Veröffentlicht am 2016-12-10 In Franziskus - Botschaft

Auch unternehmerisches Handeln kann ein Werk der Barmherzigkeit sein

FRANZISKUS AN DIE TEILNEHMER DER INTERNATIONALEN KONFERENZ DES BUNDES KATHOLISCHER UNTERNEHMER (UNIAPAC)

“Auch unternehmerisches Handeln kann ein Werk der Barmherzigkeit sein“, erinnerte Papst Franziskus am 17. November die  über 500 Teilnehmer der internationalen Konferenz des Bundes Katholischer Unternehmer (UNIAPAC) in Rom, die dort in Zusammenarbeit mit dem Päpstlichen Rat Iustitia et Pax unter dem Thema: „Wirtschaftsführer als Agenten der sozial-ökonomischer und sozialen Inklusion“ stattfind.

Die Konferenz war eine Folgeveranstaltung der Konferenz des Jahres 2014, an der Papst Franziskus ebenfalls teilgenommen hatte, und bei der es um das Globale Gemeinwohl gegangen war.

In seinem Vortrag sprach Papst Franziskus drei Risiken an, die mit unternehmerischem Handeln verbunden sind: das Risiko, das Geld gut zu gebrauchen, das Risiko der Ehrlichkeit und das Risiko der Brüderlichkeit – Themen, die auch bei den Unternehmern und Führungskräften aus der Schönstatt-Bewegung, die sich im CIEES (Konferenz schönstättischer Unternehmer und Führungskräfte) zusammengeschlossen haben, immer wieder aktuell sind. Korruption, Flüchtlinge, aus dem Ruder gelaufene Finanzgeschäfte, Waffenhandel, Menschenhandel –  sehr konkret und sehr nah geht Papst Franziskus diese Themen an.

Zum Schluss wies Papst Franziskus auf den argentinischen Unternehmer Enrique Shaw hin, dessen Seligsprechungsprozess auf seine Anregung als Erzbischof von Buenos Aires hin eröffnet wurde. Er fügte an: „Ich lege Ihnen nahe, seinem Vorbild zu folgen und – was die Katholiken betrifft – um seine Fürsprache zu bitten, um gute Unternehmer zu sein.“

Vollständiger Text der Ansprache von Papst Franziskus

Herr Kardinal,

Herr Präsident der UNIAPAC,

liebe Freunde!

Sie sind nach Rom – in den Vatikan – gekommen auf Einladung von Kardinal Peter Turkson sowie der Autoritäten des Internationalen Bundes katholischer Unternehmer, mit dem edlen Anliegen, über die Rolle der Unternehmer als Akteure wirtschaftlicher und sozialer Inklusion nachzudenken. Ich möchte Sie schon jetzt meiner Ermutigung und meines Gebets versichern. Die göttliche Vorsehung wollte es, dass diese Begegnung der UNIAPAC mit dem Abschluss des Außerordentlichen Jubiläumsjahres der Barmherzigkeit zusammenfällt. Alle menschlichen Tätigkeiten, auch die unternehmerische Tätigkeit, können eine Übung der Barmherzigkeit sein, die Teilhabe an der Liebe Gottes zu den Menschen ist.

Die unternehmerische Tätigkeit nimmt beständig unzählige Risiken auf sich. In den Gleichnissen vom Schatz, der im Acker vergraben ist (vgl. Mt 13,44), und von der wertvollen Perle (vgl. Mt 13,45) vergleicht Jesus das Erlangen des Himmelsreiches mit dem unternehmerischen Risiko. Ich möchte heute mit Ihnen über drei Risiken nachdenken: das Risiko, das Geld gut zu gebrauchen, das Risiko der Ehrlichkeit und das Risiko der Brüderlichkeit.

Zunächst das Risiko, das der Gebrauch des Geldes mit sich bringt. Wenn von Unternehmen die Rede ist, stellt uns das in unmittelbare Beziehung zu einem der schwierigsten Themen im moralischen Bereich: das Geld. Ich habe schon öfter gesagt: »Das Geld ist der Mist des Teufels.« Damit habe ich wiederholt, was die heiligen Väter gesagt haben. Außerdem hat Leo XIII., mit dem die Soziallehre der Kirche ihren Anfang genommen hat, darauf hingewiesen, dass die Geschichte des 19. Jahrhunderts die Nationen »in zwei Klassen geschieden sieht, die eine ungeheure Kluft voneinander trennt« (Enzyklika Rerum novarum, Nr. 35). 40 Jahre später sah Pius XI. das Anwachsen eines »Imperialismus des internationalen Finanzkapitals« voraus (Enzyklika Quadragesimo anno, Nr. 109). Weitere 40 Jahre später klagte Paul VI. in Bezug auf die Enzyklika Rerum novarum an: Allzu konzentrierte Macht und Verfügungsgewalt kann »zu einer neuen, unzulässigen Form wirtschaftlicher Macht führen, und zwar auf dem sozialen Gebiet, in der geistigen Bildung und auch in der Politik« (Apostolisches Schreiben Octogesima adveniens, Nr. 44).

Im Gleichnis vom klugen Verwalter mahnt Jesus, sich mit Hilfe des ungerechten Mammons Freunde zu machen, um in die ewigen Wohnungen aufgenommen zu werden (vgl. Lk 16,9-15). Alle Kirchenväter haben diese Worte in dem Sinne ausgelegt, dass der Reichtum gut ist, wenn er in den Dienst des Nächsten gestellt wird, andernfalls ist er ungerecht (vgl. Catena Aurea: Evangelium nach Lukas 16,8-13). Das Geld muss also dienen statt zu regieren. Das ist ein Grundprinzip: Das Geld muss dienen statt zu regieren. Das Geld ist nur ein technisches Hilfsmittel zum Vergleich zwischen Werten und Rechten, zwischen Pflichterfüllung und Sparen. Wie jede Technik hat das Geld keinen neutralen Wert, sondern es erhält seinen Wert je nach dem Zweck und den Umständen, in denen es gebraucht wird. Wenn man sich für die Neutralität des Geldes ausspricht, unterwirft man sich seiner Macht. Unternehmen dürfen nicht dazu da sein, um Geld zu verdienen, auch wenn das Geld dazu dient, ihr Funktionieren zu bemessen. Unternehmen sind da, um zu dienen.

Daher ist es dringend notwendig, den sozialen Sinn von Finanz- und Bankgeschäften zurückzugewinnen, mit dem guten Verstand und Erfindungsreichtum der Unternehmer. Das setzt voraus, das Risiko auf sich zu nehmen, sich das Leben komplizierter zu machen und auf bestimmte wirtschaftliche Einnahmen zu verzichten. Kredite müssen zugänglich sein für Wohnraum der Familien, für kleine und mittlere Unternehmen, für Bauern, für Erziehung und Bildung, besonders im Grundschulbereich, für das allgemeine Gesundheitswesen, für die Verbesserung und die Integration ärmerer Stadtteile. Eine ökonomische Logik des Marktes macht Kredite für jene, die größere Ressourcen besitzen, zugänglicher und günstiger und für jene, die weniger haben, teurer und schwieriger zu erlangen – bis die ärmsten Bevölkerungsschichten am Ende in den Händen skrupelloser Wucherer zurückbleiben. Ebenso wird auf internationaler Ebene die Finanzierung der ärmsten Länder leicht zu einem Wuchergeschäft. Das ist eine der großen Herausforderungen für den unternehmerischen Sektor – und für die Ökonomen allgemein –, der dazu aufgerufen ist, für einen stabilen und ausreichenden Kreditfluss zu sorgen, der niemanden ausschließt und der unter gerechten und machbaren Bedingungen tilgbar ist.

Auch wenn man die Möglichkeit einräumt, unternehmerische Mechanismen zu schaffen, die allen zugänglich sind, die zum Wohl aller funktionieren, muss man zugeben, dass es stets einer großherzigen und reichlichen Unentgeltlichkeit bedarf. Es bedarf auch staatlicher Eingriffe, um bestimmte kollektive Güter zu schützen und die Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse zu gewährleisten. Mein Vorgänger, der heilige Johannes Paul II., hat gesagt, dass dies zu ignorieren zu einer »›Vergötzung‹ des Marktes« führe (Enzyklika Centesimus annus, Nr. 40).

Noch ein zweites Risiko müssen die Unternehmer auf sich nehmen: das Risiko der Ehrlichkeit. Die Korruption ist die schlimmste soziale Plage. Sie ist die Lüge, unter dem Anschein des Dienstes an der Gesellschaft nach persönlichem Profit oder nach dem der eigenen Gruppe zu streben. Sie ist die Zerstörung des Sozialgefüges unter dem Anschein der Beachtung des Gesetzes. Sie ist das Gesetz des Dschungels, als scheinbare soziale Vernunft maskiert. Sie ist Täuschung und Ausbeutung der Schwächeren oder der weniger Informierten. Sie ist gröbster Egoismus, verborgen hinter einer scheinbaren Großherzigkeit. Die Korruption wird durch die Anbetung des Geldes erzeugt und wendet sich auch gegen den Korrupten selbst, der zum Gefangenen dieser Anbetung wird. Die Korruption ist Betrug an der Demokratie und öffnet anderen schrecklichen Übeln die Tore, wie Drogenhandel, Prostitution und Menschenhandel, Sklaverei, Organhandel, Waffenhandel und so weiter. Korruption bedeutet, dem Teufel, dem Vater der Lüge, nachzufolgen.

Zweifellos »betrifft die Untugend der Korruption nicht ausschließlich die Politik. Es gibt Korruption in der Politik, es gibt Korruption in den Unternehmen, es gibt Korruption in den Kommunikationsmitteln, es gibt Korruption in den Kirchen, und es gibt auch Korruption in den sozialen Organisationen und in den Volksbewegungen« (Ansprache an die Teilnehmer an der Internationalen Begegnung der Volksbewegungen, 5. November 2016).

Eine der notwendigen Voraussetzungen für den sozialen Fortschritt ist die Beseitigung der Korruption. Es kann passieren, dass Unternehmer sich versucht sehen, Erpressungs- oder Nötigungsversuchen nachzugeben, indem sie sich rechtfertigen mit dem Gedanken, das Unternehmen und seine Mitarbeiter zu retten, oder indem sie meinen, dass es zum Wachstum des Unternehmens beiträgt und sie sich eines Tages von dieser Plage befreien können. Auch kann es geschehen, dass sie in die Versuchung geraten zu meinen, es handle es um etwas, das alle tun, und dass kleine Bestechungen, die darauf ausgerichtet sind, kleine Vorteile zu erzielen, keine große Bedeutung hätten. Durch jeden – aktiven oder passiven – Korruptionsversuch beginnt man bereits, den Götzen Geld anzubeten.

Das dritte Risiko ist die Brüderlichkeit. Wir haben daran erinnert, dass Johannes Paul II. uns gelehrt hat: »Noch vor der Logik des Austausches […] gibt es etwas, das dem Menschen als Menschen zusteht, das heißt auf Grund seiner einmaligen Würde« (Enzyklika Centesimus annus, Nr. 34). Auch Benedikt XVI. hat die Bedeutung der Unentgeltlichkeit als unverzichtbares Element des sozialen und wirtschaftlichen Lebens betont und gesagt: »Die Liebe in der Wahrheit stellt den Menschen vor die staunenswerte Erfahrung des Geschenks […], das seine transzendente Dimension ausdrückt und umsetzt […] Eine wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Entwicklung, die wahrhaft menschlich sein will, [muss] dem Prinzip der Unentgeltlichkeit als Ausdruck der Brüderlichkeit Raum geben« (Enzyklika Caritas in veritate, Nr. 34).

Die unternehmerische Tätigkeit muss stets das Element der Unentgeltlichkeit einschließen. Die gerechten Beziehungen zwischen Vorständen und Arbeitern müssen von allen Seiten geachtet und gefordert werden; gleichzeitig ist das Unternehmen jedoch eine Arbeitsgemeinschaft, in der alle Achtung und brüderliche Anerkennung von Seiten der Vorgesetzten, Kollegen und Untergebenen verdienen. Die Achtung des anderen als Bruder muss auch auf die örtliche Gemeinschaft erweitert werden, in der das Unternehmen physisch verortet ist. Und in gewisser Weise müssen alle rechtlichen und wirtschaftlichen Beziehungen des Unternehmens gemäßigt und von einer Atmosphäre der Achtung und der Brüderlichkeit umgeben sein. Es fehlt nicht an Beispielen solidarischen Handelns zugunsten der Notleidenden durch Mitarbeiter von Unternehmen, Kliniken, Universitäten oder anderen Arbeits- und Forschungsgemeinschaften. Dies muss ein gewöhnliches Verhalten sein, die Frucht tiefer Überzeugung von Seiten aller, und darf sich nicht auf gelegentliche Aktionen beschränken, die dazu dienen, das Gewissen zu beruhigen, oder – noch schlimmer – einen Werbenutzen zu erzielen.

Was die Brüderlichkeit betrifft, so darf ich es nicht unterlassen, mit Ihnen über das Thema der Auswanderung und der Flüchtlinge zu sprechen, das unser Herz bedrückt. Heute sind die Auswanderung und die Vertreibung zahlloser Menschen auf der Suche nach Schutz zu einem dramatischen menschlichen Problem geworden. Der Heilige Stuhl und die Ortskirchen unternehmen außerordentliche Anstrengungen, um die Ursachen dieser Situation wirksam zu bekämpfen, indem sie versuchen, die im Krieg befindlichen Regionen und Länder zu befrieden und den Geist der Aufnahme fördern; aber nicht immer erlangt man alles, was man wünscht. Ich bitte auch Sie um Hilfe. Bemühen Sie sich einerseits, die Regierungen zu überzeugen, auf jegliche Art kriegerischer Handlungen zu verzichten – wie es im Geschäftsleben heißt: Eine »schlechte« Vereinbarung ist immer noch besser als ein »guter« Streit. Setzen Sie sich gemeinsam dafür ein, würdige, stabile und zahlreiche Arbeitsplätze zu schaffen, sowohl in den Herkunftsländern als auch in den Aufnahmeländern, und in diesen sowohl für die ansässige Bevölkerung als auch für die Einwanderer. Es muss dafür gesorgt werden, dass die Einwanderung weiterhin ein wichtiger Entwicklungsfaktor bleibt.

Die Mehrheit von uns, die wir hier anwesend sind, gehört Auswandererfamilien an. Unsere Großeltern oder Eltern sind aus Italien, Spanien, Portugal, dem Libanon oder anderen Ländern nach Süd- und Nordamerika gekommen, fast immer in äußerster Armut. Sie konnten eine Familie voranbringen, Fortschritte machen und sogar zu Unternehmern werden, weil sie aufnahmebereite Gesellschaften gefunden haben, die manchmal ebenso arm waren wie sie, aber bereit, das Wenige, was sie hatten, zu teilen. Bewahrt und übertragt diesen Geist, der christliche Wurzeln hat, und zeigt auch hier Unternehmergeist.

UNIAPAC und ACDE beschwören in mir die Erinnerung an den argentinischen Unternehmer Enrique Shaw, einen ihrer Gründer, herauf. Ich durfte seinen Seligsprechungsprozess fördern, als ich Erzbischof von Buenos Aires war. Ich lege Ihnen nahe, seinem Vorbild zu folgen und – was die Katholiken betrifft – um seine Fürsprache zu bitten, um gute Unternehmer zu sein.

Am vorletzten Sonntag hat das Evangelium uns die Berufung des Zachäus vor Augen gestellt (vgl. Lk 19,1-10), jenes reichen obersten Zollpächters von Jericho, der auf einen Baum stieg, um Jesus sehen zu können, und den der Blick Jesu zu einer tiefen Umkehr führte. Möge diese Konferenz gleichsam der Maulbeerfeigenbaum von Jericho sein: ein Baum, auf den Sie alle steigen können, um durch die wissenschaftliche Diskussion der Aspekte der unternehmerischen Tätigkeit dem Blick Jesu zu begegnen und daraus nachhaltige Orientierungen zu erlangen, um dafür zu sorgen, dass die Arbeit all Ihrer Unternehmen immer und nachhaltig das Gemeinwohl fördern möge.

Ich danke Ihnen für diesen Besuch beim Nachfolger des heiligen Petrus; und ich bitte Sie, allen Ihren Angestellten, Arbeitern und Mitarbeitern sowie Ihren Familien meinen Segen zu überbringen. Bitte vergessen Sie nicht, für mich zu beten. Vielen Dank.

(Orig. span., ital. in O.R. 18.11.2016. Deutsch Osservatore Romano Nr. 49, S. 9)

 

Schlagworte: , , , , , , , , , , , , , , , ,