Veröffentlicht am 2. August 2018 In Dilexit ecclesiam

Zwei Briefe und eine Herausforderung

CHILE, P. Juan Pablo Rovegno •

Wir veröffentlichen einen „Text zum Betrachten der aktuellen Situation der Kirche (in Chile) im Licht unserer Spiritualität“,  verfasst von P. Juan Pablo Rovegno, Leiter der Schönstatt-Bewegung in Chile Wegen der Bedeutung des Themas und der Art und Weise, wie es angegangen wird, halten wir es für sinnvoll, ihn mit Genehmigung des Verfassers auf schoenstatt.org zu verbreiten.

Liebe Familie,

iglesia

Ich möchte den Inhalt eines Vortrags bei zwei Tagungen der Familie, die ich begleitet habe, nämlich der Familie von Valle de Maria (Region Maipú) im Mai und der Familie von Chillán vor wenigen Tagen weitergeben; bei beiden Tagungen ging es um die Krise, die wir als Kirche in Chile durchleben und die auch uns als Schönstattfamilie betrifft, hinterfragt und herausfordert.

P. Juan Pablo Rovegno M.

 

Zwei Briefe und eine Herausforderung

Diese Überlegung stellen wir an im Zusammenhang von zwei Briefen und einer gemeinsamen Herausforderung: der Brief unseres Vaters und Gründers und der Brief des Heiligen Vaters, zwei Briefe, die ihre jeweiligen Empfänger zutiefst erschüttert haben. Beide wurden an die Kirche geschrieben: einer an die deutsche, der andere an die chilenische Kirche. Dazwischen liegen 69 Jahre, und doch sind beide eng verbunden: der erste Brief ermöglicht uns, die Tragweite des zweiten zu verstehen; der zweite Brief ist eine sehr konkrete Anwendung des ersten.

Unser Vater und Gründer schreibt seinen Brief im Zusammenhang der Visitation Schönstatts und der Beobachtungen, die als „Sonderideen“ und „Sonderbegriffe“ betrachtet wurden und insbesondere der Rolle des Gründers der Familie, seiner Autorität und den Vater-Kind-Erfahrungen; und damit verbunden dem Wert der Zweitursachen als Ausdruck, Mittel und Sicherung für unsere Begegnung mit Gott.

Dahinter steht, und dahin geht die Kritik Pater Kentenichs, das mechanistische Denken, das trennt, was verbunden und in gegenseitiger Ergänzung gesehen und gelebt werden muss; es trennt mechanistisch, wo Verbindung sein muss, trennt und schafft Gegensätze, wo es Unterschiede und Polaritäten zur gegenseitigen Ergänzung gibt. Es ist nicht fähig, Gott und Geschöpf, Natur und Gnade, Bindung an Christus und Bindung an Maria, Glauben und Leben, Autorität und Gehorsam, Person und Gemeinschaft zu verbinden. Diese Art des Denkens atomisiert die Realität und zerstört Lebensvorgänge.

Mechanistisches Lieben ist nicht in der Lage, stabile persönliche Beziehungen aufzubauen. Es fällt in Individualismus und Vermassung, Abhängigkeit oder übermäßige Forderungen, und das ohne Fähigkeit zu freier und hochherziger Gemeinschaft.

Mechanistisches Lieben schafft es nicht, eine instinkthafe Affektivität mit natürlicher Liebe, Liebe des Wohlwollens oder übernatürlicher Liebe zu verbinden.

Das Leben des mechanistischen Menschen ist ein atomisiertes, in seinen verschiedenen Dimensionen (persönlich, gemeinschaftlich, sozial, kulturell, kirchlich) unintegriertes, zerrissenes und diskontinuierliches Leben.

Mechanistisches Denken und Leben endet darin, den gesundes Bindungsorganismus zu zerstören, und das aufgrund der Unfähigkeit zu integrieren, zu verknüpfen, zu verbinden und zu integrieren.

Sein Gegenstück ist das organische Lieben, Denken und Leben, bei dem vor allem die Bedeutung der Zweitursachen und die Bindungspädagogik wichting sind: die Schöpfung wird in ihrer Beziehung zu einem persönlichen Gott gesehen; wenn man Maria liebt, liebt man in ihr Christus; wenn man einen Menschen liebt, liebt man in ihm Gott. Und wenn man Gott liebt, dann bedeutet das zwangsläufig Liebe zu den Menschen. Doch auch im Zusammenhang der Selbsterziehung ist organisches Denken, Leben und Lieben eine tragende Säule unserer Spiritualität, denn unsere verletzte und durcheinander geratene Natur muss ernsthaft diesen weg der Heilung, Versöhnung und Reinigung gehen.

In diesem Zusammenhang schreibt Pater Kentenich an eine ritualisierte und liturgisierte Kirche, eine Kirche der Ideen und Vorschriften, in der der Wrt der Person und alles Natürlichen, der Wert der Zweitursachen und letztlich der Wert der Inkarnation, durch denalles Menschliche Weg zu Gott ist, auf ein Minimum reduziert war.

Papst Franziskus schreibt seinen Brief am 31. Mai 2018 (!) im Zusammenhang mit dem MIssbrauch von Autorität und Gewissen und des sexuellen Missbrauchs durch uns als Priester. Er tut es im Zusammenhang der Verengung des Blicks auf die Ereignisse und eine Krise, in erster Linie bei unseren kirchlichen Autoritäten, in der Art und Weise wie man die Realität wahrnimmt und sich mit ihr in Verbindung bringt. Dahinter steckt eine mechanistische Mentalität, und zwar nicht nur in den konkreten schmerzhaften Geschehnissen, sondern noch mehr in der Art und Weise, wie dabei kirchliche Autorität ausgeübt wurde und die Folgen heruntergerechnet wurden. Man hat nicht auf die Gesamtheit und Komplexität des Problems geachtet, sondern aus einer Einseitigkeit und Parteilichkeit darauf geantwortet.

In einfachen Worten: erstens,Tatsachen nicht aufnehmen und sie in die schmerzhafte Realität des Missbrauchs und der ihn begünstigenden Dynamiken integrieren; zweitens, sie nicht aus einer gläubigen, pastoralen und humanen Sichtweise aufnehmen (Nähe und Verständnis gegenüber der missbrauchten Person) und ebensowenig aus einer strafrechtlichen Sicht – denn es handelt sich um Verbrechen, nicht nur um Sünden, und nicht nur um kirchliche Strafverfolgung; drittens, den guten Ruf einer Institution über den Schmerz und die Situation der betroffenen Personen stellen; viertens, den Hintergrund eines Bruches nicht analysieren aus der Art und Weise, wie Autorität ausgeübt wird und dem Raum, der Freiheit und der Achtung vor dem Gewissen des anderen gegeben wird; fünftens, das Juristisch/Kanonische von den Konsequenzen in den verletzten Menschen und der Gesellschaft trennen; sechstens, Ursachen und ihre Folgen nicht analysieren in Verbindung mit gesellschaftlicher Unzufriedenheit, Entfremdung, Ablehnung und Leid gegenüber der Kirche; siebtens, weitermachen wie immer, ohne anzuhalten um nachzudenken und das Geschehene in einen breiteren, transzendenten Zusammenhang zu integrieren.

Die Art und Weise, wie wir die Realität verstehen und unser Bezug zu ihr

Wir könnten weitermachen, doch diese beiden Briefe rütteln uns auf, denn sie stellen die Art und Weise, wie wir die Wirklichkeit verstehen und unseren Bezug zu ihr in Frage, in diesem Fall die schmerzhafte Realität des Missbrauchs ebenso wie die Art und Weise, wie wir auf die Herausforderungen der Zeit antworten.

Die Gefahr liegt in der Antwort, die wir geben, weil auch diese mechanistisch sein kann: das Priestertum unterdrücken oder auf das strikt Sakramentak-Rituelle reduzieren, eine sterilen, distanzierten Kaplan, einen guten Beamten; alle Schutzmaßnahmen durchführen und uns beruhigen in der Sicherheit eines guten Protokolls; Verantwortung übernehmen einschließlich Wiedergutmachungszahlungen, um das Unrecht wiedergutzumachen und glauben, damit sei das Problem gelost… Damit würden wir den Prozess nur teilweise betrachten, die Realität wasserdicht in Einzelteile zerlegen und das Entscheidende übersehen: dass nämlich hinter dem fraglichen Problem eine Art und Weise des Verstehens und Ausübens von Autorität, des Integrierens und Heilens der Emotionalität steht und des Verstehens von Religion über das Wohlverhalten und die Befolgung von Riten und Normen hinaus, des Aufgreifens von Fragen, Konfrontationen und der Suche nach dem Menschen als Möglichkeiten, Führung und Erleuchtung durch Gott zu erleben ebenso wie das Verständnis des Wertes der Freiheit und des persönlichen Gewissens.

Ist es nicht dasselbe, was auf so vielen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens geschieht, wie wir es aktuell erleben?

Der militante Feminimus ist eine Antwort auf den Missbrauch männlicher Autorität und mangelnde Wertschätzung und Integration von Frauen; eine unorganische Folgerung ist es allerdings, den Wert der Unterschiedlichkeit und Komplementarität zu leugnen; die Gender-Ideologie ist eine Antwort auf das das Verweigern von Sichtbarwerden, Begleitung und gesellschaftlicher Integration von bestehenden menschlichen Wirklichkeiten; eine unorganische Folgerung ist es allerdings, die natürliche Ordnung des Menschen und die notwendigen Vorgänge affektiver und sexueller Entwicklung zu zu relativieren oder zu verneinen; die Null-Toleranz-Politik gegenüber Missbrauch ist Antwort auf einen Schmerz, der nie ins Wort gebracht und von den Strukturen und Dynamiken, die ihn begünstigt haben, nicht aufgenommen wurde; eine unorganische Folge ist es aber, den Wert gesunder kindlicher oder abhängiger Bindungen als Weg zur vollen personalen Autonomie zu minimieren oder ganz abzulehnen; das Aufbrechen anarchischer und populistischer politischer Strömungen wie auch soziale Mobilisierungen sind Antwort auf eine auf wenige Privilegierte reduzierte wirtschaftliche Chancen und Entwicklungen und unverhältnismäßigen Reichtum für deren Empfänger; eine unorganische Folgerung besteht aber darin, bewährte Wege und Strukturen zu zerstören und die Unterschiede zu radikalisieren; der Mapuchen-Konflikt ist Folge eines jahrhundertealten Problems und hat zu tun mit dem Respekt vor einem Volk und seinen Bräuchen und seiner Weltanschauung und dessen Integration, doch eine unorganische Folgerung sind Gewalt und Verweigerung der Begegnung und gegenseitiger Bereicherung zwischen den beiden Kulturen; die ökologische Sensibilität ist Antwort auf  den verantwortungslosen Umgang mit der Natur und den Missbrauch der Ressourcen, doch eine unorganische Folgerung ist die Unverhältnismäßigkeit beim Umweltschutz verbunden mit Blindheit gegenüber menschlicher Not.

In diesem Sinn ist die Mission des 31. Mai aktueller als je zuvor:

  1. Wert und Sinn von Autorität als Spiegelbild der mütterlichen/väterlichen Autorität Gottes, die Individualität aufnimmt und begleitet und der Wert der Kindlichkeit als Gegenstück als Weg des Wachsens in Vertrauen, Autonomie und echter Freiheit. Aus einer väterlich-kindlichen Bindung die eigene Mission und Originalität entdecken.
  2. Der Wert der Zweitursachen als Weg zu Gott: die Relevanz des Natürlichen für die Begegung mit dem Gott des Lebens und der Lebensvorgänge.
  3. Der Wert des Natürlichen und Geschöpfichen im Vorgang des Glaubens und des Verständnisses unserer Natur: „Die Gnade baut auf der Natur auf“, „Gnade heilt, erhebt und verbindet die Natur“, „was nicht aufgenommen wird, wird auch nicht erlöst“. In diesem Sinn bekommt ein erneuerter Blick auf die menschliche Emotionalität wie auch die Integration, Erarbeitung und Heilung menschlicher Schwächen einschließlich menschlicher Schuld und Sünde fundamentale Bedeutung.
  4. Der Wert der ganzheitlichen Sicht auf das Leben, auf Lebensvorgänge und alle damit verbundenen Aspekte menschlicher, personaler, pastoraler, institutioneller, gesellschaftlicher, kommunikativer Art.
  5. Der praktische Glaube, der uns ermöglicht, den in den Lebensvorgängen und Ereignissen präsenten und wirkenden Gott zu verstehen.
  6. Unser Bündnis und seine Umsetzung durch unsere Mitarbeit. In diesem Sinne ist der Zug unseres Vaters, der uns heute wohl am meisten herausfordert, der der geschichtsschöpferischen Persönlichkeit, der angesichts der Krise, die wir erleben, aktiv den Epochenwandel mitgestaltet.

Unsere Mission ist aktuell wie nie zuvor, denn sie erscheint im Kontext einer sehr tiefen gesellschaftlichen und kirchlichen Krise. Es geht darum, jetzt einige Dimensionen zu betonen, die uns erlauben, diesen Prozess von innen her zu begleiten und vorauszuschauen, um ihn zu erhellen und zu begleiten; uns dabei von dem, was uns umgibt und berührt ergänzen zu lassen, unsere eigenen Strukturen und Dynamiken zu überprüfen (denn der Missbrauch und seine Verdeckung und die Krise insgesamt sind ja weder  nur außerhalb Schönstatts noch haben wir fertige Antworten darauf), und so in einen schöpferischen und ergänzenden Dialog mit der Realität zu treten.

Es ist eine Krise, die auch uns als Gemeinschaft der Schönstatt-Patres direkt betrifft und schmerzt aufgrund von Situationen, in denen die Art und Weise, wie wir Autorität ausgeübt haben, Schaden angerichtet hat und wegen Missbrauchs an konkreten Menschen und aufgrund von Unterlassung oder schwacher oder irrender Führung. Wir können mit Schmerz und in Demut nur versichern, dass wir diesen kirchlichen Prozess, den wir begonnen haben, nur begleiten können, wenn wir unsere eigene Verantwortung annehmen und auch unsere Solidarität mit einer verletzten Kirche und Gesellschaft.

Einige Akzente:

  1. Eine Kirche als Familie, Vaterprinzip, Mutter-, Kinder- und Geschwisterprinzip Alles und alle vereinigende Kirche inmitten der  Realität der Menschen und wo Heiligkeit in und aus dem konkreten Leben der Menschen und ihrer Lebensprozesse wächst.
  2. Eine Dialogkirche, in der die Herausforderungen, die Bedürfnisse, die Möglichkeiten und die Schwierigkeiten gemeinsam mit einem mitverantwortlichen und vorausschauenden Blick diskutiert, angegangen, angenommen werden.
  3. Eine einfache Kirche, denn das wichtigste sind die Menschen und die Begegnung mit Gott in unserem Leben und unserer Geschichte.  In diesem Sinne müssen unsere Strukturen und Formen, unsere Räume und Inhalte geeignet sein für die Begegnung mit allen. Aber auch einfach genug, um unsere Grenzen und Schwächen, Sünden und Verbrechen anzuerkennen.
  4. Eine Kirche im Herausgehen, eine Kirche zur Begegnung, die sichere und bekannte Räume hinter sich lässt, neue Formen sucht und mit der Realität in Dialog tritt, sich auf die Realität einlässt zur gegenseitigen Bereicherung. Eine Kirche, die wenn sie auch Verwurzelung und Räume der Verwurzelung braucht, wenn sie auch eine Wahrheit und eine Empfehlung hat, in Beziehung tritt mit und Teil wird von einer Welt in ständiger Spannung und Entwicklung, in Suche und Konfrontation, in Dialog und Gestaltung.
  5. Eine betende Kirche, die anzuhalten versteht um zu beten, nachzudenken und und ihre Gabe und Aufgabe in der konkreten Welt voranzubringen weiß. Die fähig ist, anzubieten und zu gutzumachen, zu liebe und geliebt zu werden. Betend im Sinne von Anhalten um sich bewegen, berühren, ergänzen und bereichern zu lassen von der Realität. Betend, um einen in der Realität präsenten Gott zu entdecken.
  6. Eine Kirche, die Mutter ist, die in ihrem Schoß alle menschlichen Wirklichkeiten birgt, insbesondere diejenigen, die Barmherzigkeit und Beheimatung am meisten brauchen, um sie zu Gott, zum Gott jeder menschlichen Wirklichkeit, zu einem persönlichen Gott, zu führen.
  7. Eine Kirche Christi, in der die große Herausforderung darin besteht, Christus in mitten dieser Welt zur Welt zu bringen und die Welt zu Christus, zur Begegnung mit dem Auferstandenen. Christus in seinen Haltungen, seinen Gesten und Worten der Erlösung.

 

Eine Dimension, die einen eigenen Abschnitt verdient und nicht unter dem der einfachen Kirche eingeordnet werden soll, ist der einer in ihrer Misere barmherzigen Kirche, die genau dadurch zur legitimen Trägerin der Barmherzigkeit für die Menschheit wird. Eine Beteuerung, die der Heilige Vater in seinen Worten an die Mitglieder des geweihten Lebens in der Kathedrale von Santiago erläuterte und die er selbst aufgrund der nachfolgenden Geschehnisse annehmen musste.

Und die Herausforderung…die Kirche in genau diesen Umständen zu lieben, was nicht heißt, das nicht zu rechtfertigende zu rechtfertigen, das nicht zu verteidigende zu verteidigen, das offensichtliche zu relativieren. Vielmehr geht es darum, unseren Glauben in dieser und in diese Kirche Jesu Christi zu erneuern und gemeinsam den notwendigen Weg der Unterscheidung der Geister, der Umkehr und Erneuerung zu gehen. Sie zu lieben bedeutet in diesem Zusammenhang, aktiv bei diesem Prozess mitzuwirken.

Interessant wäre es, die Aktualität der ausgewählten Texte unseres Vaters zur „Erneuerten Kirche“ (von Dr. Peter Wolf, 2004) zu betrachten.

Brief von Papst Franzsikus an die chilenische Kirche (dies ist der Brief an die Bischöfe vom April 2018)
Der Brief vom 31. Mai 2018 liegt nicht in deutscher Übersetzung vor, die ausführlichste deutschsprachige Dokumentation befindet sich HIER

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