Veröffentlicht am 2016-08-25 In Projekte

Paternitas: Festigkeit und Zärtlichkeit zum Wohl von jugendlichen Straftätern

CHILE/PARAGUAY, von Ana María Acha, Vorsitzende von FUNDAPROVA •

Am 22. August 2016, dem Fest Maria Königin, wurde die Casa Madre de Tuparenda offiziell eröffnet. Im Juni hatten wir mit großen Erwartungen in Santiago de Chile die Einrichtung Paternitas besucht, um deren Arbeit kennenzulernen. Paternitas widmet sich seit gut 20 Jahren der Arbeit mit Jugendlichen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, genau der Aufgabe also, die wir mit großer Hoffnung von der Casa Madre de Tupãrenda aus  durch ein Programm von FundaProva (Fundación para la Promoción de Valores y la Prevención de la Violencia / Verein zur Förderung von Werten und Gewaltprävention) beginnen.

„Ich bin Francisca“

In der Vorbereitung dieser Reise hatte Pater Pedro Kühlcke Kontakt mit einer Frau  Francisca Lewin in Chile, die dank einer Reihe von Mails einen prall gefüllten Plan für unseren Aufenthalt zusammengestellt hatte.

Logischerweise fragten wir bei der Ankunft direkt nach ihr, und groß war meine Überraschung, als eine junge Frau von höchsten 30, sehr leger gekleidet und mit einem Glas Limo in der Hand auf uns zukam und lächelnd sagte: „Ich bin Francisca“.

Sie führte uns in den zweiten Stock des Gebäudes, wo wir vom Gründer von Paternitas, Pater Nicolás, empfangen wurden und unser Treffen mit einem Arbeits-Mittagessen begann.

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Die Patronin der Diebe…

Paternitas wirkt seit 20 Jahren in Chile; begonnen hat es mit den Besuchen von P. Nicolás in den Gefängnissen, wo er die Angst der Häftlinge um ihre Kinder erlebte, die sich wie sie selbst in Kriminalität und Drogen verstrickt befanden.

Um sich dieser Jugendlichen anzunehmen, nahm Padre Nicolás anfangs eine kleine Gruppe von ihnen in einem Gebäude der Pfarrei „Unsere Liebe Frau von Monserrat“ auf, einer schwarzen Muttergottes, die die Jugendlichen als ihre Anwältin verehrten, die sie beschützen sollte, wenn sie einen Diebstahl begingen, damit sie dabei weder umgebracht noch erwischt würden. Sie ist schwarz, und die Jugendlichen stellten sich vor, dass sie deshalb, schwarz wie sie selbst und arm, ohne die sonst üblichen Kostbarkeiten und Edelsteine der Mariendarstellungen, auf ihrer Seite sei …

Es war schon stark, das zu hören, doch das ist die Welt, in der sie sich bewegen und diese Vorstellungen wurden ehrfürchtig aufgegriffen und als Ansatzpunkte in der Arbeit mit den Jugendlichen genommen.

Wie finanzieren sich die Projekte?

Wir fragen, wie die Projekte finanziert werden (das ist ja immer die große Herausforderung), und wir erfahren, dass es in Chile ein von der Regierung geschaffenes Ausschreibungssystem gibt, bei der derjenigen der Nicht-Regierungsorganisationen (NGO), die sich einer konkreten Aufgabe widmen –  etwa in diesem Fall der Wiedereingliederung straffälliger Jugendlicher -,  die das beste Projekt oder Programm einreicht, dessen Finanzierung gewährt wird. Um das zu ermöglichen, müssen alle Unternehmen in Chile 1% ihrer jährlichen Gewinne beitragen, die dann unter den verschiedenen anerkannten und davor registrierten NGOs verteilt werden. Was übrig bleibt, nachdem alle Beträge ausgezahlt sind, geht an ein staatliches Ausbildungszentrum.

Zusätzliche Finanzquellen sind etwa die Chilenische Bauunternehmer-Vereinigung, die über ihre Abteilung Sozialverantwortung einen großen Teil der Kosten trägt.  Consuelo Correa de Eguyguren, die zusammen mit P. Nicolás die Einrichtung gegründet hat, erzählt uns auch von ihrer langjährigen Fundraising-Arbeit und betont, dass jeder, der auch nur einige Cents zu dem Projekt beigetragen habe, als „Teilhaber“ betrachtet und behandelt wird. Sie gibt uns zusätzlich mit auf den Weg, dass wir ein Team bilden müssen, in dem alle die gleichen Werte vermitteln.

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Aufnahme, Drogentherapie, Ausbildung

Zwanzig Jahre nach ihrer Gründung haben sie mehrere „Plattformen“, wie sie sie nennen, Programme, wie beispielsweise a) das Zentrum in Santiago, wo konkret die jungen Menschen nach der Haftentlassung aufgenommen werden; sie fertigen Picknick-Decken an, die sehr gut verkauft werden. Die Jugendlichen übernachten nicht dort und haben montags immer Termine mit der Psychologin, da die Wochenenden eine echte Herausforderung darstellen für die Aufrechterhaltung der Disziplin in der Umgebung, in der sie dann leben mit so vielen Versuchungen und Verbrechen. Um eine Verhaltensänderung herbeizuführen, besuchen Gruppen die Familien, um eine Änderung zu erreichen, da dies die einzige Chance darstellt für eine ganzheitliche Hilfe; b) „El Monte“ am Stadtrand von Santiago, ist ein Sucht-Rehabilitationzentrum, da Süchte die größte Geißel in diesem Prozess darstellen. Ein Suchtberater leitet das Zentrum, der auch an bestimmten Tagen in der Woche die Jugendlichen in Santiago besucht; c) „El Castillo“: ein Schulungszentrum, das von einem ehemaligen Häftling geleitet wird, wo die Jugendlichen verschiedene Berufsausbildungen machen können.

Nur wer wirklich will…

Ein Jugendlicher wird nur aufgenommen, wenn er einen Brief an Paternitas schreibt, in dem er zum Ausdruck bringt, warum er kommen möchte. Wenn diese Forderung kommt, jammern manche: „Was, ich weiß nicht, wie man das macht“, worauf sie ihm sagen, er könne auch seine Mama, Oma, Tante oder Nachbarin fragen. Weil viele behaupten, sie hätten wirklich niemanden, der ihnen den Brief schreiben könnte, lautet dann die Antwort: „Du bist schlau genug, eine Bank zu überfallen, jetzt streng dich für den Brief an oder du kommst nicht.“

Wenn sie aufgenommen sind, unterschreiben sie eine Abmachung mit einer Reihe von Verpflichtungen, die Paternitas von ihnen fordert sowie das, worauf sie Anspruch haben. Darunter fallen etwa die strikte Einhaltung des Zeitplans und von Ankunft und Weggehen; das Verbot von Drogenkonsum innerhalb der Einrichtung; eine Reihe von Regeln für das Verhalten in der Einrichtung… Das Wichtigste, auf das sie Anspruch haben, ist Geld. Es wie ein Arbeitslohn, der mit zwei Boni pro Jahr für gutes Verhalten aufgestockt wird: der erste nach einem, der zweite nach drei Monaten.

Logischerweise drehen sich auch die Strafen um das Aussetzen dieser Zuwendungen. Das heißt, wer zu spät erscheint, darf nach Hause gehen, und am Ende des Monats werden die Abwesenheitstage vom Lohn abgezogen. Sie schimpfen und klagen, wenn das passiert: „Aber bitte, ich muss fast drei Stunden nach hier laufen, und ihr nehmt mich wegen 10 Minuten nicht mehr rein!“ Worauf die Antwort einfach ist: „Aber Sie haben die Vereinbarung, die das fordert, unterschrieben. Ich werfe Sie nicht raus, das machen Sie selber, indem Sie die Vereinbarung nicht einhalten.“

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Die Jugendlichen nicht zu Opfern hochstilisieren, sondern ihnen Chancen zum Wachsen geben

Das Thema Geld, so erklären sie uns, spielt in der Tat eine zentrale Rolle. „Wir gehen auf die Welt ein, aus der sie kommen, wo Geld die einzige Kategorie ist, und treten damit in Wettstreit. Sie wollen Geld verdienen, und wir geben es ihnen unter diesen Bedingungen. Zwar vermutlich nicht die gleiche Summe, die sie vorher gestohlen haben, aber hier haben sie das Plus, dass sie Werte lernen, die ihnen einmal ein Leben in Würde ohne Rückkehr in die Hölle des Gefängnisses ermöglichen.“ Wir verstehen auch, dass die übermäßig streng anmutende Ordnung für diese völlig entwurzelten jungen Menschen heilend wirkt.

Sehr stark bestehen sie darauf, nicht in die Falle zu tappen, die Jugendlichen in die Opferrolle zu schieben. Wenn diese sagen: „Sie wissen ja nicht, wie furchtbar mein Leben ist, ich habe keine Mutter, mein Vater hat uns verlassen“, oder „Ich werde geschlagen, meine Mutter ist die Drogenhändlerin des ganzen Viertels, ich habe ein Sch…leben“, antworten sie: „Das stimmt, bis jetzt hattest du ein Sch…leben. Aber von jetzt an ist es in deinen eigenen Händen, so weiterzumachen oder es für immer zu ändern. Du schleppst diesen schweren Rucksack mit dir mit seit deiner Geburt, aber jetzt bist du 18 und das muss dich nicht bestimmen.“

Es ist eine klare Anwendung von Festigkeit und Zärtlichkeit – wie wir in Schönstatt sagen – als zwei Seiten der gleichen Liebe.

Fotos (von links) : Consuelo Correa de Eguyguren, Mitgründerin von Paternitas und auch heute mit 79 Jahren noch aktiv;  Francisca Lewis ( stehend), die uns begrüßte, zusammen mit   Gisela Fiorio (sitzend); nach der Messe Consuelo de Equyguren, Lucía Ruiz, Gisela Fiorio und Ana María Acha

Professionalität im Bündnis mit Begeisterung, Freude und Liebe

Die Gespräche mit den Jugendlichen selbst gehen uns sehr tief. Gefragt, warum sie hier sind, erhalten wir Antworten wie: Weil wir uns hier unterstützt erleben, weil man uns hier versteht. Wir sind mit einem vollen Rucksack auf dem Buckel von zu Hause gekommen: Streit zwischen unseren Eltern, Armut, Gewalt… und hier leeren wir diesen Rucksack nach und nach aus, indem wir mit unseren Erziehern reden; die verurteilen uns nicht, sie halten uns einfach.

Und das konnten wir wirklich sehen. Die Mitarbeiter sprechen die Sprache der Jugendlichen, benutzen ihre Worte, versuchen, ihre Codices anzuwenden, damit sie am Anfang verstehen, was sie ihnen vermitteln wollen, um dann einen Veränderungsprozess zu beginnen.

Ich begriff, dass darum die meisten von ihnen selbst jung sind, was mich am Anfang beim Auftauchen von Francisca so verwundert hatte, jung und offen für diese auch junge, aber von Elend und Marginalität blockierte Welt.

Es ist schwer, unser Erlebnis in Worten wiederzugeben, all das, was wir in diesen drei Tagen erlebt, gehört und erfahren haben. Aber wenn wir es irgendwie zusammenfassen sollen, dann müssen wir die hohe Professionalität der Mitarbeiter betonen, die zusammen kommt mit Begeisterung, Freude und Liebe in allem, was sie tun. Es ist total ansteckend.

Es ist eine Familie

Paternitas ist in Chile als eine seriöse und ernstzunehmende Einrichtung anerkannt mit Ergebnissen, die eine hohe soziale Auswirkung in der Gesellschaft haben. Was mich überrascht hat, ist die Sparsamkeit, mit der sie die Einrichtung betreiben. Die Einfachheit der Einrichtung und der Mitarbeiter, und das, obwohl die große Mehrheit von ihnen aus Familien mit großartigen Entwicklungsmöglichkeiten in einem weniger komplizierten sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Umfeld kommen. Sie investieren alles in das, was für sie alle mehr als eine Aufgabe ist, was sie als Berufung sehen, und wodurch sie nicht nur eine Änderung von Gewohnheiten, sondern eine Veränderung der Kultur erreichen wollen.

Wir wurden unbeschreiblich herzlich aufgenommen, umsorgt und verabschiedet, so als ob wir uns schon ewig kennen würden. Das haben wir übereinstimmend so erlebt. In diesem Moment haben wir verstanden, was sie uns bei einer Gelegenheit gesagt haben: Wer nach Paternitas kommt, kommt für immer. Sie gehen für eine Weile, aber sie können ein Leben lang wiederkommen, es ist eine Familie.

Ich bete, dass die Gottesmutter uns segnet, dass wir in unserem neu eröffneten Haus Madre de Tuparenda auch nur 1% von dem, was wir gesehen und erlebt haben, verwirklichen können.

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Paternitas

Original: Spanisch. Übersetzung: Maria Fischer, schoenstatt.org

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