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Veröffentlicht am 2020-10-17 In Solidarisches Liebesbündnis in Zeiten von Coronavirus

Diesmal waren keine Kugeln in der Trommel

Zeugnis eines Coronavirus-Überlebenden – Manuel de la Barreda, Madrid, Spanien •

Diesmal war keine Kugel in der Trommel. Ja, das stimmt. Das ist das stärkste Gefühl, das ich jemals bei dieser Coronavirus-Sache hatte. Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe den verdammten Virus, wie jeder andere im Haus, auf den Fersen gehabt. Er hat mich erwischt, wenn auch nicht mit voller Wucht, das heißt, ich hatte die Symptome, ich habe den Test gemacht und er war positiv, aber ich hatte keine Lungenentzündung und musste nicht ins Krankenhaus. Zwei Wochen lang isoliert in meinem Schlafzimmer zu Hause, davon die ersten 10 oder so, mit Fieber und richtig krank. Zerquetscht, wie von einem Laster überrollt, wie diejenigen, die dieselbe Phase durchlaufen haben, auch bestätigen werden. Und dieser Artikel handelt von diesen zwei Wochen.—

Es gibt ein zentrales Thema, das mir geholfen hat, den Gefühlen, die ich in diesen Tagen hatte, einen Namen zu geben. Der Krieg. Da ich persönlich keinen Krieg erlebt habe, ist es der, den ich durch Kino und Geschichte kenne. Der Titel des Artikels etwa kam mir aus der Szene mit dem russischen Roulette im Film The Deer Hunter ( dt. „Die durch die Hölle gehen“, 1978, Regie: Michael Camino)

Und jetzt ohne weitere Umschweife zur Sache.

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Schützengraben des Ersten Weltkriegs

Angst

Das erste, was ich damals fühlte, als ich sah, dass ich die Symptome hatte, und noch jemand aus der Familie, war Angst. Angst, nicht wegen dem, was mir passieren könnte, denn da ich wegen meines Asthmas zur Risikogruppe gehöre, hatte ich mich mehr oder weniger darauf eingestellt, sondern wegen dem, was meiner Familie passieren könnte. Lourdes und meinen Kindern. Es war der Anfang von etwas, das ich nicht kontrollieren konnte und gegen das ich nichts tun konnte. Absolutes Gefühl von Kleinheit und Verletzlichkeit.

Dieses Gefühl der Kleinheit und Verletzlichkeit wurde manchmal durch ein anderes Gefühl des Gegenteils ergänzt. Ein Gefühl, ein ungeschliffener Diamant zu sein, wenn auch klein, aber weil ich Kind Gottes bin und mir eine Würde gegeben wurde, ohne dass ich irgendeinen Verdienst daran habe. Aber… ein Diamant, befleckt mit Schlamm und Schmutz wegen meiner Sünde und Selbstsucht, wegen meiner Kleinheit und Verletzlichkeit.

Die Zähne zusammenzubeißen und weiter reiten

Im Gegenzug wurde ich von zwei Ereignissen aus der Vergangenheit begleitet. Zwei große Kavallerie-Regimenter. Ein spanisches, das des Alcantara-Regiments im Jahre 1921 in Annual, in dem die meisten ihr Leben geopfert haben zum Schutz des Rückzugs der restlichen spanischen Truppen, und ein anderes, der Angriff der australischen Kavallerie im Jahre 1917 (Erster Weltkrieg) gegen die türkische Armee in Beersheba, bekannt durch den Film Jinetes de Leyenda (dt. The Lighthorsemen – The Lighthorsemen – Blutiger Sturm, 1987, Regie: Simon Wincer).  Ich verglich die Situation von beiden mit der, in der wir jetzt leben. In beiden mussten die Kavalleristen ihre Arbeit tun. Bei beiden gab es ständig Verluste von Freunden und Kameraden an der Seite der Kavalleristen. Aber dies war nicht dazu da, sie von ihrem Ziel abzulenken. Außerdem steigerte es ihre Verantwortung und Anstrengung, da sie die Arbeit all derer, die fielen, tun mussten. Und das taten sie.

Das ist es, was jetzt mit uns passiert. Wir hatten, wir haben eine Gesellschaft am Rande des Leidens und der Anstrengung aufgebaut. Was den Tod betrifft, so hat es ihn schon immer gegeben, aber wir sind auf Zehenspitzen darüber gelaufen. Wir sind es nicht gewohnt, Opfer zu erleiden. Nicht jetzt. Jetzt müssen wir täglich mit Nachrichten von den Toten leben, die uns mehr oder weniger nahe sind. Jetzt ist nicht die Zeit, auf Zehenspitzen herumzuschleichen. Noch ist es an der Zeit, dem, was geschieht, den Rücken zu kehren. Es ist Zeit, sich dem zu stellen, die Zähne zusammenzubeißen und weiter zu reiten, wohl wissend, dass ich es denen schulde, die gefallen sind. Schade, ja, sehr viel, aber das sollte mich keine halbe Sekunde aufhalten. Andere brauchen mich.

Licht am Ende des Tunnels

Während der Tage, an denen ich mich immer schlechter fühlte, war ein anderes Gefühl, das mich überkam, Zynismus. Zynismus, besonders angesichts des Gebets. Dieses „das ist nutzlos“, das dich immer verzweifelter macht. Denn eine Sache, die mir passierte, war, dass es jeden Tag schwieriger und schwieriger wurde zu beten. Ich erinnerte mich damals an unseren Josef Engling, und wie er in einer viel schlimmeren Situation, der Zeit der Schützengräben im Ersten Weltkrieg, eine geistliche Disziplin aufrechterhalten konnte, die er per Brief an den Rest seiner Schönstattgefährten und andere, die er mit seinem Zeugnis zu Schönstatt schleppte, weitergab.

Zusammen mit der Kleinheit und Verwundbarkeit, die ich oben erwähnt habe, erschien auch die Loslösung,genau wegen dieser beiden Erfahrungen. Alle großen Bauten in meinem Schatten fielen, dieser Schatten, den ich mit materiellen Dingen gebaut hatte, und der nun nutzlos war. Als ich anfing, wieder gesund zu werden, erkannte ich, dass das Einzige, was ich noch hatte, Gott war. Das Licht am Ende des Tunnels. Das einzige, was unter allen Umständen gültig ist. Und mit Ihm, der Gottesmutter.

Die Gottesmutter, mit ihrer Hand, die mich festhält und mich durch die Gebete der anderen hochzieht, in den Livestream-Messen, die vielen Rosenkränze, die mir im schlimmsten Fall durch den Lärm, den man hörte, mehr Kopfschmerzen bereiteten, aber sie begleiteten mich und gaben mir das Gefühl, Teil einer großen Familie zu sein, und vor allem durch das Gebet von Lourdes und meinen Kindern, die jeder auf seine Art und Weise und teils auch an verschiedenen Symptomen leidend, drängten und hielten mich. Ich danke euch allen. Danke, liebe Mutter, Königin der körperlichen und geistigen Gesundheit von uns allen. Ich danke dir, mein Gott.

 

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Veröffentlicht auch in  Tiempos + Nuevos, Spanien

 

Original: Spanisch. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

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