Veröffentlicht am 2015-07-05 In Projekte, Schönstatt im Herausgehen

Hinhören und mehr sehen

DEUTSCHLAND, Maria Fischer •

„Erwischt!“ steht im Gesicht von Margit R., als Gertrud und Norbert Jehle am Samstag, 27. Juni, beim Jour Fixe für Führungskräfte in Memhölz sehr praktisch und anschaulich über Hinhören und Hinschauen sprechen, über entscheidende Elemente des Beobachtens im Umgang mit Mitarbeitern. Die kleine praktische Übung, die bei Margit R. das „Erwischt!“ ins Gesicht malt, weckt bei den anderen Teilnehmern die ganze Palette von einem gerade erschrockenen „Das kann doch nicht wahr sein“ bis zu einem lächelnden „Da muss ich aber echt dran“. Die Übung: Sich einen Mitarbeiter vorstellen, der in meiner Beliebtheitsskala eher am unteren Ende ist. Woran hat er Freude. – Und dann, ebenso zwei Minuten lang, das gleiche mit dem Mitarbeiter, der mir am sympathischsten ist.

„Bei dem ersten fällt mir nur ein, dass es ihm Freude macht, mich auf die Palme zu bringen“, sagt einer, und der nächste erzählt, wie die „sympathischste Mitarbeiterin“ so gerne Kaffee trinkt und wie es so ganz von selbst geht, ihr immer wieder einmal einen Kaffee zu bringen. „Die vom unteren Ende der Beliebtheitsskala mag gerne Schokoriegel, aber – nicht im Traum ist mir das jemals auch nur eingefallen, der einen Schokoriegel zu geben!“

Selbsttest geglückt und Beweis für die Aussage von Pater Tilmann Beller: „Wenn ich dem Gegenüber wohl will, eine gewisse Sympathie entgegenbringe, dann entdecke ich mehr.“

Einfach nur beobachten

Einfach nur hinschauen statt gleich zu interpretieren, einfach wahrnehmen statt urteilen, nie zufrieden sein mit dem ersten Impuls, sondern genauer hinschauen und fragen: Was bewegt den Mitarbeiter, die Mitarbeiterin? Die neue Mitarbeiterin, die sich in der Pause alleine an einen Tisch setzt und einsilbig bleibt, ist vielleicht kein Einzelgänger oder Teamverweigerer, sondern einfach wegen großer Sorgen um einen lieben Menschen gerade nicht zu Small Talk aufgelegt…

Gertrud und Norbert Jehle verarbeiteten in ihrem Vortrag viele Hinweise, die Pater Tilmann Beller in den Schulungen für Bewegungsarbeit gegeben hat. Grundfertigkeiten aus der Pädagogik Pater Kentenichs, so Norbert Jehle, die man einfach lernen müsse, wenn man von Kentenich-Pädagogik rede oder gar diese anwenden möchte. „Wir sagen schnell: ‚Beobachten, vergleichen, straffen, anwenden‘, aber nur, weil wir die Begriffe kennen, beherrschen wir das Beobachten ja noch nicht.“

„Mir hat vor allem der Hinweis geholfen, dass man nicht gut beobachten kann, wenn man selber mit Druck oder Sorgen unterwegs ist“, meint ein Teilnehmer, während ein anderer beim langen, intensiven Austausch nach dem Vortrag meint, dass ihm gerade klar geworden sein, warum einer seiner Mitarbeiter ihn in letzter Zeit so aggressiv macht…

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Melanie und Ulrich Grauert, Leiter der IKAF: Anmoderation

Und wozu?

Dass das gute und aufmerksame Hinsehen Freude macht, auch mehr Freude an den Mitarbeitern bringt, verstehen die Teilnehmer am Jour Fixe also sofort. Doch wozu, außer zum eigenen Wachstum?

„Man sieht auf einmal das Potential im anderen, man kann etwas fördern, fruchtbar machen, und das tut dem Unternehmen gut“, so die Referenten. Das Wohl des Mitarbeiters ist langfristig gesehen das Wohl des Unternehmens.

„Wir arbeiten in einem kreativen Bereich und wir sind fast alle kreative oder charismatische Leute, also eben auch recht chaotisch, ich auch“, sagt eine Führungskraft aus dem Teilnehmerkreis. „Und da ist dieser eine Mitarbeiter, der sich über jede Störung der Ordnung und des Ordentlichen, Geordneten fürchterlich aufregt. Und uns damit aufregt. Irgendwann habe ich sein Dauerschlagwort ‚minuziös‘ verstanden. Ich habe gemerkt, dass er einfach erst richtig glücklich ist, wenn alles sauber geplant, ordentlich in der richtigen Reihenfolge durchgeführt und exakt genauso gemacht wird, wie es sein soll, und wenn das Ergebnis sauber und wirklich ganz sauber aussieht. Wir werden für ihn ordentlich genug sein – aber ohne ihn wäre der ganze Laden sicher schon zusammengebrochen, und seit er weiß, dass ich das weiß, arbeiten wir nicht immer entspannt, aber immer sehr gut zusammen.“

Wie immer bleiben viele noch längst nach dem eigentlichen Schluss bei Fingerfood und Erfrischungen. Zu interessant die Gespräche! Und zu diesem Zeitpunkt sind auch die Kinder, die während des Nachmittags ihr eigenes Programm hatten, wieder dabei und dankbare Abnehmer für die leckeren Dinge, die die Erwachsenen vor lauter Reden zu essen vergessen haben. „Das bringen auch nur Erwachsene“, so ein Elfjähriger. Gut und genau beobachtet.

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Mehr von Pater Tilmann Beller zur Kunst des Beobachtens und zur Menschenführung in dem neuen Buch von Ingeborg und Richard Sickinger: Das Wachstumsprinzip. Gibt es HIER.

Weitere Termine für den Jour Fixe gibt es auf IKAF.de

 

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