Veröffentlicht am 4. November 2018 In Projekte, Werke der Barmherzigkeit

Das goldene Herz des Jugendgefängnisses von Itauguá

PARAGUAY, María Fischer •

Fällt nicht aus bei Regen. Den Satz unter Veranstaltungshinweisen gibt es nur in Paraguay, wo bei Regen eigentlich grundsätzlich alles ausfällt. Wer einmal im Regen dort mit dem Auto unterwegs war, weiß, warum. Fallt nicht aus wegen Regen. Auch nicht wegen des sintflutartigen Regens an diesem Sonntagmorgen, der innerhalb von Minuten die Straßen in Bäche verwandelt und fast alle anderen Tagungen und Treffen ausfallen lässt. Fällt nicht aus. Gegen Mittag am 16. September, dem ersten Tag der Zeit über 50 Jahre nach dem Tod von P. Kentenich, fährt P. Pedro Kühlcke wie jeden Sonntag Von Tupãrenda auszum Jugendgefängnis in Itauguá, um die Jugendlichen zu besuchen und in der schlichten Kapelle des Gefängnisses mit ihnen die heilige Messe zu feiern. Christus, der Herr, geht an die Peripherie, um in Brot und Wein unter den am meisten Verlassenen gegenwärtig zu werden. Was für ein Privileg ist es für mich, an diesem Sonntag dort sein zu dürfen, wo er sein will. —

Nass und dreckig nach über zwei Stunden unterwegs zwischen den Einheiten der Jugendstrafanstalt, nass und dreckig wie die 10 oder 15 Jugendlichen, die nach und nach kommen, um die Messe mitzufeiern, treffen wir uns in der Kapelle. Es ist meine erste Messe in diesem Gefängnis, das ich schon viermal besucht habe, das Gefängnis, in dem ich den ersten Tereré meines Lebens getrunekn habe und wo ich heute lerne, was russischer Tereré ist (zubereitet mit einer Art Fruchtsaft und viel Liebe). Während zwei der Jungen mit großer Begeisterung und leisen Anweisungen von P. Pedro den Altar richten und sich in die weißen Gewänder der Messdiener hüllen, kommt mir in den Sinn, was Pater Pedro ein paar Stunden zuvor in seinem Vortrag für die Mannesjugend über Anwendung der Kentenich-Pädagogik In der Peripherie, heißt, im Jugendgefängnis und in der Casa Madre de Tupãrenda gesagt hat: Vertrauenspädagogik, die uns und die Jugendlichen an das goldene Herz in ihnen glauben lässt, trotz all dem, was sie getan haben und trotz all dem, was ihre eigenen Familien und die Gesellschaft ihnen angetan hat. Diese beiden Messdiener in ihrem weißen Gewand, die jetzt wie Engelchen aussehen und wie kleine Kinder lächeln, haben Leuten auf der Straße ihre Mobiltelefone gestohlen, um sich Drogen zu beschaffen und den Hunger zu stillen, den Hunger nach Brot und den Hunger nach etwas Glück oder wenigstens das Vergessen einer für Kinderseelen zu harten Wirklichkeit.

 

Die ganze Familie im Knast

Ich denke an den ersten Jungen, den wir bei der Ankunft umarmt haben, nennen wir ihn Ali. Wir kamen zur regulären Besuchszeit, und in jeder Ecke sah man Jugendliche mit ihrer Freundin, mit Eltern oder Geschwistern, die ihnen Saft, Brot, Süßigkeiten und etwas Nähe und Zuwendung mitgebracht hatten. „Hat dich keiner besucht?“, fragt P. Pedro. Mit sehr leiser Stimme antwortet der große, kräftige Ali: „Niemand.“ Wo sind sie alle? „Mein Bruder ist im Knast, seit diesem Überfall, Pa‘i… Meine Mama und meine Schwester sind im Buen Paster (Frauengefängnis), weil er bei denen die Beute versteckt hatte. Die Drogen, weißt du. Mich kann keiner besuchen, Pa’i”. Wir besuchen dich, Ali. Mitgebracht haben wir nichts außer uns selbst, unsere Zeit, unsere Umarmung, unser Zuhören, ein paar Worte, die viel zu arm und verstottert sind angesichts solchen Leides und solcher Verlassenheit. „Wieviel Monate bist du noch hier drin?“, fragt P. Pedro. „Sechs“, antwortet Ali. „Und was willst du machen, wenn du rauskommst?“ Das traurige Gesicht des Sechzehnjährigen beginnt zu strahlen, seine Augen leuchten: „Arbeiten in Tupãrenda und ein anderes Leben anfangen“.

Das hören wir an diesem Nachmittag noch oft. Tupãrenda, die Casa Madre de Tupãrenda, gibt vielen dieser Jugendlichen eine Perspektive für den Tag, an dem sie aus dem Gefängnis kommen. „Vorher wussten sie nicht, wohin. Pa’í, wie soll ich denn mit den Drogen aufhören, wenn meine Mutter die Dealerin fürs Viertel ist, hat mir einer gesagt“, so P. Pedro. „Sie wurden entlassen, nur um ein paar Wochen später wieder im Gefängnis zu landen, weil sie keine Möglichkeit hatten, ohne Drogen und Stehlen zu überleben.“

 

 

Beten wir für die Opfer unserer Verbrechen

Dann beginnt die Messe, hier in dieser einfachen Kapelle im Jugendgefängnis. Es ist ein wenig eine Mischung aus Kindergottesdienst mit einfachen Liedern, die man auswendig lernen kann und Katechese über die Eucharistie; aber es ist vor allem die Feier des Herausgehens des Sohnes Gottes an die Peripherie. Für mich ist dieser Moment der Beginn des Adventes. Ich bin nass und schmutzig und rieche nach Knast. Jesus Christus hat „unser Fleisch“ angenommen, hat sich für uns schmutzig gemacht. Hatte ich bisher eigentlich verstanden, was Menschwerdung Gottes bedeutet? An diesem Sonntag, dem 16. September, hat es sicherlich feierlichere Messen in großartigen Gotteshäusern gegeben, Messen mit wunderbaren Chören und Liedern, die nach Himmel klingen… doch diese, meine erste Messe im Gefängnis, kommt mir feierklicher, bewegender und tiefer vor als viele, viele andere in den letzten Jahren. Keine vorformulierten Fürbitten aus dem Buch. Die Jugendlichen bitten für ihre Mütter, ihre Väter, ihre Geschwister. Sie beten für die Häftlinge, die Kranken, die Einsamen, und sie beten ehrlich, denn sie kennen sie. Mein Gott. Sie beten für „Maria und die, die mit ihr arbeiten, damit unsere Geschichten auf ihrer Internetseite erscheinen.“ Meine Fassung ist dahin. Und dann bitten sie für die Opfer ihrer Raubüberfälle, ihrer Verbrechen. Ein Moment, in dem man den Atem anhält.

Und Jesus kommt, um bei ihnen zu sein. Die Wandlungsworte, mit denen sich das große Wunder der Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Jesu vollzieht; hier im Gefängnis, unter den Vergessensten und Verlassensten. Jesus selbst, in einer Krippe geboren und am Kreuz für uns gestorben. Jesus ist in seiner Gesamtheit gegenwärtig; in seinem Körper, seinem Blut, seiner Seele und seiner Göttlichkeit. Er ist das goldene Herz in diesem Jugendgefängnis, das goldene Herz nicht nur für die in dieser Messe Anwesenden, sondern für alle.

 

cárcel de menores Schoenstatt Kentenich

Die Gottesmutter auf der Zellentür

Am Schluss der Messe beten wir zur „Mutter, die uns nie verlässt“ – so der Titel der Gottesmutter hier an diesem Ort der Verlassenheit. Während sich die Jugendlichen mit kräftigen Umarmungen verabschieden und zurückkehren in ihre Zellen, denke ich an diese Zelle, in der ich eine längere Zeit mit fünf Jugendlichen geredet und eine Menge Gefängnisjargon gelernt habe, während P. Pedro bei Manuel war, der „mit dem Pa‘i reden musste!“ (sprich: Beichte).

Auf der Tür, mit Tesa angeklebt, das Bild der Gottesmutter von Schönstatt.

Sie verlässt sie nie.

 

cárcel de menores Schoenstatt Kentenich

 

Jeden Samstag bringt das Team der Gefägnispastoral den über 100 Jugendlichen im Jugendgefängnis einen Nachmittagskaffee: Brot, Kakao, Kekse. Möchten Sie etwas dazu beitragen?

 

Bankverbindung:

Kontoinhaber:  Schönstatt-Patres International e. V.
IBAN: DE91 4006 0265 0003 1616 26
BIC/SWIFT: GENODEM1DKM,
VWZ:  P. Pedro Kühlcke, Gefängnispastoral

Hinweis für mögliche Spender aus Deutschland:

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