Veröffentlicht am 2016-05-16 In Misiones

“Nichts, aber gleichzeitig alles”

PARAGUAY, Misiones Universitarias Catolicas (MUC) 2016, von Melanie Wenger •

In der diesjährigen Karwoche kam ich zum letzten Malwieder in ein Dorf weit entfernt von zu Hause, das Buena Vista heißt.

Buena Vista hat keinen Luxus, ist auch nicht voll mit Autos oder mit eiligen Menschen. Es gibt nicht an jeder Ecke Geschäfte und man hört keine Lautsprecher derer, die – nervös – zur Arbeit gehen. Hier gibt es nicht die Annehmlichkeiten der Stadt, und man sieht nicht die großen Gruppen von Menschen, die sich mobilisieren.

Man kann sagen, dass es ein Dorf ist, das nichts hat. Und mir gefällt die Idee, dass ich zusammen mit ein paar Freunden, sobald ich tatsächlich dort war, entdecken konnte, dass Buena Vista wirklich nichts, aber gleichzeitig … alles hat.

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Basilia

Ich lernte Basilia an meinem letzten Tag der Mission kennen. Basilia hat kein Leben voller Luxus. Ihr Haus ist nicht aus gutem Material und hat keine Lüftung, wenn es heiß ist. In Basilias Haus sieht man an allen Ecken und Enden nur Not und Ungerechtigkeit in allen Bereichen des Lebens.

Man kann sagen, dass Basilia nichts hat. Und mir gefällt die Idee, dass ich zusammen mit ein paar Freunden, sobald ich tatsächlich dort war, entdecken konnte, dass Basilia wirklich nichts, aber gleichzeitig … alles hat.

Maria de la Cruz

Maria de la Cruz lernte ich vor einigen Jahren an meinem ersten Tag der Misiones in diesem Dorf kennen, und ich hatte das Glück, sie jedes Mal zu treffen, wenn ich hierherkam. Maria de la Cruz wird demnächst 100 Jahre. Seit ein paar Jahren kann sie nicht mehr gehen und sich nicht mehr selbst ernähren. Das Sprechen fällt ihr sehr schwer und ihr fortgeschrittenes Alter beschert ihr laufend gesundheitliche Probleme, deren Kosten sie aufgrund ihrer Armut nicht schultern kann.

Man kann sagen, dass Maria de la Cruz nichts hat. Und mir gefällt die Idee, dass ich zusammen mit ein paar Freunden, sobald ich tatsächlich dort war, entdecken konnte, dass María de la Cruz wirklich nichts, aber gleichzeitig … alles hat.

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Begegnung mit Gott

In der diesjährigen Karwoche entschied ich mich, zurückzukehren und noch einmal bei den  Misiones Universitarias Católicas mitzumachen. Ich habe kein bestimmtes Warum noch kann ich mich genau an den Moment erinnern, an dem ich mich erstmals – aber Gott sei Dank von ganzem Herzen – entschieden hatte, mit zu gehen. Denn wenn du einmal dabei bist, kannst du diesen Gott voller Überraschungen erleben. Er zeigt dir den besonderen Grund, warum all die Menschen, die ich vorher genannt habe, auf den ersten Blick vielleicht nichts haben, aber gleichzeitig … alles haben.

Und was ist das? Schlicht die Liebe Gottes, die sie in ihrem Herzen tragen.

Gott ist – per Definition – ewige und unbegreifliche Liebe. Und weil Er das Maß aller Dinge ist, ist er der Grund, warum all diese Menschen, die ich kennengelernt habe, die Nöte ihres täglichen Lebens ertragen. Denn unabhängig von den Mängeln und Schwierigkeiten sind sie überzeugt, dass sie ihren größten und wichtigsten Besitz in sich, in ihrem Herzen tragen: die ewige und unbegreifliche Liebe Gottes.

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Die Melodie Gottes

Wir sprachen über den Klang, den die Bäume, die es im Dorf gibt, aufgrund des starken Windes machen. Es kam mir seltsam vor, weil ich es nie gehört hatte, aber am nächsten Morgen, als ich mich setzte, um ein bisschen auszuruhen, hörte ich es.

Es war ein sanftes, einfaches, zartes Geräusch, und auch wenn es aufzuhören scheint, sobald wir anfangen zu reden und die Dinge rundherum uns ablenken, hört man es wieder, wenn die Stille wiederkehrt, und dann merken wir, dass es niemals weg gewesen ist.  Und für mich ist das die Melodie Gottes.

Gott ist sanft, er ist im Einfachen, er ist ein zärtlicher Vater. Und obwohl manchmal der Lärm der Welt und die Probleme den Eindruck erwecken, er sei nicht da – wenn du alles anhältst und still wirst, erkennst du die Wirklichkeit: Er war nie weg.

Und in Buena Vista ist es dieselbe Melodie, die Basilia und Maria de la Cruz täglich hören, und auch viele andere Paraguayer. Es ist der Rhythmus, der ihre Schritte lenkt und die Harmonie, die sie glücklich macht.

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Gott ist im Einfachen

Ich brauchte drei Jahre um es zu hören. Und ich glaube, das war zum Teil wegen meiner verrückten Vorstellung, zu glauben, dass Gott es sehr kompliziert macht in dem Augenblick, in dem er sich in unserem Leben zeigen will. Aber es sind Erfahrungen wie diese, die mich mehr und mehr zu der Überzeugung bringen, dass Gott im Einfachen ist, im fast Unsichtbaren, in dem, was viele als unbedeutend verwerfen.

Basilia sagte nicht “Hallo”, als wir in ihr Haus kamen. Sie sagte: „Wie ihr seht, bin ich ein Mensch von bescheidenem Besitz, aber auch von bescheidenem Herzen.“

Und heute hoffe, bete und wünsche ich, dass der Klang ihrer Stimme, als sie das sagte, noch viele Jahre bei mir bleibt. Denn ich bin überzeugt, dass hier das Geheimnis des Glücks liegt, der Grund dafür, dass man, obwohl man sagen kann, dass sie wirklich nichts haben, entdeckt, sobald man tatsächlich dort ist, dass sie wirklich nichts, aber gleichzeitig … alles haben, dass sie Gott haben.

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Ich bin eine Mission auf dieser Erde

Ich schließe mit meinem Lieblingsabschnitt aus Evangelii Gaudium von Papst Franziskus. Denn vor dieser Mission, als mich die Welt mit ihren Problemen und Konflikten betäubt hatte, fand ich nichts um mich besser zu fühlen.

Und heute gefällt mir die Idee, zusammen mit ein paar Freunden entdecken zu können, dass, wenn die Welt mir meinen Frieden nehmen will, ich alles liegen lassen kann und mich erinnern kann, dass – obwohl es in mir Unsicherheiten und Ängste gibt – ich in meinem Herzen den Mut habe zu wissen: «Ich bin eine Mission auf dieser Erde, und ihretwegen bin ich auf dieser Welt», eine Folge der ewigen und unvergleichlichen Liebe Gottes, gegenwärtig in der Melodie, die ich immer höre, wenn ich still werde und mich erinnere an den Klang einiger Bäume in Buena Vista als Folge des starken Windes.

«Die Mission im Herzen des Volkes ist nicht ein Teil meines Lebens oder ein Schmuck, den ich auch wegnehmen kann; sie ist kein Anhang oder ein zusätzlicher Belang des Lebens. Sie ist etwas, das ich nicht aus meinem Sein ausreißen kann, außer ich will mich zerstören. Ich bin eine Mission auf dieser Erde, und ihretwegen bin ich auf dieser Welt. Man muss erkennen, dass man selber „gebrandmarkt” ist für diese Mission, Licht zu bringen, zu segnen, zu beleben, aufzurichten, zu heilen, zu befreien. Da zeigt sich, wer aus ganzer Seele Krankenschwester, aus ganzer Seele Lehrer, aus ganzer Seele Politiker ist – diejenigen, die sich zutiefst dafür entschieden haben, bei den anderen und für die anderen da zu sein. Wenn hingegen einer die Pflicht auf der einen Seite und die Privatsphäre auf der anderen Seite voneinander trennt, dann wird alles grau, und er wird ständig Anerkennung suchen oder seine eigenen Bedürfnisse verteidigen. So wird er aufhören, „Volk“ zu sein.» Evangelii Gaudium, 273.

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