kintsugi

Veröffentlicht am 2020-11-13 In Kentenich, Kolumne -Manuel de la Barreda Mingot

„Sehr gut“ haben wir schon. Mal sehen, was wir jetzt tun können, damit es so bleibt

Manuel de la Barreda Mingot, España •

„Sehr gut haben wir schon. Mal sehen, was wir jetzt tun können, damit es so bleibt“. So oder ähnlich sagt Michelle Pfeiffer in dem Film „Dangerous Minds – Wilde Gedanken“ („Dangerous Minds“ 1995) gesagt. Die Protagonistin, eine neue Lehrerin, die an einer problembelasteten Highschool in Kalifornien ankommt und der Klasse mit den am stärksten gefährdeten Schülern zugeteilt wird, sagt diesen Satz zu Beginn des Schuljahres. Sie ändert deren Perspektive und schafft es, ihre Studenten von diesem Anfang an in eine neue Richtung zu führen.  —

Tief im Inneren handelt Gott mit uns auf dieselbe Weise. Er hat sie uns durch Christus gegeben. Wir sind bereits gerettet worden. Was wir tun müssen, ist, dieses „Sehr gut“, dieses A, diese 10 zu erhalten.

Unser spirituelles Leben wurde uns viele Male unter dem Gesichtspunkt des „Verdienens“ gelehrt. Unter dem Gesichtspunkt des Voluntarismus, mit dem wir unser Heil verdienen müssen. Die Mitfühlendsten sagen, dass die Gnade uns hilft, das ewige Leben zu verdienen, das uns verheißen ist.

kintsug

Das Bild von Kintsugi (eine Technik japanischen Ursprungs zur Fixierung von Frakturen in Keramiken mit Harzlack, der mit Gold-, Silber- oder Platinpulver bestäubt oder gemischt wurde. Es ist Teil einer Philosophie, die besagt, dass Brüche und Reparaturen Teil der Geschichte eines Objekts sind und dass sie gezeigt und nicht versteckt, dass sie sichtbar eingearbeitet und auch gemacht werden sollten, um das Objekt zu verschönern und seine Transformation und Geschichte zu enthüllen) ist sehr anschaulich und schön. Ein ge- oder zerbrochenes Kunstwerk ist mit Gold wieder zusammengesetzt und ist wertvoller als das bereits wertvolle Original. Mehrere Künstlerhände arbeiten an dem Objekt, das immer erhalten bleibt. Dieses Gold ist die Gnade, und die Kunst des Handwerkers ist dessen handelnde Liebe.

Perspektivenwechsel

Ich persönlich bin zu der Überzeugung gelangt, dass dies ein großer Fehler ist, aber bis ich diesen Satz gehört habe, der diesem Artikel den Titel gibt, hatte ich keine Möglichkeit gefunden, auszudrücken, dass es genau ums Gegenteil geht.

Schon der heilige Ignatius von Loyola, der große Inspirator Pater Kentenichs, sagte: „Handle so, als ob alles von dir, nichts von Gott abhinge. Vertraue so auf Gott, als ob alles von Gott, nichts von dir abhinge.“

Und es ist Pater Kentenich, der mich mit seiner Pädagogik aus diesem Leistungsirrtum herausgeholt und mich dazu gebracht hat, meine Perspektive zu ändern.

Und jetzt? Wie soll ich angesichts der Veröffentlichungen über P. Kentenich das „Sehr gut“ halten?

Und jetzt bin als Teil der Schönstattfamilie wie die Schüler dieser Klasse, von der ich eingangs gesprochen habe. Nicht weil wir plötzlich rebellisch geworden wären, sondern weil wir verletzt und orientierungslos sind. Weil wir glauben, dass wir getäuscht werden, weil wir urteilen, ohne die Umstände zu kennen. Und vor allem deshalb, weil unsere Stimmung beim ersten Rückschlag ins Bodenlose sinkt.

Aber das Sehr gut haben wir schon. Das Sehr gut ist das, was wir in Schönstatt erlebt haben, seit wir begonnen haben, diesen Weg der Heiligkeit zu gehen.  Und jetzt? Wie soll ich, wie sollen wir angesichts der Veröffentlichungen über P. Kentenich das „Sehr gut“ halten?

Heute Morgen war ich in meinem Hausheiligtum und betete und las den Kommentar einer lieben Bekannten, Paz Leiva, von der viele von Ihnen hier auf schoenstatt.org schon gelesen haben. Und aus diesem Gebet ist eine Überlegung geworden, und daraus ein tiefes Gespräch mit anderen Kolumnisten von schoenstatt.org und daraus dieser Artikel, den ich hier allen zur Verfügung stelle.

1 Die Schule der Legiönäre Christi

Dies ist das dritte Mal in meinem Leben, dass mir so etwas passiert. Das erste Mal war mit P. Maciel und Regnum Christi und den Legionären Christi. Meine Kinder gingen damals und die Jüngste geht immer noch auf eine Schule, die von den Legionären geleitet wird.

Dies ist das dritte Mal in meinem Leben, dass mir so etwas passiert. Das erste Mal war mit P. Maciel und Regnum Christi und den Legionären Christi. Meine Kinder gingen damals und die Jüngste geht immer noch auf eine Schule, die von den Legionären geleitet wird. Die Information wurde bestätigt und löste unter den Eltern der Schülerinnen und Schüler der Schule große Aufregung aus, und viele Eltern nahmen ihre Kinder von der Schule. Viele Priester verließen die Bewegung und gingen in die entsprechenden Diözesen. Auch viele Frauen des geweihten Lebens verließen das Haus. Aber die Schule ist immer noch da, und die Menschen, die das Boot nicht verlassen haben, ohne dass dieser Satz ein Vorwurf gegen diejenigen ist, die die Bewegung verlassen haben, da die Umstände jedes Einzelnen nur Gott bekannt sind und nur Er sie voll und ganz würdigen kann, tun weiterhin vielen Menschen Gutes, indem sie die Jugend der ganzen Welt formen. Sie tun weiterhin Gutes und erfüllen eine Mission, ein Apostolat, das sie heiligt.

Die Arche

Das zweite Mal war Anfang dieses Jahres. Ich habe hier schon einmal über L’Arche, die Arche, geschrieben, die von Jean Vanier gegründet wurde. L’Arche, das heißt die internationale Leitung der Organisation, förderte eine Untersuchung, indem sie eine externe Agentur mit der Untersuchung der gegen Jean Vanier erhobenen Missbrauchsvorwürfe beauftragte. Und es wurde festgestellt, dass sechs nicht behinderte erwachsene Frauen missbraucht worden waren. Aber für mich, so abscheulich diese Wahrheit auch sein mag, betrifft sie mich in Blick auf die Gemeinschaft L’Arche in Madrid, der ich vorstehe, nicht. Die Bücher, die er geschrieben hat, die Lehren, die dieser Mensch, Jean Vanier, erteilt hat, und die Arbeit, die um ihn herum entstanden ist, die Arche, sind in der Welt der geistigen Behinderung heute unverzichtbar.

Sätze von Jean Vanier:

  •  „In diesen ersten Monaten habe ich viel gelernt. Ich begann, das ungeheure Ausmaß des Schmerzes zu entdecken, das sich in Raphael und Philippe und vielen anderen Brüdern und Schwestern von ihnen verbarg. Ich spürte, dass sie durch Ablehnung, Verzicht und Respektlosigkeit gebrochen wurden“. (Anmerkung des Autors: L’Arche begann, als Jean Vanier, nachdem er 1964 ein „Irrenhaus“ besucht hatte und von den Lebensbedingungen der Insassen schockiert war, beschloss, zwei von ihnen, Philippe und Raphael, zu sich zu nehmen. Dies veränderte seine gesamte Umgebung, und die Arche war geboren).
  • „Gleichzeitig entdeckte ich etwas von der Schönheit und Zärtlichkeit ihrer Herzen, ihrer Fähigkeit zur Gemeinschaft. Ich begann zu spüren, dass das Zusammenleben mit ihnen mich verändern könnte, nicht durch das Erwecken und Entwickeln meiner Führungsqualitäten und Intelligenz, sondern durch das Erwecken der Qualitäten des Herzens, des Kindes in mir“.
  • „Einen Menschen zu lieben besteht nicht in erster Linie darin, etwas für ihn zu tun, sondern ihm zu helfen, seine Schönheit, seine Einzigartigkeit, das in ihm verborgene Licht, den Sinn seines Lebens zu entdecken. Auf diese Weise wird ihm eine Hoffnung und der Wunsch nach Veränderung und Wachstum vermittelt“.

Sätze wie diese haben den Blick der ganzen Welt auf behinderte Menschen verändert. Und es hat es für diejenigen von uns, die sich der Welt der Behinderung nähern, möglich gemacht, sich an großartigen Lehrern zu erfreuen und von ihnen zu lernen, an Menschen mit reinen Herzen und engelsgleicher Unschuld, wie es Menschen mit geistigen Behinderungen sind.

Aber wir haben auch gelernt, wie man andere Menschen behandelt:

  • “Wie schwierig es ist, Menschen so zu begrüßen, wie sie sind, mit all dem Guten und Verletzten in ihnen. Eltern erwarten viel von ihren Kindern; Ehepartner erwarten viel von einander. Wenn wir uns ein Bild vom anderen machen und es nicht der Realität entspricht, sind wir enttäuscht und neigen dazu, es abzulehnen. Das Bild, das wir vom anderen haben, oder das Bild von dem, was wir gerne hätten, verhindert die Gemeinschaft.“

Wer die Güte und Weisheit in diesen Sätzen wegen der erwiesenen Tatsachen dieser Missbräuche leugnen will – und ich sage nicht, dass dies ein Fehler wäre, denn ich bin niemand, der darüber urteilen kann – doch was feststeht ist, dass dann ein großer Schatz verloren ist, auch wenn er in einem zerbrochenen Tontopf liegt.

Wenn sich unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigen würden

Und jetzt Pater Kentenich. Wir gehen von einer Grundlage aus: Anders als in den vorangegangenen Fällen gibt es bei P. Kentenich kein Urteil oder eine erwiesene Tatsache. Indizien ja, aber nicht mehr. Und doch, wenn sich unglücklicherweise alles über Pater Kentenich in seiner schlimmsten Version bestätigt, wird sein Werk, vom Heiligen Geist inspiriert und von der Gottesmutter geschützt, immer noch da sein, und jeder von uns ist dorthin bewegt und erzogen worden, wo wir heute sind.

Ich versetze mich weiterhin in die Situation, dass sich unsere schlimmsten Befürchtungen bezüglich Pater Kentenich bestätigen. Dann würde das Wort des heiligen Paulus von „in meiner Schwachheit liegt meine Stärke“ lebendig werden, wie ich vorhin mit Regnum Christi und Arche zu erklären versuchte, und es gibt ja nicht nur diese drei Fälle. Ohne Paulus – Verfolger der entstehenden Kirche, ohne Petrus – feige und verräterisch, nicht nur in der Passion, sondern auch am Ende seines Lebens, als er wegen der Verfolgungen aus Rom floh, gäbe es die Kirche nicht. Oder besser gesagt, Gott will, dass die Kirche mit ihnen aufgebaut wird, mit menschlichen und schwachen Personen.

Und der heilige Dismas, der gute Schächer? Sein Leben war wahrhaftig nicht beispielhaft, außer in seinen letzten Minuten. Wer sagt uns,  dass ein P. Maciel, Jean Vanier oder ein P. Kentenich (unter Annahme des schlimmstmöglichen Falles) nicht auch heilige Dismas sind, weil sie sich in der letzten Minute ihres irdischen Lebens der Barmherzigkeit Gottes überlassen und so das „Sehr gut“ erhalten haben, das Gott ihnen in der Erlösung geschenkt hatte?

Könnte es sein, dass Pater Kentenich kein „Heiliger“ sein, nicht von der Kirche heilig gesprochen werden will so wie wir als Schönstatt gerade sind?

Wenn wir eine allgemeine Betrachtung des Schönstattwerkes vornehmen und einige Sätze von Pater Alejandro in seinem Interview vom 5. November aufgreifen, sind wir vielleicht nicht auf der Höhe der Erwartungen, die P. Kentenich für uns als Schönstatt, als Schönstätter, erhofft hat. Vielleicht haben wir es uns zu bequem gemacht und begonnen, die Schafe zu kämmen, wie Papst Franziskus uns 2014 sagte.

Vielleicht haben wir als Bewegung diesen Mut verloren, nicht den einfacheren Weg zu gehen, den Mut, das Konzentrationslager zu wählen statt eines einfachen ärztlichen Attestes.

Könnte es sein, dass Pater Kentenich kein „Heiliger“ sein, nicht von der Kirche heilig gesprochen werden will so wie wir als Schönstatt gerade sind? Könnte es sein, dass Pater Kentenich möchte, dass wir ihn in seinem Werk heiligsprechen, so wie er es von Anfang an angeregt hat? Letztlich hat una dies auch Papst Franziskus gesagt.

Letzteres impliziert einen allgemeinen Einstellungswandel in uns. Ja. Möge die Wahrheit erkannt und bis zum Ende untersucht werden, aber lassen wir das am Rand unseres Lebens und unserer Arbeit, die sich an jenem neuen Menschen in einer neuen Gemeinschaft für die Kirche des 21. Jahrhunderts orientieren sollte, von der Kentenich geträumt und für die er sein Leben gegeben hat.

Maria geht mit

Das Bild, das ich von Pater Kentenich habe, ist nicht das eines Menschen, der gerne mit Argumenten und mehr oder weniger theoretischen Daten verteidigt werden möchte. Das Einzige, was dieser Sünder, Pater Kentenich, Sünder wie alle anderen auch, meiner Meinung nach gewollt zu haben scheint, ist, dass die Kirche weiter voranschreitet, und dazu hat er seine ganze Vision und sein ganzes Wirken beigetragen.

Ist es für uns nicht theoretisch einfacher, jemandem zu folgen, der perfekt ist? Einem von der Kirche beglaubigten Heiligen. Die Praxis istjedoch anders. Der einzig Vollkommene ist Christus, ist Gott, der die Kirche, wie sie ist, geschaffen hat, und wir hören nicht auf, ihr Hindernisse in den Weg zu legen. Ist es also nicht realer, jemandem zu folgen, der unvollkommen ist und sein Leben und seine Stolpersteine gegeben hat, um dem Einen Vollkommenen zu folgen?

¿Nos es más fácil, en teoría, seguir a alguien perfecto? Un santo certificado por la Iglesia. La práctica es distinta. El único perfecto es Cristo, es Dios, que crearon la Iglesia tal y como es y no paramos de ponerle pegas. Por tanto, ¿no es más real seguir a alguien imperfecto que ha dado su vida y sus tropiezos por seguir al Único Perfecto?

Eine letzte Sache noch. Unabhängig von allem, was auch immer geschieht, die Gottesmutter geht mit. Was werde ich also tun? Was werden wir tun? Was wird Schönstatt tun?

Original: Spanisch, 10.11.2020. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

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