Veröffentlicht am 2. Dezember 2016 In Kentenich

Liebesbündnis leben in „Unpersönlicher Zeit“

Sarah-Leah Pimentel, Kapstadt, Südafrika •

In den letzten Wochen habe ich meine wöchentliche Anbetungsstunde mit der Betrachtung einer Predigtreihe von Pater Kentenich verbracht, die er 1962 für die Gemeinde deutscher Einwanderer in Milwaukee gehalten  hat (Herzensaustausch, in Deutsch in der Reihe: Aus dem Glauben leben). In der Reihe spricht unser Gründer über den „Herzensaustausch“,  um das Liebesbündnis zu beschreiben, in dem wir unsere kranken Herzen mit dem urgesunden Herzen Mariens tauschen. Er sagt, das sei das Gegenmittel gegen die „Krankheit“ unserer Zeit, wo wir vergessen haben, wie man liebt.

Es war die dritte Predigt (30. September 1962), die mich veranlasste, diese Reflexion zu schreiben. Diese Predigt – mit dem Titel „Herzensaustausch in unpersönlicher Zeit“ – wurde knapp zwei Wochen vor dem Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils gehalten, auf dem, wie er sagte, überlegt und festgelegt werden sollte, „was denn nun in Zukunft zu tun ist, damit die Welt … … wiederum den Weg zu Gott findet“. Auch wenn P. Kentenich vor 54 Jahren gesprochen hat, berührt er einen Nerv. Papst Franziskus versucht auch für die Kirche und ihre Mitglieder neue Wege hinein in eine Zeit großer Barmherzigkeit und Menschlichkeit als Umsetzung der Vision des II. Vatikanischen Konzils.

Die Welt gerät aus den Fugen

Allerdings fällt diese neue Ära in der Kirche – damals wie heute – in eine Zeit, in der die Welt, mit den Worten Pater Kentenichs – „(sich) praktisch auf den Kopf gestellt (hat), (sich) zugrunde richtet, und aus den Fugen gerät.“

Er ergänzt „Die heutige Menschheit bewegt sich wie auf einem feuerspeienden Berge, und wir sind allezeit immer gewärtig, dass der feuerspeiende Berg nun auf einmal seine verderbliche Lava hinausspült und –spielt.“ Schaltet man nur die Nachrichten ein, können wir Berichte sehen von gewaltsamen Protesten, Terroranschlägen, verheerenden Kriegsauswirkungen, die Verwüstungen durch Naturkatastrophen, die Auswirkungen der Schäden, die wir auf unserem Planeten verursachen. Es scheint wirklich so, als würde die Welt aus den Fugen gehen. Und wir kommen an den Punkt, an dem uns das alles überfordert und wir das alles einfach nicht mehr aufnehmen können und wollen.

Wir werden mit solcher Verwirrung, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit konfrontiert, dass unser natürlicher Selbstschutzinstinkt auch aus den Fugen gerät und nur noch Rückzug schreit. Es ist die Folge unserer Angst, ausgelöst von einer Welt, die scheinbar außer Kontrolle geraten ist.

Rückzug als Antwort auf irrationale Angst

Und so entwickeln wir Abwehrmechanismen. Im schlimmsten Fall kappen wir uns komplett ab von der Realität und ziehen um in unsere eigenen selbstgeschaffenen Seifenblasen der Sicherheit, komplett jenseits der realen Welt, ja, in einer eigenen Welt, einer selbsterfundenen Welt, die mit der „draußen“ keine Berührung mehr findet.

Die andere Reaktion ist, dass wir uns einseitig auf eines der vielen Probleme, die unsere Welt heimsuchen,  konzentrieren und dieses zu unserem ganz persönlichen Schlachtfeld auf Leben und Tod machen. Damit können wir vielleicht zu etwas Gutem beitragen. Allerdings riskieren wir dabei auch, mechanistisch einseitig zu werden in unserem Kampf und viele andere Themen, die unsere Antwort als Christen verlangen, völlig außer Acht zu lassen. Wenn wir nur von unserer Seite aus auf das Schlachtfeld schauen, denken wir nicht einmal daran, innerlich auf die andere Seite zu gehen und das gleiche Problem aus der Perspektive der anderen Seite anzusehen. Wie die erste Gruppe riskieren wir auch hier, eine Seifenblase zu schaffen, und verfehlen zu erkennen, dass die besten Lösungen für die großen ethischen Herausforderungen unserer Zeit vielleicht kommen, wenn die unterschiedlichen Seiten einander in gegenseitigen Vorschlägen begegnen und in Verhandlungen Lösungen finden.

Überwindung der Angst durch „Herzensaustausch“

Im Mittelpunkt steht: diese beiden Antworten sind Reaktionen auf die Angst. Wir handeln so, weil uns der Angriff auf unsere Gefühle gelähmt und unfähig zu lieben macht. Genau das ist das Unglück unserer Zeit. In der Predigt betont P. Kentenich, „unser Herz hat diese persönliche Liebesfähigkeit und Liebeskraft verloren.“

Je mehr wir  uns von einer persönlichen Liebe entfernen, umso stärker werden wir, so sagt Pater Kentenich, von Weltlichkeit infiziert, die mit der Zeit unsere Liebe zu Glaubensdingen und der Übernatur erstickt.

Wir können nur hoffen, unsere Angst zu überwinden und unsere Herzen wieder zu öffnen um zu lieben, wenn wir unsere Herzen Maria weihen. Unser Gründer sagt, dass in all dieser Verwirrung „gerade die Gottesmutter die Sendung hat, die Welt wiederum zu retten … und in die Arme seiner Barmherzigkeit zu legen.“ Pater Kentenich lädt uns ein, nicht nur unsere Herzen zu weihen, sondern auch die Herzen unserer Familien, „der Nationen  und der ganzen Welt“.

Im Herzen Mariens vereinen wir uns auch mit dem Herzen Jesu. „Der ewige Vater will durch diese beiden Herzen die Gottesliebe in den Menschenherzen wiederum entzünden und zu einer tiefen, tiefen Liebeseinheit auch mit der heutigen Menschheit gelangen“, sagt Pater Kentenich.

Mehr als ein Bündnis der Worte

Er warnt uns jedoch, dass unsere Weihe mehr sein sollte als nur ein Bündnis der Worte. Unser Liebesbündnis für die ganze Welt sollte von unserem Handeln begleitet sein, unserer Erfahrung aus dem gelebten Leben im Liebesbündnis, „um den Herzensaustausch zwischen unserem Herzen und dem Herzen der lieben Gottesmutter möglichst  vollkommen werden zu lassen.“

Die Liebe ist es, die uns barmherzig macht. Im letzten Jahr haben wir über Barmherzigkeit nachgedacht, haben praktische Möglichkeiten gefunden,  um Barmherzigkeit zu üben. Manchmal war es sehr schwierig, denn wir fanden uns herausgefordert, Menschen zu lieben, die wir zu verachten oder zu übersehen gewohnt waren. Erst als wir unsere Unfähigkeit zu lieben angesehen und Gott um Hilfe gebeten haben, konnten wir die anderen lieben. Und nur durch die Kraft der Liebe konnten wir Barmherzigkeit ausüben.

Liebe und Barmherzigkeit erneuern die Welt

Wir dürfen die Lektionen dieses Jahres nicht vergessen. Wenn wir in den Advent und in ein neues Jahr im Leben der Kirche gehen, müssen wir weiterhin Barmherzigkeit zeigen, besonders gegenüber jenen, die benachteiligt sind, die uns widersprechen, und gegenüber jenen, die die Werte, die uns so kostbar sind, herausfordern. Wir müssen weiterhin barmherzig handeln, auch wenn wir in einer Zeit der Angst und einer Veränderung in unserer Weltordnung leben. Das können wir nicht ohne Liebe. Wir können das nicht ohne die vollkommene Liebe tun, die aus den Herzen von Maria und Jesus kommt. Wir können das nicht tun, bis wir unsere kranken Herzen mit ihren urgesunden Herzen ausgetauscht haben.

Nur dann wird es geschehen: „Die Barmherzigkeit Gottes (soll) der Gerechtigkeit in die Arme fallen; die Barmherzigkeit und Güte Gottes soll der Gerechtigkeit Gottes die Lanze, den Speer, das Schwert entreißen“. Ausgestattet mit Barmherzigkeit und einer Liebe, die persönlich ist, versichert uns P. Kentenich, „sind wir auf dem Wege, die Erneuerung der Welt, die Erneuerung der heutigen Menschheit zu unterstützen.“

 

Original: Englisch. Übersetzung: Ursula Sundarp, Dinslaken, Deutschland

 

 

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