Veröffentlicht am 27. Dezember 2018 In Missbrauch, Themen - Meinungen

Der CORFO-Skandal und der Fall von Missbrauch und deren Vertuschung

CHILE, Francisco Javier Troncoso •

Chile, aktuelle Nachrichten: CORFO (staatliche Agentur) erobert gerade den Pokal zurück. CORFO, die Wirtschaftsförderungsgesellschaft von Chile, in der ich gearbeitet habe und in der Mario Hiriart in den 40er Jahren tätig war, erlitt im Jahr 2003 einen Betrug in Höhe von 85 Millionen US Dollar. Möglich wurde das durch eine Schwachstelle im Management-Systeme, auf die die Aufsichtsbehörde schon lange hingewiesen hatte. In einem Versuch, die Sache herunterzuspielen, sagte Präsident Lagos damals: „Sie haben das Tafelsilber geklaut, das Tafelsilber kommt zurück, Sache erledigt.“—

 

Jetzt, 15 Jahre später, ist die stattliche Agentur kurz davor, die wirtschaftlichen Verluste aufzuholen.

Aber der Skandal bleibt deshalb nicht weniger wichtig und schmerzhaft.

CORFO erlebte sich als eine Weltklasse-Agentur, die jeden Monat internationale Delegationen empfing, die an ihrer Arbeit interessiert waren. Ihr Einfluss im Land nahm ständi gzu. Man hatte sich entschieden, die erste chilenische staatliche Einrichtung zu sein, die nach ISO 9.001 zertifiziert würde.

Der einzige Weg, um aus diesen Fehlern, Ausfällen, Skandalen, Verbrechen und Vergehen herauszukommen, war der folgende:

1.- Die Wahrheit sagen

2.- Bitte um Vergebung

3.- Praktisch und konkret dafür sorgen, dass so etwas nie mehr vorkommt

4.- Versuchen, den Schaden gutzumachen

5.- Die Mitglieder der Organisation müssen eine Kollektivschuld auf sich nehmen, selbst wo sie keine persönliche Verantwortung tragen

Selbstverständlich ist in solchen Fällen, dass die Verursacher angemessen bestraft werden, die für die Aufsicht verantwortlichen Manager ihren Posten räumen und dass in der Organisation Einrichtungen, Verfahren und Überprüfungen eingeführt werden, damit solche Vorfälle nicht wieder passieren.

Welche Konsequenzen wurden konkret gezogen?

  1. CORFO machte eine Selbstanzeige bezüglich des Betrugs. Man wartete also nicht auf die Anklage von außen.
  2. Der CEO (Hauptgeschäftsführer) von CORFO entschuldigte sich und trat zurück, ebenso wie der Manager, der Vorgesetzter des Betrügers gewesen war. Beide stellten sich Justiz und Presse.
  3. Der Betrüger, der mit einem ganzen Netz von Betrügern arbeitete, wurde verhaftet und sein gesamtes Vermögen beschlagnahmt.
  4. Die Einrichtung hat eine Prüfungsabteilung zur Überwachung der Vorgänge eingerichtet.
  5. Folgende Verstöße bei der Verwendung der Mittel, auch wenn sie geringfügiger Art sind, werden mit Strafanzeigen geahndet.
  6. Die Initiative zur Zertifizierung nach ISO 9.001 wurde aufgegeben.
  7. Die Angestellten erlitten einen moralischen Tiefschlag und einen enormen Ansehensverlust.
  8. Die Ablaufsteuerung, die es ermöglichte, Verfahren zu beschleunigen und kurzfristige Terminerfüllung zu gewährleisten, wurde durch Kontrollverfahren und Langfristigkeit abgelöst.

Deutschland hat Ähnliches nach dem II. Weltkrieg erlebt und sein Verhalten ernsthaft überprüft. Heute genießt es das Vertrauen seiner Nachbarn, hat politisches Gewicht und ist in allen Bündnissen willkommen. Japan hingegen hat nie eine vollständige Aufarbeitung gemacht, hat ein ambivaltes Verhältnis zu seiner Schreckensgeschichte und wird von vielen auch noch 73 Jahre nach dem Krieg mit Misstrauen betrachtet.

Was ist in Schönstatt mit den Missbrauchsskandalen passiert?

Ich frage mich, wie wir in Schönstatt mit den bekannten Skandalen umgegangen sind.

Schwere Verbrechen sind  vor den Augen der gesamten Bewegung geschehen. Ich beziehe mich insbesondere auf den Fall des ehemaligen Bischofs Francisco José Cox, „Pater Papán“ (Pater Papi). Ich mag ihn sehr, er hat mir im Leben geholfen und mit immer eine angemessene Zuneigung geschenkt.

Als man mir sagte, er habe Kinder angefasst, konnte ich es nicht glauben. Es war absurd.

Schließlich kam das Thema ans Licht der Öffentlichkeit. Erzbischof Francisco J Errázuriz gab bekannt, dass Pater Papán sich aus der Pastoral zurückgezogen habe und in ein Kloster in Deutschland gegangen sei für ein Leben des Gebets und der Buße wegen  „unangemessenem Verhalten“.

Schon in dieser Reaktion von 2002 gab es viele Probleme, manche davon noch heute virulent:

  1. Offensichtlich ist es nicht wahr, dass P. Francisco José in einem Kloster lebte. Denn er war doch wohl im Vaterhaus der Patres? Das ist etwas anderes als ein Kloster und verpflichtete die Patres auf eine Lüge.
    Haben sie uns, die Mitglieder der Bewegung, und die Öffentlichkeit belogen? Das ist natürlich sehr schmerzlich und hinterfragt das Vertrauen. Ich weiß nicht, ob diese Lüge geklärt worden ist.
  2. Erzbischof Cox wurde durch die Bewegung nie vor der Justiz angeklagt, auch nicht im Wissen um die schweren Vergehen, auch nicht nach Verlassen des Landes.
  3. Die Tatsachen wurden weder öffentlich angenommen, noch verurteilt, noch wurde dafür um Entschuldigung gebeten. Es sah so aus, als sein niemals etwas Falsches in der Öffentlichkeit geschehen, wofür man um Vergebung bitten müsste.
  4. Die Bewegung und/oder die Patres haben offenbar keinen Kontakt mit den Opfern gesucht, um sie zu hören, um Vergebung zu bitten und sie in dem Maße, das möglich ist, zu entschädigen. Die erste Entschädigung ist immer die Wahrheit und die Anerkennung dessen, was die Opfer erlitten haben.
  5. Bisher kenne ich weder in der Bewegung noch in den Instituten Mechanismes, die mögliche Opfer von Gewissens-, Macht- und sexuellem Missbrauch schützen.

Ich hoffe, dass dies nur aufgrund meiner mangelnden Informiertheit so ist… Hoffentlich.

Andererseits sehe ich Teilentschuldigungen, Eingeständnisse von Scham angesichts einzelner Sachverhalte, aber mir ist keine Vergebungsbitte für das Gesamt der Geschehnisse bekannt.

Dann sehe ich Bitten um Gebet, Gnadenkapital, Buße… Alles gut und recht, aber das ist begleitend. Die Hauptsache fehlt!

Wie können wir für eine Sünde sühnen, für die wir keine Verantwortung übernommen und nicht um Verzeihung gebeten haben? Wie können wir um Verzeihung bitten für ein Vergehen, von dem wir nicht ernsthaft verhindern wollen, dass es erneut passiert. Wie wollen wir um Vergebung bitten für ein Verbrechen und eine Sünde, ohne zu versuchen, die Folgen zu beheben …?

Wie lange werden wir in der Unbestimmtheit verbleiben?

Besser, sich einmal den Mund verbrennen, als ein Leben lang um den heißen Brei herumzureden.

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2 Responses

  1. „Ich hoffe, dass dies nur aufgrund meiner mangelnden Informiertheit so ist… Hoffentlich.“
    Sagt der Autor. Tatsächlich fehlen ihm die nötigen Informationen, sodass diese einseitige Einschätzung zustande kommt. Von Schoenstatt.org hätte ich erwartet, dass sie besser informiert sind oder sich bei der Generalleitung der Patres diese holen, bevor sie diesen Beitrag veröffentlichen.
    Z.B. war Cox damals für einige Monate in einem Kloster, was von Rom so verfügt war als Dauerlösung, was aber dann nicht ging.
    Das erste Opfer hat sich 2017 gemeldet. Man hat den Kontakt gesucht, den Fall an die Staatsanwaltschaft gegeben, die den Fall geprüft und als strafrechtlich irrelevant abgewiesen hat. Man kann nur auf konkrete Anschuldigungen reagieren, was tatsächlich versucht wird und auch früher versucht wurde. Aber es gab aber keine konkreten Anschuldigungen.
    Das wird als Vertuschung vermutet, der Wirklichkeit in diesem Fall aber nicht gerecht.
    P. Lothar Herter
    (Nochmals ich, die Rechtschreibfehler korrigiert)

  2. „Ich hoffe, dass dies nur aufgrund meiner mangelnden Informiertheit so ist… Hoffentlich.“
    Sagt der Autor. Tatsächlich fehlen ihm die nötigen Informationen, sodass diese einseitige Einschätzung zustande kommt. Von Schoenstatt.org hätte ich erwartet, dass sie besser informiert sind oder sich bei der Generalleitung der Patres diese holen, bevor sie diesen Beitrag veröffentlichen.
    Z.B. war Cox damals für einige Monate in einem Kloster, was von Rom so verfügt war als Dauerlösung, was aber dann nicht ging.
    Das erste Opfer hat such 2017 gemeldet. Man hat den Kontakt gesucht, den Fall an die Staatsanwaltschaft gegeben, die den Fall geprüft und als strafrechtlich irrelevant abgewiesen hat. Man kann nur auf konkrete Anschuldigungen reagieren, was tatsächlich versucht wird und auch früher versucht wurde. Aber es gab keine konkreten Anschuldigungen.
    Das wird sls Versuchung vermutet, der Wirklichkeit in diesem Fall aber nicht gerecht.
    P. Lothar Herter

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