Veröffentlicht am 2020-05-06 In Kentenich, Kirche - Franziskus - Bewegungen

Dachau – Ort eines „ungeheuerlichen, unvergleichlichen Zivilisationsbruchs“

DEUTSCHLAND, Maria Fischer •

Bis heute sei ihm „unbegreiflich, wie in einem christlich geprägten Land wie Deutschland solche Verbrechen möglich waren“, sagte Erzbischof Reinhard Kardinal Marx, als er im zeitlichen Zusammenhang mit den 75. Jahrestagen der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau und des Kriegsendes einen Besuch in der Todesangst-Christi-Kapelle auf dem Gelände der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau machte. Dort wurde ein kurzer Film für das Onlineangebot des Erzbistums München und Freising aufgenommen.—

Aus der Tatsache, dass solche Verbrechen verübt worden seien, folge „ein Auftrag an uns heute, achtsam und aufmerksam füreinander zu sein“. Jedes menschliche Leben sei kostbar, stellt Marx klar: „Unabhängig von Religion, Konfession und Geschlecht. Wir sind eine Menschheitsfamilie!“

Dachau ist laut Marx während der Schreckensherrschaft durch die Nationalsozialisten zum Ort eines „ungeheuerlichen, unvergleichlichen Zivilisationsbruchs“ geworden. Das NS-Regime hatte ab dem 22. März 1933 etwa 206.000 Menschen aus 34 Nationen in das Konzentrationslager Dachau und in die später errichteten Außenlager verschleppt. Das Lager gehörte zu den ersten in Hitler-Deutschland und wurde zum Modell für die späteren Orte des SS-Terrors.

Aufgrund der Coronakrise ist die Gedenkstätte Konzentrationslager Dachau geschlossen, die geplanten Feiern zum 75. Jahrestag der Befreiung des Lagers und zum Kriegsende am 8. Mai fanden bzw. finden nur virtuell statt.

 

Was Menschen Menschen antun können

Dachau ist Erinnerung an das, was Menschen Menschen antun können. „Es hat keinen Sinn, sich ein X für ein U vorzumachen“, sagt Pater Kentenich, der drei Jahre dort inhaftiert war. „Die große, große Not des Konzentrationslagers war: Brotlosigkeit, Rechtlosigkeit, Heimatlosigkeit, Ehrlosigkeit, Wehrlosigkeit.“ (P. Kentenich, 1948)

Brotlosigkeit

„Es ist wertvoll, diese Dinge jahrelang miterlebt zu haben, dann versteht man auch das einfache Volk heute in der Nachkriegszeit, das nun in ähnliche Not gestürzt ist. Da muss man sich sagen: Wie soll ein solches Volk geistig wach und lebendig bleiben, wenn es nicht satt zu essen hat? Wie kann ein Volk in dieser Not noch einigermaßen menschenwürdig leben? Diese Dinge sind mir nicht erspart geblieben, ständig diese schreiende Not zu sehen, diese Misshandlungen. Da fällt ein Häftling um, und bei aller Not kann man nicht helfen.“ (P. Kentenich, 1948)

Die Corona-Pandemie lässt Menschen hungern. Vor unseren Augen. Wir können davon erfahren in den Zeugnissen aus Paraguay, aus Argentinien, aus Chile. Wir können es sehen. Und bei aller Not … doch, wir können helfen. Und verstehen, was ein Pater Kentenich verstanden hat. Vor Liebesbündnis, Selbsterziehung und Heiligtum brauchen viele Menschen einfach erst etwas zu essen.

Heimatlosigkeit

„Die Menschen untereinander haben sich im Lager gegenseitig wenig getragen, haben gegenseitig wenig zueinander gefunden. Im großen und ganzen gab es nicht soviel wahre Gemeinschaft, wie man das erwarten möchte. Es war eine große Heimatlosigkeit. Menschen, die von Natur aus nicht übernatürlich eingestellt sind, wie sollen die ein menschenwürdiges Leben führen in solchen Kloaken, in einer solchen Hölle, in solchen Situationen voller schreiender Missstände! Der Mensch sollte möglichst innerlich roh werden. Man sah kaum etwas Grünes im Lager, nur ein  paar Reihen Bäume; es gab keine Blume.“ (P. Kentenich, 1948)

Wir sitzen alle gemeinsam in diesem Boot, sagte Papst Franziskus auf dem menschenleeren und so menschenvollen Petersplatz beim außerordentlichen Segen Urbi et Orbi. Menschen, die sich vor der Pandemie gesellschaftlich gut eingefügt haben, werden „vor dem Klopapierregal im Supermarkt zu wilden Tieren“, erzählt mir eine Verkäuferin aus Deutschland. Und es gibt die anderen. Die mitten in dieser Krise andere mittragen. Mit einem Telefonanruf, mit einer finanziellen Unterstützung, mit einer Blume für die Kassiererin im Supermarkt.

Rechtlosigkeit, Ehrlosigkeit, Wehrlosigkeit

„Einmal hatte ich mich bemühen können, dass so und soviele Priester heruntergesetzt werden konnten von der Liste (für den Todestransport). Es waren Häftlinge, die die Listen angefertigt hatten. Ehe sie in die Hände der SS kamen, konnte man allerhand ändern. Wenn die Betreffenden nicht auf der Liste standen, war die Sache erledigt. Es war also geglückt, einige Priester von der Liste wegzubekommen. Ich hätte gerne noch mehr weggehabt, aber es ging nicht. Ein paar Jesuiten waren auch auf der Liste. Einer von ihnen hatte sich schriftstellerisch betätigt, er war schon ziemlich alt, De Kuning, Professor von Belgien. Durch ein Missgeschick ist sein Name nicht weggekommen von der Liste. Die hatten nach „Kuning“ geschaut, und der Name war „De Kuning“. So haben sie den Namen draufgelassen. Das Bild habe ich heute noch vor Augen, als die Gefangenen für den Transport zusammengetrommelt wurden. Da standen sie… Das sind Situationen, da kommen einem die Tränen. Kraftvolle Gestalten, die im Leben einmal Großes geleistet haben, wurden hier erbarmungslos in grausamster Weise in den Tod geliefert. Wie da das Gerechtigkeitsgefühl verletzt wurde.“ (P. Kentenich, 1948)

Kraftvolle Gestalten, die im Leben einmal Großes geleistet haben, seit Wochen ohne Besuch im Pflegeheim, zu Hause. Kraftvolle Gestalten, die im Leben einmal Großes geleistet haben, ohne Arbeit, ohne Einkommen, weil das Unternehmen geschlossen, insolvent ist. Kraftvolle Gestalten, die im Leben einmal Großes geleistet haben, zum Sterben allein gelassen, weil nicht einmal Angehörige ins Krankenhaus dürfen.

Coronakrise ist nicht Dachau. Aber Dachau und der Zivilisationsbruch, von dem Kardinal Marx redet, kann mitten in der Coronakrise Anregung und Gewissensfrage sein.

 

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