Veröffentlicht am 9. September 2018 In Themen - Meinungen

Freie, starke, katholische Familien

Ingeborg und Richard Sickinger,  Österreich •

„Uns bewegt: Was hat Schönstatt der Kirche zu geben?“, so Ingeborg und Richard Sickinger. Ihre Antwort: Freie, starke, katholische Familien – und das nicht als eine Idee oder Theorie, sondern mit einem Masterplan, wie das umgesetzt werden kann. Eine Botschaft, die die beiden immer wieder verkünden, zuletzt beim Welttreffen der Familien in Irland im Rahmen eines Podiums mit dem Titel: Wer wäscht das Geschirr ab? – Papst Franziskus über die kleinen Dinge, die im Familienleben wichtig sind. Gerne nehmen wir das Angebot an, den Text des Vortrags zu veröffentlichen. —

 

Ingeborg & Richard Sickinger - Familien

Ingeborg & Richard Sickinger

Wenn wir in die Welt schauen und die Zeichen der Zeit wahrnehmen, erkennen wir, dass die Kultur, die uns umgibt, nicht mehr christlich ist. Sie ist eine säkulare Welt mit säkularen Werten geworden.

Ein kleines Beispiel: Es war ein Sonntagmorgen und wir sind zur Kirche spaziert. Wir haben uns unterhalten und herumgeschaut, und plötzlich ist uns aufgefallen: Da sind mehr Leute in ihrer Sportkleidung auf dem Weg zu einem Morgenlauf als Menschen, die zur Sonntagsmesse gehen. Ich kann mich genau an den Moment erinnern, wie wir dort standen und uns klar wurde: Sport ist eine großartige Sache und zieht immer mehr Menschen an – aber die Zeit für Gott ist irgendwie auf der Strecke geblieben…

Diese säkulare Welt ist nicht neutral, sie hat eine starke Dynamik, jeden von uns zu beeinflussen – in dem was wir denken, unsere Werte und Meinungen, mit all ihren Eindrücken und Verlockungen – mit dem Ziel, uns zu beeinflussen und unseren „way of life“ (Lebensstil) als Familie zu formen. Von kleinen Dingen wie Sport oder Kleidung bis zu großen wie Abtreibung oder Euthanasie.

Es ist ein natürlicher Vorgang: In einer Kultur zu leben, macht uns auch zu einem Teil dieser Kultur. Das ist genauso, wenn wir in ein Gasthaus gehen und unsere Kleider den Geruch des Lokals annehmen. Wenn wir dann nach Hause kommen und unseren Mantel aufhängen, können wir den Wirtshausgeruch immer noch im Mantel riechen.

Was möchte uns Gott mit diesen Zeichen der Zeit sagen? Welchen Auftrag gibt er uns? Wir sollen starke, freie, katholische Familien werden, die dem Einfluss einer säkularen Kultur widerstehen können, die auf ihrem Weg zur Heiligkeit wachsen und Hoffnungszeichen für andere Familien in diesem neuen säkularen Zeitalter werden können.

Authentisch leben! – Jede Familie kann eine Insel katholischen Lebens sein

Pater Josef Kentenich, der Gründer von Schönstatt, lädt Familien heute ein, “Inseln authentischen, christlichen Lebens” zu werden und sagt: “Wenn eine religiöse Gemeinschaft nicht das alltägliche Leben gestaltet, verdient sie hinweggemäht zu werden von den Zeitströmungen“.

Wie können wir nun Gottes Plan erfüllen und ein authentisches, christliches Leben aufbauen?

Ein Beispiel: Zu Beginn dieses Jahres wurde in Österreich eine neue Regierung angelobt. Nach 100 Tagen fand an der Universität eine Podiumsdiskussion statt – einer der Experten beschrieb, dass in diesen ersten 100 Tagen rund 60-70 neue Themen von der Regierung zur Sprache gebracht wurden (neue Arbeitszeitregelungen, neue Strategie für die Sozialversicherung usw. ), also nahezu ein neues Thema pro Tag, über alle Informations- und Multimediakanäle verbreitet. Der Experte beschrieb diese Informationsflut als „Zeitalter der Ablenkung“ mit dem Effekt: nach 3 Tagen kann sich niemand mehr erinnern, was das genaue Thema war, die Informationen gehen bei einem Ohr hinein und beim anderen wieder hinaus und man wird oberflächlich.

Was sagt uns Gott durch dieser „Zeitalter der Ablenkung“, was ist seine Botschaft für uns?

– Erstens, nicht wundern, wenn wir bemerken dass wir selbst oberflächlich sind (es kann passieren, dass ich mich nicht mehr erinnere, was meine Frau vor 5 Minuten gesagt hat).

– Zweitens: Wir möchten anders leben, wir möchten nicht bei der Oberflächlichkeit stehen bleiben, sondern unser Zuhause zu einem Ort machen, wo wir darüber hinaus wachsen!

Was ist unsere Mission als Familie? Dass wir neue Traditionen in unserem eigenen Leben entwickeln, eine neue christliche Kultur bauen, hier konkret eine Kultur des Hörens. Pater Kentenich formuliert, dass die „Kunst des Zuhörens heute eine außerordentlich seltene aber notwendige Kunst“ ist. Katholisch sein heißt zu hören – mit tiefem Respekt zu hören, was mein Ehepartner sagt, was die Bedürfnisse unserer Kinder uns sagen und was Gott uns sagt.

Praktisch kann das für unser tägliches Leben heißen, dass wir unsere Mahlzeiten bewusst zu einer Zeit des Erzählens und des Zuhörens machen und alle Ablenkungen verbannen. Emilia und Stephan und ihre zwei Kinder sind so eine Familie. Wenn man sie besucht, findet man ein spezielles Regal neben dem Esstisch mit der Aufschrift „Handys bitte“. Gäste und Familienmitglieder sind aufgefordert, ihre Mobiltelefone dort abzulegen – so wird das Abendessen zu einer handyfreien Zone. Uns ist aufgefallen, dass der ältere Sohn Lorenz (4) nicht einmal mit der Wimper gezuckt hat, als eines der Mobiltelefone ein Geräusch von sich gab… (normalerweise kann er unterscheiden und kommentiert, ob ein SMS, eine WhatsApp Nachricht oder eine E-Mail hereingekommen ist).

Als katholische Familie heute zu überleben und zu gedeihen bedeutet, anders zu leben als unser Umfeld, ein quasi klösterliches Leben in der Welt zu führen, Strukturen und Bräuche zu entwickeln, um uns auf unserer Pilgerreise unterstützen und unseren Glauben aktiv zu leben, indem wir einen einzigartigen katholischen „way of life“ kultivieren. Aber wie?

Der katholische Weg: Handeln und beten!

Die Entwicklung eines authentischen, ganzheitlichen, katholischen Lebensstils baut auf die Verbindung der beiden Dimensionen des katholischen Lebens auf, auf diese Verbindung der beiden jahrhundertealten Prinzipien des Ordenslebens von „Beten und Arbeiten“, von „Aktion und Kontemplation“, damit beides gewährleistet ist, uns der Initiative Gottes zu öffnen und das eigene Mitwirken in Liebe nicht zu vergessen – weil, wie Amoris Laetitia sagt: „Liebe ist nicht nur ein Gefühl, sondern muss in dem Sinn verstanden werden, den das Verb ‚lieben‘ im Hebräischen hat, nämlich ‚Gutes tun‘“, also handeln. (A.L. 94).

Als Jesus seine große Bergpredigt hielt, fasste er seine Rede mit folgenden Worten zusammen: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr! wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt“ (Mt 7,21).

“Wer macht den Abwasch?“ ist also keine triviale, sondern eine wichtige Frage! Wenn es um die Liebe geht (zu Gott, zu unserem Partner), sind es nicht so sehr die Wörter, sondern die Taten, die zählen. Die kleinen Dinge im Familienleben sind wirklich wichtig!

Es gibt viel zu tun, um einen Haushalt mit 2 oder 5 oder mehr Familienmitgliedern aufrechtzuerhalten (Putzen, Kochen, Einkaufen, Wäschewaschen, Geschirrabwaschen, …). Die Aufteilung der Hausarbeit ist nachweislich eines der häufigsten Konfliktpotentiale in Familien. Das Ziel dabei ist aber nicht, die Hausarbeit in gleiche Teile zu splitten (50:50), sondern vielmehr die Arbeiten im Haushalt so aufzuteilen, dass es beide Partner als gerecht empfinden! Als eine katholische Familie haben wir diesen großen Vorteil: Kleine Dinge machen viel mehr Sinn mit dem Blick aufs große Ganze – wir teilen uns nicht nur den Haushalt auf, sondern wir bauen gemeinsam an einer neuen Welt.

Lieben ist ein Verb: auf der einen Seite beten wir füreinander und auf der anderen Seite übernehmen wir Verantwortung und tragen aktiv unseren Teil bei. Als katholische Familie haben wir den Auftrag, beide Prinzipien – zu handeln und zu beten – in unseren Häusern und unseren Herzen zu vereinen. „Liebe wird mitten im Leben gelebt und gepflegt, in dem Leben, das die Eheleute untereinander und mit ihren Kindern Tag für Tag teilen.“ (A.L. 90). Dieses Zeugnis macht uns relevant (Katholisch zu sein funktioniert!), glaubwürdig (Sie leben was sie sagen! Sie glauben was sie sagen!) und attraktiv für andere Familien (So wollen wir auch sein!). In Amors Laetitia, zum Beispiel im Kapitel „Unsere tägliche Liebe“ finden wir viele Ideen, die wir in unserem täglichen Familienleben umsetzen können.

Hausheiligtum (Monterrey, Mexiko)

Die Kraft zu lieben: Maria, Mutter der Familien

Aber ist diese Berufung nicht zu viel, zu groß, zu weit weg für eine Familie? Manchmal fühlen wir uns hilflos oder schwach – wie kann unsere Fähigkeit zu lieben wachsen? Wie können wir unsere Potentiale weiter entwickeln?

Wir möchten gerne unsere Erfahrung mit dem Hausheiligtum teilen – die Erfahrung vieler Familien zeigt: Wenn wir der Gnadenmutter von Schönstatt einen Ehrenplatz in unserem Haus geben, dann haben wir eine Basis, auf der sich ein persönlicher katholischer Lebensstil entwickeln kann, und wir haben Zugang zu den Gnaden, die wir benötigen um ein katholisches Zuhause aufzubauen.

Maria bringt Jesus in unsere Häuser, wie Erzbischof Gracias gestern während der Heiligen Messe sagte. Ihr Herzensanliegen in dieser Zeit ist es, in unser Haus zu kommen, sich niederzulassen und uns dabei zu helfen, als eine „Insel des authentischen christlichen Lebens“ zu wachsen, indem sie Christus in unsere Ehe und unsere Herzen bringt. Aber die Gottesmutter von Schönstatt ist eine Erzieherin und Mentorin, sie sucht unsere Kooperation, sie benötigt unsere Hilfe und wendet sich an uns mit ihrer Forderung: „Beweist mir erst, dass ihr mich wirklich liebt. Dann werde ich mich gerne hier niederlassen und reichlich Gaben und Gnaden austeilen“, wie es in der Gründungsurkunde Schönstatts steht.

Das steht im Einklang mit dem Wunder von Kana (Joh 2,1), als Maria einen Blick für die missliche Situation hatte, in die ein frisch vermähltes Paares gekommen war: Ihnen war der Wein ausgegangen. Sie sagte zu Jesus: „Sie haben keinen Wein mehr“, seine Reaktion war: „Füllt die Krüge mit Wasser“ und durch die Fürsprache Marias verwandelte er ihr Wasser in guten Wein.

Das ist es, was viele Familien in ihrem Hausheiligtum erfahren: Sie geben ihre Liebesgaben, ihre Bemühungen um ihre persönliche Entwicklung, Selbsterziehung und ihre Liebe füreinander Tag für Tag – die kleinen Dinge, die im Familienleben zählen – und sie vertrauen, dass ihr „Wasser“ in Wein verwandelt wird. Wir müssen nicht alles selber machen – aber wir sind dazu bereit, unseren Teil zu übernehmen. Da gibt es hunderte kleine Dinge – vom Geschirrabwaschen bis zum Zuhören mit einem offenen Herzen – um unsere „tägliche Liebe“ zu zeigen“. (A.L. 90)

Das ist die Synergie der Liebe, die wir als Familie brauchen: Wir geben unser Bestes und vertrauen zur gleichen Zeit vollkommen auf Christus, dass er Wunder in unserem täglichen Familienleben vollbringt. Das ist die Synergie, die unser Haus verwandelt, es in eine Quelle lebendigen Wassers oder ein Licht auf dem Hügel verwandelt.

Familien als „Active Agents“ – Gottes Plan für eine neue Welt

Unsere Vision ist, dass viele solcher Familien, solcher Häuser, sich untereinander verbinden, ein gemeinsames Netzwerk bilden – die Heilige Stadt – und sich mit der Pfarre verbinden, um einen glaubwürdigen und dynamischen Organismus neuen katholischen Lebens zu entwickeln, der auf einem fundierten christlichen Lebensstil und auf der Initiative Gottes aufbaut, auf Handeln und Beten!

Das ist ein realistischer Plan zur Erneuerung unserer Gesellschaft durch das Ehesakrament, vollständig dem entsprechend, was Papst Franziskus sagt: „Jede Liebe, die wächst, ist eine verändernde Kraft“ (P. Franziskus, Generalaudienz 20.9.2017), sie verändert die Welt.

Wir sorgen füreinander – und wir sorgen für andere, für die „erweiterte Familie“ (A.L. 196) rund um uns. Nicht nur wir beide und die Kinder, sondern „das ganze Netz der Beziehungen (wird) gestärkt durch die Gnade des Sakramentes.“ (A.L. 74).

Ein Beispiel: Es war ein hektischer Morgen, ich war kurz davor das Haus zu verlassen, als das Telefon läutete. Es war ein Freund – er hatte eine sehr nette Partnerin getroffen, aber die beiden hatten Schwierigkeiten beim Aufbau ihrer Beziehung und es bahnte sich eine Krise an.

Sie würden am Abend ein entscheidendes Gespräch führen und er wollte einen Rat von mir. Ich habe ihm zugehört und versucht ihm zu helfen – aber dann wurde die Zeit knapp. Also ging ich zu unserem Hausheiligtum, schaute kurz zur Gottesmutter und sagte: „Schau, ich muss jetzt gehen. Aber wenn ich nach Hause komme, werde ich eine Kerze anzünden und für euch beten.“ Er ist nicht gerade katholisch, aber ich spürte, dass es das Beste war, was ich jetzt tun konnte. Es war ein dichter Tag – ich füllte den Krug. Als ich abends heimkam, zündete ich die Kerze an und betete für meinen Freund und das gemeinsame Gespräch.

Später an diesem Abend rief er an – alles was er sagte war: „Wann hast du diese Kerze angezündet?“

Als katholische Ehepaare haben wir die Berufung zur Liebe, das ist ein Prozess ständigen Wachstums (A.L. 134), und wir haben den Auftrag zum Apostolat. Unsere Kirche nimmt uns ernst, wenn wir den Aufruf hören, dass Familien die „hauptsächlichen Subjekte“, die „Active Agents“ (in der englischen Version von A.L.) des Familienapostolates sind (A.L. 200), mit dem Auftrag, „zugleich Hauskirche und lebendige Zelle für die Verwandlung der Welt“ zu sein (A.L. 324).

Segnung von Hausheiligtümern in einer Pfarrei in Panama

 

Foto Titel: iStock Getty Images, evgenyatamanenko. Licensed for schoenstatt.org

 

Amoris Laetitia: Vom Gesetz zum Ideal

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