Veröffentlicht am 5. August 2019 In Hörde, Themen - Meinungen

100 Jahre Hörde – Anfang einer Bewegung

P. Elmar Busse •

Wenn man auf der Heiligtums-App  oder einer Weltkarte die über 200 Schönstatt-Heiligtümer sieht, dann ist es offensichtlich: Schönstatt ist eine weltweite katholische Erneuerungsbewegung mit einer besonders intensiven Dynamik in Lateinamerika. Doch wie hat alles angefangen? Im Nachhinein wurde der Vortrag Pater Kentenichs  vom 18.Oktober 1914 im renovierten Friedhofskapellchen auf dem Gelände der Pallottiner in Vallendar-Schönstatt als die Geburtsstunde der Schönstatt-Bewegung, als aufsprossender Same einer neuen Spiritualität, die in den illegal aus dem KZ Dachau geschmuggelten Schriften des Gründers ihre letzte Abrundung erfuhr, und als kühner Traum von einem heiligen Ort, der nicht durch außergewöhnliche Gnadenwunder seinen Anfang nahm, angesehen. Doch der 18.Oktober 1914 war ein rein interner Vorgang in einer Pallottiner-Ausbildungsstätte.  Wie kam es zur Ausbreitung?

In den Wirren und Nöten des 1. Weltkrieges wurden manche Soldaten aufmerksam auf ihre Mitsoldaten aus Schönstatt, die mit den Schwierigkeiten irgendwie besser zurechtkamen. Daraufhin angesprochen, erzählten diese begeistert von ihrem Traum, aus dem kleinen Kapellchen einen internationalen Wallfahrtort der Gottesmutter zu machen.

Und die Art und Weise, damit der Himmel auf ihre Bitten positiv reagieren könne, seien die „Beiträge zum Gnadenkapital“. Wenn man aus all dem Entbehrungsreichen, all dem Schweren, all dem Sinnlosen des Soldatenalltags ein Opfer machte und so einer in sich sinnlosen Situation, unter der man litt, einen Sinn verleihe, dann könne man damit dem Himmel „sanfte Gewalt antun“.

So könnte aus der gläubigen Intuition des Pater Spiritual, der Himmel könne so etwas von ihnen wollen, eine staunenswerte neue Wirklichkeit werden. Wieder einmal erwies sich die elektrisierende und motivierende Kraft von Utopien.

Die Begeisterung am Brennen zu halten trotz widrigster Umstände gelang der als Netzwerk-Kommunikation angelegten Zeitschrift MTA [Mater Ter Admirabilis] mit dem Untertitel „Gegenseitige Anregungen im Kampfe für unsere bedrohten Ideale in schwerer Zeit“.

Offizielles Foto des Hörder Sodalentags, in MTA 1919,4/5, 15.12.2919, S. 29

Der Krieg ist zu Ende – und nun?

Als der Krieg zu Ende war, stellten sich die Schönstatt-Begeisterten, die nicht Pallottinerstudenten waren oder werden wollten, die Frage, wie es weitergehen könnte.

Schönstatt lag in der französischen Zone der alliierten Rheinlandbesetzung, die von 1918 bis 1930 dauerte. Und damit aus anderen Teilen Deutschlands nur mit einer Menge Papierkram zu erreichen.

Alois Zeppenfeld aus Dortmund-Hörde war der dynamischste Vertreter der so genannten „Außenorganisation“. In seiner Heimatstadt organisierte er das Treffen für die Interessierten. Am Ende kamen 24, davon 16 Schönstätter und 8 Auswärtige. Für alle hatte Alois gratis Quartier bei einzelnen Familien organisiert.

Pater Kentenich sagte kurzfristig per Telegramm ab und schickte Alois Hoffmann.

Am 20.August wurde heftig diskutiert: Was wollen wir eigentlich gründen? Einen Bund für Totalabstinenz? Eine katholische politische Partei? Eine sozial-caritative Organisation? Alle Vorschläge lagen auf dem Tisch und hatten ihre leidenschaftlichen Verfechter. Schließlich setzten sich doch die Vertreter der Tradition durch: Die so genannte Außenorganisation der Schönstätter Marianischen Kongregation war groß geworden durch den Akzent auf Selbsterziehung und Selbstheiligung. Das hatte den Mitgliedern – nach heutigem Sprachgebrauch – die ersehnte Resilienz gegenüber den Widrigkeiten und Traumata des Kriegsalltags geschenkt. An diesen positiven Erfahrungen wollte man anknüpfen. So entstand der „Apostolische Bund“ mit dem Ziel: „Zweck des Bundes ist die Erziehung gebildeter Laienapostel im Geiste der Kirche.“

Pater Kentenich bat Alois Zeppenfeld, doch bald nach dem Treffen in Hörde nach Schönstatt zu kommen. Auf diesem Treffen wurde dann die Endredaktion der Statuten des Apostolischen Bundes vorgenommen, wie wir sie heute kennen.

In einem Brief vom 6. November an die Gruppenleiter des in Hörde ins Leben gerufenen „Apostolischen Bundes“  schreibt Pater Kentenich:

Die ganze Bewegung ist nun mal ihr Werk und muss  es bleiben. Ich kann und will Ihnen nur mit Rat und Tat zur Seite stehen. Darum habe ich mich bisher so zurückgehalten, bin nicht einmal auf dem Sodalentag in Hörde erschienen. Wären Sie so ganz von dem Gefühl der Verantwortung für Ihre Gruppe durchdrungen, wie es die Führer unserer congregatio militaris waren, so könnte ich mich mehr an der Arbeit beteiligen, ohne fürchten zu müssen, dadurch Ihre Selbständigkeit und Ihr Verantwortungsgefühl zu lähmen. Möge der Zeitpunkt bald kommen.“[i]

Pater Kentenich kränkelte in dieser Zeit sehr. In Schönstatt liefen Exerzitienkurse für Gymnasiasten der oberen Klassen. Der Andrang war viel größer als erwartet, so dass mehrere Kurse angeboten werden mussten, die dann von den Patres Lucas und Laqua gehalten wurden. Gegenüber diesen Mitbrüdern wäre es irritierend gewesen, wenn Pater Kentenich zu krank war, um die Exerzitienkurse zu halten, aber fit genug, um nach Hörde zu fahren. Aus diesem Grund schickte Pater Kentenich den Studenten Alfons Hoffmann als seine Vertretung nach Hörde.

Bahnhof Hörde, heute. Foto: iStockGettyImages, 1087560454, licensed for schoenstatt.org

Erst einmal beginnen

Wenn man die Gründungsgeschichte der Schönstatt-Bewegung erforscht, dann fühlt man sich erinnert an die Erforschung der Nilquellen, des mit 6650km längsten Flusses der Erde.

Ab dem 17. Jahrhundert suchten erste Abenteurer und Forscher jenseits der Gelehrtendiskurse auch vor Ort nach der Quelle des Nils.

1858 entdeckte der Brite John Hanning Speke den Victoriasee und kam damit der Quelle schon nahe. Doch seine Entdeckung wird in England angezweifelt. Deshalb reisten weitere namhafte Forscher erneut in das Gebiet. 1875 war es schließlich Sir Morton Stanley, der erkannte, dass der Victoriasee südliche Zuflüsse hat, deren Quellen in den über 5000m hohen Ruwenzori-Bergen im heutigen Ruanda und Burundi liegen. Diese gelten auch heute noch als Quellen des Nils.

Dieses kleine Rinnsal – und nach Tausenden Kilometern ein mächtiger Strom! 24 Schüler und Studenten in Dortmund-Hörde 1919 – einige Millionen Schönstätter bzw. Sympathisanten 100 Jahre später! Die Zahl lässt sich schlecht ermitteln, denn es ist typisch für eine Bewegung, dass die Grenzen fließend sind. Nur über die Schönstatt-Gemeinschaften, die einen größeren Grad an Verbindlichkeit kennen, gibt es genauere Zahlen.

Pater Kentenich hatte immer wieder darauf hingewiesen, dass angesichts der Geringfügigkeit der Werkzeuge (im Blick auf sich ging es um seine schwache Gesundheit) und der Größe der Schwierigkeiten die Größe des Erfolges nur durch die Gnade – er sprach von „schöpferischer göttlicher Resultante“ – erklärbar sei.

Zum Abschluss möchte ich das Lied des christlichen Liedermachers aus der früheren DDR, Gerhard Schöne, zitieren:

Ref.: Alles muss klein beginnen.
Lass etwas Zeit verrinnen,
es muss nur Kraft gewinnen
und endlich ist es groß.

  1. Schau nur dieses Körnchen,
    ach man sieht es kaum,
    wächst zu einem Grashalm,
    später wird’s ein Baum.
    Und nach vielen Jahren,
    wenn ich Rentner bin,
    spendet er mir Schatten,
    singt die Amsel drin.
  2. Schau die feine Quelle
    zwischen Moos und Stein,
    sammelt sich im Tale
    um ein Bach zu sein.
    Wird zum Fluss anschwellen,
    fließt zur Ostsee hin.
    Braust dort ganz gewaltig,
    singt das Fischlein drin.
  1. Schau die leichte Flocke,
    wie sie tanzt und fliegt
    bis zu einem Ästchen,
    das unterm Schnee sich biegt.
    Landet da die Flocke
    und durch ihr Gewicht
    bricht der Ast herunter
    und der Rabe spricht.
  2. Manchmal denk ich traurig:
    „Ich bin viel zu klein.
    Kann ja doch nichts machen.“
    Und dann fällt mir ein:
    Erst einmal beginnen,
    hab ich das geschafft,
    nur nicht mutlos werden,
    dann wächst auch die Kraft.
    Und dann seh ich staunend:
    Ich bin nicht allein.
    Viele Kleine, Schwache
    stimmen mit mir ein.

 

Ich wünsche Ihnen, liebe Leser, dass Sie in der Betrachtung der Gründungsgeschichte Schönstatts ins Staunen kommen, aus dem Staunen ins Danken, aus dem Danken in das Lob Gottes, der immer wieder für Überraschungen sorgt, wenn er Menschen findet, die für seine Heilspläne offen sind.

P. Elmar Busse

 

[i] Brief Pater Kentenichs an die Gruppenleiter des „Apostolischen Bundes“ vom 6.November 1919, hier zit. n. Erika Frömbgen, Neuer Mensche in neuer Gemeinschaft. Zur Geschichte und Systematik der pädagogischen Konzeption Schönstatts, Vallendar-Schönstatt 1973, S.70.

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