Mögliche Antworten und Vorschläge sind bereits in Sicht.

Erwachen auch zur Unsicherheit, und zwar durch einen Prozess, der noch immer keine endgültigen Kanäle zur Kommunikation findet, noch Begegnungen, die auf Vertrauen und gegenseitiger Mitverantwortung, Komplementarität und Zusammenarbeit basieren. Es stehen immer noch Verdächtigungen, Vorurteile, Ängste, Polarisierungen und viele Interessen im Raum. Das macht uns sehr unsicher.

 

Erwachen auch zu Schmerz, Wut und Angst durch eine virulente und zerstörerische Gewalt organisierter und anarchischer Gruppen zugleich, die nicht nur öffentliche Güter und Räume zerstören, sondern auch die nationale Seele in ihren Denkmälern und patriotischen Symbolen und, noch schmerzhafter, unsere heiligen Räume und Symbole schädigen. Wir sehen mit Sorge eine überforderte, verunglimpfte und unterdrückte öffentliche Gewalt, die ein Gefühl der Hilflosigkeit und großen Ohnmacht hervorruft. Die Aggression gegen den anderen, wer auch immer es ist, tut weh.

Eine alte Welt ist am Verbrennen

Aber wir sind Männer und Frauen der Hoffnung. Zeiten des Wandels sind Zeiten der Hoffnung: Eine alte Welt zerfällt, damit eine neue Welt entstehen kann. Es gibt Dinge, die sich ändern mussten, und jeder von uns macht einen Prozess der Assimilation und Annahme dieser Realität, der Realisierung dieser Realität, durch.

In dieser Woche wurde der 30. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer gefeiert, Symbol eines Totalitarismus ohne Gott, der so viel Schmerz und Schaden angerichtet hat.

Eine alte Welt fiel mit der Mauer. Vielleicht sind wir heute Zeugen eines neuen Mauerfalls und haben sogar die Möglichkeit, Protagonisten einer Veränderung der Kräfteverhältnisse zu sein, denn ein Kapitalismus ohne Gott führt auch zum Untergang des Menschen und der Gemeinschaft. Totalitarismus und Kapitalismus ohne Gott und ohne Bezug zum Nächsten sind daher zum Scheitern verurteilt.

Wenn wir den Staat oder den Markt vergöttlichen, müssen wir bereit sein, seine Brüche und Schwachstellen anzunehmen, denn der Staat und die Wirtschaft sind nicht Selbstzweck, sondern stehen im Dienste der menschlichen Fülle und Entwicklung, und zwar der aller und nicht nur einiger, im Dienste des Gemeinwohls und des individuellen Wohls. Weder der Mensch ohne Namen und ohne Freiheit, der dem Totalitarismus entspricht, noch der Mensch, der dem Konsum und der Leistung unterliegt, der dem Kapitalismus entspricht, hat eine Zukunft.

Wir sind Zeugen und möglicherweise Protagonisten eines epochalen Wandels, der uns zu einer neuen Kosmovision, zu einem Verständnis der Realität und der Herausforderungen der Realität herausfordert. Aber es ist immer noch ein Entwicklungsprozess, wir versuchen immer noch zu verstehen, was passiert ist, seine Ursachen und Folgen, es gibt immer noch gegensätzliche Kräfte, die Unsicherheit erzeugen und die sich bietende Chance lähmen.

Wie bei den tektonischen Platten, die von Zeit zu Zeit kollidieren und dann alle angesammelte Energien freisetzen (und wir haben genügend Erfahrung, wegen unserer Geschichte und tellurischen Geographie), Energien freizusetzen, die alles neu anordnen und andere, die alles zerstören, nehmen wir mit Schmerz und Überraschung wahr, dass es eine Menge Frustration und angesammelte Bedürfnisse gab, die nicht rechtzeitig Räume für Visibilisierung und Lösung fanden. Heute haben wir die Möglichkeit, diese Energien in etwas Neues und Gutes für alle zu verwandeln.

Was wir erleben, ist eine Chance für eine neue Bekehrung, persönlich und gemeinschaftlich, mit sozialen Folgen

Aus diesem Grund kann uns dieser epochale Wandel mit konkreten Folgen für unser Leben nicht gleichgültig sein; wir können nicht nur Zeugen der Hoffnung oder Zerstörung sein, sondern auch Protagonisten einer neuen Welt. Was wir erleben, ist eine Chance für eine neue Bekehrung, persönlich und gemeinschaftlich, mit sozialen Folgen.

Und für uns gehen Veränderun und Bekehrung, durch Aktualisieren der Worte, Gesten und Einstellungen Jesu und unsere Antwort daraus. Wenn wir Protagonisten sind, machen wir es möglich, dass die Veränderungen, die in Gang gesetzt werden oder nach Ausdrucks- und Verwirklichungskanälen suchen, im Evangelium und in der kirchlichen Soziallehrn Wege und Möglichkeiten der Begegnung und Fülle finden.

Lassen wir uns in dieser Perspektive von den Lesungen inspirieren (23. Sonntag im Jahreskreis):

Jesus lädt uns ein, an der Gestaltung des Wandels teilzuhaben

  1. Das Evangelium (Lk 20, 27-38) beschreibt einen Dialog Jesu mit einer sadduzäischen Gruppe zum Thema Auferstehung. Die Sadduzäer waren eine privilegierte Gruppe und in der Frage, die sie stellten (die uns immer wieder überrascht und uns zum Lachen bringt, wegen der Möglichkeit einer Witwe von sieben verstorbenen Ehemännern), möchten sie als Antwort herausfinden, dass der Zustand der Auferstandenen die Dinge nicht verändert und wir die gleichen bleiben wie immer. Jesus lässt sie erkennen, dass es ein neuer Stand und eine neue Ordnung, eine neue Verbundenheit sein wird. Die Dinge werden sich ändern.

Wir möchten gerne, dass alles so weitergeht wie bisher, das würde uns Sicherheit geben, aber Jesus lädt uns zur Mitarbeit ein, damit diese Veränderung, die auf jeden Fall kommt, die beste und angemessenste wird.

Zu leugnen, dass sich etwas verändert, würde bedeuten, sich in die sadduzäische Hartnäckigkeit und die Unmöglichkeit der Kooperation zu versetzen, so dass dieser Veränderungsprozess Kanäle und Antworten findet, die realistisch und möglich sind, Antworten, die Sorgen aufnehmen und auf reale Bedürfnisse und Möglichkeiten reagieren. Eine kooperative, mitverantwortliche und komplementäre Haltung ist von grundlegender Bedeutung, was Großzügigkeit und viel Offenheit voraussetzt.

Wir glauben an einen Gott, der in die Geschichte eingreift

  1.   Damit diese Offenheit und Verfügbarkeit möglich ist, brauchen wir einen vorsehungsgläubigen Blick des Glaubens: Wie oft hat uns Gott in der Geschichte des Heils und der Menschheit gezeigt, dass er eingreift? Er ist in unserer Mitte und möchte, dass wir ihn zum Protagonisten dieser Veränderung machen. Diese Gewissheit gibt uns Vertrauen und beruhigt unsere Angst.

Wir glauben an einen Gott, der in die Geschichte eingreift und in jedes Ereignis der Geschichte. In diesem Sinne ermutigt uns der heilige Paulus, den Mut nicht zu verlieren oder sich nicht entmutigen zu lassen: Brüder! Jesus Christus aber, unser Herr, und Gott, unser Vater, der uns seine Liebe zugewandt und uns in seiner Gnade ewigen Trost und sichere Hoffnung geschenkt hat, tröste euch und gebe euch Kraft zu jedem guten Werk und Wort.”.

Es sind Worte der Hoffnung, aber diese Hoffnung wird bewusst gepflegt: im Entdecken der Zeichen des Lebens inmitten von so viel Chaos, in so viel Verwirrung und Unsicherheit: Dialog, Begegnung, Vereinbarungen, Zusammenarbeit, Prozesse und vor allem, wie der heilige Paulus sagt, „gute Worte und Taten“. Gottes Führung braucht und fordert unsere Mitwirkung. Heute stehen wir vor der Herausforderung (was wir uns noch vor einem Monat nicht vorstellen konnten), an einer neuen Welt mitzuwirken.

 

Wir leben eine Zeit, in der wir das, was unser Glaube bedeutet, in Worten, Werken und konkreten Projekten verwirklichen und verkörpern müssen

  1. Es ist auch eine Zeit der Vertiefung unseres Glaubens: Es ist eine Zeit der Umkehr, damit Jesus uns neu inspirieren, vereinen und aufrichten kann. Eine Möglichkeit für ihn, uns zu lehren: mit seinen Worten, Gesten und Einstellungen, der Art der Gesellschaft und den Beziehungen, die wir aufbauen müssen.

En este sentido, la lectura del libro de los Macabeos es impresionante: “el Rey Antioco envió a un consejero ateniense para que obligara a los judíos a abandonar las costumbres de sus padres y a no vivir conforme a las leyes de Dios”.

In diesem Sinne ist die Lektüre des Makkabäerbuchs beeindruckend: „König Antiochus schickte einen athenischen Berater, um die Juden zu zwingen, die Sitten ihrer Eltern aufzugeben und nicht nach den Gesetzen Gottes zu leben“.

Wir leben eine Zeit, in der wir das, was unser Glaube bedeutet, in Worten, Werken und konkreten Projekten verwirklichen und verkörpern können, in der christlichen Sichtweise des Menschen und der Gemeinschaft, im Sinn von Gerechtigkeit und Freiheit, in der Liebe zum Nächsten und im transzendenten Sinn des Lebens. Es ist an der Zeit, so viele Vorurteile, so viele Härten und so viel Egoismus zu überwinden…..

Ist es nicht an der Zeit, dass unsere Kinder das Leben und die Menschen auf integrative Weise betrachten, die Würde jedes Einzelnen anerkennen, und diese unseligen Kategorien zu überwinden, die uns nicht gut tun (Snob-Pöbel, Nachbarschaft, Schule, Nachname… zum Beispiel), diese Etiketten und Klassifizierungen, die uns trennen und teilen, uns kategorisieren und distanzieren?

Ist es nicht an der Zeit, dass junge Menschen aufhören, nur noch an ihre persönlichen Projekte, an ein sicheres Leben zusammen mit denen, mit denen sie schon immer zusammen waren, zu denken, und ihrem Leben den Sinn eines Projekts für andere zu geben, den gemeinwohlorientierten Dienst als Alternative zu betrachten und den sozialen Sinn von Leben und Beruf als eine wesentliche Kategorie zu entdecken?

Ist es nicht eine Chance für Frauen, in allen Lebensbereichen präsenter zu werden und uns Männer zu lehren, richtig hin zu schauen und uns einzufühlen, nicht nur auf Ergebnisse, sondern auch auf Menschen, Prozesse und Realität zu schauen (wie viele Situationen wären anders angegangen worden, wenn Frauen verlangt hätten, dass ihr Blick zählt)?

Ist dies nicht eine Gelegenheit für Männer, die in der Mehrheit der Entscheidungs- und Führungsräume sind, zu lernen, integrativer zu führen, die Faszination für Erfolg, Autonomie und Wettbewerbsfähigkeit beiseite zu legen, zu lernen, kollaborativer zu arbeiten und demütig den Wert der Ergänzung anzunehmen?

Ist es nicht eine Gelegenheit für uns alle, Kirche zu sein (wenn Hierarchie und Priester nur minimale Autorität haben) und die christliche Sichtweise von Mensch und Gesellschaft, Wirtschaft und Arbeit, Bildung und Zivilisation beizutragen?

Liebe Brüder und Schwestern, Chile ist aufgewacht. Es hängt von jedem von uns ab, dass es nicht nur ein schlechter Alptraum ist, den wir vergessen möchten, oder der unmögliche Traum von einer idealen Welt. Ein besseres Chile hängt von jedem von uns ab.

 

Original: Spanisch. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

 

 

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