Veröffentlicht am 2013-03-15 In Solidarisches Bündnis

Der Versuch, ein wenig Hoffnung zu verbreiten

BRASILIEN, Pietro Marramarco Lovato. 27. Januar 2013. Um 3 Uhr früh morgens beginnen an vielen Orten der Stadt Handys zu läuten. Sie bringen Nachrichten, die irreal oder wie Lügen klingen oder auch verzweifelte Bitten um ein Lebenszeichen. In 234 Fällen erreichte die Antwort „Hallo, mir geht es gut“ die Eltern, Väter, Mütter, Freundinnen oder Freunde nicht. Einem Brand in der Diskothek „boate kiss“ in Santa Maria/RS mit seinen verheerenden Folgen (Feuer und Rauchvergiftung) fielen weit über hundert Jugendliche – Studenten, Angehörige des Militärs, Arbeiter – zum Opfer. Der toxische Rauch versperrte Vielen die Möglichkeit, den einzigen Ausgang der Disko zu erreichen. Andere konnten sich zunächst retten. Unter ihnen gab es mehrere, die zurückkehrten, um Freunde und Bekannte zu retten, dabei aber selbst zum Opfer wurden.

Diese Opfer erlebten denselben Tod wie die Menschen, die in den Konzentrationslagern durch Gas umgekommen waren. Wissenschaftler haben inzwischen bewiesen, dass als Isolierungs-Material für die Akustik trotz Verbot Zyanid gebraucht wurde. Es ist das gleiche Gift, das die Nazis benutzt hatten. Andere Jugendliche sind durch das Feuer umgekommen. Und von denen, die ihr Leben gelassen haben, um andere zu retten, spricht man schon als Helden.

Der Sonntagmorgen erlebte die Stadt in Tränen über eine Tragödie, die bis dahin nur als Fiktion denkbar schien. Alle standen unter Schock. Die Stadt war bis zu dem Zeitpunkt gezeichnet durch die Freude der Jugendlichen über die Zulassung zur Uni. Sie waren auf langen Listen aufgeführt und durch ihre bemalten Gesichter als Uni-Neulinge zu erkennen. Nun bewegte alle in der Stadt nur der eine Wunsch, dass die Liste der Toten kleiner wäre als angezeigt wurde. Jede Familie betete für die Vermissten und hoffte, dass ihre Angehörigen nicht aufgelistet seien, sondern in irgendeinem Krankenhaus untergebracht und gerettet wären.

Verglichen mit der Einwohnerzahl von Santa Maria, waren hier mehr Menschen betroffen als in New York am 11. September. Außer den 234 Toten starb am Mittwoch danach ein weiterer Jugendlicher von 21 Jahren, der in Porto Alegre eingeliefert worden war. Sein älterer Bruder war einen Tag zuvor beerdigt worden.

Eine Mission, wie wir sie niemals zuvor gemacht haben

Ich wurde an diesem Sonntagmorgen durch meinen Bruder Giovanni geweckt. Er redete von einem Brand in der Disko “boate Kiss”, wo ein Fest von sechs Kursen der Uni Santa Maria (UFSM) stattfände. Dort gäbe es schon mehr als 20 Tote. Es ist die Uni, an der mein Vater Thomé Lovato studierte und heute Professor und Direktor der landwirtschaftlichen Fakultät ist, und wo auch wir beide, mein Bruder Giovanni und ich studieren. Diese Uni hat die meisten Studenten verloren. Deshalb war auch unsere Anspannung riesig groß, und wir wollten Nachricht haben über unsere Freunde und Kollegen. Bei jeder Kontaktaufnahme mit ihnen fieberten wir vor Ungewissheit, wie es ihnen wohl geht. Wir durften feststellen, dass viele nicht in der Disko waren – und dankten der göttlichen Vorsehung.

Die Nachrichten aus Radio und Internet ließen uns immer besorgter werden, weil die Verantwortlichen inzwischen von mindestens 200 Toten sprachen. Die Anspannung wurde bei uns immer größer.

Gegen 11 Uhr machten wir uns mit Fernando Henrique und weiteren Mitgliedern der Schönstattjugend zum örtlichen Sportzentrum (CDM) auf den Weg, um eine Mission anzutreten, die wir bisher niemals gemacht haben: Wir trugen die Pilgernde Gottesmutter in eine Stadt, die um ihre Familienangehörigen, um Kollegen und Freunde weinte. Einige Marienschwestern gingen auch dorthin und in die Krankenhäuser, um mit den Familien zu beten. Bei der Ankunft erlebten wir den Ort wie im Kriegszustand. Jeden Augenblick kamen Wagen mit Körpern der Opfer an, die in einer Halle des Sportzentrums identifiziert werden mussten. Auf der Straße durchlebten Familienangehörige eine Situation von Hoffnung und Verzweiflung. Einige sahen, dass ihre Lieben nicht unter den Toten waren. Andere verzweifelten, als sie ihre Angehörigen erkannten.

Als wir zu beten begannen, näherten sich uns Viele, um mit zu beten und ihre Hoffnung zu bestärken, dass Viele der Verstorbenen bereits in Gottes Gegenwart waren. Sie baten um Kraft für die Überlebenden. Wir hatten den Eindruck, dass die einfache Gegenwart der Gottesmutter am Ort allen half, das Schreckliche zu verstehen und in diesen Momenten Kraft zu schöpfen. In der Warteschlange sprachen wir Missionare die Menschen an und boten an mit ihnen zu beten. Die Emotionen der Menschen waren beeindruckend, und einige klammerten sich buchstäblich an die MTA. Um 14.30 Uhr kehrten wir beide nach Hause zurück. Unsere Eltern begingen an diesem Tag ihr 25jähriges Ehejubiläum. Mein Bruder Tobias war extra aus Belo Horizonte zu diesem Festtag gekommen, der für uns nun unvergesslich bleiben wird. Die Tragik überschattete sowohl die Freude des Zusammensein in der Familie als auch den festlichen Anlass. Die typische Freude unserer Stadt war verflogen.

Stattdessen überzog ein Schweigen die ganze Stadt als Hauptmerkmal. In den Straßen hörte man nur die Geräusche der Autos, in der ganzen Universitätsstadt nur die Signale der Ambulanzen, die die Verwundeten zur Uniklinik brachten. Ganz allmählich nur erholt sich die Stadt von ihren Wunden, die die Herzen aller so tief verletzt haben.

Lebendige Kelche

Stunden vor der Tragödie in der Disko beendete die brasilianische Männerjugend die 2. Mission Christo Tabor. Zum 1. Mal kündeten die vier regionalen Abteilungen den verklärten und glorreichen Christus, indem sie die Pilgernde Gottesmutter zu den Menschen trugen. Das Motto: „Die ganze Welt ist unser Feld“ bewegte uns, der Gottesmutter unsere Opfer, unsere Freuden und Taten in den Kelch zu übergeben, damit sie mit in das Blut Christi gewandelt würden. Geeint durch Christi Blut wirkt die geistige Erarbeitung des Kelches jedes Mal konkreter. Während wir uns unseren Kelch eroberten, näherte sich ein anderer Kelch, mit vielen Menschenleben gefüllt, Santa Maria.

Das Unglück veranlasst uns darüber nachzudenken, was Gott der Stadt, jedem von uns und der Schönstattmännerjugend sagen will. So viele jungen Menschen haben ihr Leben verloren in einer Universitätsstadt, die im eigenen Namen die Verehrung der Gottesmutter als Hauptmerkmal trägt. Um im Licht der Göttlichen Vorsehung die Motive zu verstehen, erwähne ich zwei Zeichen, die mir bei der Deutung halfen. Vielleicht lassen sie uns einen neuen Weg finden, der uns allen helfen kann.

Beim ersten handelt es sich um ein Gebet aus Himmelwärts (589-599) und um den musikalischen Text “La Labor del Apóstol” aus dem Album “Tiempo de Alianza” vom Kolleg Pater Kentenich, der sagt: Gekommen ist die Stunde deiner Liebe! Beim zweiten ist es die Botschaft, die der Marienbruder Herr Ernest Brandstetter meinem Vater am darauf folgenden Mittwoch schickte: “Wir gehen weiter trotz der Schwierigkeiten. Gerade wegen der Schwierigkeiten – so sagte der Gründer. Mit anderen Worten: Wandeln wir das Negative ins Positive. Christus hat das Kreuz gewählt für das Heil der Welt.”

Wir können die Botschaft der Hoffnung und der Auferstehung der ganzen Welt künden

Durch große Schwierigkeiten, wie Kriege, Exil, das Leben unserer Helden, hat die Bewegung bewiesen, dass Schönstatt ein Gotteswerk ist. In ihren kleinen Werkzeugen, die sich ganz Schönstatt geweiht haben, zeigt die Gottesmutter ihre Liebeskraft! Der Kelch dieser Jugendlichen möge sich in Impulse umwandeln, damit wir, die brasilianische Männerjugend Schönstatts, unser Ideal leben. In Maria untereinander verbunden, können wir für die Familien und für die Verwundeten beten. Ergriffen vom Ideal des verklärten Christus können wir die Botschaft der Hoffnung und Auferstehung der Welt künden. Die Vorbereitung für IGNIS, das internationale Treffen der SMJ vor dem Weltjugendtag in Rio und den Weltjugendtag ist eine große Möglichkeit, all diese Personen zu ehren, die jetzt bei Gott für uns eintreten können.

Der missionarische Geist möge von unserem Sein und Handeln Besitz ergreifen; und aufgrund dieser Ereignisse werden wir Schönstatt für die nächsten 100 Jahre neu gründen können.

Quelle: www.jumasbrasil.com.br


Übersetzung: Mechthild Jahr und Renate Dekker, Bad Ems, Deutschland

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.