Veröffentlicht am 13. September 2019 In Kentenich

„Mein Dachau wird Heiligtum“

ERFAHRUNGEN IN DACHAU, schoenstatt.org im Gespräch mit Besuchern und Schw. M. Elinor Grimm, lizensierte Gedenkstätten-Führerin •

Im Oktober 2019 sind es 75 Jahre, dass Pater Kentenich im Konzentrationslager Dachau die Schönstatt Internationale gegründet hat. Ein äußerlich unscheinbares Ereignis, an einem Ort, der für ein alle Vorstellungen sprengendes Ausmaß menschlicher Grausamkeit steht: Dachau, das Konzentrationslager in der Nähe von München. —

Und vielleicht noch darüber hinaus

Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden auch Menschen aus besetzten Gebieten Europas im KZ Dachau inhaftiert. Es entwickelte sich zur Keimzelle für neue KZ, ein Ort, an dem das Naziregime politische Gegner gefangen hielt, unterdrückte und ermordete.  Von den insgesamt mindestens 200.000 Dachauer Haftinsassen starben etwa 41.500. Zusätzlich deportierte die SS häufig Häftlinge in Vernichtungslager

1941 wurde Pater Kentenich inhaftiert und für vier Jahre ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Dort begann er Schönstatt unter den Mitgefangenen zu verbreiten, darunter waren Italiener, Polen, Tschechen und andere Nationalitäten. Im Jahr 1944 gründete er zusammen mit ihnen die „Schönstatt Internationale“.

Die Lektüre dieser Gründung erfordert die Beachtung der Umstände, der Zeichen der Zeit, unter denen sie entstand. Er begegnete in den Mitgefangenen Priestern aus verschiedenen Ländern Europas. Hat ihm vielleicht Gott in diesem Ereignis einen Weg aufgezeigt, um dem Werk, das er begonnen hat, eine internationale Dimension zu geben und mehr Dynamik hinzuzufügen?

Am 18. Oktober 1944 machte Pater Kentenich im strömenden Regen mitten im KZ eine entscheidenden Schritt nach vorne: „…Bisher war es ein begrenztes Werk. Jetzt sprengt es den Rahmen und wird international, der letzte Schritt der Entwicklung, wie sie schon in der Ersten Gründungsurkunde angedeutet war: für unser Haus, die ganze Provinz und vielleicht noch darüber hinaus…“

Warum wir nach Dachau gehen

Seit 1965 befindet sich auf dem Gelände die KZ-Gedenkstätte Dachau, die von rund 800.000 Personen jährlich besucht wird.

Darunter viele Schönstätter. Sie besuchen diesen Ort, weil der Gründer der Bewegung, P. Josef Kentenich, und etliche andere Schönstätter dort inhaftiert waren. Sie gehen dorthin, weil an diesem Ort entscheidende Gründungsschritte getan wurden, kostbare Literatur entstanden ist, weil das Liebesbündnis hier wie Jahrzehnte zuvor in den Schützengräben des I. Weltkrieges den Test auf Alltagstauglichkeit bestanden hat. Weil es hier die extreme Peripherie berührt und diese verwandelt hat. Weil Maria in den Herzen ihrer Verbündeten über die dreckigen Straßen von Dachau und durch die stinkenden Baracken gegangen ist und menschliches Elend berührt

Manche besuchen Dachau, weil sie glauben, wissen und spüren, dass dieser Ort mit all seinem unvorstellbaren Schrecken ein Heiligtum war und ist. Und weil sie ahnen, dass das nicht nur etwas für die Geschichte Schönstatts ist, sondern Anstoß, Herausforderung für jetzt, für heute, für jede Situation, in der Recht und Würde und Freiheit mit Füßen getreten wird, vom Mobbing am Arbeitsplatz über für Rettungsschiffe geschlossene Häfen im Mittelmeer und überfüllte Jugendgefängnisse in Paraguay bis zu den verhungernden und geschlagenen Menschen in Venezuela.

Schönstatt-Führungen in Dachau

„In diesem Jahr haben schon einige Schönstattgruppen aus ganz verschiedenen Ländern die KZ-Gedenkstätte besucht  bzw. planen einen Besuch“, so Schw. M. Elinor Grimm. Die Schönstätter Marienschwestern ebenso wie Ilse Kessler aus dem Institut der Frauen von Schönstatt haben die Lizenz als Gedenkstättenführer und sind befugt und bereit, Führungen mit Schönstatt-Fokus zu halten und Schönstattgruppen dort zu begleiten. In nicht-deutschsprachigen Gruppen muss dabei allerdings jemand dabei sein, der übersetzen kann.

Ein Faltblatt in mehreren Sprachen (deutsch, englisch, spanisch, portugiesisch) steht allen Gruppen zur Verfügung, und wenn jemand auf „Heiligtumsstempel“ steht, dann gibt es einen Dachau-Heiligtumsstempel im Klosterladen bei der Karmelkapelle.

Dachau berührt

„Im Umkreis der Hörde Tagung kamen vermehrt Schönstätter aus verschiedenen Ländern nach Dachau, am 14.8. z.B. Mütterbund aus Texas und eine andere gemischte Gruppe aus Brasilien. Daher waren Fr. Kessler Ilse, Institut Frauen von Schönstatt, und ich gleichzeitig unterwegs“, berichtet Sr. M. Elinor.

„Vor wenigen Tagen sind Schönstattmütter aus Kroatien extra angereist. Auch aus Frankreich war im Frühjahr erstmals eine Pilgergruppe zu Gast im Max Mannheimer Haus, dem Jugendgästehaus. Besucher aus dem Familienbund aus Tschechien und der Schweiz konnte ich durch die Gedenkstätte begleiten. Und nicht zu vergessen – bei großer Hitze machte sich die „Schönstattzeit“ – junge Frauen aus Südamerika im Berufungsprogramm der Marienschwestern – auf den Weg durch Dachau,  am gleichen Tag nachmittags war es die internationale Führerschule der Schönstatt-Mannesjugend. Die Hitze hat uns zwar sehr  zugesetzt, ließ aber auch ein wenig ahnen, was das damals für die entkräfteten Häftlinge bedeutet hat.“

„Unser Kurs, der 3. Kurs Familienbund Schweiz, war sehr beeindruckt vom Besuch in der KZ-Gedenkstätte Dachau am 6.8.2019. Manche waren vor vielen Jahren einmal dort, aber diesmal war es intensiver!“, so Gabi Kiser. „Etwas hat uns äußerst beeindruckt: In all dem Leid, der Schikane und Entwürdigung ist P. Kentenich ‚Mensch‘ geblieben, hat seine Würde bewahrt, auch z.B  dadurch, dass er am ‚Sie‘ festgehalten hat, auch wenn er geduzt wurde. Es hat uns alle sehr berührt und bewegt. Ein Mann meinte rückblickend: ‚Ich bin noch immer sehr berührt vom Besuch der Gedenkstätte und sehr dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Zwei Dinge werden mir in Erinnerung bleiben: die Erkenntnis, dass Pater Kentenich als Werkzeug der Gottesmutter auch unter den widerlichsten Umständen, wie sie im KZ Dachau herrschten, unerschütterlich wirken konnte. Zweitens verstehe ich nun ein wenig besser, warum die Freiheit für ihn so wichtig ist und er in innerer Freiheit das grausame Alltagsleben im KZ meistern konnte.‘“

Ein Ehepaar gesteht: „Wir waren vom Besuch in der KZ-Gedenkstätte Dachau sehr berührt. Trotzdem wir über den Ort und die damaligen Umstände bereits viel erfahren hatten, war der persönliche Besuch für uns sehr wertvoll…An Ort und Stelle mit dem Leben Pater Kentenichs auf Tuchfühlung zu gehen war für uns ein großes Geschenk. Auf der anderen Seite hat uns ernüchtert, wie es den Menschen gelingt, so grausam gegenüber anderen zu sein – und mehr noch, wie schnell wir bereit sind, die Augen vor dem Elend anderer zu verschließen, wenn es unbequem ist – auch heute!“

Nie wieder

„Oft rege ich Besucher – meist sind es Schüler –  beim Mahnmal an, zu überlegen, ob und was wir tun können, damit das ‚Nie wieder‘ Wirklichkeit wird“, sagt Sr. M. Elinor. Und da sind wir wieder beim Anfang dieses Artikels.

Was können wir tun, heute, hier, damit nie wieder Menschen anderen Menschen Recht, Ehre, Würde, Heimat, Freiheit … nehmen? Damit nie wieder brüllende Massen oder Despoten andere Menschen als minderwertig bezeichnen und behandeln?

Und wenn es irgendwo schon geschieht?

Dachau ist nicht nur ein Ort und ist nicht nur Geschichte. Vielleicht sollten wir mal wieder dorthin.

Und dann sagen können: Mein Dachau wird Heiligtum.

 

Dachau-Referenten aus der Schönstattbewegung:

Fr. Ilse Kessler 089699 1337, Mobil 0160/2449670  Mail: [email protected]ook.de

Sr. M. Elinor Grimm 08404922181, Mobil 0152/59781272 Mail: [email protected]

Zum Download: 01 Themenführung – deutsch

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