Zeit

Veröffentlicht am 2021-08-07 In Leben im Bündnis

Zeit verlieren, Zeit verbringen, Zeit gewinnen

3MG, Maria Fischer •

„Ich verstehe, dass es einen Unterschied zwischen Zeit verlieren und Zeit verbringen gibt. Wie Geld verlieren und Geld ausgeben ja auch nicht das Gleiche ist.“ An diesen Satz aus einer Drei-Minuten-Geschichte meiner Mitarbeiterin und Freundin Paz Leiva muss ich denken, als ich am Sonntagnachmittag bei strahlendem Sonnenschein entspannt über die menschenleere – genauer gesagt, autoleere – A3 Richtung Würzburg „fliege“. Fliege, weil die gewonnene Zeit im Gespräch mit meiner Mitfahrerin wie im Flug vergeht und selbst der Dauerstau in der einspurigen Baustelle, wegen dem mein Navi zum Abfahren rät, gar nicht existiert. —

Dabei hatte diese lange Fahrt ganz anders angefangen, bei strömendem Regen nämlich und von kleinerem zu größerem und wieder zu kleinerem Stau, was die errechnete Ankunftszeit beim Zwischenstopp in Würzburg und dann bei mir zu Hause immer weiter nach hinten rücken und die Kaffee- und Plauderpause bei meiner Mitfahrerin und ihrem Mann gefühlt gegen Null schrumpfen ließ.

Und dann steht es, und die ersten Autofahrer steigen aus. Mein Navi rechnet die vermutete Verzögerung astronomisch hoch… 190 Minuten, 200 Minuten, 360 Minuten… „Ein Vorfall“. Der Verkehrsfunk schweigt. Und jetzt? Meine Mitfahrerin sitzt seit der letzten Pause am Steuer, ich suche im Smartphone, hinter und rechts an uns vorbei fährt das eine oder andere Auto auf die Raststätte, deren Einfahrt gerade mal 20 Meter vor uns liegt. „Ines, der Tunnel vor uns ist in beiden Richtungen gesperrt wegen Feueralarm. Die Autobahn ist in beiden Richtungen voll gesperrt.“

Abbiegen, jetzt

Vor ein paar Wochen hat meine Arbeitskollegin mir davon erzählt, dass sie an der Raststätte in der Nähe von unserem Betrieb manchmal auf dem Wirtschaftsweg abbiegt… Nicht wirklich erlaubt, aber… Waze findet unsere Position sofort. Ich schaue auf die Karte. Da ist so ein Weg. Den nehmen vermutlich auch die, die hier abbiegen. Viele sind es allerdings nicht. Sollen wir? Riskieren wir es? Ins Überlegen hinein sagt meine Mitfahrerin: Und wenn es nicht geht, fahren wir hinten wieder auf die Autobahn.“ Dann hat sich nichts geändert, aber wir haben es wenigstens versucht.

Manchmal gibt es nur einen einzigen Moment zum Abbiegen. 20 Meter weiter, und wir bleiben stehen ohne Aussicht auf Weiterfahrt.

Wir fahren ab. Wir entdecken den schmalen Wirtschaftsweg. Vor uns fährt ein Auto dort rein, wir hinterher. Landen auf einer Landstraße. Navi weiß nicht, wo. Wir fahren einfach mal. Schmale Straße, viel Gegend, und nach ein paar Kilometern haben wir wieder GPS-Signal. Die uns entgegenkommenden Autos mit Nummernschildern aus der ganzen Republik erzählen uns von gesperrtem Tunnel und Abbiegern wie wir. Nach einer halben Stunde und über drei Stunden gewonnener Zeit sind wir auf der oben schon erwähnten autoleeren A3 und eine mit guten Gesprächen verbrachter weiterer Zeit in Würzburg, wo uns Kaffee, Kuchen und ein neues kurzes Gespräch erwarten.

Gewonnene Zeit

Und wir reden. Und reden weiter, weil es der Moment ist, weil es sich richtig anfühlt, weil da etwas entsteht, weil ER mitten unter uns ist in diesem Hören und Fragen und Erzählen und Denken. Wir verbringen die ganze gewonnene Zeit und etwas mehr im Gespräch. Gewonnene Zeit, geschenkte Zeit, gut verbrachte Zeit. Das letzte und bewegendste Thema: Auch wenn sich durch das, was wir tun, nichts ändert, wir haben es wenigstens versucht. Wir versuchen es. Wieder und wieder.

Der nächste Arbeitstag ist etwas hart. Nicht nur wegen knapp zu wenig Schlaf. Sondern weil all diese Gespräche noch nachwirken und etwas mit mir machen. Etwas richtig Gutes. Ein neues, starkes Netzwerk. Eine Bestätigung für das Abbiegen im richtigen Moment. Manchmal gegen alle Regeln.

 

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