Josef Kentenich

Veröffentlicht am 2020-11-28 In Kentenich

Versuch einer Standortbestimmung

P. Mario Romero •

Pater Mario Romero aus Chile hat uns die Erlaubnis gegeben, ein persönliches Arbeitsdokument im Sinne einer Standortbestimmung zu veröffentlichen, das für Diskussion und Vertiefung in dem Thema dienen soll, das uns als Schönstatt-Bewegung seit fast einem halben Jahr umtreibt und bewegt: die Fragen und Anschuldigungen zum Macht-/Autoritätsmissbrauch gegenüber Pater Kentenich.—

Anfang Juli 2020 veröffentlichte Alexandra von Teuffenbach, eine italienische Historikerin, in der Deutschen Tagespost einen Artikel über Pater Kentenich. Seither wurde in diesem fast halben Jahr viel beschuldigt, diskutiert und veröffentlicht über das bei dieser Gelegenheit vorgestellte und die damit verbundenen Themen. Lassen Sie uns versuchen, die Angelegenheit kurz in eine Reihenfolge zu bringen.

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1. Einige grundlegenden Vorwürfe

Die erste Publikation ist eine Sammlung der Forschungen der Historikerin in den Archiven des Heiligen Offiziums, die vor kurzem der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Sie widmet sich mit besonderer Hingabe dem Studium der Tätigkeit von Pater Sebastian Tromp. In den kürzlich geöffneten Archiven fand sie, was sich auf die Visitation bezieht, die er im Auftrag des Heiligen Offiziums zwischen 1951 und 1953 für die Schönstatt-Bewegung und die Marienschwestern durchgeführt hat.

In den gegen Pater Kentenich vorgebrachten Anschuldigungen hob sie folgende Aspekte hervor:

  • Im Allgemeinen gibt es einen Autoritätsmissbrauch seitens Pater Kentenichs.
  • In dem, was Schwester Georgia beschrieben hat, wird ein Missbrauch mit sexuellem Bezug gezeigt.
  • Ein Schlüsselinstrument für diesen Missbrauch ist das „Kindesexamen“.

Die Frage, die aufgeworfen wird, ist, wie bei der Visitation selbst, das Handeln Pater Kentenichs und mögliche Fehler seinerseits. Für eine zweite Publikation im Oktober nutzte sie zum Teil das Material, das ihr im Archiv der Deutschen Provinz der Pallottiner zur Verfügung gestellt wurde. Dort fand sie die Anschuldigungen mehrerer Marienschwestern, die verschiedene Grade von Amtsmissbrauch anprangerten. Sie machte dieses Material durch die Veröffentlichung eines Buches öffentlich.

 

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2. Einige Aspekte der Diskussion

Die angesprochenen Punkte haben zu mehreren Diskussionen geführt, die in direktem Zusammenhang stehen:

Die von Schwester Georgia beschriebene Intervention muss untersucht und geklärt werden. Die Frage eines möglichen Missbrauchs bezieht sich insbesondere auf zwei Aspekte: das unzulässige Überschreiten von Grenzen und die Sorge um den verursachten Schaden und die geschädigte Person. Pater Kentenich betrachtet diese Intervention als einen außergewöhnlichen „therapeutischen“ Fall, der wegen der vielen Aspekte eigens untersucht werden sollte.

Was den Generalvorwurf eines möglichen Autoritätsmissbrauchs betrifft, so stieß das Heilige Offizium auf den Vortrag von Bischof Stein (der die Diözesanvisitation durchgeführt hatte), der in diese Richtung wies. Sehr wichtig, wenn auch auf unterschiedliche Weise, waren die Meinungen von Schwester Anna (Generaloberin), Schwester Pallotta und Schwester Agnes, sowie anderer mit ihnen verbundenen Schwestern. Hier müssen wir die in von Teuffenbachs Buch gesammelten Zeugnisse einbeziehen. Diese Behauptungen sollten durch die Dokumentation, die jetzt zugänglich und publizierbar ist, so weit wie möglich geklärt werden.

Im Zusammenhang mit diesem Vorwurf gilt es zu klären, welchen Platz Pater Kentenich in der Schönstatt-Bewegung und bei den Marienschwestern als Gründer, besonders nach dem Zweiten Weltkrieg, einnimmt. Ihm wird vorgeworfen, einen ungebührlichen Kult um seine Person gefördert zu haben. In diesem Zusammenhang ist es auch notwendig, die Themen der „Vaterströmung“ im Allgemeinen und des „Vaterprinzips“ bei den Schwestern zu studieren und dabei das aufzugreifen, was  er vorgeschlagen hat und was während der Apostolischen Visitation bereits diskutiert wurde.

Was die verwendeten Instrumente anbelangt, so wurden bereits während der Visitation selbst nicht nur das Kindesexamen, sondern auch die „Kindesakte – Vaterakte“ diskutiert. Beide gehen aus der Spiritualität der geistigen Kindlichkeit hervor und nehmen in der Gemeinschaft der Schwestern spezifische und unterschiedliche Formen an. Es geht auch um die Beziehung beider Praktiken (und wahrscheinlich auch anderer) zur Person Pater Kentenichs. In den damaligen Diskussionen wurden auch die Gebräuche der „körperlichen Haltungen“ miteinbezogen, obwohl Pater Kentenich sie nicht in Verbindung bringt mit den anderen Punkten. Pater Kentenich nennt die Gesamtheit dieser Praktiken „Brauchtum“.

Obwohl viele dieser Themen während der Visitationen vorgestellt und diskutiert wurden, war das Material nur teilweise verfügbar. Durch die teilweise Öffnung des Archivs des Heiligen Offiziums und des Archivs der deutschen Pallottinerprovinz sind derzeit viele weitere authentische Dokumente verfügbar. Dennoch ist es besorgniserregend, dass über diese Themen bisher nicht deutlicher gesprochen wurde im Blick auf die die Geschichte Schönstatts und die Person des Gründers. Es gab, zumindest teilweise, eine gewisse Verheimlichung der Tatsachen und das Fehlen einer gründlichen und objektiven Reflexion.

Dies muss korrigiert werden.

Ante el hecho de que se están retomando temas ya tratados en la visitación apostólica y solucionados al final de todo el proceso, los actuales acusadores han propuesto que no hubo rehabilitación del P. Kentenich. Esto es difícil de sostener dadas las acciones concretas que ocurrieron y que muestran claramente que el tema quedó resuelto. Pero una buena exposición de esta clarificación es buena para todos y especialmente para el propio P. Kentenich.

Angesichts der Tatsache, dass Fragen, die bereits in der Apostolischen Visitation behandelt und am Ende des gesamten Prozesses gelöst werden, jetzt wieder aufgegriffen wurden, haben die jetzigen Ankläger festgestellt, dass es keine Rehabilitierung von Pater Kentenich gegeben habe. Dies ist schwer aufrechtzuerhalten angesichts der konkreten Vorgänge, die stattgefunden haben und deutlich zeigen, dass das Problem gelöst war. Aber eine gute Darstellung dieser Klarstellung ist gut für alle und besonders für Pater Kentenich selbst.

 

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3. Wahrnehmung von Fortschritten

Es musste zum Ausdruck gebracht werden, dass die angeprangerten Punkte mit voller Ernsthaftigkeit aufgenommen werden und gründlich untersucht werden sollten. Wenn einige von ihnen bereits untersucht und geklärt sind, sollte das Ergebnis solcher Untersuchungen erneut ans Licht gebracht werden.

Zwar gibt es viele Dinge, die bisher nicht öffentlich bekannt waren oder auch heute noch im Heiligsprechungsprozess unter Vorbehalt stehen (z.B. Zeugenaussagen), doch ist jetzt der beste Zeitpunkt, um einige Aspekte zu beleuchten. Das Bistum Trier und seine Historikerkommission haben in diesem Zusammenhang ein wichtiges Wort mitzureden, denn es ist notwendig zu sehen, welche Materialien öffentlich zugänglich sind und genutzt werden können. Für all dies sind die verschiedenen Untersuchungskommissionen notwendig, und wir werden die Ergebnisse abwarten. Es wäre eine gute Hilfe für alle, die anfallenden Klärungen zu sammeln und zu organisieren, um den Zugang zu ihnen besser zu gewährleisten und ihre Fortschritte darzustellen.

Zu den verschiedenen Themen, die im vorigen Punkt erwähnt wurden, haben wir Darstellungen von P. Kentenich selbst. Sie sollten in aller Ruhe studiert werden, denn sie klären sein Denken, seine Praxis und seine Absichten. Dies erfordert das Sammeln und das Ordnen des Materials. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass Pater Kentenich über die Fehler spricht, die er begangen hat, vor allem in den Formen, in denen bestimmte Akte ihm gegenüber getätigt wurden.

Es ist deutlich geworden, dass die Visitationen P. Kentenich keine Fehler im sexuellen Bereich vorgeworfen haben. P. Tromp sagt dies in einem Dekret, das von Kardinal Bea am Ende des Exils bekräftigt wird. Dies zeigt die Art und Weise, in der die Beschuldigung von Schwester Georgia aufgenommen, ausgewertet und projiziert wurde. Die Gerüchte, die die moralische Integrität von P. Kentenich angegriffen haben, wurden von ihm in der „Apologia“ von 1960 entschieden erwidert. In Bezug auf das, was Schwester Georgia ausgesagt hat, stehen zwei Aspekte noch aus: die Behandlung von ihr als Person und die allgemeine Klärung des therapeutischen Kontexts.

 

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4. Einige grundlegende Themen

Die Anklagen dieser Schwestern vor, während und nach den Visitationen wirken sich gravierend auf deren Entwicklung aus und bedingen wesentlich den Willen von Pater Tromp und des Heiligen Offiziums, P. Kentenich von seiner Gründung zu entfernen. Dies darf weder minimalisiert noch übertrieben werden. Es wird minimalisiert, wenn man das leugnet oder einfach verschweigt. Es wird übertrieben, wenn es dekontextualisiert wird und andere grundlegende Themen, die der Diskussion zugrunde liegen, nicht vollständig wahrgenommen werden.

Das zentralste Thema scheint der pädagogische Wert der „Zweitursachen“ zu sein, d.h. die Bedeutung der natürlichen Wege zur Begegnung mit Gott. Obwohl dies allgemein gültig ist, konzentrierte man sich hier auf die Bedeutung der Verbundenheit der Schwestern mit der Person Pater Kentenichs für den Weg des menschlichen und christlichen Wachstums.

Die Formulierung dieser Erfahrung als Realität des „Organismus der natürlichen und übernatürlichen Bindungen und ihrer Wechselwirkung“ berührt das Wesen Schönstatts. Diesem widmet Pater Kentenich die Epistula Perlonga von 1949 mit ihren langen Erläuterungen über das Verständnis von Gehorsam, Freiheit, Gemeinschaftsleben und geistlicher Kindlichkeit, aber leider ohne weitergehende Kenntnis des spezifischen Inhaltes und die Wucht der direkten Vorwürfe der Schwestern.

La formulación de esto como la realidad del “organismo de vinculaciones naturales y sobrenaturales y su interacción” toca la esencia de Schoenstatt. A esto el P. Kentenich dedica la Epistola perlonga 1949 con sus largas explicaciones sobre la comprensión de la obediencia, de la libertad, de la vida comunitaria, de la infancia espiritual, pero lamentablemente desconociendo en gran parte el contenido específico y la fuerza de las acusaciones directas de las Hermanas.

Unter Berücksichtigung des oben Gesagten sehen wir die Notwendigkeit, die folgenden Fragen zu klären:

Zweitursachen

Es ist notwendig, eine breite und fundierte Studie über das Verständnis der Rolle der Zweitursachen sowie über die theoretischen und praktischen Aspekte durchzuführen, die P. Kentenich gelehrt hat. Wesentlich dafür ist die Art und Weise, wie die Beziehung zwischen Natur und Gnade und ihre vielfältigen Konsequenzen für das christliche Leben verstanden und vertieft werden können.

Kindlichkeit

Pater Kentenich behauptet, dass dieses Thema für die Spiritualität Schönstatts zentral ist und klar und gründlich erklärt werden muss. Seine doktrinären und kontingenten Aspekte sind für Schönstatt sehr wichtig, und die entsprechenden pädagogischen Praktiken sollten dargestellt und diskutiert werden.

 Der Ort des Vaters

Notwendig ist auch eine Darstellung von Pater Kentenichs Platz in der Schönstattfamilie als Gründer, die Art der Bindung an ihn, die man leben und pflegen möchte. Im Allgemeinen müssen die verschiedenen theoretischen und praktischen Aspekte im Zusammenhang mit der Rolle des Vaters und der Autorität im Verständnis P. Kentenichs abgeglichen werden.

Pädagogik

Es wäre sehr passend, die wesentlichen Aspekte der Schönstatt-Pädagogik unter Berücksichtigung der behandelten Themen zu rekapitulieren, wie: therapeutische Wirkung der persönlichen Bindungen, Beachtung der Grenzen des Begleiters, Umgang mit den auftretenden Misserfolgen und Fehlern usw.

Geschichte Schönstatts

Auf der Grundlage der neuen Erkenntnisse müssen die Zeit der Visitationen und des Exils vollständiger dargestellt werden. Dies gilt insbesondere für den dritten Meilenstein in der Geschichte Schönstatts (31. Mai 1949) und das Verständnis seiner Sendung.

 

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5. Das Zentrale hervorheben

Es scheint mir, dass das zentrale Thema der Anschuldigungen die Person von Pater Kentenich ist. Genau wie zur Zeit der Visitation werden der Platz, den er in Schönstatt eingenommen hat, seine moralische Autorität und einige Praktiken in Bezug auf ihn angegriffen. Die Aussage von Schwester Georgia wurde auch dazu benutzt, um seine moralische Integrität anzugreifen, aber das scheint aus dem direkten Blickfeld geraten zu sein.

Eine objektive Annäherung an die Person Pater Kentenichs bringt viele Vorteile. Dadurch können wir ihn besser kennen lernen, insbesondere in seinen persönlichen Eigenschaften. Eine gute Kenntnis seiner Person hilft, seinen Charakter, seine Talente und Entwicklungen, seine möglichen Fehler und Mängel zu erkennen. Es ist besonders wichtig, sich seiner Biografie zu nähern, denn sie hilft, seine Wurzeln, seine Schmerzen, sein Wachstum, seine Berufung und auch sein persönliches Geheimnis zu verstehen.

Es ist auch gut, einige von Pater Kentenichs Handlungen zu überprüfen, die es verdienen, kritisch bewertet zu werden. Ein wichtiges Beispiel dafür ist sein Eifer, die therapeutischen Aspekte der von ihm vorgeschlagenen Pädagogik hervorzuheben und diesbezügliche Handlungen vorzunehmen. Hier wäre Überprüfung und gegebenenfalls Präzisierung und Korrektur angesagt.

Ich glaube, dass es zentral ist, dass man nicht aus den Augen verlieren darf, dass es in Pater Kentenich ein Charisma gibt, das Gott der Kirche geschenkt hat und das er in inniger Beziehung zu ganz Schönstatt im Laufe seiner Geschichte gelebt hat. In der Person Pater Josef Kentenichs erkennen wir eine Gabe Gottes, die er mit Klarheit zu vermitteln sucht und versucht, sie ganzheitlich zu leben. Er selbst lebt dies mit einem tiefen „Sendungsbewusstsein“, das heißt, mit der Überzeugung, dass Schönstatt von Gott einen prophetischen Auftrag für diese Zeit erhalten hat. Von hier aus ist es möglich, viele seiner Haltungen und Handlungen zu verstehen. Dieses Charisma in der derzeitigen Stunde unserer Geschichte zu formulieren, ist die Hauptaufgabe derer, die sich berufen fühlen, sich Schönstatt anzuschließen.

Das Wichtigste, so scheint mir, ist, dass Pater Kentenich ein Mensch war, der lieben gelernt hat. Sicher ist, dass es wesentlich ist, seine Person mit einem gesunden Realismus zu verstehen und sein Charisma aus dem Glauben anzunehmen. Aber das reicht nicht aus, um zu verstehen, was mit ihm in der Geschichte Schönstatts geschehen ist. Die Schönstattfamilie ist aus einer Erfahrung der Liebe entstanden, und viele Menschen fühlten sich von Pater Kentenich geliebt. Er musste seine Wunden und seine Grenzen so weit wie möglich heilen, und in diesem Dialog lernte er zu lieben. Das hat auch dazu geführt, dass einige Menschen ihn sehr liebten, manchmal auf übertriebene oder kindische Weise. Aber Pater Kentenich wagte zu lieben. Nur das kann ein stichhaltiges Argument für eine mögliche Heiligsprechung sein: Bei einem christlichen Heiligen muss es möglich sein, auf irgendeine Weise neu mit der Liebe Christi in Kontakt zu treten, die in unserer zerbrechlichen und sündigen Natur immer wieder aufbricht.

 

P. Mario Romero

11. November 2020

Kentenich

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2 Responses

  1. Dr. Wilhelm Mahlmeister sagt:

    Zum Beitrag von P. Mario Romero:

    Hätten die klugen Vorschläge nicht schon längst bearbeitet werden können?! Insofern finde ich diesen Beitrag überflüssig.

    • Sicherlich überflüssig für Personen wie Sie, die sich mit der Thematik seit Jahren wissenschaftlich befassen und Ihre Beiträge und Untersuchungen bereits weitergegeben haben. Doch wir machen diese Seite für Menschen aus der Schönstatt-Bewegung, die in dieser Thematik eine Standortbestimmung und Orientierung suchen.
      Bitte bewahren Sie auch bei unterschiedlicher Meinung einen respektvollen Umgangston.

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