Veröffentlicht am 31. Juli 2016 In Franziskus - Initiativen und Gesten, WJT2016

Herr, erbarme dich deines Volkes. Herr, verzeihe solche Grausamkeit

WJT2016, von  Maria Fischer •

„Herr, erbarme dich deines Volkes. Herr, verzeihe so viel Grausamkeit.“ Das ist die Botschaft, die Papst Franziskus in das Besucherbuch von Ausschwitz-Birkenau schrieb; seine einzigen Worte an diesem Ort, an dem der Horror die Worte, die Vorstellung, das menschlich Denkbare übersteigt. Auschwitz ist ein Ort, an dem man sich ohnmächtig fühlt, vernichtet, erschrocken und entsetzt über das, was Menschen anderen Menschen anzutun in der Lage waren.

Der Papst hat nichts gesagt. Er hat sich Zeit genommen. Er war einfach nur da, schweigend, betend. Lange Minuten blieb Franziskus an dem Ort, der zum Symbol der furchtbaren Tragödie der Shoah geworden ist. In Auschwitz und Birkenau, wo vor weniger als 70 Jahren der Wahnsinn menschlichen Hasses auf den anderen Menschen stattgefunden hat, ehrte der Heilige Vater die Opfer „solcher Grausamkeit“, wie er ins Gästebuch des Vernichtungslagers schrieb, begleitet von einer flehentlichen Bitte an Barmherzigkeit und Vergebung des Herrn. Allein und langsam ging Franziskus durch das Eingangstor mit der beschämend-berühmten Inschrift «Arbeit macht frei» ,wie man sie auch von den anderen KZs kennt und wie sie so viele Schönstätter kennen, die durch das Tor der Gedenkstätte KZ Dachau geschritten sind, wo Josef Kentenich lange Zeit in nicht viel weniger grausamen und menschenverachtenden Bedingungen gefangen war.

Dann verweilte Franziskus eine Viertelstunde in schweigender Andacht vor den Baracken der Deportierten. Er küsste eines der im Lager errichteten Schafotts, grüßte einige Überlebende, berührte mit der Hand die Todesmauer und bliebt lange, sehr lange in der Zelle, in der Maximilian Kolbe, der von Johannes Paul II. im Jahr 1982 heiliggesprochene Franziskaner, verhungert ist. Im nahegelegenen Birkenau ging er an den Gedenksteinen mit Inschriften in den 23 von den Gefangenen gesprochenen Sprachen vorbei, hörte den Psalm 130, den ein Rabbiner in Hebräisch sang und grüßte einige „Gerechte unter den Völkern“.

Am Abend sagte er den wie immer vor dem Apostolischen Palast versammelten Menschen:

„Am Vormittag noch ein anderer Schmerz: Ich bin nach Auschwitz  und Birkenau gegangen, um der Leiden vor siebzig Jahren zu gedenken… Wie viel Schmerz, wie viel Grausamkeit! Aber ist es denn möglich, dass wir Menschen, als Gottes Abbild und ihm ähnlich geschaffen, imstande sind, diese Dinge zu tun? Die Dinge sind getan worden.“

Mit dem Holocaust verschmolzen

Ein Kommentator des jüdischen Radios von Buenos Aires sagte, dass er ihnen so stärker mit dem Holocaust verschmolzen erschienen sei, als wenn er geredet hätte. Er machte einen Vergleich mit den Besuchen der anderen Päpste und sagte, dieses Schweigen sei für sie,  die Juden, ein Schrei gewesen.

„Ein starkes Zeichen des Papstes in Auschwitz“, so Henryk Jarczyk vom ARD-Studio Warschau. „Manchmal versagt einem die Stimme. Manchmal möchte man angesichts einer besonders grausamen Situation einfach nur schweigen. Still, in sich gekehrt nachdenken und damit ein Zeichen setzten. Zeigen, dass man auch schweigend Ergriffenheit und Entsetzen manifestieren kann. Papst Franziskus hat ein entsprechendes Zeichen gesetzt. Und was für eines. Sein lautes Schweigen hat weitaus mehr zum Ausdruck gebracht als jedwede hier gehaltene Rede.

Was zählt, sind nicht Stellungnahmen und Kommentare am diesem Ort des unfassbaren Leids. Was zählt, sind Taten außerhalb des Konzentrationslagergeländes. Und genau das fordert Franziskus auch. Sein unmissverständlicher Appell an die polnische Regierung, Flüchtlinge aufzunehmen, ist da nur ein Beispiel von vielen.

Die Art und Weise, wie er in Auschwitz und Birkenau letztendlich damit aller Opfer von Unrecht und Gewalt gedachte, ist beispiellos. Seine Ergriffenheit wirkt umso authentischer. Was wiederum etwa seiner Aufforderung, Flüchtlingen zu helfen, zusätzlich Nachdruck verleiht. Damit eben eines Tages uns allen nicht die Stimme versagt, wenn das Mittelmeer plötzlich zum größten Friedhof der Menschheit werden sollte.“

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Nur was durch unser Herz geht…

Franziskus ging gebeugt und mit gesenktem Kopf durch Ausschwitz, mit einem ernsten, trauernden Gesicht, als trüge er das Kreuz dieses Ortes auf seinen Schultern und das Klagen der Opfer in seinem Herzen. Da waren doch seine Worte auf Lampedusa: Wer von uns hat um die Väter, Mütter und Kinder, die im Mittelmeer ertrunken sind, geweint?

Er hinterfragt uns mit seinem Schweigen angesichts einer Lawine von Worten, wieder und wieder in den Medien wiederholt und in sozialen Netzwerken weitergeschickt, angesichts einer Inflation von Hashtags und der Überfülle von Vorträgen, Kommentaren und Erklärungen, angesichts von einmal bedeutungsvollen Worten, die durch inflationären Gebrauch abgenutzt sind oder zu blutleeren Schlagworten verkommen sind.

Er hinterfragt uns mit der Zeit, die er verliert, indem er allein dort ist und wartet, bis Körper und Geist und Seele und Herz wirklich angekommen sind und sich erfassen lassen können von dem, was dort passiert ist.

Er hinterfragt uns vielleicht noch mehr, indem er dieses ganze Leid durch seine Seele und sein Herz hindurchgehen lässt. Nur was durch unser Herz geht, wird wirklich unser Eigen und fruchtbar, sagt Pater Kentenich. Papst Franziskus hinterfragt unsere Gleichgültigkeit, unsere Art, die Augen und das Herz zu verschließen vor fremdem Leid, vor Freude, vor den realen Geschichten des Lebens, dem konkreten Tun der anderen. Er hinterfragt unsere Kälte, die uns erlaubt, in unserer eigenen kleinen und geschlossenen Welt zu bleiben, die uns fähig macht, eine Nachricht zu hören oder zu lesen, sie gar zu redigieren oder zu übersetzen, ohne dass etwas davon in unser Herz dringt, ohne dass sie uns wirklich etwas bedeuten würde. Franziskus spricht so oft von dieser Kultur der Gleichgültigkeit, die es zu überwinden gilt. Mit seinem Schweigen und der Zeit, die er sich genau dafür in Ausschwitz genommen hat, zeigt der Papst uns einen Weg.

Die Grausamkeit hat mit Auschwitz nicht aufgehört

Niemand besser als Papst Franziskus selbst kann die noch größere Herausforderung dieses Besuches interpretieren:

„Die Grausamkeit hat mit Auschwitz und Birkenau nicht  aufgehört: Auch heute, heute werden Menschen gefoltert; so viele Gefangene werden gefoltert, sofort, um sie zum Reden zu bringen… Das ist schrecklich! Heute gibt es Männer und Frauen in den überfüllten Gefängnissen; sie leben – entschuldigt – wie die Tiere. Heute gibt es diese Grausamkeit. Wir sagen: Ja, wir haben die Grausamkeit von vor siebzig Jahren gesehen, wie sie starben – erschossen oder erhängt oder vergast… Aber heute, an vielen Orten in der Welt, wo Krieg herrscht, geschieht dasselbe.

In diese Wirklichkeit ist Jesus gekommen, um sie sich auf seine Schultern zu laden und zu tragen. Und er bittet uns, zu beten. Beten wir für alle „Jesus“, die heute in der Welt sind: für die Hungernden, die Dürstenden, die Zweifelnden, die Kranken, die Einsamen, für die, welche die Last vieler Zweifel und vieler Sünden spüren. Sie leiden so sehr… Beten wir für die vielen kranken, unschuldigen Kinder, die als Kinder das Kreuz tragen. Und beten wir für die vielen Männer und Frauen, die heute in vielen Ländern der Welt gefoltert werden; für die Gefangenen, die alle zusammengepfercht sind, als wären sie Tiere. Es ist ein bisschen traurig, was ich euch da sage, aber es ist die Wirklichkeit. Doch Wirklichkeit ist auch die Tatsache, dass Jesus all das auf sich genommen hat. Auch unsere Sünde.

Wir alle hier sind Sünder, alle haben wir die Last unserer Sünden. Ich weiß nicht, ob jemand sich nicht als Sünder fühlt… Falls sich irgendjemand hier nicht als Sünder fühlt, möge er die Hand heben… Alle sind wir Sünder. Doch Jesus liebt uns, er liebt uns! Lasst uns als Sünder und doch Kinder Gottes, Kinder seines himmlischen Vaters, alle gemeinsam ein Gebet sprechen für diese Menschen, die heute in der Welt so viel Hässliches, so viele Bosheiten erleiden. Und wenn es Tränen gibt, dann sucht das Kind die Mutter. Auch wir Sünder sind Kinder. Suchen wir die Mutter und beten wir zur Muttergottes, alle gemeinsam, jeder in seiner Sprache.

Gegrüßet seist du, Maria…

[Segen]

Ich wünsche euch eine gute Nacht und gute Ruhe. Betet für mich! Und morgen fahren wir fort mit diesem schönen Weltjugendtag. Vielen Dank!“

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Alle Texte von Papst Franziskus beim Weltjugendtag 2016
Fotos: @https://twitter.com/antoniospadaro

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