Veröffentlicht am 2015-05-17 In Projekte

Damals verkaufte er Kaugummi, jetzt verkauft er Anlagen

Zum 30. Jahrestag von Dequeni veröffentlicht in der Zeitung Ejempla in Paraguay •

Als er ein kleiner Junge war, verkaufte er Kaugummi auf der Straße, heute verkauft er Anlagen in einer Bank. Derlis Cáceres ist davon überzeugt, dass Erfolg im Leben abhängt von Menschen guten Willens, denen man begegnet.

Da war er damals, trank Tereré (Mate mit Eiswasser aufgegossen) mit seinen Straßenkameraden. Er wollte den Durst, der in seiner Kehle brannte, mit einem Schluck dieses erfrischenden Getränkes stillen, aber er konnte es nicht, weil der Durst nicht vom fehlenden Wasser kam, sondern vom fehlenden Erleben seiner Würde als Mensch.

Dieser Erwachsene im Körper eines Kindes träumte davon, dass die Dinge sich eines Tages bessern würden, dass er nicht länger einer der Ausgeschlossenen sein würde. „Niemand kümmert sich darum, dass wir hier sind, niemand sieht uns, niemand fühlt mit uns“, dachte er, während er ein wenig Wasser in seine geliehene Guampa (Trinkgefäß) goß, auf dem Marcelina Insfrán-Platz vor der Kirche San Lorenzo. An dem Tag traf er „El Pelado“ [der Kahle].

– „Was verkaufst du?“, fragte der Letztere.

– „Kaugummi und Süßigkeiten“, antwortete Derlis schnell.

In Wirklichkeit hatte der Fremde nicht die Absicht, seine Produkte zu kaufen; vielmehr wollte er etwas vorschlagen. Er stellte sich vor als Juan Oviedo von Dequeni, und er wurde begleitet von Raul, „der hatte Haare“, fügte Derlis lachend hinzu. Sie fragten ihn, ob er gern woanders arbeiten würde, sodass er nicht mehr auf der Straße leben müsste, was sehr gefährlich sei.

Es gab einige skeptische unter den zehn Jungen; sie gingen sofort weg und machten mit ihrem Handel weiter. Sechs von ihnen blieben, einfach aus Neugier, oder vielleicht, weil sie spürten, dass das die Gelegenheit war, auf die sie gewartet hatten. „Es erregte meine Aufmerksamkeit, weil das die Hoffnung war, die ich hatte; ich fühlte mich glücklich in dem Wissen – ja, das geht! Meine Kameraden und ich hörten weiter zu“, berichtete er.

Juan und Raul luden sie in das Haus an der Ruta Mariscal Estigarriba Km 9 in Fernando de la Mora ein. Sie sagten ihnen, sie sollten ihre Papiere mitbringen und sich für den Kurs anmelden. Der Vorschlag war, als Regalauffüller in den Supermärkten zu arbeiten, die gerade zu der Zeit gegründet wurden. „Sie verabschiedeten sich und gingen; ich stelle mir vor, sie gingen, um sich für andere Jungen einzusetzen“, erinnert sich Derlis. Er vergisst kein einziges Detail dieses Tages, der seine Geschichte verändert hat.

Wie kam er auf die Straße?

Ein paar Jungen steigen in den Bus. Kaugummi, Süßigkeiten … sagt einer, begleitet von einem, der aussieht, als wäre es sein kleiner Bruder. Er sieht niedergeschlagen und verschämt aus. Als sie fertig sind, warten sie im hinteren Teil des Busses darauf, dass der Fahrer anhält, damit sie aussteigen können. Die Leute in dem Bus scheinen daran gewöhnt zu sein. Diese Kinder fühlen, sie gehören nicht mehr zur Gesellschaft.

„Ich bin in Pilar geboren, im Bezirk Ñeembucú. Mein Vater kommt von Ybycuí, im Bezirk Paraguari. Da er ein Vertreter war, hatte er viele Kunden aus Pilar. Auf einer seiner Reisen traf er meine Mutter, sie verliebten sich, und ich wurde geboren“, erzählt er. Als er zwei Jahre alt war, zog seine Familie um in die Stadt Capiatá auf der Suche nach besseren Arbeitsmöglichkeiten. Es war eine gute Entscheidung, und sie lebten sieben Jahre lang in guten Verhältnissen.

Sein Vater begann an einer Tankstelle zu arbeiten und stieg auf, bis er Agent der Firma wurde und zehn Standorte zu verwalten hatte. Aber dieser großartige Verkäufer hatte eine verheerende Schwäche: er war spielsüchtig. Er verwettete alles, was er hatte, und stand dann mit leeren Händen da. „Er verlor alles, was er für Wetten eingesetzt hatte, und wir hatten nichts mehr, aber wirklich nichts mehr, nicht mal mehr etwas zu essen“, erzählt Derlis.

Geben ist Empfangen

Derlis ist heute selbst Pate für ein Kind von Dequení, weil er davon überzeugt ist, dass sein Beitrag ein Leben verändern kann, so wie Dequeni damals sein Leben verändert hat. Er erzählt weiter:

Zu der Zeit hatte das Paar schon vier Kinder: Derlis war 10, Jorge 8, Luis German 6 Jahre alt und Magnolia gerade geboren. Seine Eltern trennten sich, und die Kinder blieben bei der Mutter. Sie blieben in dem Haus wohnen, da es zum Glück auf den Namen der Mutter eingetragen war. „Meine Mutter arbeitete im Km 15 vor dem Einkaufszentrum. Sie hatte dort einen Obststand, und mit dem, was sie dort verdiente, hatte sie angefangen, das Haus abzuzahlen. Sie war an dem Punkt, es ganz zu bezahlen, als das passierte.“

Derlis ist seinem Vater dankbar, weil er ihn immer in die Schule geschickt hatte; vielen Kindern, die er später traf, ging es noch viel schlechter als ihm, weil sie nie zur Schule hatten gehen können. Freunde, die gelegentlich bei ihnen zu Hause vorbeikamen, beobachteten, dass die Dinge nicht gut gingen. Einer von ihnen namens Fredy Vargas sagte, Derlis und Jorge sollten auf die Straße gehen und Süßigkeiten in San Lorenzo verkaufen. „Ich habe mich so geschämt zu verkaufen, am Anfang versagte mir die Stimme; aber mein kleiner Bruder und ich haben uns gegenseitig Mut gemacht, ihm ging es ja genauso. Heute bin ich Gott so dankbar, denn bis heute arbeite ich im Verkauf, und das ist meine Leidenschaft. Alles, was ich heute weiß, habe ich auf der Straße gelernt“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Die Veränderung des Lebens

Derlis war einer von 70 Jugendlichen, die an der von Dequeni organisierten zweimonatigen Ausbildung für die Arbeit im Supermarkt teilnahmen. Am Ende mussten sie eine praktische und theoretische Prüfung bestehen, denn es gab nur 45 Stellen.

„Anfangs wollten sie nur 30 von uns nehmen. Sie erklärten, dass es ein ganz neues Geschäft war und sie erst sehen müssten, wie es ihnen damit gehen würde“, erklärte er. Bei der ersten Auswahl war er der Einzige, der übrigblieb; seinem Bruder sagten sie, er sei noch zu jung, aber sie wären dabei, ein weiteres Geschäft zu eröffnen und sie würden ihn anrufen, um dort zu arbeiten.

„Ich erinnere mich sehr gut, dass ich auf der Straße zwischen 15.000 und 20.000 Guaraníes am Tag verdient hatte. An meinem ersten Tag im Supermarkt verdiente ich 80.000 Guaraníes (etwa 13,50 Euro), das war eine Menge Geld für mich; ich habe mir nie vorgestellt, dass ich diesen Betrag an einem einzigen Tag verdienen würde. Dann hielt ich einen Durchschnitt von 50.000 Guaraníes pro Tag, und nichts fehlte mehr zu Hause“, versichert er.

Inzwischen verkaufte sein Bruder weiter Kaugummi auf der Straße. Allerdings nicht mehr aus Not, sondern aus Gewohnheit. Dank der Hilfe des älteren Bruders richtete die Mutter ein kleines Geschäft zu Hause ein, das half, die Kosten zu decken. Der Grund war, dass der kleine Bruder süchtig nach Video-Spielen war, und wenn er zum Arbeiten draußen war, hatte er mehr Freiheit. „Ich gestehe ein, dass ich auch dieses Laster habe. Jeder, der auf der Straße ist, verfällt früher oder später dieser Sucht oder noch schlimmerer, es ist diese verzweifelte Hoffnung. Wenn man weiß, wie man das unter Kontrolle halten kann, ist es positiv, mir brachte es eine Menge Logik bei, und noch heute spiele ich manchmal. Das Schlimme daran ist, dass die Süchtigen all ihr Geld für Videospiele ausgeben, für Spielautomaten, für Wetten“, erklärt Derlis.

Ein Jahr später erfüllte Dequeni das Versprechen, und Jorge begann in dem anderen Supermarkt zu arbeiten. Am Ende verdiente er sogar mehr als sein Bruder. Er hielt einen Durchschnitt von 80.000 Guarani pro Tag. Weil mir das peinlich war, sagte ich ihm, der einzige Grund dafür sei, dass der neue Markt erst kürzlich geöffnet habe. Es war damals, dass ich eine Philosophie anwandte, die ich heute noch beibehalte, ich sagte mir: Hier verdiene ich nicht, was ich verdienen sollte, ich werde dort Arbeit suchen, erzählt er.

„Menschen guten Willens sind jene, die helfen, Aktionen durchzuführen, die Kindern helfen auf würdige Weise glücklich zu sein.“

– Derlis Cáceres

So ging er zum Büro, um mit Horacio Rey zu sprechen, der zu der Zeit dort Manager war. Er sagte ihm, dass er bei ihnen arbeiten möchte, weil er dort mehr Geld verdienen könnte. Herr Rey nahm das nicht sehr ernst, er sagte ihm, dass er jemand anders die Gelegenheit geben müsse. Schließlich, nach langem Drängen, sagte er, er solle seinen Lebenslauf bringen. „Es war offensichtlich, dass er mir nicht wirklich zuhörte.“ Am nächsten Tag nahm ich meine Mutter mit. Ich sagte ihr, alles sei schon arrangiert. Herr Rey sagte, ich hätte Schneid und er sprach eine Weile mit meiner Mutter, dann kam er heraus und sagte mir, ich könnte am folgenden Tag nachmittags um zwei Uhr anfangen. Ich blieb dort, bis ich 18 Jahre alt war.

Während der ganzen Zeit ging er weiter in Capiata zur Schule – die Bedingung von Dequeni. Er vergisst die drei guten Freunde nie, die ihm halfen, alle Hausarbeiten zu erledigen: Katya Guerrero, Andrea López und Ricardo Ocampos. „Ich hatte in jeder Pause Unterricht. Während der Siesta ging ich zum Essen mit Ricardo, der mich unterrichtete, was in Mathematik durchgenommen worden war; wenn ich Hausarbeiten für Englisch hatte, aß ich bei Katya zu Hause, während der Prüfungen fragte ich auf der Arbeit um Erlaubnis und wir trafen uns zum Lernen.“

Ihm fehlte seine Jugend

Derlis hatte Vorteile gegenüber seinen Mitschülern, er war unabhängig, verfügte über seine Zeit und er konnte kaufen, was immer er wünschte, denn er verdiente sein eigenes Geld. Die Unterhaltungen der anderen Studenten schienen ihm sehr primitiv und weltfremd, er spürte, dass das nicht sein Platz war. Aber in Wirklichkeit war es Neid, er beneidete sie um die freie Zeit, die sie hatten. „Ich wartete so sehnlich darauf, dass es Freitag wurde, denn das war mein freier Tag im Supermarkt, und da blieb ich bis nachmittags in der Schule, um dort Volleyball zu spielen.“

Als er im letzten Schuljahr war, kam sein Vater zurück, und sie beschlossen, Geld zusammenzulegen, um eine Metzgerei aufzumachen, unter der Bedingung, dass diese von der Mutter und den Geschwistern verwaltet würde. Mit diesem Geschäft konnten sie alle Kosten des Haushaltes decken ohne die Notwendigkeit, zusätzlich außerhalb zu arbeiten. Derlis und Jorge genossen dieses Jahr in vollen Zügen.

„Aus der Zeit erinnere ich mich an ein anderes meiner Vorbilder, Mujica, der immer Senecas Redewendung erwähnte; er sagte, nicht der sei arm ist, der wenig hat; sondern vielmehr der, der viel braucht. Ich brauchte nicht Geld, ich brauchte es, glücklich zu sein.“

Der dritte Bruder folgte dem Beispiel der Älteren und auch er arbeitete im Supermarkt. Aber sie überzeugten ihn davon, seine Aufmerksamkeit nicht nur auf die Arbeit zu konzentrieren; vielmehr gleichzeitig auf der Technikschule zu lernen. Auf diese Weise erhielt er ein Techniker-Diplom für Industriemechanik.

Im Jahr 2003 wurde er fertig, und Derlis stellte fest, dass das Geschäft zu Hause nicht mehr für alle reichte. Er versuchte, Horacio Rey noch einmal zu kontaktieren, aber der war schon Generalmanager der Kette, es war unmöglich, mit ihm zu sprechen. Da beschloss er, zu dem Supermarkt zu gehen, wo er gearbeitet hatte, als ihn Dequeni von der Straße holte. Dort traf er Freddy Cabrera, der zu der Zeit Verkaufsleiter war. „Es war sehr schön, ihn wiederzutreffen, ich fragte ihn, wo ich Arbeit finden könnte, und er nannte mir die Ansprechpartner der Personalabteilung, denen ich meinen Lebenslauf schicken konnte. Zwei Monate später riefen sie mich an und stellten mich ein“, erzählte er.

Jahre später erhielt er einen Job in einem Inkassobüro, wo er für fast zehn Jahre blieb und in verschiedenen Abteilungen arbeitete. Dann arbeitete er eine Zeitlang bei einem internationalen Konzern, der in Paraguay Glücksspiele vertrieb. Bis er sich um eine freie Stelle im Bereich des Verkaufs bei der Bank „Visión Banco“ bewarb, wo er bis heute arbeitet.

Geben Sie Kindern keine Münzen

Aus seiner persönlichen Erfahrung bekräftigt er, dass man Kindern keine Münzen geben sollte, denn das macht sie bequem, und was sie verkaufen ist kein Dienst, sondern Mitleid. „Ich habe mich immer geschämt, in die Busse zu gehen, die Menschen zu stören, damit sie etwas von mir kauften; ich hatte immer das Gefühl, so dürfe man sie nicht unter Druck setzen. Der erste Tag, an dem ich versuchte, Windschutzscheiben zu reinigen, war noch schlimmer, denn was man da verkauft, ist erst recht kein Dienst, sondern reines Mitleid. Mitleid ist keine Investition, weil es das Leben der Kinder nicht verändert.“

Er rät denjenigen, die daran interessiert sind zu helfen, ihre Investitionen zu sichern, und dass sie an vertrauenswürdige Hilfswerke spenden. „Seien Sie sicher, dass das Geld für etwas Positives benutzt wird, geben Sie es nicht jemandem, damit er Bier trinkt davon. Ich bin überzeugt und ich habe Vertrauen, dass, wenn Sie Ihre Beiträge an vertrauenswürdige Einrichtungen geben wie Dequení, dass Sie eine Investition für das Leben machen. Und wenn Sie jemanden von der Straße holen wollen, geben Sie ihm die Gelegenheit, zur Schule zu gehen, denn Bildung ist die Grundlage für ein Kind, um auf würdige Weise sein Glück zu finden“, betont er.

Auch wenn Dequeni heute noch an zwei Zentren mit Straßenkindern und Kindern, die vom Straßenverkauf leben, arbeitet, hat sich auch dank jahrelanger Arbeit der Schwerpunkt verschoben. Heute konzentriert sich Dequení mehr auf Prävention von Kinderarbeit und arbeitet schon von früher Kindheit an mit den Familien, so dass die Kinder gar nicht erst auf der Straße landen. Nach Auskunft der Direktorin, Andreza Ortigoza (zurzeit als Delegierte Paraguays beim „Pfingstkongress“), profitieren heute mehr als 7.000 Kinder und Jugendliche von den verschiedenen Programmen von Dequeni. Während der 30 Jahre des Bestehens sind annähernd 25.000 junge Menschen durch diese Stiftung gegangen.

Original: Spanisch – Übersetzung: Ursula Sundarp, Dinslaken, Deutschland

 

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