Veröffentlicht am 2016-02-07 In Franziskus - Botschaft

Das Heiligtum ist das Haus der Vergebung

FRANZISKUS IN ROM – HEILIGES JAHR DER BARMHERZIGKEIT •

Wir wissen nicht, wie viele Rektoren und Leiter der Heiligtumspastoral der Schönstatt-Heiligtümer dabei waren und hörten, wie Papst Franziskus über die Aufnahme der Pilger am Heiligtum sprach: „Es ist wichtig, dass der Pilger, der die Schwelle des Heiligtums überschreitet, sich als noch mehr als ein Gast behandelt fühlt: wie ein Familienangehöriger. Er muss sich zu Hause fühlen, erwartet, geliebt und mit den Augen der Barmherzigkeit gesehen. Wer auch immer er sei, jung oder alt, reich oder arm, krank und voller Pein, oder auch nur ein neugieriger Tourist, möge er die gebührende Aufnahme finden, denn in jedem von ihnen schlägt ein Herz, das nach Gott sucht, manchmal auch ohne sich dessen voll bewusst zu sein.“ Eine der Botschaften, die Papst Franziskus den über 3000 Teilnehmern des Jubiläums der Heiligtümer und Wallfahrten sagte, die er am 21. Januar in der Audienzhalle Paul VI. empfing, zu ihrem Tag im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit.

„Ich glaube, das ist etwas, das alle Schönstätter und besonders die alle, die in der Heiligtumspastoral unserer 200 Heiligtümer wirken, herausfordern muss“, so Juan Zaforas aus der Redaktion von schoenstatt.org, der den Text sofort im Newsletter der Schönstatt-Bewegung von Madrid verbreitete. „Das Heiligtum ist das Haus der Vergebung. Mit dem Reichtum, den wir haben – 200 Heiligtümer in der ganzen Welt – müssen wir herausgehen und ihn der ganzen Welt anbieten. Im Jahr der Barmherzigkeit ist dazu die beste Gelegenheit.“

Was für eine Freude müssen die Worte von Papst Franziskus über die Bedeutung der „Volksfrömmigkeit“ vor allem in der Kampagne der Pilgernden Gottesmutter wecken, diese oft so geringschätzig angesehene Frömmigkeit, die seit Jahrhunderten den Glauben in einfachen, aber starken und tief im Gemüt und der Volksseele verwurzelten Zeichen der Verehrung geprägt hat.

Ein Programm für jede Heiligtumspastoral, vom Urheiligtum über Belmonte und die Heiligtümer von Großwallfahrten wie Tuparenda, Atibaia oder Querétaro bis hin zu denen, die vielleicht nur zwei oder drei Pilger am Tag finden: „Die Wallfahrer aufnehmen. Mit der Aufnahme »setzen wir alles aufs Spiel«, um es so auszudrücken. Eine liebevolle, festliche, herzliche und geduldige Aufnahme. Es erfordert auch Geduld!“ Geduld in dem Moment, wenn am Ende des Tages die Pilger nicht aus dem Heiligtum gehen wollen, obwohl es Zeit zum Abschließen ist; Geduld in dem Moment, wenn mehr oder weniger kommen als gemeldet; Geduld in dem Moment, wenn sie reden, weinen oder beten, ohne sich um das Schild „Bitte Ruhe“ zu kümmern; Geduld in dem Moment, wenn die staubigen Schuhe der Pilger den gerade gereinigten Teppich beschmutzen; Geduld, wenn sie dem immer eiligen Apostel der MTA kostbare Zeit rauben. „Mitunter genügt schon ein Wort, ein Lächeln, um einen Menschen sich aufgenommen und geliebt fühlen zu lassen.“

Wie viele Geschichten könnten die Wächter oder Diener des Heiligtums erzählen! Und wir laden sie ein, es zu tun. Wie oft tun sie alles, „dass der Pilger, der die Schwelle des Heiligtums überschreitet, sich als noch mehr als ein Gast behandelt fühlt: wie ein Familienangehöriger. Er muss sich zu Hause fühlen, erwartet, geliebt und mit den Augen der Barmherzigkeit gesehen. Wer auch immer er sei, jung oder alt, reich oder arm, krank und voller Pein, oder auch nur ein neugieriger Tourist, möge er die gebührende Aufnahme finden, denn in jedem von ihnen schlägt ein Herz, das nach Gott sucht, manchmal auch ohne sich dessen voll bewusst zu sein. Sorgen wir dafür, dass jedem Pilger die Freude zuteil werde, sich endlich verstanden und geliebt zu fühlen.“

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Ansprache des Heiligen Vaters an die Teilnehmer an der Heiligjahrfeier der Wallfahrtsleiter, der Rektoren der Heiligtümer und der Veranstalter von Pilgerfahrten, 21. Januar 2016

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Euch alle, die ihr auf verschiedene Weise in Wallfahrtsorten tätig seid, heiße ich herzlich willkommen. Zu den Wallfahrtsstätten zu pilgern ist eine der eloquentesten Ausdrucksformen des Glaubens des Gottesvolkes, und es bezeugt die Frömmigkeit vieler Generationen von Menschen, die ganz einfach geglaubt und sich der Fürsprache der Jungfrau Maria und der Heiligen anvertraut haben. Diese Volksfrömmigkeit ist eine genuine Form der Evangelisierung, die es verdient, stets gefördert und aufgewertet zu werden, ohne ihre Bedeutung zu schmälern. Es ist interessant: Der selige Paul VI. spricht in Evangelii nuntiandi über die Volksreligiosität, sagt aber, dass es besser sei, sie als »Volksfrömmigkeit« zu bezeichnen; und der lateinamerikanische Episkopat geht im Aparecida-Dokument dann noch einen Schritt weiter und spricht von »Volksspiritualität«. Alle drei Begriffe haben ihre Gültigkeit, aber nur zusammen. In der Tat lebt unser Volk an den Wallfahrtsorten seine tiefe Spiritualität, jene Frömmigkeit, die den Glauben seit Jahrhunderten mit einfachen, aber höchst bedeutungsträchtigen Andachtsformen geprägt hat. Denken wir etwa daran, wie intensiv an einigen dieser Orte das Gebet zum gekreuzigten Heiland, das Rosenkranzgebet oder der Kreuzweg werden…

Es wäre ein Irrtum, zu meinen, dass derjenige, der auf Wallfahrt geht, eine Spiritualität erlebe, die nicht persönlicher Art, sondern ein »Massenphänomen« sei. In Wirklichkeit trägt der Wallfahrer seine persönliche Geschichte, seinen persönlichen Glauben, das Licht und den Schatten seines eigenen Lebens mit sich. Jeder hat ein besonderes Anliegen auf dem Herzen, und ein besonderes Gebet. Wer in das Heiligtum eintritt, fühlt sich sogleich zu Hause, angenommen, verstanden und unterstützt. Mir gefällt die biblische Gestalt der Hanna sehr gut, der Mutter des Propheten Samuel. Mit einem Herzen voller Traurigkeit bat sie den Herrn im Tempel von Schilo darum, einen Sohn bekommen zu können. Der Priester Eli hingegen dachte, dass sie betrunken wäre, und er wollte sie hinausjagen (vgl. 1 Sam 1,12-14). Hanna ist bestens geeignet, unzählige Menschen zu repräsentieren, denen man in unseren Wallfahrtsstätten begegnen kann. Mit Augen, die fest aufs Kreuz gerichtet sind, oder auf das Bildnis der Muttergottes, ein Gebet, das voller Vertrauen mit tränenerfüllten Augen gesprochen wird. Das Heiligtum ist wahrhaft ein privilegierter Ort, um dem Herrn zu begegnen und sein Erbarmen mit Händen zu greifen. In einem Heiligtum beichten heißt die Erfahrung machen, die Barmherzigkeit Gottes mit Händen zu greifen.

Das ist der Grund dafür, dass das Schlüsselwort, das ich heute mit euch zusammen herausstellen möchte, Aufnahme lautet: Die Wallfahrer aufnehmen. Mit der Aufnahme »setzen wir alles aufs Spiel«, um es so auszudrücken. Eine liebevolle, festliche, herzliche und geduldige Aufnahme. Es erfordert auch Geduld! Die Evangelien zeigen uns Jesus stets einladend gegenüber all jenen, die zu ihm kommen, vor allem die Kranken, die Sünder, die Ausgegrenzten. Und erinnern wir uns an seine Worte: »Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat« (Mt 10, 40). Jesus hat von Aufnahme gesprochen, vor allem aber hat er sie praktiziert. Wenn uns gesagt wird, dass die Sünder – so zum Beispiel Matthäus oder Zachäus – Jesus in ihren Häusern oder an ihrem Tisch aufnahmen, so ist das vor allem deshalb, weil sie sich von Jesus aufgenommen fühlten, und das hat ihr Leben verändert. Es ist interessant, dass das Buch der Apostelgeschichte mit jener Szene des heiligen Paulus endet, der hier in Rom »alle empfing, die zu ihm kamen« (28,30). Seine Wohnung, in der er als Gefangener lebte, war der Ort, wo er das Evangelium verkündete. Die Aufnahme ist von entscheidender Bedeutung für die Evangelisierung. Mitunter genügt schon ein Wort, ein Lächeln, um einen Menschen sich aufgenommen und geliebt fühlen zu lassen.

Der Pilger, der im Wallfahrtsort ankommt, ist oftmals müde, hungrig, durstig… Und oft spiegelt dieser körperliche Zustand auch das wider, was in seinem Inneren vorgeht. Daher bedarf dieser Mensch einer freundlichen Aufnahme sowohl in materieller als auch in geistlicher Hinsicht. Es ist wichtig, dass der Pilger, der die Schwelle des Heiligtums überschreitet, sich als noch mehr als ein Gast behandelt fühlt: wie ein Familienangehöriger. Er muss sich zu Hause fühlen, erwartet, geliebt und mit den Augen der Barmherzigkeit gesehen. Wer auch immer er sei, jung oder alt, reich oder arm, krank und voller Pein, oder auch nur ein neugieriger Tourist, möge er die gebührende Aufnahme finden, denn in jedem von ihnen schlägt ein Herz, das nach Gott sucht, manchmal auch ohne sich dessen voll bewusst zu sein. Sorgen wir dafür, dass jedem Pilger die Freude zuteil werde, sich endlich verstanden und geliebt zu fühlen. Auf diese Weise wird er, wenn er nach Hause zurückkehrt, Sehnsucht nach dem verspüren, was er erlebt hat und wird den Wunsch verspüren, wieder zurückzukommen, vor allem aber wird er in seinem Alltagsleben seinen Weg des Glaubens fortsetzen wollen.

Eine Aufnahme ganz besonderer Art ist jene, welche die Diener der Vergebung Gottes anbieten. Der Wallfahrtsort ist das Heim der Vergebung, wo jeder Mensch der Zärtlichkeit des Vaters begegnet, der für alle ohne jede Ausnahme Barmherzigkeit bereithält. Wer in den Beichtstuhl kommt, tut das, weil er seine Sünden bereut. Er verspürt das Bedürfnis, zu beichten. Er spürt ganz deutlich, dass Gott ihn nicht verurteilt, sondern dass er ihn aufnimmt und umarmt wie der Vater des verlorenen Sohns, um ihm seine Sohneswürde wieder zurückzugeben (vgl. Lk 15, 20-24). Die Priester, die an den Wallfahrtsorten Dienst tun, müssen ein Herz voller Barmherzigkeit haben; ihr Verhalten muss das eines Vaters sein.

Liebe Brüder und Schwestern, lasst uns dieses Jubeljahr voller Glaube und Freude erleben: erleben wir es wie eine einzige große Pilgerfahrt. Gerade ihr erlebt euren Dienst als ein Werk der Barmherzigkeit für Leib und Geist. Hierfür sichere ich euch mein Gebet zu, durch Fürsprache unserer Mutter Maria. Und bitte begleitet auch ihr mich mit eurem Gebet auf meiner Pilgerfahrt. Danke.

ggg
Übersetzung der Ansprache von Papst Franziskus: Osservatore Romano, 5/2016, S.

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