Veröffentlicht am 5. Juli 2016 In Franziskus - Botschaft, Miteinander für Europa

Damit Europa seine Berufung wieder entdecken und so zur Einheit aller beitragen kann

MITEINANDER FÜR EUROPA, Impressionen vom 2. Juli 2017 (1)

Am 29. Juni, dem Fest der Apostel Peter und Paul, hatte in München der Kongress „Miteinander für Europa“ begonnen. Hunderte von Bewegungen und Gemeinschaften aus ganz Europa und aus verschiedenen christlichen Konfessionen im Rund des Zirkusbaus in München, fast wie eine Umarmung unter dem Motto: Genug. Fünfhundert Jahre Trennung sind genug.

Im Vatikan ist der 29. Juni nach Weihnachten und Ostern das höchste Fest im Jahr, gefühlt vielleicht sogar das höchste. Ganz Rom feiert mit (es ist öffentlicher Feiertag). Vor der Messe hatten Diakone die 29 Pallien aus der Confessio, dem Eingang zum Petrusgrab, herausgeholt, wo sie aufbewahrt werden. Traditionsgemäß erhalten jene Erzbischöfe, die im Laufe des vergangenen Jahres ernannt wurden, am 29. Juni ihr Zeichen der erzbischöflichen Würde, einen weißen Wollschal mit schwarzen Kreuzen. Das Pallium ist ein Symbol für die Gemeinschaft zwischen dem Papst in Rom und den Kirchen in aller Welt. Ein Fest der Kirche unter dieser gewaltigen Kuppel, deren Inschrift an diesem Tag besonders leuchtet: Tu es Petrus, du bist Petrus… Unter dieser Kuppel gab es an diesem 29. Juni 2016 auch eine Umarmung ökumenischer Art. Eine Delegation der griechisch-orthodoxen Kirche unter der Leitung von Metropolit Methodios aus Boston. Ihn hatte der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. als persönlichen Vertreter zu den Feiern nach Rom entsandt, ihn umarmt Papst Franziskus zu Beginn der Feier.

Drei Tage später, am 2. Juli, gibt es auf dem Karlsplatz in München eine virtuelle Umarmung – nacheinander grüßen Patriarch Bartholomaios I. und Papst Franziskus die gut 5000 Menschen, die zur Kundgebung des Netzwerkes „Miteinander für Europa“ gekommen sind.

Einander in die Augen schauen

„Nur wenn wir die Gaben miteinander teilen, die uns Gott so freigebig und voll Großmut gewährt hat, sind wir fähig, sie in Fülle zu erfahren. Mein verehrter Vorgänger, Patriarch Athenagoras, sagte jedes Mal, wenn er auf Schwierigkeiten und Probleme stieß: „Komm, schauen wir einander in die Augen!“ Wir beten und hoffen, dass Ihr Euch an diese weisen Worte erinnert, wann immer die Welt uns vor Herausforderungen stellt, die uns spalten und der Gemeinschaft, dem Miteinander entziehen wollen“, so Patriarch Bartholomaios I. „Liebe Freunde, „kommt, schauen wir einander in die Augen!“ Denn in den Augen unserer Brüder und Schwestern sehen wir die Herrlichkeit Gottes.

Möge Gott Euch alle segnen in Eurer großartigen Initiative, im Miteinander für Europa.“

Die Mauern, die dieses Europa spalten

„Es ist Zeit, sich zusammen zu tun, um mit wahrhaft europäischem Geist die Problematik unserer Zeit anzugehen. Außer einigen sichtbaren Mauern werden auch die unsichtbaren stärker, die diesen Kontinent zu spalten drohen. Mauern, die in den Herzen der Menschen errichtet werden; Mauern aus Angst und Aggressivität, fehlendem Verständnis für die Menschen anderer Herkunft oder religiöser Überzeugung; Mauern aus politischem und wirtschaftlichem Egoismus ohne Achtung vor dem Leben und der Würde eines jeden Menschen“, so Papst Franziskus. Am 29. Juni hat er im Petersdom davon gesprochen, sich nicht zu verschließen – als Mensch, als Kirche, als Gemeinschaft -, sondern sich zu öffnen, herauszugehen…

„Europa ist aufgerufen, zu reflektieren und sich zu fragen, ob sein enormes, vom Christentum geprägtes Erbe in ein Museum gehört oder noch fähig ist, die Kultur zu inspirieren und seine Schätze der ganzen Menschheit zu schenken“, sagt Franziskus, und das ist keine nette, freundliche aber harmlose Botschaft, das ist Programm, Herausforderung, Aufrütteln – und die Menschen unter den Regenschirmen verstehen das. Immer wieder Beifall, immer wieder Kopfnicken.

Saatkorn einer Hoffnung

Miteinander für Europa ist eine Kraft der Kohäsion und hat das klare Ziel, die Grundwerte des Christentums in konkrete Antworten auf die Herausforderungen eines Kontinents in Krise umzusetzen.“ Das erinnert an Straßburg. Das gibt eine Aufgabe –und eine unglaublich starke Bestätigung:

Miteinander für Europa ist mehr denn je notwendig. In einem Europa, das aus vielen Nationen besteht, bezeugt Ihr, dass wir Kinder eines einzigen Vaters und Brüder und Schwestern untereinander sind. Ihr seid ein kostbares Saatkorn der Hoffnung, damit Europa seine Berufung wieder entdecken und so zur Einheit aller beitragen kann.“

Danke, Papst Franziskus, für diese Umarmung.

 

Videobotschaft Papst Franziskus

Liebe Freunde von Miteinander für Europa,

ich weiß, dass Ihr in München versammelt seid – aus vielen Bewegungen und Gruppen, aus verschiedenen Kirchen und Gemeinschaften – zu Eurem Treffen mit dem Titel: „Begegnung – Versöhnung – Zukunft“.

Ihr habt Recht. Es ist Zeit, sich zusammen zu tun, um mit wahrhaft europäischem Geist die Problematik unserer Zeit anzugehen. Außer einigen sichtbaren Mauern werden auch die unsichtbaren stärker, die diesen Kontinent zu spalten drohen. Mauern, die in den Herzen der Menschen errichtet werden; Mauern aus Angst und Aggressivität, fehlendem Verständnis für die Menschen anderer Herkunft oder religiöser Überzeugung; Mauern aus politischem und wirtschaftlichem Egoismus ohne Achtung vor dem Leben und der Würde eines jeden Menschen.

Europa findet sich in einer komplexen Welt vor, die ständig in Bewegung, immer mehr globalisiert und von daher immer weniger eurozentrisch ist.

Wenn wir diese epochale Problematik erkennen, müssen wir den Mut haben zu sagen: Wir brauchen Veränderung! Europa ist aufgerufen, zu reflektieren und sich zu fragen, ob sein enormes, vom Christentum geprägtes Erbe in ein Museum gehört oder noch fähig ist, die Kultur zu inspirieren und seine Schätze der ganzen Menschheit zu schenken.

Ihr seid zusammengekommen, um gemeinsam diese Herausforderungen in Europa anzugehen und Zeugnisberichte einer Zivilgesellschaft ins Licht zu rücken, die vernetzt agiert im Einsatz für Offenheit und Solidarität gegenüber den Schwächsten und am meisten Benachteiligten, um Brücken zu bauen und offene oder schwelende Konflikte zu überwinden.

Die Geschichte Europas ist geprägt von der ständigen Begegnung zwischen Himmel und Erde: Der Himmel verweist auf die Offenheit für das Transzendente, für Gott – von jeher ein Kennzeichen des Europäers. Die Erde steht für seine praktische, konkrete Fähigkeit, Situationen und Probleme anzugehen.

Auch Ihr – in Europa entstandene christliche Gemeinschaften und Bewegungen – seid Träger vielfältiger Charismen, Gaben Gottes, die es zur Verfügung zu stellen gilt. Miteinander für Europa ist eine Kraft der Kohäsion und hat das klare Ziel, die Grundwerte des Christentums in konkrete Antworten auf die Herausforderungen eines Kontinents in Krise umzusetzen.

Euer Lebensstil gründet auf der gegenseitigen, mit der Radikalität des Evangeliums gelebten Liebe. Eine Kultur der Gegenseitigkeit bedeutet, den Meinungsaustausch zu pflegen, einander zu achten, anzunehmen und zu unterstützen. Sie bedeutet, die Vielfalt der Charismen zu schätzen, um die Einheit anzustreben und zu bereichern. Die Gegenwart Christi unter euch – transparent und greifbar – ist das Zeugnis, das zum Glauben führt.

Jede authentische Einheit lebt vom Reichtum der Verschiedenheiten, aus denen sie besteht – wie in einer Familie; sie ist umso geeinter, je mehr jedes seiner Mitglieder ohne Angst voll und ganz es selbst sein kann. Wenn ganz Europa eine Völkerfamilie sein möchte, muss es die Person in den Mittelpunkt stellen, ein offener und einladender Kontinent sein und weiterhin Formen der Zusammenarbeit verwirklichen, nicht nur auf wirtschaftlicher, sondern auch auf sozialer und kultureller Ebene.

Gott bewirkt immer Neues. Wie oft habt Ihr das schon in eurem Leben erfahren! Sind wir heute noch offen für seine Überraschungen? Ihr habt mutig auf den Ruf Gottes geantwortet und seid berufen, seine Neuheit im Leben zu bekunden und so Früchte des Evangeliums reifen zu lassen; Früchte, die hervorgehen aus den 2000 Jahre alten christlichen Wurzeln Europas. Und Ihr werdet noch größere Früchte hervorbringen! Bewahrt die Frische eurer Charismen! Haltet euer „Miteinander“ lebendig und weitet es aus! Euer Zuhause, Eure Gemeinschaften und Städte sollen Laboratorien der Gemeinschaft, der Freundschaft und der Geschwisterlichkeit sein, fähig, zu integrieren und offen für die ganze Welt.

Miteinander für Europa ist mehr denn je notwendig. In einem Europa, das aus vielen Nationen besteht, bezeugt Ihr, dass wir Kinder eines einzigen Vaters und Brüder und Schwestern untereinander sind. Ihr seid ein kostbares Saatkorn der Hoffnung, damit Europa seine Berufung wieder entdecken und so zur Einheit aller beitragen kann.

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