Veröffentlicht am 6. Mai 2015 In Schönstatt im Herausgehen

Eine Erfahrung von Begegnung

PORTUGAL, Lissabon, von Juan Pablo Cruz, Student der Schönstatt-Patres •

Ich bin Juan Pablo Cruz, Student der Schönstatt-Patres. Während meines Praktikums in Lissabon entstand ein Projekt der Mannesjugend, das eine Antwort sein wollte auf die extremsten Situationen der Benachteiligung in der Stadt. Es gibt viele missionarische Projekte zur Hilfe in den ehemaligen portugiesischen Kolonien in Afrika, doch der starke Antrieb für dieses Projekt war die Erkenntnis, dass es mitten in der Hauptstadt Portugals Menschen gibt, die unbeschreibliches Leid erfahren als Folge von materieller und sozialer Armut.

Pater Diogo Barata, der Standesleiter der Jugend, und ich haben dieses Projekt von Anfang an begleitet, immer aus dem Gedanken heraus, wie wir aus dem Bündnis und unserer Erfahrung von Schönstatt helfen können.

Mit Kindern aus dem „Barrio“ und vom Colegio Santa Maria

2015-04-01 14.14.00Konkret wirkten bei dem Projekt noch zwei Studenten und ein Lehrer aus der Männerbewegung mit, die gegenüber dem Barrio 6 de Maio wohnen, einer sehr armen Siedlung, die stark vom Einfluss der Drogen geprägt ist. Hier haben sie Aktivitäten wie ein Theater, Kirchenchor, Kampagne der Pilgernden Gottesmutter und zuletzt eine kleine Rugby-Schule aufgebaut.

Im März hatte der Lehrer die Idee, in seinen Ferien mit Kindern aus dem Barrio und anderen aus dem Colegio Santa Maria (einer Schule der Schönstatt-Patres, wo er als Lehrer arbeitet) in ein Ferienhaus im Norden des Landes zu fahren. Ich schloss mich dem Projekt an, das zu einer sehr intensiven Erfahrung wurde.

Wir brachen am Palmsonntag nach der Messe auf. Eine Gruppe fuhr mit dem Bus, die anderen im Auto; ich fuhr mit der Gruppe im Bus, zusammen mit fünf Jungen aus dem Colegio und drei aus dem Barrio, alle 12 Jahre alt. Die Fahrt dauerte ungefähr vier Stunden, das heißt, viel Zeit zum Reden und gemeinsam müde zu werden. Von Anfang an nahm man Unterschiede wahr; die Jungen aus der Schule interessierten sich dafür, über den Unterricht, die Lehrer und ihre Familien zu reden, während die Jungen aus dem Barrio von Freundschaften, Mädchen und sexuellen Erfahrungen erzählten, und so musste ich die Unterhaltung immer wieder auf Themen lenken, die alle einschlossen, ohne eine der beiden Gruppen zu bevorzugen.

„Ich bin doch nicht zum Arbeiten hier!“

Die Idee, die wir hatten, war, immer solche Aktivitäten durchzuführen, die einen gesunden Austausch unter allen erlaubten, um immer zu verbinden und uns als eine einzige Gruppe zu erleben. Dafür waren natürlich einige einfache, minimale Spielregeln notwendig, damit es für alle angenehmer wäre. Eine davon waren die Geschirrspülgruppen. Und das war schon ein Problem; die Jungen aus der Schule akzeptierten das Geschirrspülen als etwas Normales, aber die aus dem Barrio weigerten sich, zu spülen; in diesen Jungen war ein so starkes Gefühl, das ihnen sagte: Die haben Vorurteile gegen mich, warum ich und nicht die anderen, und ich bin doch nicht zum Arbeiten hier… Das gab die ersten Schwierigkeiten. Die aus der letzten Geschirrspülgruppe hatten schon keine Probleme mehr, denn sie hatten gesehen, dass alle spülten, und das gab ihnen schon das Gefühl, keine Verlierer zu sein. Mehr noch, am letzten Tag baten wir um Freiwillige zum Geschirrspülen, und es meldeten sich drei aus dem Barrio. Das war für uns ein Riesenerfolg!

Unsere Aufgabe war auch, klare und gerechte Regeln für alle aufzustellen, ohne dabei aus dem Blick zu verlieren, dass sie darunter leiden könnten, und darum galt es, sie durch echte Bindungen, konkrete Gesten anzuziehen und ihr Vertrauen zu gewinnen, damit sie sich klar würden, dass wir das Beste für sie wollten. Darum gab es auch keinen Raum für Groll, wenn etwas nicht glückte oder jemand aber auch keinen Handschlag tun wollte oder Zwietracht und schlechte Stimmung verbreitete, dann musste das übersetzt werden in ein erneutes Erklären der Bedeutung dieser kleinen Regeln und dass die Deutlichkeit, mit der sie ausgedrückt wurden, die Zuneigung und dem Wunsch, eine gute Zeit miteinander zu verbringen, nicht beeinträchtigten.

Lachen, Schreien, Übermut und gesunde Begeisterung

Die größte Freude hatten alle am Fluss. Am Nachmittag kam immer der ersehnte Zeitpunkt, um ans Wasser zu gehen. Auch wenn viele aus dem Barrio nicht schwimmen kommen, waren die Suche nach Fröschen und Schwimmen mit Schwimmreifen immer neu Anlass für ein zufriedenes Lächeln und echte Begeisterung. Die Jungen aus der Schule sprangen von Stein zu Stein und schwammen in jedem kleinen See, den der Fluss geschaffen hat. Das war der Lohn für all die Arbeit. Zu sehen, wie alle Spaß hatten und das miteinander, wie einer dem anderen Schwimmen beibrachte, all das Lachen, Schreien, der Übermut und die gesunde Begeisterung! Und all das in einer herrlichen Landschaft und ohne irgendeine andere Sorge als die, da zu sein und Spaß zu haben.

Und es ging immer neu um die Liebe zu den Kindern

Ich erinnere mich an einen angespannten Moment, als ich, nachdem ich einen der Jungen mächtig ausgeschimpft hatte, weil er mit einem Stein nach einem anderen geworfen hatte, und das Heulen und Unruhe ausgelöst hatte, kurz danach einige Jungen bat, beim Abdecken der Tische zu helfen und sich keiner rührte. Ich war angespannt, unruhig und innerlich wütend. Da musste ich rausgehen und eine Runde drehen, um mich in der Liebe zu diesen Jungen zu erneuern, im Vergeben, in der Freude, mit Begeisterung weiterzuarbeiten. Das war ein Umkehren, um das Herz zu beruhigen und mich an Maria zu wenden, damit sie, als Mutter, mir helfe, Herz und Absicht zu reinigen.

Eine weitere Schwierigkeit hatten wir in diesen Tagen anzugehen: die Unfähigkeit der meisten Jungen aus dem Barrio, eine schwierige Situation, einen Moment von Mühe, von Opfer vernünftig anzugehen, ebenso ihre fehlende Ausdauer beim Spielen. Beim Training von Rugby und bei den Spielen erlebten wir, wie die Jugendlichen aus dem Barrio mit Begeisterung anfingen, aber wenn es dann auf Geduld, Wiederholung oder weniger Aktivität ankam, dann wurden sie schlecht gelaunt und protestierten. Das passierte auch, wenn es darum ging, Steine für einen kleinen Bau zusammen zu tragen. Keine Fähigkeit zur Anstrengung, eine große Charakterschwäche, schwachen Willen, Anstrengung zählte nichts, sie wollten nur Ergebnisse sehen, und es fiel ihnen enorm schwer, auch den Weg hin zu den Ergebnissen zu schätzen.

Gebet

Sehr schön war es auch zu sehen, wie alle bei den Spielen am Abend mitmachten; die Kinder vom Colegio kannten sie schon, und machten darum mit, damit alles gut ging, und die vom Barrio waren beeindruckt, wollten mitmachen und dabei sein, auch wenn sie eine Heidenangst vor dem Unbekannten hatten – es brachte einen kräftigen Adrenalinstoß und das machte sie glücklich.

Nach den Spielen am Abend kam das Gebet, wir sangen ein Lied, danach gab es einen kurzen Durchgang durch den Tag, und alles wurde in die Hände Jesu gelegt, um schließlich Maria in die Augen zu schauen, und zu danken oder zu bitten, je nachdem, wonach es den einzelnen gerade zumute war. Am letzten Tag waren die meisten dabei, es war einfach schön zu sehen, wie die Jungen vom Barrio wie die vom Colegio für diese Erfahrung danken wollten.

… und überlegen schon für das nächste Ferienlager

Insgesamt denke ich, war es eine gute Erfahrung, viel Arbeit und große Erschöpfung, denn man musste wirklich jede Minute aufmerksam sein, aber es gab dafür auch Momente großer Freude und Begegnungen, aus denen gute Freundschaften gebaut werden.

Das alles ist schon ein paar Wochen her. Die Jungen vom Barrio treffen sich seitdem jeden Samstag und sie überlegen schon für das nächste Ferienlager, wie sie Geld dafür auftreiben können – und das ist wirklich die schöpferische Resultante, die Gott uns schenkt, damit wir diese Jungen weiter begleiten.

2015-03-31 19.26.04

Original: spanisch. Übersetzung: Maria Fischer, schoenstatt.org

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