Veröffentlicht am 2019-12-08 In Projekte

Rund um den Tisch oder: Wenn die Personalerin auf die Leiter klettert

DEUTSCHLAND, Maria Fischer •

Er hätte ein Selfie machen sollen. Aber auch ohne kann man sich das Gesicht des Geschäftsführers lebhaft vorstellen, der etwas früher als sonst auf dem Weg zum Büro ist – heute sollen wichtige mögliche Investoren kommen –  und dabei plötzlich vor einer Stehleiter steht. Auf der obersten Stufe steht … nein, nicht jemand von der Hausverwaltung, sondern die Personalerin, Glühbirne in der Hand. Auf das perplexe „Was machen Sie denn da?“ des Geschäftsführers die Antwort von oben wie von der Assistenz auf dem Boden: „Glühbirne wechseln. Heute kommen doch die Investoren, da muss es hier doch hell sein.“ —

Eine von Dutzenden von Geschichten, die an diesem letzten Novemberwochenende „rund um den Tisch“ erzählt wurden. Unternehmer und Führungskräfte aus der Schweiz, Österreich und Deutschland trafen sich im Schönstattzentrum-Memhölz. Das Programm sind sie selbst beziehungsweise sind die Erfahrungen, Beobachtungen und Fragen, die sie am Freitagabend auf farbige Moderationskarten schreiben. Die Fragezeichen in den Augen derer, die erstmals dabei sind, werden im Lauf der beiden folgenden Tage immer mehr zu Ausrufezeichen: Das ist es. Eine Tagungsgestaltung, eine Moderationsmethode made in real life , reales Leben als Thema. Keineswegs „nur Erzählen“, sondern ein Ernstnehmen dessen, was ein Pater Kentenich vor Jahrzehnten seiner Bewegung gepredigt hat: Ernstnehmen von Zeiten- und Seelenstimmen als Erkenntnisquelle für das, was jetzt dran ist.

Mehrwert: Geglückte Erfahrungen einfach mal selbst ausprobieren. Es funktioniert.

Und das Ganze bleibt nicht beim gegenseitigen Erzählen stehen. Ein Notar, der sich erst kürzlich selbstständig gemacht hat, berichtet gleich zu Beginn, dass der Austausch vom letzten „Rund um den Tisch“ ihn dazu gebracht hat, die Zuständigkeiten in der Kanzlei klarer zu regeln. Ergebnis: mehr Effizienz und weniger Reibungsverlust. So was bekommt man natürlich auch auf einem Führungsstil-Seminar. „Aber hier kommt es aus dem Leben“, sagt er als Begründung, warum er auch beim nächsten Mal wieder dabei sein will. Erst recht, als jemand aus der Runde anfügt: „Ich habe bei dem Gespräch über Ihr Problem letztes Mal gemerkt, dass es daran auch in einem Team von Ehrenamtlern hapert, für das ich verantwortlich bin. Und dann habe ich die Tipps für Sie bei uns umgesetzt, und es  hat sehr gutgetan, allen.“

Die Idee der Leiterin einer caritativen Einrichtung dürfte auch ausprobiert werden. Sie hatte die Tristesse angesichts des bevorstehenden Rentenbeginns von gleich drei Mitarbeiterinnen überwunden, indem sie diese bat, doch einen Artikel über ihre Berufsjahre zu schreiben. Die drei „Neuen“, die gleichzeitig eingestellt wurden, wollten auch – und schrieben, warum sie diesen Beruf ergriffen haben. „Das wurde fast ein Buch“, so die Leiterin. „Und da war auf einmal so viel Freude und Dankbarkeit im Raum.“

„Das Wochenende war total dicht und so viele Eindrücke. Wir freuen uns immer noch, dass wir wieder neu für uns klar haben, dass man nicht einfach Coaches in die Firma holen braucht, sondern selbst beginnen kann“, so ein Kommentar.

Melanie und Ulrich Grauert, Ebikon, Schweiz, Leiter der IKAF

Grundkonsens, bedürftige Liebe, kreative Perfektionisten

Rund um den Tisch sitzt dabei eine hohe Expertise – sei es in Kentenich-Pädagogik und Kentenich-Kommunikation, sei es im Coaching oder in der Unternehmensführung, sei es in Nachhaltigkeit oder Psychographie (keiner ging aus dem Treffen ohne DISG zu kennen).

Da gibt es ausgehend vom Erzählen über ein „Rund um den Tisch“ der Führungsleute eines Unternehmens ein langes Austauschen über den nicht hinterfragten Grundkonsens, eine der Schlüsselelemente im Kommunikations-Modell von Pater Kentenich. „Auf einem möglichst kleinen, aber nicht hinterfragten Grundkonsens kann dann jeder tanzen, wie er will!“ Es gibt am Anfang von etwas Neuem – einer Bewegung, eines Unternehmens, einer Gruppe – das gemeinsame Vereinbaren dessen, was dieses Neue ausmacht und unterscheidet. Diese ursprüngliche Weichphase ist einmalig und unwiederholbar. Dieser so gewonnene Grundkonsens wird identitätsstiftend und darum auch Selektionskriterium. Aber auch nur dieser, keine anderen Normen und Formen. Spätere Weichphasen können den Grundkonsens aktualisieren – oder auch das Bisherige untergehen lassen. Dann gibt es diese Bewegung, dieses Unternehmen, diese Gruppe so nicht mehr. Und: Man kann nicht 100 Jahre in der Weichphase leben. Dann macht man nichts anderes mehr als permanente Selbstbetrachtung, wird ineffizient und unglaubwürdig. Irgendwann sind Entscheidungen fällig: die der Gemeinschaft für ihren Grundkonsens und die von Interessenten für die so definierte Gemeinschaft.

Da erzählt einer von einem Koch, der jeden anderen Mitarbeiter so lange runtermacht, bis der aufgibt. „Der ist in seiner bedürftigen Liebe hängengeblieben.“ Das kommt aus der Schule Kentenichs. „Es gibt Personen, die nicht teamfähig sind aufgrund tiefgreifender seelischer Unbefriedigtheit an Wahrnehmung, an Liebe.“ Und: „So etwas kann man nur ertragen, wenn man selbst in der Liebe gesättigt ist.“

Und die kreativen Perfektionisten! Allein die Beschreibung in diesen beiden Worten reicht, um zu entspannen.

P. Peter Locher

Haben die Erfahrungen eines Terziates für werdende Schönstatt-Patres Unternehmern etwas zu sagen?

Als Pater Peter Locher, Schönstatt, am Samstagnachmittag gebeten wird, aus seinen Erfahrungen mit Pater Kentenich vor allem während des „Milwaukee-Terziates“ zu erzählen, ist er schon viel mehr selbst Teilnehmer der Runde als Referent. Gehört so ja auch zum Grundkonsens der „Rund um den Tisch“-Treffen der IKAF.

„Solche Arbeitskreise sind wichtig, damit man nicht nur auf der Spur der Spiritualität bleibt“, so P. Locher.

Pater Locher schafft es, die Erfahrungen aus der Erziehung durch Pater Kentenich in Milwaukee immer wieder mit der Situation im Unternehmen zu verknüpfen.

Ob es da darum geht, einen vernünftigen Rhythmus von Arbeits- und Freizeit durchzusetzen (ob sie wollten oder nicht, die zukünftigen Patres im Terziat hatten Donnerstag und Sonntag frei, und Donnerstag war Ausflug angesagt!), oder darum, dass“ Männer bei jeder Art von Team- oder Gemeinschaftsbildung einen Gegenstand brauchen, ein Medium dazwischen, an dem man arbeiten kann.“

Und darum ging es, so P. Locher, in diesem Terziat, in dem Pater Kentenich im Wahrnehmen dessen, was ankam und was nicht, von der Erarbeitung von Satzungen absah, autobiographisch arbeitete und eine hundertprozentige Identifikation der jungen Männer mit der zukünftigen und von ihnen mitzutragenden Gemeinschaft erreichte.

„Erlebnisse schaffen und lebendige Fühlung halten“: Pater Kentenichs Rat an die jungen Theologen, die noch kaum Englisch sprachen, für die Jugendarbeit, passt auch für die Arbeit mit den Mitarbeitern – Erfahrungen und Ideen warten gar nicht erst auf das Ende des Vortrags, sondern kommen sofort, sehr zur Freude des Referenten.

In Sachfragen hineingehen auf der Grundlage eines Bündnisses

Die Auswertungsrunde am Sonntagmorgen bündelt die Erfahrungen:

„Man kann Mitarbeiter nicht weg beten, manchmal muss man handeln“, so eine „Lehre“ aus dem Reden über den Grundkonsens.

„Wir haben nicht Inhalte, sondern eine Methode gelernt“, so ein Ehepaar, das zum ersten Mal dabei war. Das hatte man aber schon nach wenigen Stunden gar nicht mehr gemerkt.

„Ich werde ein Beobachtungstagebuch auf der Arbeit anlegen“, sagt einer, der eine neue Führungsaufgabe übernommen hat.

„So müsste die Kirche der Zukunft sein: In Sachfragen hineingehen aus der Kraft eines Bündnisses.“ Und Bündnis ist auf personaler Ebene was Grundkonsens auf Werte- und Zielebene ist. So einfach ist das.

Und dann klettert die Personalerin auf die Stehleiter und wechselt die Glühbirnen, bevor die Investoren kommen.

Fotos: Grauert, Fischer, Strutz-Winkler

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