Stau Brücken Gräben

Veröffentlicht am 2021-08-12 In Leben im Bündnis

„Er hat die Gräben zwischen Pallottinern und Schönstättern nicht vertieft. Er hat sie zu überbrücken versucht.“

DEUTSCHLAND, Maria Fischer, mit P. Matthias Weiß SAC •

„Ihr „Reisebericht“ in den Schoenstatt-Nachrichten war der Anstoß, Ihnen einen Gruß zu senden“, schreibt P. Matthias Weiß SAC, gefühlt immer noch im Generalat der Pallottiner in Rom, wenn auch schon einige Jahre im Haus der Pallottiner in Limburg. „Warum? Nun am Samstag war die A 3 so verstopft, dass viele, die an der Beerdigung von P. Hubert Socha teilnehmen wollten, es nicht geschafft haben, pünktlich zu sein. Der Bruder und der Neffe von P. Socha – aus Mönchengladbach – waren erst um 15.00 Uhr, statt der geplanten 10.00 Uhr hier. Auch P. Heribert Niederschlag, der als Hauptzelebrant und Prediger vorgesehen war, kam erst spät während des Gottesdienstes an.“ —

Ich muss ein wenig lächeln, als ich die Zeilen von Pater Weiß lese und mir das Lächeln von Pater Socha vorstelle, der so furchtbar ungern im Mittelpunkt stand und der nun dank eines Staus auf der A3 sogar bei seiner eigenen Beerdigung das ganz bescheidene Format bekommt, das er so geliebt hat. „Ich vermute, auch Sie haben P. Socha gekannt. Ich kannte ihn seit 1955, als er das Noviziat begann, während des Studiums und seiner vielen Besuche in Rom“, so Pater Weiß weiter. Ja, ich habe ihn gekannt, auch wenn ich mich nicht daran erinnern kann, mehr als ein paar kurze Worte mit ihm gewechselt zu haben. Doch wie er da hinten im Urheiligtum saß, lächelnd und ganz bescheiden in der Ecke, das hat sich mir eingeprägt.

Er liebte es, am Rande zu sein

Hubert Socha wurde am 21. Juli 88 Jahre alt. Nur wenige Tage danach, am 1. August, dem Fest des großen Juristen und Moraltheologen Alfons von Liguori starb er. Wie der hl. Alfons entschieden für die Gerechtigkeit eintrat, so auch Hubert. Auch in ihrer Bescheidenheit waren sie einander ähnlich. Darum verwundert es nicht, dass die Schülerinnen und Schüler, die Freunde und Kollegen von Hubert Socha ihrem verehrten Lehrer zur Vollendung seines 65. Geburtstags im Juli 1998 eine Festschrift gewidmet haben mit dem Titel „Justitia et Modestia“, „Gerechtigkeit und Bescheidenheit“, – eine noch heute, 33 Jahre danach, lesenswerte Schrift! Jedoch war es nicht leicht, Hubert die Festschrift zu überreichen. Er hatte den dafür vorgesehenen Festakt strikt abgelehnt, wollte auch keine Festschrift. Dafür sei er nicht würdig! Ich war Rektor der Hochschule und wollte sie an seinem Geburtstag überreichen. Ich wusste, dass Hubert in der Regel an seinen Geburtstagen das Haus in aller Frühe verließ, dass er aber vorher unsere Unterkirche besuchte. Dort traf ich ihn. Er und ich, – wir waren allein, als ich ihm die Festschrift vor dem Tabernakel überreichte, – mehr an Ehrung ließ er nicht zu. Sich still zurückzuziehen war ihm lieber als eine Feier, die es von ihm verlangt hätte, im Mittelpunkt zu stehen, – und das wollte er partout nicht. Seine Art war es, sich zurückzuziehen und in Stille seine Wege zu gehen. Er liebte es, am Rande zu sein.“ So hätte die Ansprache von P. Heribert Niederschlag SAC begonnen.

Feuer gefangen

Hubert Socha wurde am 21.07.1933 im schlesischen Ziegenhals als ältester Sohn der Eheleute Franz und Valeska Socha geboren. Zur Familie gehören noch zwei Brüder und eine Schwester. Der Vater war aus dem 1. Weltkrieg schwer kriegsbeschädigt heimgekehrt. Aufgrund der verwirrten Kriegsumstände, wie Hubert selber schreibt, besuchte er erst die Volksschule in Ziegenhals, dann die Oberschule und nach 1945 wieder die polnische Volkschule und wird erst nach nochmaligem Besuch mehrerer Schulen 1955 in Wilhelms-haven das Abitur machen.

Im August 1946 wurde die Familie ausgewiesen. Nach sieben Tagen Fahrt in einem Güterwagen kam die Familie in Wilhelmshaven an und lebte bis 1953 in einem Barackenlager. Erst danach konnten Sochas in ein kleines Haus ziehen. Schon im Lager kommt er mit den Pallottinern in Kontakt, die dort den Gottesdienst halten. Feuer fängt er 1950 bei einem Jugendtreffen in Schönstatt, wo er länger bleibt als alle anderen und nach einer Vesper an der Hochschule mit hundert Seminaristen die Entscheidung trifft, Pallottiner zu werden.[1]

In der Ansprache von P. Niederschlag heißt es:

„Ob es die Forschungsarbeiten waren, die an ihn herangetragen wurden, ob die regelmäßige Teilnahme an Professorenkonferenzen war, ob es Artikel waren, die von ihm erbeten wurden, – P. Socha war zur Stelle. Er erfüllte präzise seine Zusagen und seine Pflichten als Hochschullehrer, und er hat sich auch und gerade als Pallottiner in Dienst stellen lassen. Im Jahr 2000 veröffentlichte er seinen 900seitigen Kommentar zum Gesetz der Pallottiner, – ein außerordentlich hilfreiches Werk für uns Mitbrüder. Würden wir leben, was wir dort lesen, – möglicherweise würde sich vieles in unseren pallottinischen Kommunitäten zum Besseren wenden.

Eines seiner Großprojekte war die Vorbereitung der kirchlichen Anerkennung der pallottinischen Familie, der „Unio“, dem Kernanliegen Vinzenz Pallottis. Hubert Socha wollte die missionarischen und pastoralen Bemühungen der Kirche auch strukturell verankern. Er hat sich dieser schwierigen und zeitaufwendigen Aufgabe angenommen, wegweisende Artikel zu diesem Thema geschrieben und sich mit Unio-Gruppen aus der ganzen Welt ausgetauscht. Nicht viele Pallottiner sind auf Weltebene so bekannt geworden wie er, obwohl er sich nie in die Mitte drängte. Schließlich durfte er am 28. Oktober 2003 die offizielle Anerkennung der Unio als einer kirchlichen Bewegung erleben. Wer weiß, ob sie ohne ihn so schnell möglich geworden wäre. Die Vereinigung des Katholischen Apostolates versteht sich als eine „Art, Kirche zu sein“, die sich, analog zu einer Bewegung, berufen weiß, in der Nachfolge Jesu und seines universalen Apostolates „Kirche zu leben“. P. Socha lag an dem Ziel Vinzenz Pallottis, alle Gläubigen zu befähigen – wie er es formulierte – „zur von Gott geschenkten Vollendung in der Liebe zu gelangen, indem sie entsprechend ihrer Berufung und Lebensordnung ein apostolisches Ziel verfolgen.“ In diesem Zitat von Hubert Socha verbirgt sich das Programm für sein wissenschaftliches und seelsorgliches Wirken und für sein persönliches Leben.“

Brücken bauen

Und da ist noch etwas:

„Er konnte Spannungen aushalten und abbauen, er konnte Brücken schlagen“, so P. Niederschlag. Brücken zu Menschen, die an der Kirche enttäuscht waren. Wie aktuell… Und: „Hubert hatte auf den Rat eines Priesters 1950 von Wilhelmshaven aus Schönstatt besucht und sich dann entschieden, Pallottiner zu werden. Er war und blieb dankbar für die Verbundenheit mit diesem besonderen Ort. Er hat die Gräben zwischen Pallottinern und Schönstättern nicht vertieft. Er hat sie zu überbrücken versucht. In regelmäßigen Abständen feierte er den Gottesdienst in der Schönstattkapelle und nahm sich nachher auch dort Zeit für Gespräche.“

Wir haben keine Zeit für Grabenkämpfe. Nicht zwischen Pallottinern und Schönstatt und nicht in der Kirche und überhaupt nicht. Die Welt schreit nach uns, schreit nach Menschen, die herausgehen und einfach helfen, einfach dienen, einfach Apostel sind.

„Er war, wie mir scheint, ein Mann nach dem Herzen Pallottis“, so P. Niederschlag. „Still, bescheiden und herzlich und immer darauf ausgerichtet, alle Menschen guten Willens zu gewinnen und zu befähigen, wie Apostolinnen und Apostel zu wirken, damit der Glaube neu an Kraft und Stärke gewinnt und Liebe von neuem aufflammt.“

Als ich heute schon wieder auf der A3 im Stau stehe, muss ich an P. Socha denken. Und lächeln. Und ich kann nicht anders als zu beten: Lieber Pater Socha, bitte für uns. Bitte für uns Schönstatt und Kirche im Stau, zwischen Gräben und Brücken. Bitte für uns. Jetzt.


Totenbrief
P. Heribert Niederschlag – Ansprache Requiem P. Hubert Socha SAC

[1] Totenbrief

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