Veröffentlicht am 2014-04-06 In Solidarisches Bündnis

Bündniskultur in Zeiten von Erdbeben

CHILE, Carmen M. Rogers. “Ein Erdbeben der Stärke 8,3 auf der Richterskala hat den Norden des Landes erschüttert. Das Epizentrum befand sich 89 km südwestlich der Stadt Cuya in der Provinz Arica.“ Nachrichten, wie sie leider alltäglich in Chile sind, dem Land, das 40% der weltweiten seismischen Aktivität in seinen Grenzen hat. Und es ist die tägliche Aufgabe von Maria, der Mutter der Chilenen. Mit der Hand in ihrer Hand glaube ich, tut es gut, sich zu fragen, wie wir in diesen Umständen Bündniskultur leben.


Von Santiago aus ist das leicht: beten und alle erdenkliche materielle Hilfe zur Verfügung stellen. Aber ich lege mir die Hand aufs Herz und frage mich: Was würde ich im Epizentrum und im Moment der Krise tun?

Im Epizentrum… jedes einzelne Mitglied unserer Schönstattfamilie ins Herz der Gottesmutter bringen!

Bitten wir sie, dass sie sie bei der Evakuierung leitet, dass sie sie tröstet, ihren solidarischen Geist weckt, ihre egoistische Angst vertreibt…

Für uns Latinos ist es nicht leicht, zu gehorchen und die Annehmlichkeit unseres Hauses gegen Notunterkünfte einzutauschen, wenn wir doch wissen, „dass hier nichts passieren wird“; es ist nicht leicht, das Auto stehen zu lassen, das uns doch viel schneller in die sichere Gegend bringen würde (auf Kosten aller anderen); es ist nicht leicht, mitten im Beben daran zu denken, dass da noch irgendjemand Schwächerer, Langsamerer ist, der unsere Hilfe braucht; es ist nicht leicht, den Kampf aufzugeben um die erste Decke, einen Kaffee, die Quote Benzin…

Im solidarischen Bündnis

In dieser Nacht haben wir gesehen, dass die Lektionen des 27F (des Erdbebens in Zentralchile am 27. 2. 2010) gut gelernt wurden. Man sah die Leute geordnet, die Präsidentin sicher, die Befehle befolgt, die Organisationen organisiert und die Gebäude ziemlich erdbebensicher.

Der Tsunami-Alarm ist fast an der gesamten Küste des Landes aufgehoben und es beginnt ein neuer Tag.

Ich lade ein, im solidarischen Bündnis all diejenigen der Gottesmutter zu weihen, die NICHT zu uns gehören. Die Gottesmutter wird sich an Hochherzigkeit nicht übertreffen lassen und die Herzen bewegen, die sich normalerweise nicht bewegen lassen: Ich beginne dabei mit den 300 Häftlingen, die aus dem Gefängnis ausgebrochen sind… und all den Drogenhändlern mit Sitz im Norden Chiles.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich mich in einer solchen Situation verhalten würde

Im Lauf der Stunden kommen die menschlichen Dramen ans Licht; diejenigen, die nicht zurückkehren können in ihre Häuser, weil es sie nicht mehr gibt; die junge Frau, die nicht zur Beerdigung ihres Vaters fliegen konnte; die Häftlinge, die vor dem Tsunami geflohen sind und jetzt allmählich in ihre Gefängnisse zurückkehren; die kolumbianischen Gastarbeiter, die noch nie ein Erdbeben erlebt haben und gelähmt sind vor Angst; diejenigen, die die Not ausnutzen; die Geschäfte machen mit dem Leid der anderen… wir alle sind Chile.

Und das tut weh.

Es ist eine Realität, die ängstigt. Schmerzt. Aber auch antreibt. Denn es ist, mehr als je, das Kreuz, das jeder tragen kann.

Wirklich. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich in der Situation dieser Chilenen handeln würde, aber ich weiß, dass sich viele nicht vorstellen können, wie wir den 27. Februar 2010 hier im Zentrum Chiles erlebt haben. Und überlebt haben.

Einfach da sein

Es war in einem achten Stockwerk. Drei Wohnungen pro Etage. An der Tür der Nummer 803 die Mezuzah. An der Tür der Nummer 802 das Heiligste Herz Jesu, alles Brüder.

Die Tür der Nummer 803 hatte sich verklemmt, und ein altes jüdisches Ehepaar betete auf der anderen Seite, von Entsetzen erfüllt.

Ich (Vollidiotin) rannte, um solidarische Hilfe zu holen, indem ich den Aufzug nahm! Mehrfach herauf und herunter, ohne auch nur daran zu denken, dass er nur noch dank des Notstromaggregates funktionierte.

Die Gottesmutter sorgte dafür, dass es außer mir keine Idioten gab, so dass ich den Aufzug und seinen knappen Strom für mich allein hatte und schließlich Hilfe bringen konnte, um die jüdischen Nachbarn zu befreien.

Gekommen ist die Stunde deiner Liebe

Da wir wegen meiner bettlägerigen neunzigjährigen Mutter nicht aus dem Haus fliehen konnten, kam es meiner Schwester und mir auch nicht in den Sinn, irgendetwas anderes zu unternehmen. Einfach nur da sein. Stabat Mater.

Das war unsere Gnade und unsere Schuldigkeit – das Kreuz, das wir tragen können. Wie das beruhigt.

Mein Rezept, auch in den Momenten der Unvernünftigkeiten dieses Tages, steht in Himmelwärts. Ich sage mir: „Gekommen ist die Stunde deiner Liebe.“

Ja, gekommen ist die Stunde deiner solidarischen Liebe im Alltag, im Schlichtesten und Einfachsten, im Gewöhnlichsten. Das ist deine solidarische Stunde. Lebe sie. Nichts mehr, lebe sie.

 

 

Herzliche seismische Grüße

Carmen Rogers

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