Veröffentlicht am 2020-04-05 In Solidarisches Liebesbündnis in Zeiten von Coronavirus

La Puna, Cirila Taritolay und Kreativität angesichts von COVID-19

ARGENTINIEN, Carlos E. Barrio y Lipperheide •

Vor einigen Tagen sprach ich in einer Sendung von Radio Maria Argentina unter der Leitung von Juanjo Santander über die schwierige Situation, in der wir alle durch COVID-19 leben. Dieser Radiosender aus der Stadt Córdoba erreicht das ganze Land und hat ein beträchtliches Publikum. Während der Sendung kamen Nachrichten aus ganz Argentinien. Ich erinnere mich an eine Lehrerin aus Santa Fe, einen Polizisten aus Santo Tomé, eine Krankenschwester aus einem Gesundheitsdienst in einem Gefängnis, eine andere Person, die in einem Kinderkrankenhaus in Mendoza arbeitete. Radio Maria vereint die Argentinier auf wunderbare Weise.—

In dieser Radiosendung bot ich kostenlos meine Dienste als Coach an für all jene, die sprechen und gehört werden müssten. Und um den Kontakt zu erleichtern, gab ich meine Handynummer bekannt.

Einige Minuten nachdem ich meine Teilnahme an dem Programm beendet hatte, schrieb mir eine Frau über Whatsapp; sie schickte ein Foto mit Atemschutzmasken und einer Nähmaschine und schrieb in sehr schlichter Sprache,  mit vielen Rechtschreibfehlern und gespickt mit den typischen Emoticons:

  • Guten Tag, Herr Radio-Maria-Hörer, aus San Antonio de los Cobres, Provinz Salta, in La Puna, möchte ich Ihnen sagen, dass das vorübergehen wird. Aber, nun ja, in dem Moment, als die Quarantäne begann, schloss ich meinen Imbiss und widmete mich der Herstellung von Atemschutzmasken, da hier in der Stadt keine zu finden waren und man von uns allen, die mit Menschen in Kontakt waren, Desinfektionsspray und Handschuhe verlangte. Es war sehr traurig für uns. Wir sind bereits in Quarantäne, und ich habe mich der Herstellung der Atemschutzmaskengewidmet, während ich hier mit zwei Teenagern eingesperrt bin, die von weit her in eine Schule kommen, mitten in den Hügeln, und nicht mehr zurück können,  tja, und hier sind wir…“

Zusätzlich zu den 1.600 Kilometern Entfernung, die Buenos Aires von San Antonio de los Cobres trennen, gibt es einen Höhenunterschied von 3.775 Metern. Es sind zwei sehr entfernte und unterschiedliche Welten, die eine Radiosendung als Werk von Glauben und Technologie in einem Augenblick vereint hat.

Cirila in La Puna, Enrique im Unternehmen

Dann schickte sie mir ein zweites Foto von selbstgebackenem Brot, das sie gerade gebacken hatte, und so ging der Dialog weiter:

  • „Man tut, was man kann… Mein Name ist Cirila Simona Taritolay aus San Antonio de los Cobres.“
  • „Hallo, Cirila, vielen Dank für Ihr Zeugnis. Ich gratuliere Ihnen zu allem, was Sie tun. Verlassen Sie sich auf mich, wenn Sie etwas brauchen“.
  • „Danke, Don Carlos, Gott segne Sie.“

Mit welcher Einfachheit und Hingabe konnte sie von der Schließung ihres Imbiss, in dem sie die Touristen versorgte, dazu übergehen, sich sofort dem Nähen von Schutzmasken zu widmen. Was für eine Fähigkeit, zu entdecken, was sie zu dieser Zeit zu tun hatte, und sich inmitten der Schwierigkeiten für eine Veränderung zu entscheiden!

Diese Haltung erinnerte mich an den Diener Gottes Enrique Shaw, als er sich 1945 als Matrose mit seiner Frau in die Vereinigten Staaten einschiffte, um dort einen Kurs in Meteorologie zu belegen, und am Ende der 31-tägigen Reise und des Gesprächs auf dem Schiff mit zwei Ordensfrauen in New York beschloss, aus der Marine auszutreten und nach einem Gespräch mit einem Priester in Chicago sein Leben auf das Unternehmertum auszurichten.

Sowohl in Cirila als auch in Enrique Shaw spüre ich eine tiefe Fähigkeit, von innen heraus selbst zu entscheiden im Hören auf die Stimmen der Zeit.

„Man muss singend aufwachen und singend muss man sterben“

Ich entdeckte, dass Cirila in ihrem Whatsapp-Profil ein Bild von ihr hatte, gekleidet in einen Poncho, in der Hand eine Chayera, und auf dem Leder dieses Schlaginstruments stand folgender Satz:

„Wenn die Königin von La Puna kommt

nicht einschlafen.

Man muss singend aufwachen

und singend muss man sterben.“

Ihre Botschaft erfüllte mich mit Hoffnung und Freude. Welch ein innerer Reichtum und welch eine Fähigkeit, Schönheit zu berühren und auszudrücken!

Die Verse des Liedes „Man muss singend aufwachen und singend sterben“, ließen mich denken, dass dieses Lied für Cirila ein Lobgebet ist, in dem sie ihre Dankbarkeit durch die Schönheit ihrer Kunst zum Ausdruck bringt. Ich fühlte mich Pater Kentenich sehr nahe, der einmal sagte: „Freude ist immer das Immer-in-Gott-geborgen-Sein. Der Vater hat mich gern.[1] Wir können nur vom Morgengrauen bis zum Tod singen, wenn wir uns von Gott behütet und geliebt fühlen.

Ich spüre, dass Cirila ein Herz voller Zuflucht und Freude in Gott hat, inmitten der stillen, verlassenen und monochordischen Realität von La Puna, die einen sehr tiefen Reichtum verbirgt, der für meine bürgerlichen Augen verschleiert ist, die an viele Reize, starke Eindrücke, Annehmlichkeiten und überflüssige Bedürfnisse gewöhnt sind.

Das Gespräch wurde wie folgt fortgesetzt:

  • „Ich mag Ihr Bild mit der Trommel und was darauf geschrieben steht!“
  • „Ja, ich komponiere gerne Musik und singe.“
  • „Glückwunsch!“
  • „Ja, Don Carlos, Gott wird uns nicht im Stich lassen.“
  • „Ich bin sicher. Er ist gut“.
  • „Ja, während ich kochte, ging mir das Gummiband zum Anlegen der Atemschutzmasken aus, also habe ich Neuerungen eingeführt und sie mit einem elastischen Fäden versehen“.

Zusammen mit ihrer letzten Antwort schickte sie mir ein Foto mit den neuen Gummibändern, die sie für die Schutzmasken improvisiert hatte.

In diesen schwierigen Momenten, die wir wegen der COVID-19-Pandemie haben, in denen wir von Angst und Sorge um die Infizierten und Toten überfallen werden, in einer zersplitterten und isolierten Welt, die uns daran hindert, persönlichen Kontakt mit anderen zu haben, bin ich froh zu wissen, dass der Gott von Cirila (der auch meiner ist), „uns nicht im Stich lassen wird„.

Cirila nimmt mich und erhebt mich mit ihrem Glauben und zeigt mir den Weg des Vertrauens in Gott!

Schwierigkeiten sind Aufgaben und lassen neue Wege finden

Ich war auch sehr beeindruckt von seinem Ausdruck „Ich habe Neuerungen eingeführt“.

Ihr Einfallsreichtum, den fehlenden Gummizug in der Maske durch etwas anderes zu ersetzen, zeigte ihre kreative Fähigkeit, in kritischen Momenten ungünstige Situationen zu lösen, genau wie Enrique Shaw, als er mitten in der Krise des Unternehmens Rigolleau neue Wege entdeckte, um Arbeitnehmer nicht arbeitslos zu machen.

Máximo Bunge erzählt in dem Buch „Viviendo con Alegría“[2], dass „Enrique viele Dinge getan hat, um Entlassungen zu vermeiden. Zum Beispiel gab es eine Schreinereiabteilung bei Rigolleau. Sie widmete sich der Herstellung von Kästen für Flaschen und Paletten. Sie gehörte zum Stammwerk des Unternehmens. Er kam zu dem Schluss, dass es unwirtschaftlich sei, diese Abteilung in der eigenen Unternehmensstruktur zu haben, und dass etwas getan werden müsse, um es kostengünstiger zu machen. Was hat er also getan? Er arrangierte mit ihnen ihre Abtrennung, aber mit einem Vertrag über die gleichen Produkte auf ihre Kosten und Verantwortung für 5 Jahre. Er half ihnen, ein kleines Stück Land zu kaufen, damit die Schreiner die Fabrik dort errichten konnten. Beide Parteien haben sich gut geschlagen.“[3]

Zweifellos gibt es, wie der spanische Arzt Santiago Ramón y Cajal sagt, „keine erschöpften Themen, sondern Menschen, die sich in den Themen erschöpft haben“, und sowohl Cirila als auch Enrique fanden neue Wege, sich nicht in den Themen zu erschöpfen, mit denen sie konfrontiert waren.

Cirila ließ mich daran denken, dass das Gefühl der Geborgenheit das ist, was wir brauchen, um auf einen inneren Wandel hinzugehen. Ohne einen Lebenssinn, der uns mit Fülle erfüllt, würde unserem Leben die Richtung fehlen. Enrique Shaw sagte uns, dass „…man bei der Arbeit in der Lage sein muss, seine Persönlichkeit zu entwickeln. Das Unternehmen ist, bewusst oder unbewusst, eine Gussform.“[4]

Wir leben in einer Welt ohne Obdach, vermasst, und nur wenn wir miteinander verbunden sind, werden wir die Isolation überwinden und in der Lage sein, die Realität zu verändern. Kurz gesagt, es geht darum, die innere Heimat zurückzugewinnen, die nichts anderes ist als „seelisches Ineinander.“[5]

Pause machen, Mate trinken, beten – und das ohne Mobiltelefon

Ich wollte meine Neugierde über den Vers befriedigen, die auf ihrem Instrument stand, und sagte zu Cirila:

  • „Ich habe mich gefragt, wer Ihnen diesen netten Vers gesagt hat, können Sie mir das sagen und auch, warum Sie ihn auf das Instrument geschrieben haben?“

Cirila hat mir nicht sofort geantwortet. Erst nach zehn Minuten schrieb sie:

  • „Ah, ich bin eine Weile gegangen, um im Esszimmer einen Mate zu trinken. Normalerweise nehme ich mein Mobiltelefon nicht mit, denn ich danke Gott, dass ich etwas zu essen habe, und ich bete für diejenigen, die keins haben“.

Was für eine Weisheit, eine Weile innezuhalten, um Mate zu trinken und nicht das Handy überall mit hinzunehmen und von unserer Abhängigkeit von sozialen Netzwerken entgiftet leben zu können!

Wie viel Fähigkeit, dankbar zu sein und den Reichtum zu sehen, den man inmitten der Entbehrungen hat!

Wie viel zu lernen! Wie viel Freiheit!

Wie können wir mitten im Nirgendwo in Dankbarkeit leben und zu Gott für diejenigen beten, die nichts haben?

Sie sind ein Mensch der Bücher

Dann sagte sie:

– „Ich mache diese Verse. Jetzt habe ich Ihnen einen geschickt.“

“Wenn es in meinen Dorf die Bücher gäbe,

die ich bei Ihnen sehe,

dann würde ich bei ihnen bleiben

und Tag und Nacht singen.

…………….

Aus Buenos Aires komme ich

mit dem Wort Gottes,

um mich in diesen Bergen einzurichten

und mein Herz zu bringen.

 

Ella había compuesto estas coplas, al ver la foto de mi Whatsapp, en la que estoy sentado y con la biblioteca por detrás. Me dijo:

  • „Ich habe eine Menge Bücher in Ihrem Profil gesehen, deshalb singe ich über die Bücher. Sie sind ein Mensch der Bücher.“

Sie hatte sich meiner Welt genähert, um sie zu interpretieren, und aus ihrer eigenen Weltanschauung heraus schrieb sie diese Verse für mich.

Zuhören, wertschätzen, danken

Schließlich fragte ich Cirila:

  • “Sagen Sie mir, wer ist die Königin, von der Sie in dem Vers auf der Trommel sprechen?“
  • “Die Königin ist La Puna, wegen ihrer Landschaften, ihrer Natur, ihren Mineralen. Darum singe ich zu ihr und sehe sie als Königin, die inmitten des Nichts alles hat.“

Wieder einmal hatte Cirila micht an Joseph Kentenich erinnert, der uns unter Berufung auf die Kunst des Zuhörens sagt, dass wir unser persönliches Interesse wecken und uns von dem befreien sollten, was uns davon abhält, die gute Seite zu sehen, die alle haben.[6]

Solche Weisheit, sagte ich mir. La Puna „mitten im Nirgendwo“ als „Königin“ schätzen und wertschätzen zu können. Was für eine Fähigkeit, an einem so unwirtlichen Ort auf 3.775 Metern Höhe dankbar zu leben, wo sich die große Mehrheit von uns von der Hand Gottes verlassen fühlen würde. Sie hat dieses „Nichts“ zu ihrer Heimat gemacht, zu ihrem Platz in der Welt, zu dem Ort, an dem Gott sie gesegnet und ihr den Sinn ihres Lebens gegeben hat.

Mögen wir alle neue „Cirilas“ sein, in Solidarität und Kreativität, inmitten der Pandemie der Gleichgültigkeit und Kälte, die uns heimsucht, um uns in Gott geborgen zu fühlen, verwandelt und mit tiefer Freude gesandt, um alles, was uns widerfährt, selbst das Böse, in Gutes zu verwandeln, wie Papst Franziskus bei seiner Meditation am, 27. März gesagt hat.

 

Kein Exklusiv-Material. Veröffentlichung mit Erlaubnis des Verfassers.

[1] José Kentenich. Retiro Espiritual para sacerdotes del 7 al 13 de octubre de 1934. Quinta Plática. Conf. José Kentenich. “Las Fuentes de la Alegría”. Ed. Patris (2006), pág. 165. Deutsch: Priesterliche Lebensfreude, 1934, Vallendar-Schönstatt 1984, S. 160
[3] Sara Shaw de Critto. “Viviendo con Alegría”. Ed. Claretiana (2017), S. 140.
[4] Enrique Shaw. “Notas y apuntes personales”. Ed. Claretiana (2002), S. 50.
[5] José Kentenich. Jornada Pedagógica del 2 al 5 de octubre de 1951. Décimo Primera Plática. Conf. José Kentenich. “Que surja el hombre nuevo”. Ed. Schoenstatt (1971), pág. 173. Deutsch (=Original): Dass neue Menschen werden.  Eine pädagogische Religionspsychologie. Vorträge der Pädagogische Tagung 1951. Bearbeitete Nachschrift, Vallendar- Schönstatt 1971,
[6]  vgl. José Kentenich. “Ethos e ideal en la educación” (1931), 288-300, 302-303. Conf. José Kentenich. “Textos Pedagógicos. Ed. Nueva Patris (2008), pág. 225 y ss. Deutsch (=Original): Ethos und Ideal in der Erziehung.

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