Veröffentlicht am 2020-10-16 In Schönstatt im Herausgehen

Eine neue Gesellschaft kann man unmöglich nur aus der Sakristei heraus bauen

Interview mit Sebastián Villarejo, Abgeordneter, Paraguay •

Ende September fand das „Politische Forum“ statt, das lateinamerikanische Forum für Schönstätter in politischen Funktionen. Wie ein Ehepaar, das  es mitmachte, sagte: „Ein gesegneter Anfang. Jetzt aber mehr.“  —

Die Herausforderung bestand darin, das, was begonnen worden war, weiter auszubauen, zu vertiefen und zu zukunftsfähig zu machen, und dazu eine einfache Grundstruktur zu schaffen, die aus einem Rat besteht, der sich aus den vier Teilnehmern des ersten Forums – Sebastián Villarejo (Paraguay), Miguel Treviño (Mexiko), Sergio Giacaman (Chile), Xavier Lazo (Ecuador) und Mayi Antillón (Costa Rica) – zusammensetzt. Berater ist P. José Luis Correa, der Initiator des Forums. Christa Rivas (Paraguay) übernahm die Koordination, und Cristy Santa Cruz aus Paraguay, die wir für ihr Engagement im Gefängnisbereich kennen, ist  geschäftsführende Sekretärin.

Wir sprachen mit einem der Podiumsteilnehmer des Forums und jetzigen Ratsmitglied, Sebastián Villarejo, Abgeordneten im Parlamente von Paraguay. Er ist 36 Jahre alt, Jurist, der an der Juristischen Fakultät der Nationalen Universität von Asunción promoviert hat. Er ist mit Silvia Aponte verheiratet, sie haben 3 Kinder, und er gehört der Schönstatt-Bewegung an. Er ist Teil des Programms für Führungskräfte der Organisation Desarrollo en Democracia. Er nahm 2006 am Diplom in Politischer Theorie und Öffentlichem Management der Konrad-Adenauer-Stiftung in Santiago de Chile teil, ist Gründungsmitglied und war lange im Vorstand der Organisation Juventud que se Mueve (JQM), und ist Sekretär und Vorstandsmitglied der Vereinigung ehemaliger Schüler des Colegio San José.

Sebastian Villarejo

Bei einem virtuellen Treffen zum sozialen Denken Pater Kentenichs in Brasilien tauchte in diesen Tagen die Frage auf: Vernachlässigen wir als Schönstätterdas Soziale und Politische? Sollten wir etwas im Bewusstsein, in der Mentalität und im Handeln verändern?

Jesus sagte: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen, und ich will, dass es brennt“, d.h. wir sollten Feuer sein und daher eine Kettenreaktion auslösen, von Herz zu Herz soziale Veränderungen mit der Kraft unserer Überzeugungen und der Beharrlichkeit unseres Handelns bewirken.

Auf jeden Fall mobilisiert uns die Pädagogik Schönstatts, uns zu engagieren. Eine neue Gesellschaft kann man unmöglich nur aus der Sakristei heraus bauen, auch nicht mit apostolischen Aktionen, die auf das Religiöse beschränkt sind, und darum sollten wir uns gegenseitig ermutigen, die Komfortzone eines jeden zu verlassen.

Unsere Völker, insbesondere in Lateinamerika, brauchen dringend Veränderungen, die vom öffentlichen Sektor und den politischen Behörden vorgenommen werden müssen. Wir leben in einer Welt, in der die Würde der Person in Gefahr ist und Gebete allein nicht ausreichen. Wir müssen handeln und eine gerechtere Welt mit einer Sichtweise aufbauen, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Bei der Frage, ob wir Unterlassungsschuld im Politischen und Sozialen haben, weiß ich nicht, ich will nicht urteilen. Ich erlaube mir zu sagen, dass wir oft, wenn wir als Bewegung wachsen, mehr und mehr Führung innerhalb unserer eigenen Aktivitäten fordern, und dies schränkt unser Handeln und unsere Möglichkeiten, „nach draußen“ zu gehen, ein. Die apostolische Aussendung sollte nicht nur als Gnade, sondern auch als Pflicht angesehen werden, und deshalb muss sie in unserer Pädagogik und Ausbildung in den verschiedenen Gliederungen reflektiert und gestärkt werden.

Sebastian Villarejos

Im Heiligtum in Lima, Peru, während eines Kongresses (hinter dem Bischof)

Wie bist du zur Politik gekommen?

Ich antworte aus zwei verschiedenen Momenten: der erste bezieht sich darauf, sich in der Politik zu engagieren und aktiv zu werden, ohne unbedingt ein Kandidat zu sein; seit meiner Jugend war ich immer in verschiedene Aktivitäten involviert, die mein Leben nach und nach geprägt haben. Ob in der Schule, in der Bewegung, in den Missionen oder in anderen verschiedenen Organisationen wurde in mir und in vielen anderen jungen Menschen ein Gefühl der Berufung gegenüber der Öffentlichkeit geboren. Die Zeit hat mich zu der Überzeugung gebracht, dass es in Paraguay keine wirklichen Veränderungen geben kann, die die Lebensqualität der Menschen verbessern, wenn wir die Politik nicht verändern.

Der zweite Moment ist, als ich die Entscheidung treffe, mich als Kandidat zu bewerben. Ich werde euch zwei Geschichten erzählen, die mich dazu gebracht haben. Die erste, eine Freundin, die mir im Gespräch über einen Kandidaten sagt: „Was für eine immense Gelegenheit, eine Botschaft zu übermitteln“, und wirklich, sich für eine klare Botschaft zu entscheiden, mit den Überzeugungen, die man bekannt machen und aufbauen will, begeistert weit über das Wahlergebnis hinaus; die zweite: bei einem Exerzitientag für Ehepaare fragt uns der Priester: „Welche Geschichte des Lebens willst du deinen Kindern erzählen?“, und der Blick auf meine damals zweijährigen Kinder brachte mich dazu, darüber nachzudenken, was ich ihnen sagen will, wenn sie kommen und mich fragen. Und mich nahm diese Geschichte gefangen, die wir heute als Team schreiben.

Vor einigen Jahren erzählte mir ein Stadtrat aus Argentinien, er gehört zur Familienbewegung, von seiner größten Sorge: Kann man Politiker sein, ohne schmutzig zu werden, ohne in Korruption und all die typischen Machenschaften  zu rutschen?

Ich glaube fest daran, dass JA. Es gibt Linien, die nicht überschritten werden können, und wenn sie verschwimmen, ist es wesentlich, die Prioritäten, deine Familie, ein starkes Team und den Glauben aufrecht erhalten zu können. Wenn du deine Prioritäten verlierst, verschwinden auch die Linien, die dich leiten, wie wir in der Bewegung sagen würden: Zuerst die Standespflichten erfüllen, das ist wesentlich.

Gibt es in der Schönstattfamilie von Paraguay viele, die sich in der Politik engagieren, die sich der Politik widmen? Wie machen sie das?

Ich glaube, dass es in Paraguay eine sehr starke pädagogische Strömung gab, die Führung aufzubauen und von dem Ort auszugehen, wo jeder Einzelne ist. Diese Pädagogik kam von einigen Gründerehepaaren und vor allem, in dem, was ich vor allem in der Mannesjugend erlebt habe, von Schönstatt-Patres wie P. José María García, die diese Überzeugung und Kraft weckten, für ein besseres Land, für andere zu arbeiten.

Wie ist die Idee des lateinamerikanischen politischen Forums entstanden? Was war die größte Überraschung für dich auf diesem Forum? Möchtet ihr mit einem konkreten Projekt weitermachen?

Es gibt ein Lied von Pater Manuel López Naón, in dem es heißt: „Denn unsere Fahne wird nicht auf einem Mast gehisst, sie ist in der Seele eingraviert und wird in jeder Messe wiedergeboren“, dieser Satz oder diese Überzeugung, dass wir eine Gemeinschaft sind, ich glaube, dass ist es, was uns immer wieder anregt, Bindungen und Verbindungen aufzubauen.

Das Forum ist eine Idee von Pater Correa, und das Geniale ist nicht die Idee an sich,  denn mehrere mögen ähnliche Ideen gehabt haben, doch die Herausforderung besteht darin, sie zu verwirklichen und den ersten Impuls zu geben.

Wir arbeiten daran, weiterzumachen, wenn auch mit kleinen Schritten, mit weiteren Foren und Momenten des Austausches. Uns als Gemeinschaft erfahren und den Einsatz spüren, den Menschen an vielen Orten leisten, auch Menschen, die dies nicht aus dem Glauben heraus tun, das ist immer eine Anregung, sich noch mehr zu engagieren und weiterzumachen.

Was ist Sebastiáns politischer Traum, und wer ist sein Vorbild?

Politischer Traum… mmm… Ich würde gerne Teil eines Teams sein, dem es gelingt, auf konkrete und präzise Weise große Veränderungen zu beeinflussen, die die Lebensqualität der Menschen in meinem Land verbessern und dass wir in gewisser Weise eine menschlichere Welt aufbauen. In Blick auf die Wahlen, das leugne ich nicht, möchte ich irgendwann einmal Präsident der Republik werden und damit die Ehre haben, diese Transformationen mit einem Team zu leiten.

Ich glaube, dass die Geschichte von Nelson Mandela wichtig ist in dieser Zeit, in der Fanatismus aufkommt, mit binären Blicken, Konfrontationen, Spaltung; der Mandela, der aus dem Gefängnis kommt, mit einer Vision, die auf Einheit, Vergebung, einer gemeinsamen Zukunft, Empathie und vielen anderen Werten basiert, ist ein wichtiges Modell, dem man heute folgen sollte.

Statue von Nelson Mandela in Bloemfontein.

Original: Spanisch, 10.10.2020. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

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