Veröffentlicht am 28. Januar 2019 In WJT 2019

Das ist dieser Gute Hirt, der das verloren Schaf sucht – und heute hat er es gefunden

WJT2019, María Fischer •

Man schaut dem Guten Hirten ins Gesicht, dem Vater, der personifierten Solidarität, während Papst Franziskus das Zeugnis dieses Jugendlichen im Jugendgefägnis Las Garzas in Pacora zuhört. Selbst dem einen oder anderen Journalisten im Pressezentrum werden die Augen feucht.Papst Franziskus ist bei seinen Lieblingsjugendlichen, bei Menschen aus einer der existentiellen Peripherien, in die hineinzugehen er die Christen seit Beginn seines Pontifikates drängt. An einer jener existentiellen Peripherien, an denen Schönstätter in verschiedenen Ländern mit Projekten der Gefängnispastoral engagiert sind, wie etwa die Gefängnispastoral in Itauguá in Paraguay oder Casa Madre de Tuparenda direkt im Schatten des Heiligtums, wo ich schon so oft gewesen bin.—

„Ich habe einem geliebten Menschen und mir selbst tiefen Schaden zugefügt“, sagt Luis dem Papst. „Als ich im April 2016 verhaftet wurde, dachte ich, es sei alles vorbei. Zuerst war es schwer, mit anderen Menschen zu leben, die ihrer Freiheit beraubt waren, aber als ich in das Jugendgefängnis in Pacora verlegt worden war und eines abends nachdachte, sagte mir etwas, dass es nicht alles vorbei sei, weil meine Absicht großartig ist. In diesem Moment verstand ich, dass mein Vater-Gott bei mir war, und wenn ich jetzt zu euch spreche, geschieht es aus Gnade und Liebe von Gott, meinem geliebten Heiland. Ich bin dankbar, denn er hat diese Menschen auf meinen Weg gebracht, um mir zu helfen, die weiterführende Schule zu beenden und diese Veränderung in meinem Leben zu bewirken. Was ich erwarte oder wie ich mich in Zukunft sehe, ist, internationaler Koch und Kältetechniker zu sein. Ich hoffe, meiner Mutter diese Freude zu geben und in Gemeinschaft mit dem Teil meiner Familie zu sein, den ich verloren habe.

Zwischen der Freude und Zuneigung auf dem Antlitz des Heiligen Vaters und den Worten von Luis fühlt man sich wie im Jugendgefängnis von Itauguá, wenn man die Geschichten der Jugendlichen hört und  Zeuge des väterlich-mütterlichen und barmherzigen Zuhörens von Pater Pedro Kühlcke und Ismelda und all den anderen, die ihn Woche für Woche begleiten, wird.

Später, auf der Pressekonferenz, sagte die Direktorin Emma Alba de Tejada, dass Luis und andere junge Menschen nach dem Besuch des Papstes  auf Bewährung freigelassen wurden, und dass ein junger Mann, der zuvor voller Rache und Traurigkeit war, nachdem er beim Heiligen Vater gebeichtet hatte, zu ihr sagte: „Ich bin verwandelt und ich will mein Leben ändern, und ich kann es tun.“

Cristina Rodriguez/panama2019

El  Jugendgefängnis Las Garzas wurde 2012 eröffnet und hat eine Kapazität von 192 Häftlingen; es ist heute weit über Panama hinaus als Modell anerkannt. Die jugendlichen Häftlinge sind verpflichtet, an den Seminaren teilzunehmen, die vom Nationalen Institut für Berufsbildung und Ausbildung (INADEH) organisiert werden.

Darüber hinaus arbeitet ein Team von Sozialarbeitern, Psychologen und Lehrern mit einem Rehabilitationssystem unter der Aufsicht von UNICEF zusammen. Zur Entwicklung dieser Mission hat das Institut auch finanzielle Unterstützung von der Europäischen Union erhalten.

Die Kultur der Etiketten überwinden

Es war das erste Mal in der Geschichte, dass die Bußliturgie, ein zentraler Moment jedes Weltjugendtages, in einem Gefängnis stattfand. Der Papst wollte den Weltjugendtag zu Jugendlichen bringen, die nicht teilnehmen, die den Ort, an dem sie ihre Strafe verbüßen, nicht verlassen konnten, und deshalb fuhr er fast 50 km hinaus in das Jugendgefängnis, wo Jugendliche aus verschiedenen Haftanstalten auf ihn warteten. Wie es für ein Zentrum dieser Art angemessen war, lag alles in der Hand der Jugendlichen,  sei es bei der Vorbereitung, sei es bei der Ausführung aller Dienste der Liturgie, wie Gesang, Lektoren und Fürbitten.

„Jesus hatte keine Angst, sich denen zu nähern, die aus unendlich vielen Gründen gesellschaftlichen Hass auf ihren Schultern trugen, wie die Zöllner – denkt  daran, dass die Zöllner durch die Plünderung ihres eigenen Volkes bereichert wurden und viel, viel Empörung hervorriefen – oder durch die Last ihrer Fehler, Irrtümer oder Unvollkommenheiten, die sogenannten Sünder. Er tut dies, weil er weiß, dass es im Himmel mehr Freude für einen bekehrten Sünder gibt als über neunundneunzig Gerechte, die keine Bekehrung brauchen (vgl. Lk 15,7)“, sagt der Papst in seiner Predigt. „Er ist dieser gute Hirte, der kommt, um nach den verlorenen Schafen zu suchen, und ja, heute hat er sie gefunden“, sagte Emma Alba de Tejada. Vielleicht nie in einem Weltjugendtag predigte ein Papst vor nur etwa 100 jungen Menschen, aber seine Worte erreichten sie und erreichen hoffentlich noch viele mehr, diejenigen, die sich mit denen solidarisieren, die in einem Moment ihres Lebens gescheitert sind…. und wer weiß, vielleicht auch diejenigen, die sich selbst  „gerecht“ nennen.

Der Papst gab eine starke Botschaft gegen das, was er die „Kultur der Etiketten“ nennt, eine Art und Weise, Menschen  von vorneherein und für immer abzustempeln;

„Im Leben der Menschen scheint es einfacher zu sein, Schilder und Etiketten anzubringen, die nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart und Zukunft der Menschen einfrieren und stigmatisieren. Kurz gesagt, das Einzige, was manche tun können, ist einteilen: Hier sind die Guten und die Schlechten; hier sind die Gerechten und dort sind die Sünder.

Diese Haltung verunreinigt alles, denn sie baut eine unsichtbare Mauer, die uns glauben lässt, dass durch Ausgrenzung, Trennung oder Isolierung alle Probleme auf magische Weise gelöst werden. Und wenn sich eine Gesellschaft oder Gemeinschaft dies erlaubt und alles, was sie tut, Gerede und Getratsche ist, tritt sie in einen Teufelskreis von Spaltungen, Vorwürfen und Verurteilungen ein; sie tritt in eine soziale Haltung der Marginalisierung, Ausgrenzung und Konfrontation ein, so dass sie unverantwortlich wie Kaiphas sagt: „Es ist besser, dass einer für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk untergeht“ (Joh 11,50). Und normalerweise wird der Faden am dünnsten Teil geschnitten: bei den der Schwächsten und Wehrlosen“.

 

Cristina Rodriguez/panama2019

Das allerreinste Wasser schmeckt nach nichts

Er benutzt ein sehr anschauliches Beispiel, das hängen bleibt: „Was ist das reinste Wasser? Destilliertes Wasser natürlich.  Was ist das reinste Wasser? Das destillierte Wasser natürlich. Aber einmal sagte ein Bauer zu mir: „Padre, das Wasser ist so rein, dass es nach nichts schmeckt.“

„So sind die allzu Gerechten, die ganz Reinen, die so Reinen“, sagt der Papst, „dass sie keinen Geschmack von irgendetwas haben und auch niemanden anziehen können! Jesus hingegen akzeptiert die Komplexität des Lebens, die persönlichen Geschichten von Scheitern und Erfolg, von Fallen und Aufstehen, mit einer Liebe, die eine Dynamik einleitet, die in der Lage ist, Wege und Möglichkeiten für Integration und Transformation, Heilung und Vergebung, Wege der Erlösung zu bieten. Beim Essen mit Zöllnern und Sündern bricht Jesus die Logik, die trennt, ausschließt, isoliert und fälschlicherweise zwischen „gut und schlecht“ trennt. Und zwar nicht durch Dekret oder mit guten Absichten, auch nicht durch Freiwilligkeit oder Sentimentalität, sondern durch die Schaffung von Bindungen, von Bündnissen, die neue Prozesse möglich machen, durch das Setzen auf jeden nur möglichen Schritt und das Feiern, wenn er geglückt ist.“

 

Cristina Rodriguez/panama2019

Es geht!

„So bricht er auch mit einem anderen Gerede, das nicht leicht zu erkennen ist und das „Träume durchbohrt“, denn es wiederholt als ständiges Flüstern: „Das kannst du nicht, das schaffst du nicht“. Es ist das innere Flüstern, das in denen auftaucht, die, nachdem sie ihre Sünde beweint und sich ihres Fehlers bewusst sind, nicht glauben, dass sie sich ändern können. Es ist so, wenn man innerlich glaubt, dass derjenige, der als Zöllner geboren wurde, als Zöllner sterben muss, und das ist nicht wahr.

Freunde: Jeder von uns ist viel mehr als seine Etiketten. So lehrt uns Jesus und lädt uns zum Glauben ein. Sein Blick fordert uns heraus, um Hilfe zu bitten und zu suchen, um auf dem Weg der Selbstverbesserung zu gehen. Manchmal scheint das Gerede zu gewinnen, aber glaubt es nicht, hört es nicht. Achte und höre auf die Stimmen, die dich drängen, nach vorne zu schauen und nicht auf diejenigen, die dich runterziehen.“

Brüderliche Bündnisse

„Gleich werden wir mit der Bußliturgie weiternachen,  wo wir alle den Blick des Herrn erleben können, der nicht auf ein Etikett oder eine Verurteilung schaut, sondern auf seine Kinder. Gottes Blick, der die Disqualifikationen leugnet und uns die Kraft gibt, die notwendigen Bündnisse zu schaffen, die uns allen helfen, das Gerede zu überhören, brüderliche Bündnisse, die es unserem Leben ermöglichen, immer eine Einladung zur Freude am Heil zu sein“, sagte der Heilige Vater am Ende.

Während der Beichten waren keine Fernsehkameras zugelassen. Das Fernsehsignal, das in diesen langen Minuten übertragen wird, ist vielsagend: Gitter und Stacheldraht, aber dahinter ist das Fest des Sohnes, der nach Hause zurückkehrt…. mit dem Vater, der mit offenen Armen auf ihn wartet.

Schließlich wurde der Papst von den 30 Häftlingen verabschiedet, die die Beichtstühle für den Weltjugendtag gebaut haben. Er erhielt Geschenke, die in den verschiedenen Werkstätten gemacht wurden, darunter Körbe mit Brot, auch argentinischer Art, ein Gemälde eines jungen Mannes, ein Bischofsstab aus der Tischlerei, eine Bibel mit einem Umschlag mit dem Weltjugendtagslogo…

Cristina Rodriguez/Panama2019

Ein Freitag der Barmherzigkeit der besonderen Art

Die Direktorin von „Las Garzas“ erklärte, wie sich der Geist der Jugendlichen entwickelte, als sie erfuhren, dass Papst Franziskus die Haftanstalt besuchen würde: „Am Anfang war es schwierig, weil sie glaubten, dass der Papst nur zu den Katholiken sprechen würde, aber dank eines ganzen Teams und vor allem dank Gott konnten wir den Jugendlichen zeigen, dass der Papst nicht nur für die Katholiken kommen würde, sondern eine Botschaft der Liebe und Hoffnung an alle Jugendlichen auf den fünf Kontinenten vermitteln will.

Emma Alba de Tejada berichtete auch, dass eine Richterin direkt nach dem Papstbesuch neun der Jugendlichen eine Entlassung auf Bewährung gewährt hatte, darunter Luis…

Paolo Rufino, Präfekt des Kommunikations-Dikasteriums des Vatikans, betonte in einer anschließenden Pressekonferenz die Einzigartigkeit dieses Ereignisses, während Alessando Gisotti, Direktor ad interim des Pressesaals des Vatikans, der unmittelbar danach das Glück hatte, den Papst zu interviewen, Franziskus Freude über diese besonderen Freitag der Barmherzigkeit betonte. „In diesen Tagen hören wir ja immer diesen Ruf: „Das ist die Jugend des Papstes“. Diese jungen Menschen im Gefängnis sind auch die Jugend des Papstes und auf sehr tiefe Weise, aus seiner Haltung der Barmherzigkeit heraus.“

Pressekonferenz.Foto: Maria Fischer @schoenstatt.org

Die offizielle Übersetzung der Predigt ins Deutsche lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor

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