Veröffentlicht am 23. Mai 2012 In Schönstatt im Herausgehen

Die Pilgernde Gottesmutter im Gefängnis von Tires

PORTUGAL, Maria de Lurdes Paredes. Manchmal fühlen wir uns „gefangen“, ohne die Freiheit, die jeder sich aus tiefem Herzen wünscht. In einem Gefängnis eine Strafe verbüßen zu müssen, denke ich, ist eine der härtesten Realitäten, die es gibt. Lange schon hatte ich die Anregung, das Apostolat auszuüben, von dem ich hier erzählen möchte. Der Impuls dazu kam mir bei der Übersetzung einer Reflexion über das Zeugnis, das P. Kentenich in Dachau gegeben hat. Der Ort, den er wählte, um sein Leben freiwillig für seine Freunde hinzugeben, und zwar immer mit einem unerschütterlichen Glauben an die Göttliche Vorsehung und den Schutz und die Fürsorge der Gottesmutter, damit alle Glieder seiner Familie die wahre innere Freiheit erlangen können.

Im Gefängnis von Tires, einem reinen Frauengefängnis, sind viele Mütter. Die Gefangenen, die Kinder unter drei Jahren haben, können diese während der Haft bei sich haben. Hier wirken seit 10 Jahren mehrere Missionare der Kampagne der Pilgernden Gottesmutter. Ich bot mich als Missionarin an, da ich wusste, dass eine Hilfe für die Wochenenden gebraucht wurde, um eine kranke Missionarin zu unterstützen. Dabei arbeite ich zusammen mit Antonieta, die seit langem ihre Liebe und ihr Leben den Frauen in Haft schenkt. Sie sind ihre Familie.

Das Heiligtum war einfach da

Als ich kam und vorgestellt wurde, wurde ich von allen Häftlingen herzlich begrüßt. Umarmungen und Küsse mischten sich mit Tränen, die Zeugnisse waren die bewegendsten und authentischsten, die ich je gehört habe, wobei viele der Frauen einfach nicht aufhörten, zu weinen. Gebet und Meditation des Rosenkranzes wurden von Liedern begleitet und waren gesegnete Momente vorm Bild der Pilgernden Gottesmutter und einem kleinen Foto von P. Kentenich.

Ein tiefes Erlebnis war für mich der Karfreitag im Frauengefängnis. Es war Kreuzweg und Kreuzverehrung in der Kapelle vom Guten Hirten, geleitet von Spiritaner-Pater Miguel, eine intensive Berührung mit dem Leiden Christi. Viele wollten bei P. Miguel beichten, andere zeigten eine Gelassenheit und unglaubliche Kraft, andere umarmten Antonieta, ihre Freundin und Mutter, die ihnen stets Aufmerksamkeit, Hoffnung und Glauben schenkte. Sie behandelt die Häftlinge wie ihre Töchter und nicht wie Nummern, und gibt ihnen immer die Erfahrung ihrer Selbstbestimmung und Würde.

Ich war im Gefängnis – und ihr habt mich besucht

Bei Mt 9, 10-14 heißt es “Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer; denn ich bin nicht wegen der Gerechten gekommen, sondern wegen der Sünder” und weiter heißt es: “… Immer, wenn ihr dies einem der Kleinsten tut, habt ihr es mir getan. Denn ich hatte Hunger, und ihr gabt mir zu essen…, ich war gefangen, und ihr habt mich besucht.” Ich denke, dass so die neue Gemeinschaft sein soll, die Pater Kentenich formen will, eine Gemeinschaft, die diejenigen annimmt, mit denen die Gesellschaft nichts zu tun haben möchte.

Wir, die wir uns Christen nennen, brauchen alle, wenn wir Christus nachfolgen wollen, dieselbe Haltung wie P. Kentenich, so wie diese Missionarinnen und viele andere, die die Güte und die Barmherzigkeit an diese Orte bringen, wo Menschenunwürdigkeit herrscht.

Allein die Liebe wird uns aus unseren “Gefängnissen” befreien

Ich habe gehört, dass im vergangenen Jahr – das Datum ist mir nicht genau bekannt – die Pilgernde Gottesmutter in diesem Gefängnis als Königin der Freiheit und der Freude gekrönt wurde.

Mehr als sonst möge heute das neue Gebot Jesu in unseren Herzen erklingen: “Liebt einander so wie ich euch geliebt habe!“

Gott ist die Liebe – nur die Liebe befreit! Nur die Liebe wird uns aus unseren “Gefängnissen” befreien.

 

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Mechthild Jahn, Renate Dekker, Florianopolis, Brasilien