Veröffentlicht am 2. März 2016 In Franziskus - Botschaft, Franziskus - Initiativen und Gesten

“Um das Jubiläum der Barmherzigkeit mit euch zu feiern:“ Streiflichter der Mexiko-Reise von Papst Franziskus

FRANZISKUS IN MEXIKO, von Gabriela de la Garza Maldonado und Maria Fischer •

Letzter Tag des Besuches von Papst Franziskus in Mexiko; einmal mehr geht er hinaus bis an die Peripherie: ins Gefängnis, und dann zu der Grenze, die Jahr für Jahr Tausende von Migranten auf der Suche nach einer besseren Zukunft überqueren. „Mein Besuch in Mexiko geht zu Ende, und ich wollte nicht abreisen, ohne zu euch zu kommen, ohne mit euch das Jubiläum der Barmherzigkeit zu feiern.“ Man muss diesen Satz kosten. Der Papst ging nicht einfach zu einem Besuch ins Gefängnis; er ging hin um mit den Gefangenen das Jubiläum der Barmherzigkeit zu feiern. Berührt in ihnen das Fleisch Christi, öffnet die Tür der Barmherzigkeit.

„Bei der Reise in Afrika konnte ich in der Stadt Bangui die erste Pforte der Barmherzigkeit für die ganze Welt öffnen – die erste dieses Jubiläums, denn die allererste Pforte der Barmherzigkeit öffnete Gott, unser Vater, mit seinem Sohn Jesus. …“. Die Tür der Barmherzigkeit, ein sichtbares Zeichen der Barmherzigkeit des Vaters, erreicht, wer immer sich öffnet für Gottes vergebende Liebe. Und die andere Seite der gleichen Medaille, die Werke der Barmherzigkeit, machen die Frohe Botschaft während dieses Jubiläums glaubwürdig für jeden Menschen guten Willens, weil Gott der Vater mit seinem Sohn Jesus das größte Werk der Barmherzigkeit getan hat.

Während seines Besuches im Centro de Readaptación Social Nr. 3 (CERESO) [Zentrum für gesellschaftliche Wiedereingliederung = Gefängnis] in Ciudad Juárez, die als eine der gewalttätigsten Städte der Welt gilt, sagte Franziskus, Kriminalität werde nicht nur dadurch gelöst, dass man Menschen einsperre. Dann hatten die Hunderten von Häftlingen das Privileg, die knappste Zusammenfassung dessen zu hören, was für Franziskus eine Gesellschaft und eine Kirche im Zeichen der Barmherzigkeit sind: „Die Sorge Jesu, sich um die Hungrigen, die Dürstenden, die Obdachlosen und die Gefangenen zu kümmern (vgl. Mt 25,34-50) sollte das tiefe Gefühl der Barmherzigkeit des Vaters ausdrücken. Und diese Barmherzigkeit wird zu einem moralischen Imperativ für die gesamte Gesellschaft, die die Voraussetzungen erfüllen möchte, die für ein besseres Zusammenleben notwendig sind. In der Fähigkeit einer Gesellschaft, ihre Armen, ihre Kranken und ihre Gefangenen einzubeziehen, liegt die Möglichkeit, dass diese ihre Wunden heilen und ein gutes Zusammenleben aufbauen können.“

Barmherzigkeit und väterliche Feinfühligkeit: ein junger Häftling schenkte ihm einen Krummstab, den er schön aus Holz geschnitzt hatte. Der Papst benutzte ihn bei der letzten Heiligen Messe beim Abschied von Mexiko in Ciudad Juárez.

Es gab Tränen unter den Häftlingen, als sie davon hörten, wie auch bei der letzten Messe und beim Abschied auf dem Flughafen … Da war ein ein barmherziger Vater, der die Herzen jedes einzelnen berührte.

“Zuneigungs-Therapie”, “Zuhör-Therapie”

Die Umarmungen und der persönliche Segen für siebzig Häftlinge, die wegen guter Führung dazu ausgewählt worden waren (Männer und Frauen), waren eine Feier des Jubiläums in Worten und Gesten der Barmherzigkeit. Ganz in der Linie von zwei Wortschöpfungen, die Franziskus während seines Besuches in Mexiko kreirte: „Zuneigungs-Therapie“ – das Wort erfand er bei seinem Besuch bei den Krebspatienten im Kinderkrankenhaus, wo er umarmte, zuhörte, berührte und wo für ihn die Zeit still zu stehen schien. Er wäre, so hatte man den Eindruck, am liebsten noch stundenlang geblieben.

Die Jugendlichen in Morelia bat er, den Armen als einem Freund zu begegnen und ihn zu heilen mit der „Zuhör-Therapie“: „Und wenn du einen Freund oder eine Freundin siehst, der bzw. die im Leben ins Schleudern gekommen und gefallen ist, dann geh und biete ihm oder ihr deine Hand an, aber biete sie mit Würde an. Setze dich neben ihn, neben sie und höre zu… Sag nicht: „Ich habe das Rezept für dich!“ Nein, als Freund, ganz ruhig gib ihnen Kraft mit deinen Worten, gib ihnen Kraft mit dem Zuhören, mit dieser Medizin, die in Vergessenheit gerät:  die „Zuhör-Therapie“. Lass den anderen sprechen, lass ihn erzählen, und dann, ganz allmählich wird er dir seine Hand entgegenstrecken, und du wirst ihm helfen im Namen Jesu Christi. Wenn du aber mit der Tür ins Haus fällst und beginnst, ihm eine Standpauke zu halten, und ihn immerzu bedrängst, dann – der Arme – lässt du ihn schlechter zurück, als du ihn vorgefunden hast…“

Er kennt die Realität

Während dieser Tage gab es in Mexiko zahlreiche Heilige Messen, Glück, Begeisterung, Hochstimung, Lieder, Tänze, überströmende Freude, Poster, Flaggen, Ströme von Pilgern, Umarmungen, Tränen … Aber die Realität war in jedem Moment da: die Realität von Gefängnissen und Krankenhäusern, von Migranten, die ihr Leben an der Grenze verlieren, die Realität von Gewalt (mehr als dreißig Menschen wurden während des Papstbesuches ermordet), Drogenhandel, Korruption, und die Realität der Indigenen… Beim Herausgehen zu den existenziellen Peripherien in diesem schönen Land zeigte Papst Franziskus den Weg, diese harten Realitäten in Türen der Barmherzigkeit umzuwandeln: indem man Christi Fleisch in den Armen berührt.

„In manchen Augenblicken hätte ich wegen unserer so deutlich genannten Schwächen weinen mögen“, sagte Blanch Ramírez. Auch das ist eine Therapie. Die Therapie der klaren Worte.

Franziskus gibt beim Angelus in Ecatepec die Antwort:

„Ich möchte euch heute auffordern, in vorderster Front zu stehen, Vorreiter zu sein in allen Initiativen, die dazu beitragen, dieses gesegnete mexikanische Land zu einem Land der Chancen zu machen, wo es nicht nötig ist auszuwandern, um träumen zu können; wo es nicht nötig ist ausgebeutet zu werden, um arbeiten zu können; wo es nicht nötig ist, die Verzweiflung und die Armut vieler zum Opportunismus einiger weniger zu machen.

Ein Land, das nicht Männer und Frauen, Jugendliche und Kinder beweinen muss, die zugrunde gerichtet in den Händen der Händler des Todes enden.

Dieses Land ist geprägt von der Jungfrau von Guadalupe, die uns in der Liebe immer zuvorgekommen ist. Zu ihr wollen wir aus tiefstem Herzen sagen:

Heilige Jungfrau, »hilf uns, dass wir leuchten im Zeugnis der Gemeinschaft, des Dienstes, des brennenden und hochherzigen Glaubens, der Gerechtigkeit und der Liebe zu den Armen, damit die Freude aus dem Evangelium bis an die Grenzen der Erde gelange und keiner Peripherie sein Licht vorenthalten werde« (Evangelii gaudium, 288).

„Ich schreibe mit großer Ergriffenheit, während ich den Abschied des Papstes vor seiner Abreise nach Rom im Fernsehen sehe“, schreibt Gabriela de la Garza Maldonado, seit diesem Papstbesuch feste Mitarbeiterin von schoenstatt.org und die Person hinter den vier Zeugnissen mexikanischer Schönstätter. „Diese Tage waren ein großer Segen, voller Lehren und Aufgaben, aus denen wir jetzt etwas machen müssen.“

Alle Texte der Mexikoreise von Papst Franziskus

Fotos, Videos und mehr auf: papafranciscoenmexico.org

Original: Spanisch. Übersetzung: Ursula Sundarp, Dinslaken, Deutschland

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