Veröffentlicht am 2015-10-22 In Schönstätter

Gott spricht immer als Erster – Er liebt immer als Erster

SPANIEN, von Manuel de la Barreda Mingot

Als ich in der Schule war, im Alter von zwölf oder dreizehn, hatten wir einen ganz besonderen Spiritual. P. Xavier Ilundain, ein Jesuitenpater, „belohnte“ unser Verhalten in der Schule damit, dass er uns „erlaubte“, am Sonntagnachmittag zu einem Ort namens Club Avance zu gehen. Dieser Club Avance – im Schatten der Bewegung „Glaube und Licht“, deren geistlicher Berater eben dieser P. Illundain war -, versuchte, den „Irren“, wie man damals die geistig Behinderten nannte wie den „Normalen“, wie wir uns selbst gern nannten, einen gesunden Freizeitnachmittag zu geben mit Fest, Freude und Freundschaft. Zu der Zeit hatte ich keine Ahnung, was ‚Glaube und Licht‘ war, oder wer es gegründet hatte. Viele Male ging ich mehr hin wegen der Mädchen, die auch dahingingen und von denen man in diesem Alter immer erhoffte, dass „mehr“ daraus würde. Nicht bei einer allein, bei allen. Ich ging etwa fünf Jahre zu diesem Club. Bei keinem der Mädchen, die dann heranwuchsen und Jugendliche wurden, wurde es „mehr“, aber während dieser Jahre bereitete Maria, die Gottesmutter, schon mein Herz für das, was mich erwartete.

Lourdes

Einige Jahre später begann ich, mit meiner heutigen Frau auszugehen. Paradoxie des Schicksals, auch sie war im Club Avance gewesen, obwohl wir nie zur gleichen Zeit dort waren. Die Gottesmutter arbeitete wieder an meinem Herzen und an dem von Lourdes, meiner Frau, sodass „etwas“ zwischen uns geschehen konnte. Und zwar etwas, das wieder mit dem Club Avance zu tun hatte.

Kurz nach unserer Verlobung begannen wir beide, mit der Hospitalité Notre Dame de Lourdes des Erzbistums Madrid zur Krankenwallfahrt zum Heiligtum Unserer Lieben Frau von Lourdes in Frankreich zu gehen, mit der Hospitalité Notre Dame de Lourdes des Erzbistums Madrid. Und das nun schon seit langer Zeit, und obwohl ich das eine oder andere Jahr verpasst habe, werde ich, wenn ich in einigen Tagen wieder mit der Hospitalité nach Lourdes fahre, das Abzeichen für 25 Jahre Dienst an den Pilgern erhalten.

Zu-fälle des Lebens – oder besser gesagt „Gottes-Ein-fälle: meine Frau heißt, wie ich bereits erwähnte, Lourdes, und ‚Glaube und Licht‘ wurde 1971 in Lourdes gegründet.

Javier

Während der ersten Jahre unserer Lourdes-Wallfahrten waren meine damalige Freundin und ich in dem Team, das für Mütter und ihre kranken Kinder sorgte, von denen viele geistig behindert waren, aber auch an vielen anderen Krankheiten litten. Wir fingen an, uns mit diesen Menschen anders zu beschäftigen, als während der kurzen Zeit beim Fest am Sonntagnachmittag. Wir fingen an mit ihnen zu leben. Die Gottesmutter setzte ihre Arbeit fort.

Wir heirateten; wir hatten als erstes eine wunderbare Tochter, Isabel. Dann hatten wir einen fantastischen Jungen, Manuel. Plötzlich fragte mich meine Frau: „Warum adoptieren wir nicht ein Kind mit Down-Syndrom?“ Ich war schockiert. Innerlich rebellierte ich gegen die Idee, mein Leben auf diese Weise mit einer „Hypothek“ zu belasten, aber irgendetwas in mir hielt mich davon ab, nein zu sagen. Ich sagte nicht nein, aber ich sagte auch nicht ja. Die Zeit verging, und mit der Geduld einer Frau erinnerte sie mich alle paar Monate daran. Meine Einstellung und meine Reaktion waren immer die gleichen, bis sie mir eines Tages sagte, sie habe einen Antrag gestellt, um ein Kind mit Down-Syndrom zu adoptieren, und wir würden in einigen Tagen unser erstes Informationsgespräch haben. Ich war „außer Gefecht gesetzt“, und wieder einmal kam das „Nein“ nicht aus meinem Mund.

Wir erzählten es unseren Angehörigen am 28. Dezember 1995, dem Fest der Unschuldigen Kinder – nehmen Sie wieder „Gottes-Ein-fälle“ -, und neun Monate später traf Javier in unserm Haus ein. Seitdem fährt die Gottesmutter fort, uns durch die Hand von Javier zu erziehen und für uns zu sorgen und vor allem, uns zu lehren, wie der oben erwähnte P. Xavier sagt, auf Augenhöhe mit einem Menschen mit dem zusätzlichen Gen 21 zu leben; diesem Gen 21, das voller Liebe und Zuneigung sein muss. Zehn Jahre später wurde unser viertes Kind, Bianca, geboren.

Die Arche

Aber wir, soviel wir auch in all dem entdeckt haben, waren bei weitem nicht die ersten, die so etwas getan haben. Im Jahr 1964, dem Jahr, in dem ich geboren bin – ein weiterer „Gottes-Ein-fall“ -, traf ein gewisser Jean Vynier, zuerst Seemann, dann Professor der Philosophie, eine Entscheidung, die sein Leben ändern sollte. Nach einem Besuch einer „Irrenanstalt“, wie sie in jenen Tagen genannt wurde, und als er sah, unter welchen Bedingungen die Bewohner lebten, entschied er sich, zwei geistig behinderte Bewohner mitzunehmen und mit ihnen zu leben: Philippe und Raphael. Diese Entscheidung änderte nicht nur sein Leben und das von Philippe und Raphael, sondern das von Tausenden von Menschen, verteilt in 147 Gemeinden in fünfunddreißig Ländern, die in diesen einundfünfzig Jahre gewachsen sind. Es sind die Arche-Gemeinschaften. Diese kleinen Himmel auf Erden, in denen die Unterschiede zwischen den Menschen nur dazu kommen, aber nicht bleiben, und wo jeder geschätzt wird für das, was er ist: ein Mensch. Das sind Häuser, in denen sie mit ihren Brüdern und Schwestern leben, Leuchttürme, die die heutige Welt erhellen, wo die Wahrheit jeder Person nicht in ihrer Effektivität liegt, sondern in ihrer Würde als Kind Gottes. Im Jahr 1971 gründete Jean Vanier die Gemeinden von Glaube und Licht.

Die Arche-Stiftung von Madrid

Und eine dieser Gemeinden ist noch in einem sehr frühen Anfangsstadium hier in Madrid. Vor etwa sechs Jahren lud uns eine Schönstätterin, Arceli Moreno, in ihr Haus zum Essen ein, um dieses Projekt vorzustellen, und unter den Gästen war auch P. Xavier Ilundain (ich will nicht mehr sagen „Gottes-Ein-fall, aber..). Fünfunddreißig Jahr später trafen wir uns wieder, mit demselben Ziel: den geistig Behinderten. Aber es ist nicht irgendein Ziel.

Das Projekt der Arche, die ARCA-Stiftung in Madrid, suchte einen Wohnraum, ein Haus, wo alle unabhängig von ihrer geistigen Gesundheit miteinander leben können, wie sie sind. Blonde oder Brünette, ein Gen mehr oder weniger, groß oder klein, gut aussehend oder hässlich, dumm oder klug, das einzige, was einer tut, was einer tun sollte, ist die Beziehung zu bereichern, das Zusammenleben. Es anders zu sehen heißt, die Vorstellung, die ich von anderen habe, herabzusetzen, Christus in den anderen herabzusetzen, indem man ihn ausblendet.

Und in diesem Projekt bin ich aktiv. Dank dem Werk der Göttlichen Vorsehung in meinem Leben, Dank der Gottesmutter, die seit meiner Jugend für mich gesorgt hat, dank offener Türen, dank der Steine, “, die Gott mir in den Weg gelegt hat, und der Menschen, die mich geschoben haben, wenn ich nicht gewagt habe, hindurchzugehen, suchen wir ein Haus, um ein Heim zu eröffnen, wo wir miteinander in Beziehung treten können, wo wir als Familie leben können, als Gemeinde (in den Arche-Gemeinden leben Ehrenamtliche und behinderte Personen zusammen) in einem Raum der Freiheit, „der Freiheit“, die jeweilige Einzigartigkeit jedes anderen zu respektieren, sich gegenseitig zu bereichern, mit Christus zu spielen und an die Hand genommen zu werden. Denn wenn es Eines gibt, was mein Sohn Javier mich in diesen neunzehn Jahren gelehrt hat, dann, dass Christus sich in seinem Gesicht widerspiegelt, in einer viel klareren Weise als jede andere, und dass er immer die Hand der Gottesmutter hält.

www.larche.org

http://www.arche-deutschland.de

Original: Spanisch. Übersetzung: Ursula Sundarp, Dinslaken, Deutschland/Maria Fischer

 

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