Veröffentlicht am 10. Juli 2017 In Projekte, Werke der Barmherzigkeit

Wo Flip-Flops, Kakao und feste Drücken Gesten Gottes sind

PARAGUAY, Maria Fischer •

„Eine Mutter liebt ihren Sohn auch dann noch, wenn dieser Sohn im Gefängnis ist.  Ich erinnere mich an viele Mütter, die in meiner vorherigen Diözese Schlange standen, um Zutritt zum Gefängnis zu erhalten.  Und sie schämten sich nicht. Der Sohn war im Gefängnis, aber es war ihr Sohn. Und sie erlitten viele Demütigungen bei den Durchsuchungen vor dem Zutritt, aber: »Er ist mein Sohn!« »Aber meine Dame, Ihr Sohn ist ein Verbrecher!« – »Er ist mein Sohn!« Nur diese Mutter- und Vaterliebe lässt uns verstehen, wie die Liebe Gottes ist. Eine Mutter verlangt nicht die Aufhebung der menschlichen Gerechtigkeit, denn jeder Fehler erfordert eine Wiedergutmachung, aber eine Mutter hört nie auf, für ihren Sohn zu leiden.  Sie liebt ihn auch, wenn er ein Sünder ist. Gott tut dasselbe mit uns: Wir sind seine geliebten Kinder!“ Worte von Papst Franziskus bei der Generalaudienz am 14. Juni, bei denen ich spontan an einen der bewegendsten (und erschöpfendsten) Momente meines Lebens denken lässt: jene drei oder vier Stunden am Fest der Verkündigung des Herrn, die ich im Jugendgefängnis von Itauguá verbracht habe. Ich war Teil einer kleinen Gruppe echter Mütter und Väter, die diese über 200 Jugendlichen im wahrsten Sinne des Wortes bis zur Erschöpfung lieben, bis zur Erschöpfung vor lauter festem Drücken und Umarmen, jener Sprache, die stärker ist als die der Waffen, des Brüllens und des Stehlens…

Foto: Team der Gefängnispastoral „Visitación de María“

„Pa’i, zapatillas la bronca“

“Pa’i, zapatillas la bronca”: Wissen Sie, was das bedeutet?, fragt Pater Pedro Kühlcke eines sonntags in der Messe in Tuparenda die Pilger, um danach Ismelda aus dem Team der Gefängnispastoral zu bitten, diesen Satz aus der typischen Gefängnissprache zu übersetzen. Pater, Flip-Flops sone Mordswut: Die an Weihnachten geschenkten Flip-Flops sind kaputt…  Heißt, wieder barfuß laufen, sich die Füße wundlaufen auf dem Steinboden im Gefängnis. Und dann baten Ismelda und Pater Pedro um Spenden, um den über 200 Jungen zwischen 14 und 18 Jahren neue Schuhe zu bringen. Flip-Flops. Diese ganz einfachen. Die Hochherzigkeit der Pilger  von Tuparenda ist riesig, und so haben wir an diesem Samstag beim wöchentlichen Besuch nicht nur die unvermeidlichen Tetrapaks mit Kakao und die Tüten mit Chipas und Keksen dabei, sondern mehrere Schachteln mit Flip-Flops. Nach den Katechesen werden sie verteilt, Gruppe um Gruppe. Die Jugendlichen stellen sich in Reih‘ und Glied auf, sie werden namentlich aufgerufen, und bevor sie ihre Flip-Flops erhalten, erklären Pater Pedro und Ismelda ihnen, dass die ein Geschenk von Leuten sind, die sie gern haben und dass man Geschenke nicht verkauft und irgendwo liegen lässt, dass man sie gut behandelt und so denen gegenüber Dank und Respekt zeigt, die möglich gemacht haben, dass heute, neun Monate vor Weihnachten, jeder von ihnen ein  paar nagelneue Flipflops bekommt. Liebevoll und aufmerksam werden die Flip-Flops überreicht.

„Welche Schuhgröße?“ Javier schaut Cristy an, sein ganzes Gesicht ein einziges Fragezeichen. Er weiß es nicht. Es sind die ersten Schuhe seines Lebens. Dann müssen wir eben anprobieren. Als Javier mit seinen himmelblauen Flip-Flops, die er wie einen kostbaren Schatz in den Händen trägt, davon geht, müssen wir ihm Mut machen, sie nicht auf Händen, sondern an den Füßen zu tragen… Als wir mit der Ausgabe der Flip-Flops schon fast fertig sind, kommt Martín zurück. „Geht nicht rein.“ Er hat sich mit der Schuhgröße vertan.  Ein Leuchten geht über sein Gesicht, als er seine zu kleinen Schuhe gegen ein Paar in seiner Größe umtauschen darf.

In diesen Stunden am Nachmittag des 25. März, in diesem Mehrzweckraum des Jugendgefängnisses und der unerträglich schwülen Hitze wenige Stunden vor einem Gewitter, werden 220 Flip-Flops zu 220 Gesten der väterlichen Zärtlichkeit Gottes. Jenes Gottes, der Fleisch geworden ist, der Mensch geworden ist, um uns zu zeigen, dass wir ihm etwas bedeuten, dass er uns gern hat, dass er auf uns achtgibt, dass er uns in seinen Händen trägt und ja, dass er uns Schuhe schenkt, „damit dein Fuß nicht an einen Stein stoße“ (Ps 91,12), und dass er die Füße seiner Heiligen hütet (1 Sam 2,9), seiner heiligen verletzlichsten, vergessensten und misshandelsten Kinder.

 

Nie im Leben bin ich so oft so fest gedrückt worden

Feste drücken, umarmen. Nie im Leben bin ich so oft so fest gedrückt worden, mit so viel Kraft und so viel Zärtlichkeit und so vielen Tränen. „Kann das sein, dass man vor lauter Drücken platt ist?“, frage ich P. Pedro, als wir aus dem Gefängnis herausgehen und uns „Esperanza“ nähern, dem teiloffenen Vollzug für die Jugendlichen, die stundenweise Ausgang haben. Wir sind alle nassgeschwitzt, unsere Klamotten sind feucht und dreckig von Schweiß und Tränen und Wunden der Jugendlichen. „Ja“, antwortet er. Es macht müde, körperlich müde, wenn 220 Jugendliche dich fest drücken und das nicht nur einmal. Das ist die Sprache der Gefängnispastoral, eine Sprache, die das Klima verändert, die Art und Weise, wie die Jugendlichen sich fühlen und sich verhalten. Sie suchen die Umarmung des “Pa’i” und aller, die mit ihm kommen. Es sind Umarmungen, die Gottes Liebe zu ihnen kommunizieren, die genauso fest und so lang und so immer wieder ist wie unsere Umarmungen. Im wahrsten Sinne des Wortes braucht Gott hier unsere Arme, unsere Umarmungen, um sich ihnen nahe zu zeigen. Wo Worte versagen (teils, weil die Jungen nur Guaraní können, teils weil man einfach nicht weiß, was man sagen soll, wenn man ihre Narben sieht oder ihre Geschichten hört) und wo man sich nicht in irgendetwas Theoretisches flüchten kann, sondern wo nur noch die Umarmung bleibt, schweigend, und wo man manchmal einfach mit ihnen weint. Ich weiß nicht, ob ich irgendeinen von ihren wiedersehen werde. Und ich hoffe, dass es nicht hier in diesem Gefängnis sein wird, denn ich hoffe, dass sie hier herauskommen und nicht kurz darauf wieder drin sind; und doch ist es ein Verabschieden von Freunden und Brüdern, die ich Tag für Tag für immer in meinem Gebet begleiten werde.

Vater unser

All diese Umarmungen gipfeln am Ende der kurzen Katechese jeder Gruppe ins Beten des Vater unser und Gegrüßet seist du Maria, alle in einer einzigen großen Umarmung, als eine große Familie, ein großes Bündnis.

Eine einfache Kapelle, mit einem Kreuz, dem Bild der Dreimal Wunderbaren Mutter von Schönstatt, der Gottesmutter von Guadalupe und dem Barmherzigen Jesus. Einer der Jungen kämmt mit seinen Fingern liebevoll das lange Haar der kleinen Statue der Gottesmutter von Caácupé auf dem Altar. So haben wir das Hochfest der Verkündigung des Herrn am 25. März 2017 begangen. Eine würdige, echte, schöne und unvergessliche Feier.

Ich möchte mich ändern

An all das, was an diesem Tag geschehen war, dachte ich vor ein paar Tagen wieder, als Pater Pedro Kühlcke mir die folgende Geschichte von seinem letzten Besuch im Jugendgefängnis von Itaguá erzählte:

„Als ich heute im Jugendgefängnis war, habe ich mir ein paar Notizen in meinem Notizbuch gemacht. Plötzlich schnappt einer der Jungen es sich und fängt an, etwas hineinzuschreiben. Ich dachte, er schreibt mir die Telefonnummer seiner Mutter auf, um sie um etwas zu bitten, oder so etwas…

Weit gefehlt. Was er hineinschrieb, war:

Ich möchte mich ändern, ich möchte mich ändern, ich versprech es, Pa’i Pedro, ich möchte mich ändern.

 

Ich möchte dir helfen, dich zu ändern, Pepito. Mit meinem Gebet, meinen Beiträgen zum Gnadenkapital, mit ein Paar Flip-Flops und einem Glas Kakao… Ich versprech dir, Pepito, ich möchte dich unterstützen.

Hilft jemand mir, Pepito zu helfen?

oder

Bankkonto in Paraguay

Banco GNB
Kontonummer 001-065259-003
Congregación Padres de Schoenstatt

Bankkonto in Europa

Schönstatt-Patres International e. V.
IBAN  DE91 4006 0265 0003 1616 26
BIC/SWIFT GENODEM1DKM
VWZ: P. Pedro Kuehlcke, Gefängnispastoral

 

Original: Spanisch. Übersetzung: Maria Fischer, schoenstatt.org

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