Synodaler Weg

Veröffentlicht am 2020-11-21 In Dilexit ecclesiam, Kirche - Franziskus - Bewegungen

Kentenich – und Kirchenkrise (2)

Pfr. Kurt Faulhaber, Deutschland •

„Kentenichkrise und Kirchenkrise – zeitgleich. Was haben sie in den Absichten Gottes miteinander zu tun? Zwei Vorgänge, die unsere Herzen außergewöhnlich bewegen. Wie zwei Wellen, die aufeinander zulaufen und sich wechselseitig beeinflussen und verstärken“ – so eröffnete Pfr. Kurt Faulhaber aus dem Institut der Schönstatt-Diözesanpriester vor über einem Monat einen Vortrag auf der Delegiertentagung der deutschen Schönstatt-Bewegung. Ein Vortrag, spezifisch auf diesen Moment und auf die Situation in Deutschland (Synodaler Weg) zugeschnitten. Doch da war jemand, der keine Ruhe gab und immer wieder bedauerte, dass es damals zu wenig Zeit zur Diskussion gab und diese Anregungen eigentlich viel weiter verbreitet und hoffentlich auch diskutiert werden müssten. Mit Zustimmung des Referenten  haben wir in der letzten Woche den ersten Teil zur „Kentenich-Krise“ veröffentlicht und schließen nun den Teil zum Synodalen Weg der deutschen Kirche an. —

Eine Klärung vorweg: Warum ein „deutsches“ Thema auf einer internationalen Webseite?

Gehört ein spezifisch deutsches Thema wie Synodaler Weg  (und die gleiche Frage stellt sich bei spezifisch chilenischen oder spezifisch burundischen Themen genauso) auf eine ausgesprochen international ausgerichtete Webseite von Schönstatt? Das haben wir uns in der Redaktion auch gefragt und unsere Antwort war in diesem (wie in manchen anderen Fällen) Ja. Denn es ist ein Thema der Kirche und die ist, wie auch Schönstatt als Teil davon, universal, weltweit. Und was ein Glied betrifft, betrifft auch das Ganze.

Im konkreten Fall  Synodaler Weg bewegen uns zwei weitere Dinge.

  • Einmal die gravierenden Fehlinformationen über den Synodalen Weg der Kirche in Deutschland und die Kirche Deutschlands insgesamt in einigen eher rechts-konservativ ausgerichteten spanisch- und englischsprachigen Medien, die allerdings (zu unserer Verwunderung?) kirchliche Referenzmedien für zahlreiche Schönstätter sind, von denen einige bereits den Untergang des Abendlandes heraufbeschwören (und Deutschland mit teils kruden Rückstromstheorien vor gefährlichem innerkirchlichem Dialog retten wollen).
  • Zum anderen, weil das (faktisch weitgehend unbekannte) Kirchenbild eines Josef Kentenich ausgesprochen synodal ist. Wie auch das von Papst Franziskus.

Pfr. Kurt Faulhaber ist als deutscher Diözesanpriester eine ausgezeichnete Referenz zu dem Thema. Hier seine Darstellung, die nicht Rezepte liefert, sondern zum Denken und Stellungnehmen aufruft.

Regionenkonferenz des Synodalen Weges am 4. September 2020 in Frankfurt. Foto: Synodaler Weg

Synodaler Weg

Mir wurde die Aufgabe gestellt, in diesem Referat etwas zu sagen über die derzeit unsere deutsche Kirche umtreibenden Fragen  – Stichwort: Synodaler Weg – und wie wir als Schönstätter dazu stehen und damit umgehen können. Das sind „heiße Eisen“.

Ich will vorausschicken: Ich werde hier kein Urteil abgeben über die umstrittenen Fragen. Noch weniger will ich Sie da beeinflussen. Am wenigsten brauchen Sie zu versuchen, aus meinen Worten herauszuhören, was der Bischof von Fulda (Anm. der Redaktion: Bischof Dr. Michael Gerber, Mitglied des Institutes der Schönstatt-Diözesanpriester) darüber denkt.

Auf dem Synodalen Weg prallen die längst bestehenden Gegensätze aufeinander und scheinen unüberwindlich. Welche „Prinzipien“ Pater Kentenichs könnten da hilfreich sein?

Man könnte die „Fronten“ in unserer Kirche mit dem Modell der Dreieinheit von Seins-, Zeiten- und Seelenstimmen so bewerten:

Wer nur die Zeitenstimmen beachtet, ohne Gottes Stimme herauszuhören, der gerät ins Schlepptau des Zeitgeistes.

Wer nur die Seinsstimmen gelten lässt, wird dem Leben nicht gerecht. Das könnte unsere Beiträge kennzeichnen: Die Ausgewogenheit dieser drei Stimmen und in jeder Gottes Stimme zu hören.

Und die Seelenstimmen ins Spiel zu bringen.

Dass ich zu Themen, die einen ganzen Synodalen Weg beschäftigen, nicht mehr als ein paar Andeutungen machen kann, versteht sich von selbst.

Wir gehen entsprechend der vier Synodalforen vor.

1Synodalforum: „Macht und Gewaltenteilung – Gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag“

 

Vor fast 40 Jahren vertrat P. Kentenich eine „sinngemäße organisatorisch-juristische starke Machteinschränkung oder Entmachtung, verbunden mit außergewöhnlich reicher lebensmäßiger Machtfülle“ und nannte dies das „Grund- und Baugesetz“ Schönstatts schlechthin.“[1] Was können wir davon einbringen in den Synodalen Weg? Und wenn er dazu anmerkt: „Hauptaugenmerk und Hauptsorge galt immer dem durchflutenden machtvollen Strom“, dann ist vor allem das strömende seelische Leben in Gemeinschaft das Wesentliche.

Dass die Instruktion aus Rom[2] auf so großen Widerstand stieß, hängt damit zusammen, dass die Laien durchweg aus der Perspektive der Priester gesehen werden, sogar als deren mögliche Konkurrenten. Statt von ihrer eigenen Taufberufung her. Da sind wir besonders angesprochen als Laienbewegung. Unser Vater hat eine spezifische Laienspiritualität entwickelt, abgelesen und Zug um Zug entfaltet aus den in den Seelen entdeckten Charismen und Berufungen. Diesem Leben verhalf er zu verbindlichen Formen in einer Laiensoziologie und schließlich einem mit Rom errungenen Laienrecht.

 

2Synodalforum: „Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“

 

Synodaler Weg

Bischof Dr. Michael Gerber, Fulda. Foto: Synodaler Weg

Es geht nach unserem Gründer um das Ernstnehmen des seelischen Lebens, insbesondere des unbewussten und auch des geschlechtlichen Lebens und des fremden gesunden wie kranken Seelenlebens.
Zwei Anmerkungen: Wenn Sie sich erinnern an die verschiedenen Zitate dazu: Welches Wort fehlt? Er spricht nicht vom „idealen“ Seelenleben. Trotz der Idealpädagogik! Dort, wo es um den konkreten Menschen geht: den bewertet und misst er nicht am Ideal.
In seinen letzten drei Lebensjahren hier in Deutschland sprach unser Vater oft und oft von der „Durchsichtigmachung alles Geschöpflichen und alles Geschlechtlichen“. Beides in einem Atemzug. Eigentlich unlogisch, denn das Geschlechtliche gehört zum Geschöpflichen. Aber die Zeitverhältnisse mit der Hervorkehrung des Sexuellen erforderten diese Akzentsetzung.

Das Entscheidende beim Achten auf diese Seelenstimmen ist, sie als Gottesstimmen zu hören, also uns zu fragen, was Gott uns damit sagen, welche Wünsche er uns mitteilen will. Natürlich sind die Bedürfnisse von Menschen nicht 1 zu 1 auch die Wünsche Gottes! Aber vielleicht 1 zu 10.

Das Bedürfnis in allen Bedürfnissen, die tiefste Sehnsucht jedes Menschenherzens sah unser Vater in dem Bedürfnis, zu lieben und geliebt zu werden. Eine elementare Ausdrucksform ist die geschlechtliche Liebe, nach den Worten unseres Vaters der Körpertrieb, Seelentrieb und Trieb zum Kind. Wir sind uns einig, dass dieser Trieb seine eigentliche natürliche Erfüllung findet in der Ehe von Mann und Frau. So weit gut.

Aber diese Liebeskraft ist genauso in Menschen wirksam, die geschieden sind, noch nicht verheiratet, die eine Person des eigenen Geschlechtes lieben. Ich meine, da sei unsere Art nach der Art unseres Vaters: den betroffenen Menschen zuzuhören, Ehrfurcht zu haben vor ihrer Weise zu lieben. Ja, darüber hinaus: auch in diesen Seelenstimmen die Stimme Gottes zu hören.

Vermutlich sagen Sie: Aber ich kann das nicht gutheißen! Müssen Sie auch nicht. Es genügt, nach dem Bild unseres Vaters: nach dem „Gold“ zu suchen, mit seinen Worten: „Sie werden wohl keinen Menschen finden und entdecken, … in dem nicht ein ganzer Barren von Edelsteinen sitzt. Ich muss das natürlich erst entdecken und erkennen. Natürlich, Sie werden auch niemanden finden, wo dieser Edelstein nicht mit überaus viel Schmutz und Stein, Gestein jeglicher Art, … durchsetzt ist.“[3]

Aber es ist gegen die Lehre der Kirche! Überlassen wir dieses Problem den Theologen. Schönstatts Sendung ist, die Verbindung[4] herzustellen zwischen Wissenschaft und Leben. Also den theologischen aber auch den Humanwissenschaften. Unser Spezifikum: Wie ist das Liebesvermögen lebbar und entfaltbar in der Seele ausnahmslos eines jeden Menschen? Wie kann dessen ureigene Liebe zur Brücke in die Liebe Gottes werden?

Ich glaube, auf diese Weise sind wir auf dem Weg unseres Vaters und müssen uns nicht untereinander polarisieren und von Schönstatt aus nicht Teil der Polarisierung in der Synode sein.

3Synodalforum: „Priesterliche Existenz heute“

 

Verheiratete als Priester? Hören wir wieder auf die Seelenstimmen. Da gibt es die vielen Seelenstimmen junger Männer, die alle Voraussetzungen hätten zum Priesterwerden, darin auch ihre Berufung erkennen könnten, und jeder Regens eines Priesterseminars hielt sie für geeignet, aber sie sehen klar, dass sie zur Ehe bestimmt sind. Es geht mir nur um das eine: Das Ernstnehmen dieser Seelenstimmen und das Fragen, was uns dadurch Gott sagen möchte.

Ich muss Ihnen sagen: Wenn ich das an die Schmerzgrenze gehende Ringen des seligen Karl Leisner um Priestertum oder Ehe lese, habe ich immer den Eindruck: Da erlebt einer intensiv eine tiefe doppelte Berufung : die zum Priestertum und die zur Ehe. Musste er vielleicht zwangsläufig die eine Berufung opfern um der anderen willen?

Gott spricht eben nicht nur durch die massiv rückläufigen Zahlen der Priester. Und es geht nicht nur um die Frage, wie deren Zahl durch viri probati erhöht werden könnten. Viel mehr noch ist hinzuhören: Wohin geht der Ruf Gottes in den Seelen derer, die nach ihrer Berufung suchen?

Synodaler Weg

© Synodaler Weg/Jochen Reichwein

4 Synodalforum: „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“

 

Im Fuldaer Bischofshaus steht ein Korb voller zerbrochener Dachziegeln. Frauen von Maria 2.0 haben sie beschriftet und der Bischofskonferenz überreicht. Ich habe sie gelesen in der Vermutung, dass sie vollgeschrieben sind mit Forderungen nach der Priesterweihe. Keineswegs. Die durchgängige Thema ist, wie sie von Priestern geschätzt und behandelt werden. Z.B. „Unsere Hingabe an Gott und unsere Sorge um den Nächsten werden für klerikale Zwecke ausgenutzt. Was lassen wir uns gefallen um der Sache Jesu willen?“ – „Machtmissbrauch durch Demütigung, Ausgrenzung, Ausnutzung statt Ermutigung, einbeziehen, Geschenk sein“ – „Empathie fehlt.“ Seelenstimmen!

Dass Frauen in Leitungsfunktionen der Kirche gehören vom Vatikan über die Ordinariate bis in die Gemeinden vor Ort, diese Sicht hat sich durchgesetzt. Nur die Umsetzung steht erst am Anfang. Beim Hördejubiläum hier in Schönstatt vor einigen Monaten hat ja Bischof Gerber darauf hingewiesen, wie weitgehend in der Schönstattbewegung Frauen Leitung wahrnehmen, und das nicht als Mitarbeiterinnen und Delegierte von Priestern oder gar abhängig von diesen. Deshalb müssten wir mitbedenken, dass andere mit anderen Vorerfahrungen zu anderen Schlüssen kommen.

Wie aber ist es mit dem Priesterlichen? Steigen wir mit Pater Kentenich auch hier in die Seelentiefen „edler Frauen“ hinab. Da gibt es in Frauen den starken Zug zum Priestersein. Es fällt mir auf, wie viele Frauen berichten, dass in ihnen als Kind, Jugendliche und auch Erwachsene der Wunsch da war, Ministrantin und später Priesterin zu werden. Aber sie bekamen ein „nein“ zu hören. Warum nicht?: „weil du ein Mädchen bist!“. Eine Enttäuschung, ja eine Verletzung, die nachwirkt.

Den seelischen Zug zum Priesterlichen hat unser Vater gefördert. Es gibt Frauenkurse in unserer Bewegung, zu deren Ideal das Priesterliche gehört. Es gab im Gefolge der Mariengartenströmung und als deren Weiterführung von unserem Vater gewollt die Diakoninnenströmung.

Gewiss, daraus wurde nie die Tendenz oder gar die Forderung nach dem amtlichen Diakonat oder zum Priestertum. Es blieb ganz auf der spirituellen Ebene. Es gibt ja die Taufberufung zur Teilnahme am Priestertum Christi für jede Getaufte.

Das hat sich geändert und bricht sich mächtig Bahnen. Ich lege hier kein Wort ein für den Zugang zum Priestertum für Frauen. Aber umso mehr dafür, diese mächtigen Seelenstimmen zu hören und darin auch das Sprechen des Heiligen Geistes mitzuhören.

Dass da auch schräge Töne und fragliche Motive hörbar werden, hat Pater Kentenich für selbstverständlich gehalten auch in seinem Umgang mit Frauen. Mächtige Strömungen schießen auch mal über die Ufer; starkes Leben reißt auch einmal Dämme nieder.

Fragen wir mit dem Synodalen Weg geduldig, was Gottes Geist uns da sagen will:

– Geht es um die Neuentdeckung des geistlichen Priestertums aller Getauften und das auch in ausgeprägt fraulicher Weise?

– Oder lässt der Heilige Geist , ein anderes, von Frauen entwickeltes und geprägtes „Frauenamt“ entstehen? Alternativ zu dem über 2 Jahrtausende männlich geprägten Amtspriestertum? In diese Richtung hat Papst Franziskus gewiesen, als er im Dokument zur Amazonassynode vom „Entstehen anderer spezifisch weiblicher Dienste und Charismen“ schrieb.[5]

Es geht mir nur um das Eine: Gott wirkt in den Tiefen der Seele und dort zeigt er seine Wünsche und bereitet Neues für die Zukunft vor.

Keine Lösungen, sondern Erfahrungen

Wir haben in allen diesen Fragen keine Lösungen von Schönstatt aus anzubieten. Und das ist auch gut; so können wir ehrlich mitsuchen. Wir haben aber – nach den Worten Pater Kentenichs – „Prinzipien“, die wir der Kirche zur Verfügung stellen können. Allerdings sollten wir nicht unsere Prinzipien auf den Tisch legen, sondern unsere Erfahrungen auf Grund solcher Prinzipien in die Gespräche einbringen.

Wir setzen den Weg von Pater Kentenich fort. Aber nicht im Anschluss an ihn, sondern mit ihm.[6] Sein Weg ist unser Weg. Unser Weg ist sein Weg. Das kann uns eine intensivere seelische Nähe zu ihm und zueinander schenken. Ein Mitbruder ist stark davon bewegt. Er schrieb mir – und mit seinen Worten möchte ich schließen:

Es ist die Zeit, in eine neue Herzensgemeinschaft mit unserem Vater und Gründer einzutreten.

Vater, mein Herz in Deinem Herzen!
Vater, Dein Herz in meinem Herzen!
Das Herz des Vaters schlägt in meinem Herzen.
Ich höre auf die Stimme des Herzens und bringe sie ins Wort.
Meine Herzworte bringe ich ins Spiel – in meinem Leben, in meiner Gemeinschaft, in meinen Beziehungen, in der Kirche.

[1] „Josefsbrief“. Das Lebensgeheimnis Schönstatts. I. Teil, S. 24 f
[2] Instruktion der Kongregation für den Klerus: Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche. 29. 06. 2020
[3] Vortrag vom 20. April 1963 an einen Kurs der Schönstattpatres. Zitiert in: King, Durchblick in Texten Bd 3 „In Gemeinschaft seelisch verbunden, Seite 52 bis 63
[4] P. Kentenich spricht vom „Verbindungsoffizier“
[5] Querida Amazonia Nr. 102
[6] In der Schönstattsprache: nicht nur „Gleichschaltung“, sondern „Einschaltung“

 

Kentenich- und Kirchenkrise (1)

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