Veröffentlicht am 2020-10-31 In Kentenich, Themen - Meinungen

Hinhören – Fragen – Klären. Anmerkungen zu einem Schwestern-Konflikt

Wilfried Röhrig und Klaus Glas, Deutschland •

Einstieg: Eine fiktive Geschichte.

Man denke sich folgende Situation: ein größeres Familientreffen. Unter den Anwesenden sind zwei Schwestern. Während die eine, nennen wir sie Martina, in den letzten Jahren bei solchen Treffen stets anwesend war, ist die andere, nennen wir sie Petra, zum ersten Mal seit langer Zeit wieder dabei. Im Laufe des Gesprächs kommen sie auf die vor Jahren verstorbene Mutter zu sprechen. Petra prangert unvermittelt die „herzlose und dominante“ Mutter an, die sie „immer nur kritisierte“ und „nie ein lobendes Wort“ für sie fand. Sie sei froh gewesen, als sie endlich heiraten und das elterliche Haus verlassen konnte. Die Trennung habe ihr richtig gut getan; es sei der „richtige Schritt“ gewesen. Martina kann das „überhaupt nicht verstehen“. Mutter sei doch immer „fürsorglich“ gewesen, so „lebensfroh und herzlich“. Wie könne man ihr nur so Unrecht tun und sie in ein schlechtes Licht stellen. Sie sei sehr gerne zu Hause gewesen und habe sich dort immer „angenommen und wohl“ gefühlt.—

Wie würden Sie sich als Zuhörerin oder Zuhörer verhalten? Die erste Reaktion müsste doch sein, beide Schwestern verstehen zu wollen. Und dabei Mitgefühl und Verständnis zu zeigen. Erst dadurch wäre es möglich, von konkrete Begebenheiten und Situationen zu erfahren, an denen sich ihre Gefühle und Bewertungen festmachen. Auf keinen Fall würden Sie „Schiedsrichter“ spielen wollen, der einer der beiden Recht gibt – nach dem Motto „Punktsieg für Petra“ oder „Punktsieg für Martina“. Verurteilende Bewertungen wären erst mal fehl am Platz. Das Erste wäre doch: Hinhören, einfühlen und verstehend nachvollziehen.

Sollten sich diese „Diskussionsszenen“ zwischen den beiden Schwestern in der Folgezeit bei Familientreffen allerdings immer wieder abspielen, sozusagen chronifizieren, dann wäre – gerade mit Blick auf eine „Besserung“ – zu fragen, was es mit diesen konträren Einschätzungen und „Mutter-Bildern“ auf sich hat. Welche „inneren Kinder“ sind am Wirken? Welche Grundüberzeugungen, „Glaubenssätze“ und Umgangsstrategien wurden entwickelt? Wo sind die „Triggerpunkte“, an denen gearbeitet werden müsste? Für den Umgang mit der eigenen Lebensgeschichte gibt es unserer Überzeugung nach eine nicht delegierbare Eigenverantwortung.

 

Bezug zum Buch: ein erster Blick

Was hat das mit dem „Wirbel“ um das neu erschienene Buch „Vater darf das!“ über „Sr. M. Georgina Wagner und andere missbrauchte Schönstätter Marienschwestern“ zu tun? Die Autorin Alexandra von Teuffenbach, eine römische Dogmatikerin und Archivarin, legt in ihrer Archivdokumentation „Vater darf das!“ (Nordhausen:  Bautz Verlag, 2020) eine Fülle von  Dokumenten für eine Marienschwestergeschichte nach dem Modell „Petra“ vor. Kentenich-Kritikerinnen (und auch Kentenich-Kritiker) kommen darin ausführlich zu Wort. Es sind fast durchweg Frauen, die sich von Pater Josef Kentenich und der Schwesterngemeinschaft ausgegrenzt fühlten.  Aus Sicht der Gemeinschaft der Schönstätter Marienschwestern sind sie „Verräterinnen“, zu denen man den Kontakt abbrechen musste. Dagegen sind es „Mutige“ aus der Sicht der Autorin. Sie werfen Pater Kentenich, aus heutiger Perspektive, vor allem geistlichen Missbrauch vor. Der Gründer der Schönstatt-Bewegung habe ein dominantes, selbstherrliches und zum Teil Frauen verachtendes Verhalten an den Tag gelegt. Dabei habe er sogar die Grenzen zwischen sich, dem geistlichen Vater der Gemeinschaft, und Gott-Vater bewusst verwischt.

Bevor (berechtigte) Kritik an dem „Strickmuster“ dieser Archivdokumentation geäußert wird, sollte erst das geschehen, was für das eingangs geschilderte Gleichnis gilt: Hinschauen, aufnehmen und zu verstehen suchen, was die zu Wort kommenden Schwestern erlebt und erlitten haben. Das kann nicht einfach weggewischt werden! Das sollte zugelassen und angenommen werden: Ja, so ist es einigen konkreten Frauen, Marienschwestern, ergangen. So haben sie es erlebt.

Bezug zum Buch: ein zweiter Blick

Diese subjektiven Erfahrungen stehen zu lassen, ist das eine. Eine andere Sicht und entsprechende Bewertungen zuzulassen, das andere. Die Autorin und all jene, die nach der Lektüre dieses Buches über Pater Josef Kentenich schon ein „Verdammungsurteil“ gesprochen haben, müssten sich der berechtigten Frage stellen, wie sie mit Zeugnissen umgehen, die eine völlig andere Sicht auf Pater Kentenich werfen. Wie soll man mit (noch heute lebenden) Personen umgehen, die Pater Josef Kentenich als verständigen, aufbauenden und für ihre persönliche Lebensgeschichte wertvollen Menschen erfahren haben? Diese Zeuginnen und Zeugen sollten nicht unter den Generalverdacht gestellt werden, „pathologisch“, „abhängig“ oder „Vater-hörig“ (gewesen) zu sein.

Sehr schnell kann ein öffentlicher Druck entstehen, der in den Aufruf mündet: Wie kann jemand, der dieses Buch über missbrauchte Marienschwestern gelesen hat, noch Schönstätter*in sein! Jeder, der jetzt Geduld fordert im Prüfen aller (!) zugänglichen historischen Quellen, der Kritik an der Seriosität der Autorin hinsichtlich ihrer historisch-wissenschaftlichen Arbeitsweise äußert, gerät schnell in den Verdacht, ein Missbrauchs-Leugner zu sein. Er oder sie gerieten in die Enge, wenn man ihnen unterstellt, sie würden das Leid von der von Missbrauch betroffenen Frauen nicht ernst nehmen.  Man könnte den treuen Anhänger*innen vorwerfen, sie wären unverbesserliche Parteigänger Pater Kentenichs bzw. der Schönstatt-Bewegung.

Klärungsprozess: notwendig und dringlich

Mit Blick auf das einleitende „Schwestern-Gleichnis“ kommen wir zum wichtigen Punkt einer kritischen „Therapie“. Ein not-wendiger, gründlicher und sorgfältiger Klärungsprozess steht an. Uns ist bewusst, dass dies in einer  „aufgeheizten“ medialen Welt äußerst schwierig ist.

Der Klärungsprozess sollte aus unserer Sicht folgende Punkte beachten:

 

1Gegenseitiger Respekt

Offensichtliche oder rhetorisch gut getarnte Unterstellungen sollten unterbleiben. Wir plädieren sowohl für formelle Konferenzen als auch für persönliche Gespräche mit Einzelnen, die den Geist der wechselseitigen Wertschätzung atmen.

2Selbstkritische Einstellung

Damit ist die Bereitschaft verbunden, eigene Fehler und Fehleinschätzungen einzukalkulieren und im konkreten Fall auch einzugestehen und zu revidieren. Der Klärungsprozess muss ergebnisoffen angelegt sein.

3Seriöse historische Arbeit

Die Autorin verweist in ihrer Einleitung (S. 17) auf den Kirchenhistoriker Hubert Jedin. Dieser habe drei wichtige Schritte historischer Arbeit benannt: Sichtung der Quellen, Einordnung dieser Quellen in die Zeitumstände sowie die Bewertung und Interpretation der Quellen.

[Kritische Anmerkung zum Buch „Vater darf das!“: Wie seriös ist es mit Blick auf historische Forschungsarbeit, lediglich eine Archivdokumentation zu liefern und die ausgewählten Dokumente durchgängig einseitig zu kommentieren und zu interpretieren?]

4Psychologische Perspektive

Die Klärung eigener Ziele und – soweit möglich – die Aufdeckung der unbewusst wirkender Motive können hilfreich sein. Stichwort „inneres Kind“: Was hat es z.B. mit einer zu unkritischen Sicht Pater Kentenichs auf sich? Welche Motive befördern im seelischen Untergrund die Neigung, gegen eine dominant erlebte Vaterfigur aufzubegehren? Wie entsteht dabei Distanzierung oder gar Hass?

5Kirchenpolitische Perspektive

Welche „unsichtbaren“ Vorgänge laufen hinter dem „medialen Gesicht“ ab? Welche Richtungen, Strömungen und Institutionen innerhalb der katholischen Kirche versuchen sich derzeit zu profilieren?

6 Geistliche Perspektive

Was möchte Gott uns durch diese Vorgänge sagen? Worin könnten für den Einzelnen und für die Schönstatt-Familie „göttliche Aufträge“ bestehen? Inwieweit rechnen wir damit, dass Maria, mit der wir einen Bund der Liebe geschlossen haben, diesen schweren Weg mit uns geht?

Risiken und Nebenwirkungen

Wegen der Schwere der im Raum stehenden Anschuldigungen gegen P. Josef Kentenich kann es in einzelnen Fällen zu psychischen Problemen kommen. Der psychologische Hintergrund besteht darin, dass bei langjährigen Mitgliedern der Schönstatt-Familie der „Vater und Gründer“ in das Selbst inkludiert  (innerlich aufgenommen) wurde. Es könnte im Einzelfall zu einer Erschütterung der (religiösen) Identität kommen. Wir empfehlen deswegen den  Leiter*innen der Schönstatt-Bewegung eine Stelle einzurichten, in der entsprechend belastete Personen psychologisch und geistlich begleitet werden können.

Ein Wort zu uns

Wir sagen es offen: wir gehören seit 50 Jahren der Schönstatt-Bewegung an. Wir fühlen uns mit Leib und Seele zugehörig und sind hoch-engagiert. Nichtsdestotrotz nehmen wir für uns in Anspruch, offen und reflektiert in der hier vorgestellten Sache sprechen zu dürfen. Diese kritische Haltung haben wir gegenüber gesellschaftlichen und politischen Vorgängen ebenso wie gegenüber kirchlichen Positionen und Prozessen.

Diese Haltung gehört zu unserem persönlichen Berufsethos als Lehrer (im Ruhestand) bzw. Psychotherapeut. Wir möchten ausdrücklich einem vorschnellen Urteil und einer vorschnellen Verurteilung widersprechen.

Wir sind auf den weiteren Klärungsprozess gespannt. Zum einen auf die aus dem Raum Schönstatts zu erwartenden Stellungnahmen und Veröffentlichungen. Zum anderen auf die Arbeit u.a. der unabhängigen Expertenkommission und auf die Archivsammlung aus dem Vatikan bzgl. der Päpstlichen Visitation, welche die Autorin angekündigt hat.

 

Viernheim und Flieden, den 30.10 2020

Wilfried Röhrig und Klaus Glas

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1 Responses

  1. Eine Lösung bietet ein bekanntes Wort , das die Schönstätter kennen autoritär im Prinzip., demokratisch in der Anwendung.
    Noch schöner sagte es einmal Kardinal Lehmann bei einer Tagung in Schönstatt: Wir Christen sollten uns nicht scheuen, unser Ideale offen zu verkünden, aber immer in dem Bewusstsein, dass die Messlatte für viele zu im Moment zu hoch ist.. Kentenich verlangte nicht die höchste Selbstverwirklichung, sondern das Streben danach. Wer Zitate aus dem Zusammenhang reißt, liegt meistens falsch.

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