Veröffentlicht am 2016-11-08 In Themen - Meinungen

Migranten willkommen

Ein Beitrag aus Chile zu einer scheinbar rein europäischen Thematik. Von P. Hugo Tagle •

Die Zahl der Einwanderer nach Chile ist in den letzten zehn Jahren um 123 % gestiegen. Allein aus Haiti kamen innerhalb von sechs Monaten mehr als 20.000, das sind 110 pro Tag. Chiles Außenpolitik ist flexibler geworden und hat sich der Welt geöffnet, entsprechend dem Trend der Schwellenländer und dem Aufruf der UN, Millionen von Vertriebenen weltweit willkommen zu heißen. Das ist ein Zeichen der Offenheit, das unser kulturelles Erbe bereichert, ihm mehr Farbe und Vielfalt gibt. Chile, traditionell isoliert durch die Anden und das Meer, wird nun offener und empfänglicher, was unsere kulturellen Parameter herausfordert und uns zwingt, toleranter zu werden und etwas über den kulturellen Reichtum der anderen zu lernen.

Bei zahlreichen Gelegenheiten hat Papst Franziskus Bezug genommen auf das Drama von Millionen vertriebener Menschen, die nach besseren Lebensbedingungen suchen oder vor Krieg, Hunger, Verfolgung fliehen. Das christliche Mitleid – dieses »leiden mit«, Mit-leid – kommt vor allem im intensiven Bemühen um die Kenntnis der Ereignisse zum Ausdruck, die Anstoß sind, die Heimat gezwungenermaßen zu verlassen, und dort, wo das notwendig ist, demjenigen eine Stimme zu verleihen, dem es nicht gelingt, seinen Schrei des Schmerzes und der Unterdrückung zu Gehör zu bringen. Dabei erfüllt ihr eine wichtige Aufgabe auch darin, die christlichen Gemeinschaften für die vielen Brüder und Schwestern zu sensibilisieren, die von Wunden gezeichnet sind, die ihr Leben belasten: Gewalt, Übergriffe, Entfernung von familiärer Zuneigung, traumatische Ereignisse, Flucht aus dem Zuhause, Unsicherheit hinsichtlich der Zukunft in den Flüchtlingscamps. Das sind alles Elemente der Entmenschlichung und sie müssen jeden Christen und die gesamte Gemeinschaft zu konkreter Aufmerksamkeit veranlassen..“(24. Mai 2013)

So sind die Christen aufgerufen, sich der vielen Brüder und Schwestern bewusst zu werden, die gezeichnet sind von Wunden, die ihr Leben beeinflussen: Gewalt, Machtmissbrauch, Trennung von der Familie, traumatische Ereignisse, von zu Hause fliehen müssen, Ungewissheit über die Zukunft.

Chile  ist als Teil Amerikas ein Land der Einwanderer. Selbst die, die sagen, sie seien Einheimische, waren einmal Einwanderer. Die Berufung des Menschen ist eine Kombination von Bewegung und Sesshaftigkeit. Wir lassen uns nieder mit dem Gedanken an Bewegung, fast nur um wieder aufzubrechen und uns ins nächste Abenteuer zu stürzen. Die Moderne wird charakterisiert von Mobilität. Das ist eine Charakteristik, die bleiben wird. Alles ist flexibel geworden, instabil, mobil: Wohnung, Arbeit, Soziale Netzwerke. Wir leben in einer „flüchtigen“ Gesellschaft, um die berühmte Beschreibung von Zygmunt Bauman von der „flüchtigen Moderne“ zu verwenden. Wir müssen den Gedanken akzeptieren, dass dieses Phänomen nicht abnehmen, sondern mit der Zeit noch zunehmen wird. Die Einladung geht dahin, die unzähligen Vorteile zu nutzen. Kontakt mit anderen bereichert uns. Angefangen vom Essen, Literatur, Kunst und Musik. Migration ist ein Geschenk, das uns neue Horizonte eröffnet, uns toleranter macht, unsere  Sichtweise und unser Verständnis der Wirklichkeit erweitert.

Die meisten Einwanderer, die nach Chile kommen, sind Christen, mit einer Glaubenserfahrung, die ebenso tief wie neuartig ist. Neue Musik, Tänze, Andachten, religiöse Praktiken. Das alles, wenn es mit Weisheit und Bildung integriert wird, wird die Kirche reicher, vielfältiger, multikultureller und missionarischer machen.

 

Quelle: Zeitschrift Vinculo, Chile, September 2016

Original: Spanisch. Übersetzung: Ursula Sundarp, Dinslaken, Deutschland/mf

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