Veröffentlicht am 2015-10-13 In Themen - Meinungen

Schönstatt ist Kirche

von P. Alexandre Awi, Brasilien •

 

Weder „Konservative“ noch „Progressive“. Einfach Kirche. Unter uns gibt es „Konservative“ und „Progressive“, wie es sie auch in der Kirche gibt. Glücklicherweise findet die reiche Vielfalt von Meinungen und Tendenzen innerhalb der eigenen Kirche einen Ort in unserer Bewegung. Wir weisen weder die Theologie der Befreiung ab noch die Messe in Latein, denn die Kirche tut es auch nicht. Wer glaubt, sie tue es, muss sich die Mühe machen, die offiziellen Positionen der Kirche besser kennenzulernen. Es gibt Menschen in unserer Bewegung, die mit der Befreiungstheologie sympathisieren, wie es auch Schönstätter gibt, denen die Messe in Latein sympathisch ist, um nur zwei Beispiele zu zitieren, die üblicherweise gern als Aushängeschild der „Progressiven“ und der „Konservativeren“ gehandelt werden.

Wenn etwas legitimerweise von der Kirche angenommen wurde, kann es auch von der Apostolischen Schönstatt-Bewegung angenommen werden. Wir sind weder Rechte noch Linke oder Zentrum. Wir sind Kirche und die Kirche ist nicht parteiisch. In sozialen Themen ist unsere Fahne die christliche Soziallehre. In liturgischen Themen sind es die Richtlinien der Kongregation für die Sakramentenpastoral. Und in unserer Pastoral lassen wir uns von Bischofskonferenz führen, der legitimen Vertretung unserer Bischöfe in Brasilien.

Manchmal gewinnt man den Eindruck, dass die „konservativeren“ (oder eher rechten) Personen sich ausschließlich mit Themen der Sexual – und Lebensmoral (Abtreibung, Genderideologie, Euthanasie, Ehe und Familie) beschäftigen, und die „progressiveren) (oder eher linken) mit Themen der Sozialmoral (Armut, Ökologie, Arbeiterrechte, Verteidigung der Ausgegrenzten usw.). Die Kirche kümmert sich um beide Realitäten, denn sie weiß, keine der beiden ist wichtiger als die andere.

Es wäre Inkohärenz von Leben und Botschaft, würde ein Christ gegen die Abtreibung kämpfen, aber die Todesstrafe verteidigen; oder für Ökologie kämpfen und die Genderideologie propagieren.

Beobachten wir die Standpunkte von Papst Franziskus, etwa: er veröffentlicht eine „ökologische Enzyklika“, verdammt das herrschende Finanzsystem, stellt sich aber auch gegen Abtreibung und Genderideologie. Sexuell unmoralisches Verhalten ist nicht gravierender als das sozial unmoralische Verhalten, in dem wir leben – und umgekehrt; auch wenn viele Menschen das meinen und das auf Facebook posten. Beobachten wir auch unseren Gründer, der beispielsweise eine Unisex-Kultur anprangerte (die das Spezifische von Mann und Frau aus der Natur herausnimmt), wie er ebenso „soziale Ungerechtigkeit“ anprangerte und sowohl den ungezügelten Kapitalismus wie den Marxismus, den er Bolschewismus nannte, verurteilte.

Jesus Christus hat eine Botschaft der Freude und Erlösung für alle Lebenssituationen des Menschen, sei es im persönlichen wie gemeinschaftlichen Bereich. Darum hat die Bischofskonferenz (von Brasilien) kürzlich offizielle Stellungnahmen sowohl gegen die Genderideologie (was als „konservativ“ erscheinen könnte) wie gegen die Herabsetzung des Strafmündigkeitsalters (was progressiv erscheinen könnte). Die Kirche lässt sich Gott sei Dank nicht mit diesen Kategorien etikettieren noch darin einsperren. Ihre einzige Treue gilt Jesus Christus und nicht politischen oder parteilichen Ideologien.

Die Schönstatt-Bewegung muss darum sowohl über die Themen der Sexualmoral nachdenken wie auch über die der Sozialmoral. Muss sich für eine christlichere Positionierung entscheiden, dafür beten und darum kämpfen. Die „ich glaube“ sind nicht genug („Ich glaube das …“ oder „Ich glaube jenes“). Die Frage ist: „Was glaubt Jesus?“ Der praktische Vorsehungsglaube, der der Schönstatt-Spiritualität so eigen ist, lehrt uns, ständig zu fragen: Was ist der Wille Gottes zu diesem Thema? Was würden Jesus Christus, die Mutter des Herrn und unser Vater und Gründer tun, wenn sie zu diesem Thema einen Standpunkt einnehmen müssten? Und um uns bei diesem Nachdenken zu helfen, müssen wir an erster Stelle die Stimme der Kirche hören.

Schließlich glauben wir, dass sie in besonderer Weise vom Heiligen Geist unterstützt wird! Mehr noch, wenn sie sich gemeinschaftlich äußert, sei es in einem Konzil, in einer Bischofskonferenz oder in der Person des Papstes, der als Haupt des Bischofskollegiums redet! Ein aktueller Beleg dafür wären, im Blick auf die beiden erwähnten Beispiele, die beiden von der Brasilianischen Bischofskonferenz herausgegebenen Schreiben. Ich habe ehrlich gesagt keinerlei Zweifel, dass Jesus Christus, würde man ihn in Brasilien Gesetze machen lassen, gegen die Genderideologie wie auch gegen die Herabsetzung der Strafmündigkeit stimmen würde! Ich danke unseren Bischöfen dafür, dass sie uns so gute Lichter aufgesteckt haben! Unabhängig von den parteilichen Ergebnissen der Abstimmungen wird das immer der Standpunkt unserer Kirche sein. Ich hoffe, dass die Christen, die anders denken, genügend Motive finden, um ihren Standpunkt vor Jesus Christus selbst zu rechtfertigen. Sie können abweichend denken, aber sie sollen es in der vollen Überzeugung tun, dass es wirklich der Heilige Geist ist, der sie anregt …

In der Tat kann jede Person als Einzelne mit der einen oder anderen Richtungsweisung der Kirche nicht einverstanden sein, sei es im sozialen, doktrinären, liturgischen oder pastoralen Raum, es sei denn, es handle sich um ein Dogma. Die Freiheit der Überzeugung ist auch Teil der Lehre der Kirche. Allerdings ist genauso klar, dass unser Standpunkt als Bewegung nicht vom Standpunkt der Kirche abweicht. Und das gilt besonders für alle, die Führungsaufgaben in unserem Werk einnehmen.

In Schönstatt schätzen wir die Freiheit sehr. Die legitime Gewissens- und Meinungsfreiheit muss selbstverständlich begleitet werden von einer angemessenen Gewissensbildung. Darum gilt es, neben der Suche nach echtem Wissen im wissenschaftlichen, politischen, ökonomischen und sozialen Bereich, uns entscheidend von der Position der Kirche erleuchten zu lassen. Besonders unsere Führungskräfte und Verantwortlichen müssen erst denken, bevor sich ihre Meinung in sozialen Netzwerken posten, denn oft wird die Meinungsäußerung einer Führungskraft vor allem von denen, die ihm anvertraut sind, als Meinung der Bewegung und der Kirche interpretiert! Damit sind wir nicht „hinter der Mauer“, wie einige einwenden könnten, sondern innerhalb der Mauern, innerhalb der Mauern der Kirche.

Und das Motiv einer solchen Haltung ist ganz einfach: die Treue zu unserem Vater und Gründer. Denn Pater Kentenich ist bis hinein in Momente des Unverstandenseins und der Verfolgung durch die eigene Kirche ihren Weisungen gefolgt und bat, dass auf seinem Grabstein ein einziger Satz stehen solle: Dilexit Ecclesiam, er hat die Kirche geliebt – Zusammenfassung seines Lebens; und das bleibt auch die Haltung seiner geistlichen Söhne und Töchter.

Unser Gründer begleitete beispielsweise aufmerksam das II. Vatikanische Konzil. Er nahm dabei auch wahr, dass unser Charisma das Konzil vorweggenommen hatte. Er nahm alle seine Entscheidungen aus ganzem Herzen an und versprach Papst Paul VI., dass Schönstatt mitwirken würde an der Annahme und Umsetzung der Vorschläge des Konzils im Leben der Kirche. Und heute dürfen und wollen wir als seine geistlichen Söhne und Töchter nicht anders handeln.

„Mit dir, Vater“ – so beginnt das Motto der (brasilianischen) Schönstattfamilie in diesem Jahr. Auch in unseren sozialen, politischen und ideologischen Kämpfen, von denen es in dieser Zeit nicht wenige gibt, wiederholen wir immer und immer wieder: Mit dir, Vater, lieben wir die Kirche!

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Ursprünglich veröffentlicht auf der Webseite der JUMAS Brasilien (Schönstatt-Mannesjugend) und danach auch auf der Webseite der Kampagne der Pilgernden Gottesmutter, www.maeperegrina.org.br.

Original: Portugiesisch. Übersetzung: Maria Fischer/schoenstatt.org

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