Veröffentlicht am 2016-02-28 In Schönstatt im Herausgehen

Menschen auf der Flucht – eine Herausforderung für unsere Zeit

DEUTSCHLAND, von Maria Fischer •

Das zeitliche Zusammentreffen ist stark: wenige Stunden zuvor ging die Nachricht durch die Medien, dass die Balkanroute praktisch dicht ist, die Grenzen geschlossen und die Flüchtlinge in Regen und Kälte im Freien stehen. Wenige Tage zuvor hat Papst Franziskus im „Lampedusa Amerikas“, am tödlichen Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA, gesagt: “ Wir können die humanitäre Krise nicht leugnen, die in den letzten Jahren die Migration von Tausenden von Menschen bedeutet hat, die im Zug, auf der Straße und sogar zu Fuß Hunderte Kilometer durch Gebirge, Wüsten und unwirtliche Wege zogen. Diese menschliche Tragödie, die die Zwangsmigration darstellt, ist heutzutage ein globales Phänomen. Diese Krise, die man in Zahlen messen kann, wollen wir anhand von Namen, Geschichten und Familien ermessen. Es sind Brüder und Schwestern, die aufbrechen, vertrieben durch Armut und Gewalt, durch Drogenhandel und organisierte Kriminalität. Vor den vielen Gesetzeslücken streckt sich ein Netz aus, das immer die Ärmsten einfängt und zugrunde richtet. Sie leiden nicht nur unter der Armut, sondern müssen außerdem all diese Formen der Gewalt erleiden.“ Und in Brüssel ist gerade der Sondergipfel zur Flüchtlingspolitik zu Ende gegangen.

Es sind nicht die großen Scharen gekommen, die eigentlich erwartet wurden, als Schönstatt am 19. und 20. Februar 2016 das Thema aufgreift, das die Welt bewegt, nicht mehr eine Zeitenstimme, sondern ein Zeitenschrei: Menschen auf der Flucht – eine Herausforderung für unsere Zeit. Eher, um mit Pater Kentenich zu sprechen, “ ein verschwindend Häuflein“ (22.5.1916, Brief an Josef Fischer). Doch die gut 30 Personen, die sich am Freitagabend einfinden, und die etwa 20 Unternehmer und Führungskräfte am Samstag zeichnet eines aus: ein brennendes Interesse und größtenteils persönliches Involviertsein in das Thema Flüchtlinge.

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Das ist, als würde einer mir im Freibad den Badeanzug runterreißen

So ist eine freiberufliche Hebamme gekommen, um Orientierung zu finden für den Umgang mit Frauen aus Eritrea, die sie im Wochenbett betreut. Wie ist das mit Begrüßungsformen, mit Berührungen, und wie geht Verständigung in einer so besonderen Situation?

Da geht es um Verschleierung, Burka, Kopftuch und Kopftuchverbot. Jemand würde am liebsten allen Frauen, die dieses Zeichen der Unterdrückung tragen müssen, Schleier und Kopftuch runterreißen. Wollen die Frauen so befreit werden? „Das ist, als würde einer mir im Freibad den Badeanzug runterreißen“, argumentiert jemand anders. „Da fühlte ich mich auch nicht gerade befreit.“ Jemand, dem Küssen und Umarmungen als lateinamerikanische Begrüßungsform auf die Nerven geht, merkt mitten im Reden, dass „die Flüchtlinge“, die einem nicht die Hand geben, sondern nur nicken, sich auch nicht durch den bloßen Grenzübertritt an westeuropäische Bräuche anpassen können oder wollen.

Ein junger Unternehmer spricht über seine Angst, dass diese Völkerwanderung alles zum Explodieren bringt. Er sucht hier Orientierung und Antworten, denn er will dieses Gemisch aus Angst und Ablehnung für sich nicht.

Wenn man als Deutscher schon in einem Jahr im westeuropäischen Ausland Heißhungerphantasien von Sauerkraut und Schweinshaxe bekommen hat, wie geht es da einem Afghanen, einem Syrer, einem Nigerianer in Deutschland? Und auf einmal dämmert Verstehen.

„Es gibt Leute, die immer nur herummeckern und lästern und natürlich bei den anderen die Schuld suchen und sowieso nichts ändern wollen, weil sie der Überzeugung sind, dass sich am Ende gar nichts ändern lässt und die Welt bald untergeht. Und es gibt Leute, die trotz der Ahnung von etwas Dunklem, Heillosem sich etwas anderes vorstellen können als das, was ist, und versuchen, eben das in Worte zu fassen oder zu handeln“, schreibt die Feuilletonistin der FAZ, Julia Encke, am 18. Februar. Der Versuch, die Herausforderung der Flüchtlinge in Worte zu fassen oder zu handeln – das ist das Anliegen von Dr. Stefan Keznickl an diesen beiden Tagen im Schönstattzentrum Memhölz, und das ist ihm geglückt. Auch wenn man am Ende beider Veranstaltungen gerne noch stundenlang weiter geredet und am liebsten gleich gehandelt hätte.

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Wenn Menschen Menschen begegnen

Dr. Stefan Keznickl ist Richter am Bundesverwaltungsgericht Wien, zeitweise auch Asylrichter für den Herkunftsstaat Afghanistan. Er gehört zum Schönstatt-Männerbund, ist in der Freizeit leidenschaftlicher Fotograf und ebenso leidenschaftlicher Kentenich-Studierer.

Seine Beobachtungen zum Thema „Flüchtlinge“ sind wie seine Fotografien: genau, motivsicher, professionell. So bringt er seine Beobachtungen als Asylrichter, als Nachrichtenleser, Passant, als Nachbar von Menschen, die Flüchtlinge bei sich aufgenommen haben. Er beleuchtet rechtliche Hintergründe und blickt in die Vergangenheit. Er stellt Fragen: Wer sind die Menschen, die da kommen? Ihre Kultur? Ihre Sozialisation und Ausbildung? Wie stellen wir uns auf die kommenden Veränderungen ein?

Dr. Stefan Keznickl schildert die ganze Bandbreite an Reaktionen – vom „Refugees welcome“ bis „Ausländer raus“. Er erzählt zuerst nicht von den Flüchtlingen, über deren Asylantrag er entscheiden musste, sondern von Begegnungen mit österreichischen Männern und Frauen, die vor über 60 Jahren als Kinder aus dem Sudetenland, aus Ungarn, aus dem heutigen Polen geflohen sind oder vertrieben wurden und die ihm erzählt haben von dem Hass und der Ablehnung, die ihnen entgegenschlug, von dem Schmerz, der noch heute wach ist, wenn sie sagen: Wenn in der Schule etwas gestohlen wurde, hieß es: „Das waren die Flüchtlinge“, und: Wenn man zum Bewerbungsgespräch kam, hörte man: „Nein, Flüchtlinge nehmen wir nicht, da haben wir nur schlechte Erfahrungen…“

Er braucht nicht fragen, ob das jemandem bekannt vorkommt.

Solange es „die Flüchtlinge“ sind, kommt es zu Ablehnung und Angst. Erst wenn Menschen Menschen begegnen, ändert sich alles. Wenn „die Flüchtlinge“ Namen und Gesichter bekommen, Geschichten und konkretes Leben. Er erzählt von den afghanischen Flüchtlingen, die fließend mehrere Sprachen beherrschen, einfach weil das in einem Land mit verschiedenen Ethnien so sein muss und weil sie eine enorme Begabung haben. Auch wenn viele von ihnen Analphabeten sind… Er erzählt von dem fröhlichen jungen Mann aus Afghanistan, der sich bei der freiwilligen Feuerwehr und auf Partys schneller integriert hat als irgendeine Integrationsmaßnahme greifen könnte, und von den traumatisierten Menschen, die Dinge gesehen und erlebt haben, die sich keiner im Raum auch nur vorstellen möchte.

Er berichtet, dass die Menschen fliehen, weil sie ihr Leben retten wollen oder weil sie wirtschaftlich aufsteigen möchten – aufsteigen aus Hunger, Obdachlosigkeit, dem Verlust von Arbeit und Lebensgrundlagen. „Die lassen sich nicht aufhalten“, sagt er. Und die bringen eine Energie mit, die wollen etwas aufbauen. Wer Hunderte von Kilometern zu Fuß gegangen ist, der bringt Erfahrungen mit, der will und kann etwas bewegen.

Aber die Schlägereien in den Massenunterkünften, sagt einer. Richtig. „Aber was würden 100 junge deutsche Männer für einen Blödsinn anstellen, wenn sie nicht arbeiten, sich nicht bewegen könnten und zusammengesperrt sind?“, fragt ein junger Unternehmer. Das große Thema: Asylbewerber dürfen nicht arbeiten.

In der Schönstatt-Mannesjugend in Chile hat ein Artikel auf schoenstatt.org über den Vortrag von Stefan Keznickl in Österreich die Idee entstehen lassen, sich vor Ort umzuschauen, ob es da Flüchtlinge gibt, und Fußballspiele mit denen zu machen. Manchmal ist es so einfach…

Eine Dame aus Österreich geht einmal in der Woche mit fünf Afghanen laufen, berichtet Dr. Keznickl. Andere treffen sich zum Kochen.

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Wir müssen die Welt gestalten

Dr. Stefan Keznickl hat Texte von Pater Kentenich zum Thema gesammelt. Zu Zeitenstimmen, zur weltweiten Sendung Schönstatts, zur Enteuropäisierung der Kirche, zur Weltgestaltung.

Pater Kentenich und Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan? Nein, aber Deutsche, die in den USA als Flüchtlinge lebten. Deren Seelsorger war er. Und mit denen feiert er Gottesdienste in der Muttersprache, verfasst eine Zeitschrift namens „Heimatklänge“ und rät ihnen, „das Beste aus der alten Heimat für Amerika“ zu geben. „Und wir wollen verlangen, dass die Syrer oder Eritrear auch zu Hause nur noch Deutsch reden“, grübelt jemand.

Hat Pater Kentenich etwas gesagt zur Völkerwanderung? Was täte Paulus heute?

Es ist keine Zeitenstimme, sagt Stefan Keznickl. In den Flüchtlingen spricht Gott nicht, er schreit.

Und er schreit hinein in ein Schönstatt, das seine Komfortzone verlassen will und muss, ein Schönstatt „im Herausgehen“, ein Schönstatt, das zur Weltgestaltung berufen ist. „Wenn wir in den Himmel kommen und nicht die Welt gestaltet haben, dann kennt Pater Kentenich uns nicht“, provoziert Keznickl.

Rezepte gab es nicht in Memhölz.

Aber wohl das, was ein Pater Kentenich vor 100 Jahren nach der Diagnose „verschwindend Häuflein“ sagte:

Dass wir immerhin etwas tun können, wenn nur jeder an seinem Platze seine ganze Kraft einsetzt und durch das organisierte Streben nach gemeinsamen Zielen dafür sorgt, dass auch das Gute trotz aller Schwierigkeiten fortzeugend Gutes gebärt.“ (Kentenich-Reader Bd. 1, S. 108)

 

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