Veröffentlicht am 2016-07-12 In Franziskus - Botschaft

Ein Leben im Herausgehen: ganz nach vorne gerichtet… Peter und Paul mit Franziskus in Rom

ROM/VATIKAN, von Maria Fischer •

„Nie im Leben hätte ich mir träumen lassen, hier zu sein“, sagt Mercedes MacDonough. „Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich im Petersdom bin, bei einer Messe von Papst Franziskus – und das am Fest Peter und Paul!“ Bewegt und zärtlich hebt sie ihre Pilgernde Gottesmutter und das kleine Kreuz des „Christus der Wunder“ von Salta, Argentinien, in die Höhe, das sie am Nachmittag dieses Tages in das Zimmer Nr. 101 in der Domus Pater Kentenich in Belmonte bringen wird, in das Zimmer, das den Namen „Argentinien“ trägt.

Es ist der 29. Juni, ein Mittwoch, und ihr großer Wunsch, an der Generalaudienz von Papst Franziskus teilzunehmen, ließ sich nicht erfüllen, weil der 29. Juni nach Ostern und Weihnachten das größte Fest im Vatikan ist, wie Father Simon Donnelly vom Staatssekretariat erklärt. Was jetzt? Es ist die festliche Messe im Petersdom mit dem Papst… Und… Fr. Simon Donnelly schafft es und besorgt Karten für zwei Frauen aus seiner früheren Pfarrei in Südafrika und für die kleine Delegation aus Argentinien, die nach Rom gekommen ist, um die Symbole Argentiniens nach Belmonte zu bringen. Gleich nachdem die Gruppe durch das Tor des Vatikan geschritten ist, begegnet sie dem neuen Erzbischof von La Habana (mehrere der Bilder der Pilgernden Gottesmutter für Kuba wurden über das Bischofshaus in La Habana geschickt). Die Gruppe lässt sich hineinnehmen in die Freude, Festlichkeit, Internationalität dieser Festmesse, bei der den neuen Erzbischöfen das Pallium überreicht wird.

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Tu es Petrus…

Der Papst gibt hat eine klare Botschaft, spricht vom Leben im Herausgehen, ruft dazu auf, jede Art von Verschlossenheit zu überwinden und sich wie Petrus befreien zu lassen aus „aus dem Gefängnis seines stolzen Ich und seines ängstlichen Ich“, die Kirche für alle zu öffnen …

Nach der Messe gibt  Fr. Simon Donnelly der Gruppe eine kurze Führung durch den Petersdom – aber was für eine! Wir stehen zusammen mit den Erzbischöfen und ihren engsten Angehörigen unter dieser majestätischen Kuppel mit der beeindruckenden Inschrift: „Tu es Petrus…“, und während die Pilger freundlich aber bestimmt aus dem Petersdom herausgeleitet werden, beten wir an der Confessio über dem Grab des heiligen Petrus… Ja, es ist wirklich das Grab des Heiligen Petrus, das gegen alle wissenschaftlichen und theologischen Infragestellungen über Jahrhunderte von Pilgern besucht wurde, die die letzte Ruhestätte des ersten Papstes der Kirche suchen und besuchen wollten. Im Gedächtnis der Pilger bewahrte sich das Wissen um das Petrusgrab. Später erzählt Fr. Simon die Geschichte der Entdeckung des Petrusgrabes bei Ausgrabungen in den vierzigern Jahres des vorigen Jahrhunderts und dass er wie die vielen anderen hier hingerichteten Märtyrer den Obelisken gesehen hat, der heute in der Mitte des Petersplatzes steht. Zumindest für einen aus der kleinen Gruppe verändert sich an diesem Morgen sein Bild des Vatikan und zwar gründlich.  Beim Bedanken sagt Fr. Simon schlicht: „Dafür sind wir doch hier, um den Pilgern zu dienen…

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Sub tuum praesidium

Am Schluss der Messe geht der Papst zu dem schönen Marienbild, das immer bei Audienzen und Papstmessen aufgestellt wird, und betet das „Sub tuum praesidium“ (Unter deinen Schutz und Schirm), das wahrscheinlich älteste Mariengebet der Kirche. Seit dem Buch von P. Alexandre Awi (Mit Maria leben. Ein Gespräch mit Papst Franziskus. Benno-Verlag Leipzig, erscheint im September 2016 http://www.st-benno.de/shop/mit-maria-leben.html#description) wissen wir, dass dies das Lieblings-Mariengebet von Papst Franziskus ist, das er zweimal täglich betet. Wir schließen uns seinem Gebet an, erneuern unser solidarisches Bündnis mit ihm und unsere Verpflichtung auf ein Schönstatt im Herausgehen, ein Schönstatt mit offenem Herzen und Geist… in diesem selben Augenblick und wenige Minuten später noch einmal vor dem Altar der „Mater Ecclesiae“ im Petersdom, diesem einmaligen Verbindungsort mit unserem internationalen Heiligtum „Matri Ecclesiae“ in Belmonte. Verbindung und Verpflichtung.

Was Papst Franziskus über das Leben des Apostels sagt, gilt für uns, Mitglieder dieser Bewegung, die sich so gerne „apostolische“ nennt:

Und so ist es schön, das Leben des Apostels ganz und gar „im Aufbruch“ zu sehen, dank dem Evangelium: Es ist vollkommen zukunftsorientiert, zuerst, um Christus zu denen zu bringen, die ihn noch nicht kennen, und dann, um sich sozusagen in seine Arme zu werfen und sich von ihm » retten und in sein himmlisches Reich führen « zu lassen (vgl. 2 Tim 4, 18).

 

Vollständiger Text der Predigt von Papst Franziskus

Das Wort Gottes in dieser Liturgie enthält ein zentrales Wortpaar: schließen / öffnen. Mit diesem Bild können wir auch das Symbol der Schlüssel kombinieren, die Jesus dem Simon Petrus verspricht, damit er den Zutritt zum Himmelreich öffnen kann und eben nicht vor den Leuten verschließt wie einige heuchlerische Schriftgelehrte und Pharisäer, die Jesus tadelt (vgl. Mt 23,13).

Die Lesung aus der Apostelgeschichte (12,1-11) zeigt uns drei Situationen des Eingeschlossen-Seins: die des Petrus im Gefängnis, die der Gemeinde, die im Gebet vertieft ist, und – unmittelbar im Anschluss an unseren Textabschnitt – die des Hauses der Maria, der Mutter des Johannes mit dem Beinamen Markus, wo Petrus nach seiner Befreiung anklopft.

In Bezug auf das Eingeschlossen-Sein erscheint das Gebet als der hauptsächliche Ausweg: ein Ausweg für die Gemeinde, die in Gefahr ist, sich wegen der Verfolgung und der Angst in sich selbst zu verschließen; ein Ausweg für Petrus, der – gerade erst am Anfang seiner ihm vom Herrn anvertrauten Sendung – von Herodes ins Gefängnis geworfen wird und das Todesurteil riskiert. » Petrus wurde also im Gefängnis bewacht. Die Gemeinde aber betete inständig für ihn zu Gott « (Apg 12,5). Und der Herr antwortet auf das Gebet und sendet seinen Engel, ihn zu befreien und „der Hand des Herodes zu entreißen“ (vgl. V. 11). Das Gebet als demütiges Sich-Anvertrauen an Gott und seinen heiligen Willen ist immer der Ausweg aus unseren persönlichen und gemeinschaftlichen Situationen des Eingeschlossen-Seins. Es ist der große Ausweg aus dem Eingeschlossen-Sein.

Auch Paulus spricht in seinem Brief an Timotheus von seiner Erfahrung der Befreiung, des Auswegs aus der Gefahr, dass auch er zum Tode verurteilt würde. Der Herr aber war ihm nahe und gab ihm Kraft, damit er sein Werk der Evangelisierung, der Verkündigung des Evangeliums an die Heiden vollenden könnte (vgl. 2 Tim 4,17). Doch Paulus spricht von einer sehr viel größeren „Öffnung“ auf einen unendlich weiteren Horizont hin: den des ewigen Lebens, das ihn erwartet, nachdem er seinen irdischen „Lauf“ vollendet haben wird. Und so ist es schön, das Leben des Apostels ganz und gar „im Aufbruch“ zu sehen, dank dem Evangelium: Es ist vollkommen zukunftsorientiert, zuerst, um Christus zu denen zu bringen, die ihn noch nicht kennen, und dann, um sich sozusagen in seine Arme zu werfen und sich von ihm » retten und in sein himmlisches Reich führen « zu lassen (V. 18).

Kehren wir zu Petrus zurück. Die Erzählung des Evangeliums (Mt 16,13-19) von seinem Glaubensbekenntnis und der anschließenden Sendung, die ihm von Jesus aufgetragen wird, zeigt uns, dass das Leben Simons, des galiläischen Fischers – wie das Leben eines jeden von uns – sich öffnet und vollends erblüht, wenn es von Gottvater die Gnade des Glaubens annimmt. Nun macht Simon sich auf den Weg – einen langen und harten Weg –, der ihn dazu führen wird, aus sich selbst herauszugehen, aus seinen menschlichen Sicherheiten, vor allem aus seinem mit Mut und großherziger Selbstlosigkeit vermischten Stolz. Auf diesem seinem Weg der Befreiung ist das Gebet Jesu entscheidend: » Ich aber habe für dich [Simon] gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt « (Lk 22,32). Und ebenso entscheidend ist der von Mitgefühl erfüllte Blick des Herrn, nachdem Petrus ihn dreimal verraten hatte – ein Blick, der das Herz berührt und Reuetränen fließen lässt (vgl. Lk 22,61-62). In jenem Augenblick wurde Simon Petrus aus dem Gefängnis seines stolzen Ich und seines ängstlichen Ich befreit und überwand die Versuchung, sich dem Ruf Jesu, ihm auf dem Weg des Kreuzes nachzufolgen, zu verschließen.

Wie ich schon andeutete, gibt es unmittelbar anschließend an unseren Abschnitt aus der Apostelgeschichte ein Detail, das zu beachten uns nützlich sein kann (vgl. 12,12-17). Als Petrus sich wunderbarerweise frei und außerhalb des Gefängnisses des Herodes befindet, begibt er sich zum Haus der Mutter des Johannes mit dem Beinamen Markus. Er klopft an der Tür, und von innen antwortet eine Magd namens Rhode. Sie erkennt seine Stimme, doch anstatt die Tür zu öffnen, läuft sie – ungläubig und voll Freude zugleich –, um es ihrer Herrin zu berichten. Die Erzählung entbehrt nicht einer gewissen Komik. Sie kann der Anfang sein für den sogenannten „Rhode-Komplex“. Sie lässt uns das Klima der Angst wahrnehmen, in der die christliche Gemeinde sich befand: Sie blieb eingeschlossen im Hause und verschlossen auch gegenüber den Überraschungen Gottes. Petrus klopft an die Tür. „Schau!“ Freude kommt auf, aber da ist auch Angst. „Öffnen wir oder öffnen wir nicht?“ Petrus ist in Gefahr, denn die Polizei kann ihn schnappen. Aber die Angst macht uns unbeweglich, sie hemmt uns immer. Wir verschließen uns. Wir verschließen uns vor den Überraschungen Gottes. Dieses Detail sagt uns etwas über die Versuchung, die für die Kirche immer existiert: sich angesichts der Gefahren in sich selbst zu verschließen. Aber auch hier gibt es den Spalt, durch den das Handeln Gottes eindringen kann: Lukas berichtet, dass in jenem Haus » nicht wenige versammelt waren und beteten « (V. 12). Das Gebet erlaubt der Gnade, einen Ausweg zu eröffnen: aus der Verschlossenheit in die Offenheit, aus der Angst zum Mut, aus der Traurigkeit zur Freude. Und wir können hinzufügen: aus der Spaltung in die Einheit. Ja, das sagen wir heute vertrauensvoll gemeinsam mit unseren Brüdern aus der Delegation, die vom hochgeschätzten Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus gesandt wurde, um am Fest der heiligen Patrone Roms teilzunehmen. Es ist ein Fest der Gemeinschaft für die ganze Kirche. Das macht auch die Anwesenheit der Erzbischöfe Metropoliten deutlich. Sie sind zur Segnung der Pallien gekommen, die ihnen dann von meinen Vertretern in ihren jeweiligen Erzdiözesen übergeben werden.

Mögen die heiligen Petrus und Paulus Fürbitte für uns einlegen, damit wir freudig diesen Weg gehen, das befreiende Handeln Gottes erfahren und es allen bezeugen können.

 

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Texte der Liturgie

Fotos des Osservatore Romano

Original: Spanisch. Übersetzung: M. Fischer, schoenstatt.org. Text der Predigt von Papst Franziskus: vatican.va

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