Veröffentlicht am 20. Juli 2015 In Themen - Meinungen

Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen (Mt 25,35)

Redaktion •

Wenn in Deutschland Flüchtlingsheime brennen, dann macht das Angst. Und es macht, dass man sich schämt, abgrundtief schämt. Dagegen hilft auch nicht, dass Deutschland nicht allein ist mit dieser dumpfen, krankhaften Fremdenfeindlichkeit, mit Feuer, Steinen, Mauern und Worten, die vielleicht noch mehr verletzen als Flammen.

Man muss „The Day after Tomorrow“ von Roland Emmerich nicht mögen. Aber diese eine kurze Szene darin: in letzter Minute erteilt der Präsident der USA den Befehl, die Bewohner der südlichen Staaten der USA (die der nördlichen sind schon unter Schnee und Eis begraben) nach Mexiko zu evakuieren. Alles rennt ums blanke Leben… bis an den Grenzzaun, den man zum Schutz vor illegalen Einwanderern aus Mexiko errichtet hat. Und dann beschließt die mexikanische Regierung, die Grenzkontrollen an diesem Zaun zu vereinfachen und ganz auszusetzen, damit die Flüchtlinge gerettet werden … Und die so plötzlich zu Flüchtlingen geworden sind, begreifen erst in Zeitlupe…

Am Welttag der Flüchtlinge, heute vor einem Monat, ließ der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki ein Zeichen setzen. An 230 Kirchen des Erzbistums Köln läuteten am Vorabend die Totenglocken jeweils 100 Mal, ein Glockenschlag für jeden gestorbenen Flüchtling. „Für 23.000 Menschen ist es zu spät – aber es ist nicht zu spät für all diejenigen, die sich auch weiterhin auf den Weg nach Europa machen“, sagte Erzbischof Woelki an diesem Abend. „Wir brauchen eine europäische Flüchtlingspolitik, die einen legalen Weg für Flüchtlinge nach Europa schafft und eine Seenotrettung, die Menschen und nicht Grenzen schützt“, sagte der Erzbischof. Auf der Flucht vor menschenverachtenden Lebensbedingungen seien „unsere Schwestern und Brüder“ oft genau derselben Menschenverachtung ausgeliefert, die sie hinter sich lassen wollten.

Das Bundesheim in Schönstatt wurde am Ende nicht als Flüchtlingsunterkunft akzeptiert, weil die Brandschutzmaßnahmen zu viele Kosten verursacht hätten. Aber es war angeboten worden. In einigen Schönstattzentren sind Flüchtlinge untergekommen. Und in vielen Haus- und Herzensheiligtümern auch, dort, wo einzelne Menschen einzelnen Menschen die Hand reichen und dieses Europa zu einem bescheidenen, einfachen neuen Zuhause machen. Es ist eigentlich ganz einfach, ein einziger Satz: Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen (Mt 25,35). Da hat das Heilige Jahr der Barmherzigkeit schon begonnen.

Wo Flüchtlinge bedroht sind, steht die Kirche an ihrer Seite!

Aus Anlass der jüngsten Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland erklärt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx:

„Alles deutet darauf hin, dass das Feuer, das in der Nacht zum Donnerstag in einer geplanten Flüchtlingsunterkunft im bayerischen Reichertshofen ausgebrochen ist, vorsätzlich gelegt wurde. Reichertshofen ist damit das jüngste Glied in einer langen Kette von Übergriffen auf Flüchtlings- und Asylbewerberunterkünfte – 150 allein im ersten Halbjahr 2015! Besonders die andauernden Proteste und Ausschreitungen im sächsischen Freital zeigen, dass einige Gruppen versuchen, das Klima in unserer Gesellschaft zu vergiften und Hass zu säen. Das dürfen wir niemals dulden!

In den letzten beiden Jahren hat sich die Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, stark erhöht. Oft unter Einsatz ihres Lebens sind diese Menschen der unbeschreiblichen Not in den Kriegs- und Bürgerkriegsgebieten des Mittleren Ostens und Afrikas entkommen. Für viele von ihnen geht es nicht zuerst um gute Lebensbedingungen, sondern schlicht ums Überleben. Ohne Wenn und Aber: Diese Flüchtlinge, viele von ihnen traumatisiert, haben Anspruch auf Schutz und Fürsorge. Sie zu bedrohen und zu attackieren, zeugt von enormer Verrohung, die unsere Gesellschaft niemals akzeptieren darf. Wer angesichts der jüngsten Vorkommnisse schweigt und wegsieht, der verrät unsere Werteordnung. Gegen Hass und Gewalt müssen wir alle klar Stellung beziehen.

Gerne erinnere ich daran, dass Papst Franziskus uns zu einer Kultur der Aufnahme und Solidarität aufruft. Er ermutigt dazu, das krankhafte Misstrauen gegenüber Einwanderern und Fremden zu überwinden. Die Bistümer, kirchlichen Wohlfahrtsverbände, Kirchengemeinden und Ordensgemeinschaften und ebenso viele Einzelne folgen diesem Aufruf und treten auf allen gesellschaftlichen Ebenen für eine solidarische Willkommenskultur ein und engagieren sich in vielfältiger Weise. Dafür bin ich sehr dankbar! Nicht der Hauch eines Zweifels ist erlaubt: Wo Flüchtlinge bedroht sind, steht die Kirche an ihrer Seite!“

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