Veröffentlicht am 28. Oktober 2019 In Themen - Meinungen

Die Stimme der Witwe nicht in so vielen Gesichtern und in so vielen Leben: wir haben sie nicht gehört, nicht verstanden und wir wollten es nicht

CHILE, P. Juan Pablo Rovegno •

Angesichts der sozialen Krise und der Gewalt, die Chile erlebt, forderte Pater Juan Pablo Rovegno in seiner Sonntagspredigt am 20. Oktober, ausgehend von der Witwe des Evangeliums, die um Gerechtigkeit bittet, dass die Schönstatt-Bewegung in Chile „eine Stimme sei, die Sorgen wahrnimmt, Bedürfnisse aufnimmt, Möglichkeiten schafft und den anderen zu seiner Lieblingsangelegenheit und – beschäftigung macht.“ Ein Thema nicht nur für ein Land in Flammen wie Chile, nicht nur schon lange angesprochen im Brief der Jugend Chiles, sondern eine Herausforderung, die „Oasen“ und die „Zufluchtsorte“ zu verlassen und sich ernsthaft, kompetent und gründlich mit der konkreten Realität zu verbinden. —

 

Die heutigen Lesungen (Sonntag 20. 10. 2019, XXIX. Sonntag im Jahreskreis) helfen uns, uns dem Verständnis der schwierigen Momente, die wir in Chile erleben, zu öffnen.

Es scheint, dass die Stimme der Witwe des Evangeliums, die lange vergessen und ignoriert, unterdrückt und betäubt wurde, einen Ausdruckskanal gefunden hat, leider in menschlicher Gewalt und Irrationalität. Diese Situation fordert uns jedoch heraus, noch mehr fordert sie uns auf, die Realität in ihren Ursachen und Folgen genauer zu betrachten. Wir alle, die wir dazu berufen sind, die Stimme der Witwe zu sein, wir alle, die wir in unserer Heimat in der Öffentlichkeit sowie im privaten, weltlichen und kirchlichen Bereich, in der Familie und in der Arbeitswelt Führungsverantwortung haben, wir alle, die wir eine Art Autorität ausüben, sind dazu berufen, die Stimme zu sein, die Sorgen wahrnimmt, Bedürfnisse aufnimmt, Möglichkeiten schafft und den anderen zu seiner Lieblingsangelegenheit und – beschäftigung macht.

Ist das in der Familie nicht der Fall? Wenn wir einige unserer Kinder vernachlässigen, wenn wir ihre Bedürfnisse nicht sichtbar machen, wenn wir sie an Kriterien von Uniformität, Forderung und Perfektion messen, wenn sie Vernachlässigung oder mangelnde Zuneigung erfahren, wissen wir, dass dieser Sohn oder diese Tochter Aufmerksamkeit und Einbeziehung verlangen wird und, wenn wir sie lange Zeit ignorieren, nach anderen Wegen der Bestätigung suchen wird, sogar gegen das rebellieren wird, was wir ihm oder ihr mit guten Absichten oder gedankenlos angeboten haben, was Schmerz, Unsicherheit und Distanz erzeugt.

Die Stimme der Witwe des Evangeliums kann weder Gewalt noch Chaos, weder Wut noch Anarchie sein, aber was führt Menschen dazu, diese Grenzen zu überschreiten? Das Evangelium antwortet: nicht rechtzeitig auf die beharrliche Stimme der Notwendigkeit von Gerechtigkeit zu hören. Zu Jesu Zeiten bedeutete Witwe und Frau zu sein, zum Vergessen, zum Elend und zur Marginalität verurteilt zu werden. Auch in unserem Chile gibt es geografische, soziale und kulturelle Abgrenzungen, die es unmöglich machen, trotz Verdiensten, Anstrengungen und persönlicher Fähigkeiten würdige Lebensmöglichkeiten zu bekommen.

Wir alle, die wir aufgerufen waren, auf das beharrliche Bitten zu hören, das durch so viele missbräuchliche Situationen unter den Mindestbedingungen eines würdigen Daseins erklang (denken wir nur an das Drama der Dürre, das uns überfallartig ins Geschäft um Trinkwasser geworfen hat), haben wir die Stimme der Witwe in so vielen Gesichtern und Leben nicht gehört und nicht verstanden und wollten es auch nicht, betäubt von einer scheinbaren Entwicklung und einer Kultur des Konsums, des Individualismus und der Virtualität, die uns vor der Realität verblendet hat.

Welche Antwort sollen wir als Christen, als Männer und Frauen des Glaubens geben, die nicht nur an Jesus glauben, sondern unser Leben und unsere Umwelt nach seinen Lehren gestalten wollen?

Gehen wir zurück zu den Lesungen des heutigen Sonntags:

Die Bedeutung des Gebetes

  1.  Die erste Lesung spricht in der Person Mose davon, wie wichtig das Gebet ist, dass wir unsere Bitte zum Himmel schicken, damit sich die Liebe Gottes offenbaren kann. Ohne Gebet, ohne Opfer wird jede Anstrengung umsonst sein. Daher ist jeder Strom des Gebets wertvoll, aber das allein ist nicht genug. Das Gebet stellt das „Nichts ohne dich“ dar, aber damit der Kampf gegen das Böse, gegen Gewalt und Anarchie gewonnen werden kann, ist unser „Nichts ohne uns“ erforderlich. Unsere Zusammenarbeit ist grundlegend: Eine Zusammenarbeit, die eine Reflexion über die das Hier und Heute, die konkrete Realität dieses Momentes, erfordert, ohne Leidenschaften oder politische Polarisierungen, ohne defensive oder offensive Einstellungen, sondern der Versuch sein muss, Ursachen und Folgen zu analysieren, um in die Zukunft zu schauen, nicht nur für unsere eigenen Interessen, sondern auch für das Gemeinwohl, insbesondere für diejenigen, die von Entwicklung, Möglichkeiten und minimaler Würdeausgeschlossen sind. In diesem Sinne ist die Tatsache, dass der Auslöser der Preisanstieg der U-Bahn war, durchaus symbolisch: eine moderne und glänzende U-Bahn, die beste in Südamerika, auf gleichem Niveau wie die der hochentwickelten Länder, genauso wie unsere makroökonomischen Zahlen, aber unter unwürdigen Bedingungen für die einfachen Leute auf der Straße, für viele Frauen und die meisten älteren Menschen; man muss sie nur einmal zu den Spitzenzeiten nutzen.Zusammenarbeit in der Reflexion, aber auch in Engagement und Handeln. Wenn wir uns nicht alle engagieren, wird es schwierig sein, auf diese wirtschaftlichen Herausforderungen zu reagieren, die zukünftige Folgen haben. Nicht nur der Politiker und der Geschäftsmann, nicht nur die Behörden, sondern jeder, weil unser Leben eine soziale Dimension hat, eine soziale Verantwortung, der wir uns nicht entziehen können. Wir können damit beginnen, indem wir die Realität so vieler Landsleute sichtbar zu machen, aber nicht almosengebend oder defensiv, sondern engagiert.

Die Lehren Jesu sind für heute, um heute ein Reich der Gerechtigkeit, des Friedens und der Liebe zu schaffen.

  1.   Der heilige Paulus erklärt in seinem Brief an Timotheus sehr deutlich: „Bleib der Lehre treu, die du gelernt hast und von der du völlig überzeugt bist“. Und diese Lehre ist Jesus Christus und seine Vision vom Menschen, von der Gesellschaft und vom Reich Gottes. Die Lehren Jesu sind nicht nur für ein persönliches tugendhaftes Leben oder um das ewige Leben zu erlangen, sie sind für heute, um heute ein Reich der Gerechtigkeit, des Friedens und der Liebe zu schaffen. Und Gerechtigkeit, Frieden und Liebe sind sehr konkret, sie sind keine theoretischen oder symbolischen, romantischen oder intimen Werte. Es sind soziale Werte, die Konkretheit im täglichen Leben und in den täglichen Beziehungen erfordern: in der Familie, bei der Arbeit, in der Schule, an der Universität, auf der Straße, in politischen Foren, im Regierungshaus, in der Pfarrei und im Pastoralzentrum; diese Situation erfordert die Mitarbeit und das Handeln aller; wir müssen großzügig und offen, bereit für tiefgreifende Veränderungen in der Art und Weise sein, wie wir unsere Gesellschaft gestalten. In der Erkenntnis, dass niemand die absolute Wahrheit trägt und dass wir alle für ein gerechteres Land gebraucht werden.

Eine persönliche Bekehrung mit sozialen Folgen

  1. Die dritte Sache ist eine fundamentale Voraussetzung oder Vorbedingung: eine persönliche Bekehrung mit sozialen Folgen. Wir müssen unsere Vision ergänzen, vererbte Vorurteile und Widerstände gegen die Begegnung überwinden. Die Gefahr liegt in sofortigen Lösungen, denn es besteht die immer latente Versuchung, Gewinner und Verlierer zu haben, Dominanzbeziehungen wieder aufzubauen. Die Antwort liegt in einer Vision, in einer Beziehung und Lösung, die kollaborativer und integrativer, mitverantwortlicher und komplementärer ist. Diese Krise betrifft uns alle, und gemeinsam müssen wir nach Wegen suchen, was Möglichkeiten und Grenzen, Demut und Offenheit, Großzügigkeit und Verzicht beinhaltet. Wir brauchen eine persönliche und gemeinschaftliche Bekehrung.

 

Zeiten des Wandels sind Zeiten großer Chancen. Lasst uns die Versuchung der Offensive oder Verteidigung überwinden. Wir sind herausgefordert, so viele verwundete Bindungen zu heilen. Als Kirche mussten wir schmerzhaft lernen, was es bedeutet, die Wunde des Missbrauchs zu verstehen. Heute haben wir als Gesellschaft auch die Möglichkeit, gemeinsam daran zu arbeiten, so viele soziale Wunden zu heilen, die vererbt oder erworben wurden. Wir alle sind verantwortlich für das Vaterland, von der wir träumen und das wir brauchen.

Maria, die Jüngerin par excellence, lehrt uns, über die Realität nachzudenken, aber auch, ihr zu begegnen, um Sehnsüchte und Sorgen, Bedürfnisse und Herausforderungen aufzunehmen. Möge sie uns lehren, die Stimme der Witwe nicht zu missachten.

 

 

 

Original: Spanisch. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

 

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