Veröffentlicht am 8. Januar 2017 In Franziskus - Botschaft

Vor Gott klagen ist eine Form des Gebets

FRANZISKUS IN ROM •

„Dann werde ich aber in diesen Tagen mal eine ernste Unterhaltung mit der Gottesmutter und dem Herrn haben“, sagt mir mein Freund José A., nachdem wir uns per Whatsapp ein wenig über die Katechese von Papst Franziskus am 28. Dezember ausgetauscht haben, in der er sagt: „Vor dem Herrn zu klagen ist eine Form des Betens. Manchmal höre ich, wenn ich die Beichte abnehme: »Ich habe mich beim Herrn beschwert …«, und [ich antworte]: »Aber nein! Klage vor ihm, er ist der Vater!« Und das ist eine Form des Betens: Klage vor dem Herrn, das ist gut.“

Er ist der Vater. Wirklich Vater. Wie oft habe ich mich als Kind und Jugendliche bei meinem Vater beschwert, geschimpft, eine sofortige und vollständige Antwort gefordert auf all das, was ich an seinen Entscheidungen, in der Kirche, in Schönstatt, in der ganzen Welt nicht verstanden habe, nicht richtig fand. Wie oft stieg die Lautstärke bei diesen „Unterhaltungen“ beträchtlich. Wie oft hatte ich dann das letzte Wort mit einem frechen: „Und jetzt, wer hat mich denn dazu erzogen, frei und stark zu sein und Wahrheit und Gerechtigkeit zu fordern? Wer hat mich denn mit dem von deinem Kentenich erzogen?

Ich hätte dazu fügen sollen: Wer hat mich denn dazu erzogen, echtes Kind vor einem echten Vater zu sein? Jahre hat es gedauert, bis ich dieses verstohlene Lächeln meines Vaters beim Anblick seiner meckernden, herausfordernden Tochter (Fußstampfen inklusive) begriffen habe, diesen versteckten Stolz eines großartigen Erziehers, der still und leise dachte: Auftrag erfüllt. Könnte Gott denn weniger glücklich sein mit einem Kind, das ihn als Vater ernst nimmt, mit allen Klagen und Beschwerden? Mit aller Lautstärke und Fußstampfen vor Zorn und Schmerz angesichts von Unrecht und Verbrechen? Was doch alles in Wirklichkeit Zeichen einer Hoffnung sind, die sich nicht geschlagen gibt, einer Hoffnung auf einen wirklich auch in meinem Leben und im Leben derer, die ich liebe, allmächtigen und guten Gott.

Franziskus nutzte die letzte Audienz des Jahres 2016, um erneut über die Hoffnung zu sprechen, Hoffnung als Glauben an die Verheißung Gottes über jede menschliche Vernunft und jedes menschliche Verstehen hinaus, so wie es Abraham erlebte, als Gott ihm Nachkommen verhieß.

Vollständiger Text in der Übersetzung von Radio Vatikan:

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Im Römerbrief ruft uns der heilige Paulus die große Gestalt Abrahams in Erinnerung, um uns den Weg des Glaubens und der Hoffnung aufzuzeigen. Über ihn schreibt der Apostel: »Gegen alle Hoffnung hat er voll Hoffnung geglaubt, dass er der Vater vieler Völker werde« (Röm 4,18); »gegen alle Hoffnung […] voll Hoffnung«. Diese Haltung ist stark: Auch wenn es keine Hoffnung gibt, glaube ich. Und so auch unser Vater Abraham. Der heilige Paulus nimmt Bezug auf den Glauben, mit dem Abraham an das Wort Gottes glaubte, der ihm einen Sohn verheißen hatte. Aber es war wirklich ein Vertrauen in der Hoffnung »gegen alle Hoffnung«, so unvorstellbar war das, was der Herr ihm verkündete, denn er war alt – er war fast 100 Jahre alt –, und seine Ehefrau war unfruchtbar. Sie hat es nicht geschafft! Aber Gott hat es gesagt, und er glaubte. Es gab keine menschliche Hoffnung, denn er war alt und seine Ehefrau unfruchtbar: Und er glaubte.

Ein Sohn als Geschenk

Im Vertrauen auf diese Verheißung macht Abraham sich auf den Weg, verlässt seine Heimat und wird zum Fremden, indem er auf diesen »unmöglichen« Sohn hofft, den Gott ihm schenken sollte, obwohl Saras Schoß bereits gleichsam tot war. Abraham glaubt, und sein Glaube öffnet sich für eine scheinbar unvernünftige Hoffnung; sie ist die Fähigkeit, über den menschlichen Verstand, die Weisheit und die Klugheit der Welt hinauszugehen, über das hinaus, was gewöhnlich als gesunder Menschenverstand gilt, um an das Unmögliche zu glauben. Die Hoffnung öffnet neue Horizonte, sie versetzt uns in die Lage, das zu träumen, was nicht einmal vorstellbar ist. Die Hoffnung lässt einen in die Dunkelheit einer ungewissen Zukunft eintreten, um im Licht zu wandeln. Die Tugend der Hoffnung ist schön; sie gibt uns viel Kraft für den Lebensweg.

Es ist jedoch ein schwieriger Weg. Und auch für Abraham kommt der Augenblick der Krise und der Verzagtheit. Er hat vertraut, hat sein Haus verlassen, sein Land, seine Freunde…, alles. Er ist aufgebrochen, ist angekommen in dem Land, das Gott ihm gezeigt hat, die Zeit ist vergangen. Damals war das Reisen nicht so wie heute, mit Flugzeugen – in wenigen Stunden ist man da. Man brauchte Monate, Jahre! Die Zeit ist vergangen, aber der Sohn kommt nicht, Saras Schoß bleibt verschlossen in ihrer Unfruchtbarkeit.

Und Abraham verliert nicht gerade die Geduld, aber er klagt vor dem Herrn. Auch das lernen wir von unserem Vater Abraham: Vor dem Herrn zu klagen ist eine Form des Betens. Manchmal höre ich, wenn ich die Beichte abnehme: »Ich habe mich beim Herrn beschwert…«, und [ich antworte]: »Aber nein! Klage vor ihm, er ist der Vater!« Und das ist eine Form des Betens: Klage vor dem Herrn, das ist gut. Abraham klagt vor dem Herrn und sagt: »Herr, mein Herr […] Ich gehe doch kinderlos dahin, und Erbe meines Hauses ist Eliëser aus Damaskus [Eliëser war der, der alles verwaltete]. Und Abram sagte: Du hast mir ja keine Nachkommen gegeben; also wird mich mein Haussklave beerben. Da erging das Wort des Herrn an ihn: Nicht er wird dich beerben, sondern dein leiblicher Sohn wird dein Erbe sein. Und er führte ihn hinaus und sprach: Sieh doch zum Himmel hinauf, und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst. Und er sprach zu ihm: So zahlreich werden deine Nachkommen sein. Abram glaubte dem Herrn, und der Herr rechnete es ihm als Gerechtigkeit an« (Gen 15,2-6).

Die Szene spielt sich nachts ab. Draußen ist es dunkel, aber auch im Herzen Abrahams herrscht die Dunkelheit der Enttäuschung, der Entmutigung, der Schwierigkeit, weiter auf etwas Unmögliches zu hoffen. Der Erzvater ist bereits hochbetagt, es scheint keine Zeit mehr zu geben für einen Sohn, und ein Haussklave wird wohl an seine Stelle treten und alles erben.

Abraham wendet sich an den Herrn, aber wenngleich Gott dort anwesend ist und mit ihm spricht, ist es als hätte er sich entfernt, als wäre er seinem Wort nicht treu geblieben. Abraham fühlt sich allein, ist alt und müde, der Tod steht ihm bevor. Wie soll er weiter Vertrauen haben?

Dennoch ist bereits sein Klagen eine Form des Glaubens; es ist ein Gebet. Trotz allem glaubt Abraham weiterhin an Gott und hofft, dass noch etwas geschehen könnte. Warum sonst sollte er an den Herrn appellieren, vor ihm klagen, ihm seine Verheißungen in Erinnerung rufen? Der Glaube ist nicht nur Stillschweigen, das alles hinnimmt, ohne etwas zu entgegnen, die Hoffnung ist keine Gewissheit, die dich vor Zweifel und Ratlosigkeit in Sicherheit bringt. Oft ist die Hoffnung Dunkelheit; aber die Hoffnung ist da… sie bringt dich voran. Glaube bedeutet auch, mit Gott zu ringen, ihm unsere Bitterkeit zu zeigen, ohne »fromme« Verstellung. »Ich bin zornig geworden gegenüber Gott und habe ihm dieses und jenes gesagt…« Aber er ist Vater, er hat dich verstanden: Geh in Frieden! Man muss diesen Mut haben! Und das ist die Hoffnung. Und Hoffnung bedeutet auch, keine Angst zu haben, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist, und ihre Widersprüche zu akzeptieren.

Auf das Wort des Herrn vertrauen

Abraham wendet sich also im Glauben an Gott, damit er ihm hilft, weiter zu glauben. Seltsamerweise hat er nicht um einen Sohn gebeten. Er bat: »Hilf mir, auch weiterhin zu glauben« – das Gebet, Glauben zu haben. Und der Herr antwortet, indem er auf seiner unvorstellbaren Verheißung beharrt: Nicht ein Haussklave wird der Erbe sein, sondern ein Sohn, der aus Abraham geboren, von ihm gezeugt ist. Von Seiten Gottes hat sich nichts geändert. Er bekräftigt auch weiterhin das, was er bereits gesagt hatte, und bietet Abraham keinen Halt an, um ihn zu beruhigen. Seine einzige Sicherheit besteht darin, auf das Wort des Herrn zu vertrauen und weiter zu hoffen.

Und das Zeichen, das Gott Abraham schenkt, ist eine Bitte, weiter zu glauben und zu hoffen: »Sieh doch zum Himmel hinauf, und zähl die Sterne […] So zahlreich werden deine Nachkommen sein« (Gen 15,5). Es ist eine weitere Verheißung, es ist noch etwas, was er für die Zukunft erwarten kann. Gott führt Abraham aus dem Zelt – in Wirklichkeit aus seiner verengten Sichtweise – hinaus und zeigt ihm die Sterne. Um zu glauben ist es notwendig, mit den Augen des Glaubens sehen zu können: Es sind nur Sterne, die alle sehen können, aber für Abraham sollen sie zum Zeichen der Treue Gottes werden.

Das ist der Glaube, das ist der Weg der Hoffnung, den ein jeder von uns beschreiten muss. Wenn auch uns als einzige Möglichkeit bleibt, die Sterne zu betrachten, dann ist es Zeit, auf Gott zu vertrauen. Es gibt nichts Schöneres. Die Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen. Danke.

(Orig. ital. in O.R. 29.12.2016)

* EN: Children ? in their interior simplicity ? bring with them the capacity to receive and give tenderness. * PT: As crianças ? na sua simplicidade interior ? têm em si a capacidade de receber e dar ternura. * ES: Los niños ?en su sencillez interior? llevan consigo la capacidad de recibir y dar ternura. * ITA: I bambini - nella loro semplicità interiore - portano con sé la capacità di ricevere e dare tenerezza. * FR: Les enfants ? dans leur simplicité intérieure ? portent en eux la capacité de recevoir et de donner de la tendresse. * DE: Die Kinder bringen ? in ihrer inneren Einfachheit ? die Fähigkeit mit, Zärtlichkeit zu empfangen und zu geben. #Tenerezza, #Ternura, #Zärtlichkeit, #Tendresse, #Tenderness

Die Katechesen über die Hoffnung:

14. Dezember:

http://w2.vatican.va/content/francesco/de/audiences/2016/documents/papa-francesco_20161214_udienza-generale.html

21. Dezember (nur als Zusammenfassung)

http://de.radiovaticana.va/news/2016/12/21/generalaudienz_eine_sichtbare_und_verstehbare_hoffnung/1280566

 

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