Veröffentlicht am 22. Oktober 2015 In Projekte

„Ehrfürchtiges Zuhören, mutiges Reden, Fügsamkeit gegenüber dem Heiligen Geist“

DEUTSCHLAND, von Melanie und Ulrich Grauert, Maria Fischer •

Ehrfürchtiges Zuhören, mutiges Reden, Fügsamkeit gegenüber dem Heiligen Geist: mit diesen drei Haltungen hat Papst Franziskus die außerordentliche wie die ordentliche Bischofskonferenz zum Thema Familie ermutigt zu einem absolut offenen, ehrlichen Dialog auch über kritische Themen, auch mit diametral entgegengesetzten Meinungen. Einheit garantiert, so Franziskus, die Präsenz des Papstes – nicht der Vorabkompromiss um des lieben Friedens willen, damit sich nur ja alle vertragen… Genau das nicht.

Mitten in der Zeit der Bischofssynode fand das Treffen der IKAF (Internationale Kentenich-Akademie für Führungskräfte) statt. Und erlebte diese Art von Dialog und entdeckte die Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien dahinter in einer Fülle geglückter Erfahrungen und im Hinschauen auf das, was in der Runde der Teilnehmer während einer Zeit des „fließenden Dialogs“ fast ohne Moderation geschah.

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Sonst würden wir ja Massenmenschen erziehen

Eine Chilenin verfasste einen Artikel auf schoenstatt.org zum Erdbeben in Chile. Beim Schreiben wackelte es noch. Im Artikel beschrieb sie, was in der Minute des Erdbebens gerade geschah, und dabei war auch eine Beobachtung zur Politik – eine persönliche, politische Meinung. Es war also nicht nur neutral berichtet worden, sondern die persönliche Meinung der Autorin wurde niedergeschrieben. Das führte zu großem Unmut bei einem Landsmann der Autorin (offensichtlich anderer politischer Meinung). Das ginge doch nicht, dass in einem Schönstattmedium eine persönliche Meinung veröffentlicht würde, die nicht alle Schönstätter teilten… Ein Hinweis auf einen Artikel von Pater Alexandre Awi und ein Prinzip Pater Kentenichs führte zur Klärung – und einem neuen Denken: es muss nicht nur möglich sein, es soll sogar geschehen, dass persönliche Meinungen, die nicht im „Mainstream“ liegen, geäußert werden, auch öffentlich. Diese müssen, so hat Pater Kentenich schon 1917 erklärt, nicht in sich „harmonisiert“ oder gleichgeschaltet werden, sondern sollen durch komplementäre Meinungen in anderen Artikeln ins Gleichgewicht geholt werden. Dadurch erst entsteht die ganze Fülle und Vielfalt und die Herausforderung zu persönlicher Stellungnahme. „Ansonsten würden wir ja Massenmenschen erziehen“, äußerte erstaunt der anfängliche Kritiker.

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Klima

Ein Büroheiligtum in einem Büro, das „unscheinbar“ neben dem Bildschirm steht, verändert Klima. Während der Transformationsprozess in der Firma zu großer Unruhe führt und der wankelmütige Geschäftsführer selber noch dazu beiträgt, wird die Beobachtung gemacht, dass verantwortliche Personen aus der Firma sich immer wieder „zufällig“ in der Nähe des Büroheiligtums treffen, ihren Frust ablassen, aber auch wieder auftanken. Offenheit in Gesprächen entsteht. Neuer Mut wird gefasst, um die eigenen Positionen zu vertreten. Aufgetankt und gestärkt geht man wieder weiter. Ein Club von Leuten, die zusammenhalten bildet sich. Die Gottesmutter wirkt wahrnehmbar neues Klima von diesem Büro aus. Das ist spürbar!

Nimmt das überhaupt jemand ernst?

In einer Maschinenbaufirma wurde ein Prozess eingeführt, um Abläufe zu verbessern.

Störungen werden von den Maschinenführern jeweils auf Mängellisten festgehalten. Diese Störungslisten sollen eigentlich von den verantwortlichen Meistern analysiert werden und die Störungen sollen dann abgeschafft werden. Aber niemand scheint das ernst zu nehmen und die Verantwortlichen haben durch ihr Tagesgeschäft zu viel um die Ohren. Keiner weiß, wie damit umgehen und es herrscht sogar Angst, die vielen Probleme konkret anzugehen. Da beginnt der Qualitätsbeauftragte, die Meister einzeln in sein Büro einzuladen. Er geht mit ihnen gemeinsam die Listen durch, es werden Abstellmaßnahmen erarbeitet und gemeinsam findet man gute Lösungen. Alle sind zufrieden. Die Abläufe verbessern sich.

Die Meister bitten darum, dass der Qualitätsbeauftragte wieder eine Einladung macht. Das ist jedes Mal motivierend. Durch gemeinsames Hinsetzen und Analysieren entstehen tragfähige Lösungen.

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Zuhören beim Audit

Ein Auditor erzählt von seinem letzten Audit. Von 4 Stunden Arbeitszeit werden 3,5 Stunden auf das persönliche Gespräch mit dem Geschäftsführer verwendet.

Dabei ging es nicht um den Audit, sondern ums Zuhören, das allgemeine Befinden, persönliche Themen, allgemeine Fragen des Geschäftsführers. Nur eine halbe Stunde benötigt der Auditor für den Audit selber. Aber genau das hat es gebracht. Persönliche Ansprache und ernstnehmen von meinem Gegenüber waren Schlüssel zum Erfolg.

Erst Mitarbeit

Ein Ehepaar berichtet von ihrem Kreativfrühstück früh morgens „inklusive Schönstattberatung“. Regelmäßig richten sie es sich so ein, dass man Zeit für ein gemeinsames Kreativfrühstück hat. Was steht an? Was kommt heute auf uns zu? Wie würde Pater Kentenich es machen? So entsteht die erste Alumni-Veranstaltung von Wiens größter Universität. In Anlehnung an die Organisationsstruktur Schönstatts wird danach gesucht, wie man laut Pater Kentenich anfängt, zu Schönstatt zu gehören: das ist die Mitarbeiterweihe. Also zuerst Mitarbeit, dann alles andere. Zuerst sollen zukünftige Alumni-Mitglieder also selber mitarbeiten, erst dann Mitglieder werden. Daraus ist mittlerweile ein riesengroßer Alumnikreis entstanden.

Feedback

Eine Geschäftsführerin blickt zurück auf 10 Jahre Tätigkeit. Vor allem die

Mitarbeitergespräche waren ihr wichtig. Sie hat gemerkt, wie sich jedes Jahr die

Gesprächsart im Miteinander gelockert hat. Nicht nur geschäftliche Themen, sondern auch Privates hatte seinen Platz und auch das „Mitgehen“, wenn die Mitarbeiter in ihren Sozialeinsätzen in krisengeschüttelte Familien hinein mussten. Was macht das mit Ihnen? Wie können wir eine Situation gemeinsam auffangen?

Als eine neue Mitarbeiterin durch eine Kollegin ins Unternehmen eingeführt wurde, erklärt diese der Neuen: „Ja und dann hast Du jedes Jahr ein Mitarbeitergespräch mit unserer Chefin und das ist ganz arg wichtig. Da kriegst Du ein ehrliches Feedback, damit Du Sicherheit bekommst und das ist richtig gut!“

Und was macht einen guten Dialog aus?

Und was macht einen guten, personalen Dialog aus? So fragt eine der Teilnehmerinnen, nachdem es immer wieder um diesen persönlichen Dialog gegangen ist. Was sind die Prinzipien, die zu einem guten Dialog führen? Gemeinsam wird aufgezählt: direkter Blickkontakt und physische Nähe, die Tatsache des Dialogs bringt neue Ideen, das Wirken der Heiligen Dreifaltigkeit wird spürbar in persönlichem Dialog, es braucht integrative Persönlichkeit für einen guten Dialog, es kommt darauf an, das zu sagen was man wirklich meint (nicht das was man meint, was der andere hören will), ich sage was ich meine, im Dialog entsteht etwas Kreatives, Dialog ist keine Diskussion.

Und so ging es weiter mit noch vielen anderen Beispielen. Eine ganz dichte Atmosphäre!

Überlassen

Pfr. Leonhard Erhard hielt am Samstagnachmittag einen Vortrag zum Thema „Überlassen und online bleiben“. Wie gehen wir mit unseren Kräften um, damit wir nicht erschöpft und unbrauchbar werden? Sind alle meine Arbeiten und Tätigkeiten wirklich meine Aufgaben? Was darf oder muss ich delegieren? Das was wir überlassen (nicht loslassen), ist in guten Händen und dort gut aufgehoben. Bei einem Mitarbeiter oder auch bei Gott.

Wer den Vortrag nochmals hören möchte, ist zum nächsten Jour Fixe eingeladen. Dieser findet am 14. November um 14:30h in Memhölz statt. Pfr. Erhard wird ein Referat halten zum Thema: „Delegieren und online bleiben“. Herzliche Einladung!

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Zur Verfügung stellen

Zuvor folgen aber drei Mitglieder der IKAF einer herzlichen Einladung nach Monterrey, Mexiko, wo sie Gäste des III. Ibero-Amerikanischen Kongresses schönstättischer Unternehmer und Führungskräfte sind. Auch hier: Dialog, der wachsen lässt!

Und was genau will IKAF? Im letzten Brief, geschrieben am 18. Oktober 2015, heißt es lapidar wie bei Josef Kentenich am 27. 10. 1912:

„Wir möchten uns unseren Mitarbeitern und den Menschen, denen wir im Wirtschaftsleben begegnen, vollständig zur Verfügung stellen mit allem, was wir sind und haben: unser Wissen und Nichtwissen, unser Können und Nichtkönnen, vor allem aber unsere Herzen.“

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